Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kontinent der Krisen: Was passiert, wenn Europa scheitert

Von

Zerfetzte EU-Flagge (in Griechenland): Das Scheitern in der Flüchtlingskrise könnte einen Dominoeffekt haben Zur Großansicht
AP

Zerfetzte EU-Flagge (in Griechenland): Das Scheitern in der Flüchtlingskrise könnte einen Dominoeffekt haben

Vor Kurzem noch undenkbar: Ernst zu nehmende Politiker warnen vor einem Auseinanderbrechen der EU. Tatsächlich steckt der Kontinent in einer selbstzerstörerischen Spirale - die Folgen wären dramatisch.

Es sind düstere Warnungen, die sonst um Mäßigung bemühte europäische Politiker dieser Tage aussprechen. Endzeitstimmung macht sich breit - das baldige Scheitern der EU erscheint plötzlich möglich. Europa habe sechs bis acht Wochen, um die Flüchtlingskrise in den Griff zu bekommen, mahnt der niederländische Regierungschef Mark Rutte. Und falls das misslingt? Müssten wieder Grenzkontrollen eingeführt werden; das Schengen-Abkommen für grenzenlose Bewegungsfreiheit in Europa sei dann hinfällig.

Jean-Claude Juncker, der Präsident der EU-Kommission, formulierte kürzlich eine Art europäische Dominotheorie: Scheitert Schengen, gibt es keine Freizügigkeit mehr für Arbeitnehmer, der Binnemarkt wäre in Gefahr. Ohne offen Grenzen aber macht der Euro keinen Sinn. So ähnlich sieht das auch Frankreichs Premier Manuel Valls: Er sieht das gesamte europäische Projekt in ernster Gefahr.

Die lange Eurokrise, in der Risse zwischen den Mitgliedstaaten sichtbar wurden, war offenkundig nur das Präludium. Nun werden aus Rissen tiefe Gräben. Im Zuge der Flüchtlingskrise geht es nicht nur um technische Fragen wie die Sicherung der Außengrenzen oder die zentrale Aufnahme in Hotspots. Die wären bei etwas gutem Willen leicht lösbar. Inzwischen geht es um das Selbstverständnis der Nationen. Weil es den Europäern an einer gemeinsamen Vision für eine gute Zukunft mangelt, spielen sich wieder Fragen von nationaler Souveränität und kultureller Selbstbehauptung in den Vordergrund.

Es droht ein Zerfall der Europäischen Union

Vor diesem Hintergrund steigt das Risiko, dass Großbritannien dieses Jahr per Referendum aus der EU aussteigt - und dann womöglich andere Mitgliedstaaten folgen. Binnen weniger Monate würden wir uns in einer ganz anderen Welt befinden. Die EU würde schrumpfen und verfallen, innerlich wie äußerlich.

Unmittelbare Folge: Die Bürger wären von massiven Wohlstandseinbußen getroffen. Insbesondere drei Effekte würden sichtbar:

  • Zerrissene Wertschöpfungsketten: Die Industrie hat Europa in den vergangenen Jahrzehnten mit einem Netz von Zulieferverbindungen durchzogen, mit dem Ziel, jeweilige Standortvorteile auszunutzen. Der VW-Konzern beispielsweise baut viele Motoren in Ungarn, die dann an Werke in Deutschland, Tschechien, der Slowakei oder Spanien geliefert werden. Geländewagen der Marke VW wiederum werden in der Slowakei gefertigt, ebenso wie Karosserieteile für die Marke Porsche, die dann in Leipzig montiert werden, wiederum ausgestattet mit Motoren aus Deutschland und Ungarn. Bei einer Implosion Europas würde ein Teil solcher Wertschöpfungsketten durchbrochen. Lieferzeiten würden länger, Transportkosten steigen, die Wettbewerbsfähigkeit leiden. Sparprogramme, Werkschließungen und Jobverluste wären die fast zwangsläufige Folge.

