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Estland und der Euro: Krisengeld fürs Balten-Musterländle

Die Euro-Staaten bangen um ihre Währung, und just in der Krise führt das kleine Estland die Gemeinschaftswährung ein - als Partner Nummer 17. EU-Währungskommissar Rehn spricht von einer "Belohnung" für den sparsamen Musterstaat, Kritiker aber fürchten einen Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Zwei Preise für den Glühwein: In Estland gilt ab Neujahr der Euro Zur Großansicht
REUTERS

Zwei Preise für den Glühwein: In Estland gilt ab Neujahr der Euro

Tallinn - Die Esten haben eine besondere Silvesterfeier vor sich: Sie verabschieden sich von der Landeswährung Krone und begrüßen mit dem neuen Jahr den Euro. Die Baltenrepublik mit ihren 1,3 Millionen Einwohnern wird am Neujahrstag das 17. Land der Euro-Zone und die erste frühere Sowjetrepublik, die die europäische Gemeinschaftswährung annimmt. Das Finanzministerium in Tallinn hat einen reibungslosen Übergang zu der neuen Währung zugesichert.

Mitten in der Euro-Krise, die Rettungsaktionen für wackelnde Euro-Länder wie Griechenland und Irland notwendig machte, sind Staaten mit stabiler Haushaltspolitik in der EU willkommen. "Der Eintritt Estlands in den Euro-Raum ist ein starkes Signal für die Attraktivität des Euro und die Stabilität, die dieser den Mitgliedstaaten der Europäischen Union bringt", sagte der Präsident der EU-Kommission José Manuel Barroso in Brüssel. "Der Euro ist dazu da, das Alltagsleben zu verbessern. Estlands Beitritt bedeutet, dass nun über 330 Millionen Europäer Euro-Scheine und -Münzen in ihren Taschen haben."

EU-Währungskommissar Olli Rehn sprach am Freitag in Brüssel von einer "gerechten Belohnung für ein Land, das sich einer soliden Haushaltspolitik verschrieben hat". Der Euro werde der estnischen Wirtschaft Stabilität und Wohlstand geben.

Viele Politiker in der estnischen Hauptstadt Tallinn spielen die Bedeutung der Euro-Einführung herunter, um den Menschen die verbliebenen Ängste zu nehmen. "Die Währungsumstellung hat vor allem psychologische Bedeutung", sagt etwa Präsident Thomas Ilves und erinnert daran, dass die estnische Krone bereits seit mehr als sechs Jahren an den Euro gekoppelt ist.

Krise traf "baltischen Tiger" hart

Grund zur Zuversicht gibt es nach den Erfahrungen der vergangenen 20 Jahre allemal. Estland gehört zu den Gewinnern der Transformation von der Plan- zur Marktwirtschaft in Osteuropa nach dem Ende des Kalten Krieges. Das Wort vom Musterschüler ist in Brüssel in aller Munde. Ökonomen sprachen jahrelang anerkennend vom "baltischen Tiger". Tatsächlich waren die wirtschaftlichen Kennziffern bis zur Weltfinanzkrise hervorragend. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs in den späten neunziger Jahren um durchschnittlich fünf und zu Beginn des neuen Jahrtausends sogar um rund acht Prozent. Zugleich sank die Arbeitslosenquote von mehr als zehn auf nur noch vier Prozent im Jahr 2008.

Die Krise jedoch traf das marktwirtschaftliche Musterland mit seinen niedrigen Steuersätzen und der geringen Staatsquote hart. Das Bruttoinlandsprodukt brach 2009 um fast 14 Prozent ein, die Arbeitslosigkeit schnellte auf über 15 Prozent in die Höhe. Bald waren sich die handelnden Personen in Tallinn jedoch einig. Die wenigsten wollten vom Traum der Euro-Einführung Abschied nehmen. "Unsere Probleme in der Wirtschaftskrise sind doch dadurch entstanden, dass wir den Euro noch nicht hatten", argumentierte Präsident Ilves.

Estland verordnete sich eine finanzpolitische Rosskur. So kürzte die Regierung die Leistungen für Staatsbedienstete um rund 30 Prozent - ohne dass es zu nennenswerten Protesten gekommen wäre. Der Erfolg ist für alle sichtbar. Das Haushaltsdefizit liegt derzeit bei knapp 1,5 Prozent - die Maastricht-Kriterien zur Euro-Einführung erlauben drei Prozent. Und die Gesamtverschuldung des Staates erreicht mit gerade einmal 7,2 Prozent einen einsamen Spitzenwert in Europa. Zum Vergleich: Deutschland weist eine um das Zehnfache höhere Schuldenquote aus.

Arbeitslosigkeit weiter hoch

Dennoch ist längst nicht alles Gold, was da in Estland glänzt. Vor allem die weiter hohe Arbeitslosigkeit bereitet Kritikern der Euro-Einführung Sorgen. Bleibt das Wachstum von derzeit rund zwei Prozent niedrig, hat die Regierung nicht mehr die Möglichkeit, die Wirtschaft durch eine Abwertung der eigenen Währung anzukurbeln. In Polen hatte sich dieses Verfahren 2009 als glänzende Krisenbewältigungsstrategie entpuppt und den Euro-Skeptikern im Land Auftrieb gegeben.

"Man kann in Osteuropa nicht alles über einen Kamm scheren", mahnt dagegen Andreas Männicke, Herausgeber des Börsenbriefs "East Stock Trends", im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dapd. Polen habe vor allem dank des starken Binnenmarkts gute Perspektiven. Die Stärken des kleinen Estlands dagegen liegen in den Bereichen Forschung und Entwicklung. Womöglich passen also Euro und Estland also doch gut zueinander.

Die Nachbarrepubliken Lettland und Litauen streben ebenfalls einen Euro-Beitritt an, aber erst in einigen Jahren.

Wann die nächsten jungen EU-Länder ihre heimische Währung gegen den Euro tauschen werden, ist ungewiss. Im sogenannten "Wartezimmer" des Euro, dem Europäische Wechselkursmechanismus, haben bislang nur Lettland und Litauen Platz genommen, neben Dänemark, das aber derzeit nicht als Euro-Kandidat gilt. Das Land im Norden hat nämlich eine Ausnahmeregelung und kann nicht zur Übernahme des Euro gezwungen werden - wie auch Großbritannien. Alle anderen Länder hatten sich mit dem EU-Beitritt verpflichtet, den Euro einzuführen, sobald sie die Bedingungen erfüllen.

ler/dapd/dpa/Reuters

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insgesamt 43 Beiträge
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1. Was soll man dazu als Deutscher schon sagen?
nitram1 31.12.2010
Hat das schon einmal irgend wen interessiert? "EU-Währungskommissar Rehn spricht von einer "Belohnung" für den sparsamen Musterstaat" Ja und wenn unser, mit überwältigender Mehrheit von den europäischen Bürgern gewählte, EU-Währungskommissar Rehn das so sagt, muss es wohl stimmen oder?
2. Ich weiß nicht...
dosmundos, 31.12.2010
...was das Theater soll! Die estische Krone war bereits seit 1992 absolut fest an die D-Mark und damit an den Euro angebunden. Mit der offiziellen Einführung des Euro gibt Estland nur die Möglichkeit auf, diese feste Bindung irgendwann einmal aufzulösen (was ohnehin einem Währungskollaps gleich gekommen wäre). Letztlich wurde nur eine Rechnungseinheit durch eine andere ersetzt, das ist kein Vergleich zum Euro-Beitritt anderer Staaten.
3. Der letzte Absatz sagt doch alles
ReneMeinhardt, 31.12.2010
"Das Land im Norden hat nämlich eine Ausnahmeregelung und kann nicht zur Übernahme des Euro gezwungen werden". Meine Guete!!!
4. Banken und Bilanz Professor sagt Staatsbankrott voraus
SparFuchs2011 31.12.2010
Im Deutschlandfunk hat ein Wirtschaftsprofessor den baldigen Staatsbankrott für 2011 vorausgesagt. Was mich besonders wundert das er das Betrugssystem der Banken (Geld erzeugen aus dem Nichts) so offen anspricht. Das nur maximal 10% des Geldes wirklich "da" ist, sollte so langsam jeder verstanden haben. Das fällt nur deshalb nicht auf da nie mehr als ca. 2 bis 3 Prozent der Leute gleichzeitig ihr Bargeld abheben. Wenn mal in einer kleinen Panik zufällig nur 11% der Leute ihr Geld mal "sehen" wollen (als Bargeld) ist die Bank insolvent. Tja, 90% der umlaufenden Menge kann man sich nämlich nicht auszahlen lassen. http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1353667/
5. Euro=Selbstmord auf Raten
Pandora0611 31.12.2010
Zitat von sysopDie Euro-Staaten bangen um ihre Währung, und just in der Krise führt das kleine Estland den Gemeinschaftswährung ein - als Partner Nummer 17. EU-Währungskommissar Rehn spricht von einer "Belohnung" für den sparsamen Musterstaat, Kritiker aber fürchten einen Anstieg der Arbeitslosigkeit. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,737299,00.html
Kein durchschittlich intelligenter Europäer würde sich freiwillig dieser *Ramschwährung* anschließen. Die PIIGSachten das natürlich gerne, zahlen doch die *Geberländer* für ihr *laissez faire*.
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Fläche: 45.227 km²

Bevölkerung: 1,313 Mio.

Hauptstadt: Tallinn

Staatsoberhaupt:
Toomas Hendrik Ilves

Regierungschef: Taavi Roivas

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