  • Inflationsschock: Dass die Verbraucherpreise bislang stabil sind, liegt insbesondere am intensiven internationalen Wettbewerb. Sollten die Schlagbäume wieder fallen, geschähe das Gegenteil: Weniger Wettbewerb bringt Preissteigerungen mit sich. Die Inflationsraten dürften deshalb empfindlich anziehen. Sofern auch die Währungsunion zerfällt, werden die Währungen kleinerer, schwächerer Volkswirtschaften abschmieren, was den Inflationsschub zusätzlich verstärkt. Die Notenbanken werden darauf mit Zinserhöhungen reagieren. In Ländern mit hochbewerteten Immobilienmärkten, darunter Deutschland, würden Preisblasen platzen - was weitere wirtschaftliche Probleme mit sich brächte.

  • Schuldenkrisen: Am härtesten getroffen wären Volkswirtschaften, die ohnehin auf wackligem Fundament stehen. Länder, die unter chronischer Wettbewerbsschwäche leiden und hartnäckige außenwirtschaftliche Defizite verzeichnen - wie Großbritannien, Frankreich, Rumänien oder Tschechien - müssten sich darauf einstellen, dass der Kapitalzustrom abreißt. Hoch verschuldete Volkswirtschaften wie Portugal, Italien oder Griechenland würden durch massiv steigende Zinsen an den Rand der Pleite geraten.

Ökonomische und politische Schäden als Folge eines Scheiterns

Je kleiner ein Land ist und je schwächer es wirtschaftlich dasteht, desto härter würde es die negativen Folgen einer EU-Implosion zu spüren bekommen. Aber auch Deutschland würde leiden. Die Bundesrepublik ist eine hochgradig offene Volkswirtschaft, die bislang eng mit dem übrigen Europa verwoben ist: 58 Prozent der Im- und Exporte werden mit EU-Partnern abgewickelt. Das gigantische Auslandsvermögen Deutschlands von mehr als einer Billion Euro ist zur Hälfte im übrigen Europa angelegt. Entsprechend viel hätte Deutschland zu verlieren, falls Jean-Claude Junckers Dominoszenario Wirklichkeit würde.

Zu den ökonomischen Schäden kommen die politischen. Konflikte zwischen den europäischen Nachbarn lassen sich noch schwerer lösen, wenn die EU-Institutionen scheitern. Zumal die absehbare Wirtschaftskrise und die damit einhergehende soziale Krise das politische Klima in den Mitgliedstaaten weiter vergiften würde. Eine zunehmende Polarisierung durch den Aufstieg populistischer Politiker wäre die mutmaßliche Folge. Schuldzuweisungen, verbale Attacken bis hin zu Sanktionen zwischen Nachbarstaaten wären an der Tagesordnung.

So gesehen befindet sich Europa in einer destruktiven Spirale. Sie zu stoppen sollte oberstes Ziel vernünftig handelnder Staatslenker sein. Es steht zu viel auf dem Spiel.

Zusammengefasst: Viele Politiker fordern angesichts der anhaltenden Flüchtlingsströme Grenzschließungen. Doch die Abkehr vom Schengen-Abkommen und die Rückkehr zur Nationalstaaterei könnten einen Zusammenbruch Europas bedeuten. Und das hätte verheerende Folgen für alle Mitgliedstaaten - auch Deutschlands Wohlstand wäre dann gefährdet. Deswegen muss ein Zerfall Europas mit allen Mitteln verhindert werden.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der kommenden Woche

Montag

Rom - Zurück auf der Weltbühne I - Irans Präsident Ruhani besucht Italiens Ministerpräsident Renzi und Papst Franziskus.

München - Starker Konsum, schwache Industrie - Der Ifo-Geschäftsklimaindex - mit inzwischen vertrautem Muster?

Berlin - Neue Arbeit - Der DGB-Vorsitzende Hoffmann bittet zur Jahresauftakt-Pressekonferenz.

Tokio - Globalisierungsindikator - Neue Zahlen vom japanischen Außenhandel.

Dienstag

Neu Delhi - Partnersuche - Frankreichs Präsident Hollande besucht Indien.

München - Hey Joe, what you're gonna do with that… - Siemens-Chef Joe Kaeser erklärt bei der Hauptversammlung den künftigen Weg von Siemens.

Cupertino/San Antonio/New Brunswick - Berichtssaison I - Zahlen von Apple, AT&T und Johnson & Johnson.

Mittwoch

Washington - Take it easy - Die Gouverneure der US-Notenbank Fed entscheiden über den weiteren Kurs der Geldpolitik. Sollte eine Verschiebung weiterer Zinserhöhungen angedeutet werden, dürften die Börsen jubeln. Sonst nicht.

Nürnberg - Ich kauf' mir was - Gfk-Konsumklimaindex Deutschland für Februar

Paris - Zurück auf der Weltbühne II - Irans Präsident Ruhani wird in Frankreich erwartet.

Peking - Chimerica - US-Außenminister Kerry in China.

Berlin - Schmutzig und unfrei - Transparency International stellt den neuen Korruptionsindex vor. Standardergebnis: Wo keine Pressefreiheit herrscht, nimmt die Korruption überhand.

Menlo Park/Basel - Berichtssaison II - Facebook und Novartis legen Geschäftszahlen vor.

Donnerstag

Wiesbaden - Endlich Inflation? - Erste Schätzung der Verbraucherpreisentwicklung im Januar.

London - Cool Britania - Hohe Schulden, hohes Leistungsbilanzdefizit - aber die Wirtschaft läuft. Erste Schätzung des BIP im Schlussquartal 2015.

Brüssel - Euro-Indikatoren - Neue Zahlen für die Eurozone: Wirtschaftsvertrauen, Geschäftsklima, Verbrauchervertrauen.

Redmond/Seattle/Basel/Dearborn - Berichtssaison III - Zahlen von Microsoft, Amazon, Roche und Ford.

Freitag

Tokio - Raus aus der Deflation! - Zinsentscheid der Bank von Japan.

Paris/Madrid - Spanien läuft, Frankreich schwach - Die Statistiker legen erste Schätzung fürs BIP im vierten Quartal 2015.

Frankfurt - Wachsende Lücke - Die EZB veröffentlicht neue Zahlen für die Geldmenge M3. Seit einiger Zeit steigt sie wieder schneller, als die EZB eigentlich für gut hält (4,5 Prozent pro Jahr).

Brüssel - Indikator für Draghi - Neue Zahlen für die Verbraucherpreisinflation in der Euro-Zone.

Washington - Weltkonjunkturlokomotive - Börsenerschütterndes Event: Amerikas Statistiker legen eine erste Schätzung fürs BIP im letzten Quartal 2015 vor.

Bochum - Heavy Metal - ThyssenKrupp hat zur Hauptversammlung geladen.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

Newsletter
Müllers Memo
Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 390 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
TomRohwer 24.01.2016
Entweder ändert sich Europa grundlegend, und das bedeutet dann: - keine Schuldenunion mehr, jeder bezahlt seine Schulden selbst - keine Transferunion - sichere Außengrenzen - Ende des überbordenden Staatseinflusses auf die Wirtschaft Oder aber ein "zerbrechendes Europa" ist die bei weitem bessere Alternative. Europa, wie es zur Zeit ist, ist ein Desaster. Nahezu jede Alternative wäre besser.
2. Es kommt das Wirtschaftswunder wieder, wenn die EU geht.
Lignite 24.01.2016
Die EU ist der Stein um den Hals der deutschen Volkswirtschaft. Sie muss alles bezahlen und das fehlt im eigenen Land.
3. GAU? nein
friedel_3 24.01.2016
Hier werden Horrorszenarien verbreitet, die sicherlich nur in abgeschwächter Form eintreten werden. Und gerade solche Typen wie Juncker, die den eigenen Staat mit quasi 0-Steuer - Politik geführt haben müssen sich hier groß tun. Der hat doch wohl hauptsächlich zum Niedergang Europas beigetragen.
4. Neu-Anfang mit Europa der zwei Geschwindigkeiten
Wassup 24.01.2016
Europa muss einen Neu-Start wagen mit einem Europa-Light für die nationalstaatlich orientierten Mitgliedsstaaten mit Mitgliedern wie England, Polen, usw, das sich auf den Freihandel konzentriert - und - einem eng verzahnten Europa, das eine engere Vereinheitlichung des Wirtschafts- und Rechtssystems möchte - z.B. Deutschland / Frankreich P.S. Die Staaten die nationalstaatlich orientiert sind, sollen auf Hilfen aus der gemeinsamen EU-Kasse verzichten.
5. Eu
steinbock8 24.01.2016
Die Probleme der eu sind jene die bei ihrer Gründung ausgeblendet wurden zum Beispiel die unterschiedliche Gesetzgebung besonders beim Steuerrecht alles führt langfristig zu ihrem scheitern
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Anzeige


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: