EU-Entscheidung Glühbirnen-Aus wird zur Farce

Ab September endet in Europa die Glühbirnen-Produktion - doch was von der EU als Maßnahme zum Wohl von Verbraucher und Umwelt verkauft wird, hat Nachteile: Die neuen Energiesparlampen halten oft nicht, was sie versprechen - und können sogar zum Gesundheitsrisiko werden.

Glühbirne und Energiesparlampe: EU schießt mit Kanonen auf Spatzen
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Glühbirne und Energiesparlampe: EU schießt mit Kanonen auf Spatzen

Von Ralph Quinke


Hamburg - Über Energiesparlampen gibt es jede Menge Zahlen: Sie halten mehr als doppelt so lange wie herkömmliche Birnen, sie sind genauso hell und tragen zur Gesundung der Umwelt bei. Das Problem ist: Nichts davon stimmt so richtig. Trotzdem aber soll der Energiesparlampe die Zukunft gehören.

Stefan Schrader bekommt dieser Tage reichlich Post. Tag für Tag liefern Paket- und Kurierdienste massenweise Päckchen und Pakete in Schraders kleinem Laden an einer tristen Ausfallstraße im Hamburger Westen ab. Denn Schrader sorgt vor. Für die Zeit nach dem 31. August. Der Lampenhändler bunkert tausendfach alles, was ab dem 1. September 2009 in Europa nicht mehr produziert und nicht mehr in die EU importiert werden darf: Mattierte Glühlampen in 75 Watt, Globuslampen in 60 Watt, Kryptonlampen in 40 Watt, opalisierte Kerzenlampen in 25 Watt. Der Verkauf der Lampen ist erlaubt, auch nach dem 1. September.

Denn ab diesem Zeitpunkt greift der Abwicklungsplan für die gemeine Glühbirne. Viele Kunden wissen überhaupt nicht, was das bedeutet - sagt Schrader. Zwar seien die meisten darüber informiert, dass ab September die 100-Watt-Glühlampe verboten ist, aber dass auch sämtliche mattierten Lampen vom Markt verbannt werden, ganz gleich, ob sie 10, 40 oder 60 Watt haben, das sei ihnen nicht bewusst. Insgesamt rund tausend Leuchtmittel sind von dem Verdikt betroffen.

Alle Lampen vom Markt

Verfügt hat das Verbot die EU-Energiekommission - vor allem auf Druck der deutschen Bundesregierung. Die Europäer sollen Energie sparen. Weil sie das - offensichtlich - nicht freiwillig tun, maßregelt die Brüsseler Kommission ihre Bürger, indem sie nach und nach sämtliche Glühlampen verbietet. Zuerst werden laut der Richtlinie "2005/32/EG" alle mattierten und die klare 100-Watt-Lampe verbannt, im nächsten Jahr folgt die 75-Watt-Lampe, und ab September 2012 soll ganz Europa schließlich glühlampenfreie Zone sein.

"Die Verbraucher denken nicht langfristig", erklärt Ferran Taradellas Espuny, energiepolitischer Sprecher der EU-Kommission gegenüber SPIEGEL TV. "Sie bezahlen im Supermarkt doch lieber einen Euro für eine Glühlampe anstatt sechs für eine Energiesparlampe, obgleich sie das am Ende fünfzig Euro mehr an Strom kostet! Und weil der Markt so etwas nicht von selbst regelt, mussten wir eine Verordnung erlassen. Damit stellen wir sicher, dass alle Lampen vom Markt verschwinden, die zu viel Energie verbrauchen."

Doch tatsächlich schießt die EU dabei mit Kanonen auf Spatzen. Denn die Kosten für Beleuchtung machen gerade mal 1,5 Prozent des Energiebedarfs eines privaten Haushalts aus - selbst mit den energieuneffizienten Glühbirnen, die jetzt verbannt werden.

95 Prozent der Energie einer Glühlampe gingen in die Wärme, nur fünf Prozent ins Licht, begründet die EU-Kommission ihr Verbot. Doch was sind die Alternativen? Halogenlampen? Mit denen lassen sich 30 Prozent Energie sparen. Aber 2016 werden sie auch verboten. Weil sie wie die Glühlampen mehr Hitze als Licht erzeugen. LEDs, Licht emittierende Dioden? Die sind vielleicht die Leuchtmittel der Zukunft, aber längst noch nicht massentauglich und viel zu teuer. Bleiben noch die Kompaktleuchtstofflampen, besser bekannt als Energiesparlampen. Die sind vergleichsweise preisgünstig und nach Herstellerangaben um 80 Prozent sparsamer als Glühlampen. Also offensichtlich der adäquate Ersatz für die gute alte Glühlampe.

Nutzung ist umstritten

Doch der Schein trügt. Denn ihr Nutzwert ist mehr als umstritten. Energiesparlampen seien tickende Zeitbomben, warnen Umweltschützer. Eine Gefahr für Gesundheit und Umwelt.

Die Einsparpotentiale seien weit geringer als allgemein angegeben und in der politischen Diskussion angeführt, warnt "Öko-Test"-Redakteurin Gabriele Achstetter. Nie und nimmer ließen sich 80 Prozent Energie einsparen, wie die Konzerne behaupten.

Um ihre Energiesparlampen an den Mann zu bringen, operieren alle großen Hersteller mit Zahlen, die an Verbraucherbetrug grenzen. Dabei müsste man eigentlich nur etwas genauer hinschauen.

Lampenhändler Stefan Schrader holt eine Spotleuchte in der Energiesparversion mit 80 Grad Ausstrahlwinkel aus dem Regal. Auf dem Karton ist der große Aufdruck mit 15W = 75W nicht zu übersehen - das Kleingedruckte schon eher: 335cd steht auf der Packung. cd steht für Candela, die Lichtmenge, die die Lampe abgibt. Schrader hält eine 75W-Spotleuchte desselben Herstellers daneben. 80 Grad Ausstrahlwinkel, keine Energiesparversion. Der cd-Wert ist nicht auf dem Karton verzeichnet. Aber im Katalog: 660cd - die Glühlampe strahlt also fast doppelt so hell wie die angeblich vergleichbare Energiesparlampe.

Das Wort "Betrug" liegt Schrader auf der Zunge. Er versteht die Welt nicht mehr. Besser gesagt: Die EU. Warum verbietet die - abgesehen von der 100-Watt-Lampe - alle matten Lampen?

Weil die Mattierung Licht schluckt, sagt EU-Sprecher Taradellas Espuny.

Er hätte vielleicht mal gemeinsam mit Lampenhändler Schrader einen Blick in den Katalog eines großen Leuchtmittelproduzenten werfen sollen. Dort sind die Lichtleistungen aller Lampen angegeben. Laut Katalog produziert eine klare 60-Watt-Glühlampe 710 Lumen. Und eine mattierte 60-Watt-Glühlampe? Auch 710 Lumen.

Hersteller werben massiv für neue Lichter

Trotzdem werben die Hersteller aggressiv für die Leuchtstofflampen. Schließlich sind die Gewinnmargen weit höher als bei klassischen Glühlampen. Doch als das Magazin "Öko Test" letztes Jahr 16 marktübliche Modelle untersuchen ließ, kam es zu einem vernichtenden Urteil: Keine der Lampen hielt so lange wie vom Hersteller versprochen. Keine war so hell wie die vergleichbare Glühlampe, die sie ersetzen sollte. Und ohne Ausnahme wurde die Qualität des Lichts mit der Note "mangelhaft" bewertet. Außerdem empfahlen die Tester, die Leuchtmittel nicht in Körpernähe, beispielsweise in Schreibtischlampen einzusetzen, da ihre Strahlung gängige Grenzwerte um ein Vielfaches übertrafen.

Doch obwohl Skepsis angebracht ist, gibt es einen Ort in Deutschland, der in vorauseilendem Gehorsam schon Ende dieses Jahres glühlampenfrei sein will: Norderney. Wenn es Nacht wird auf der Nordseeinsel, gehen in Cafés, Läden und Wohnungen die Energiesparlampen an. Gesponsert wird die Aktion von einem großen Leuchtmittelhersteller. Entstanden ist die Idee dazu in einer weinseligen Nacht: Der Norderneyer Elektrohändler Uwe Rosenboom saß mit einem Philips-Manager nach einem opulenten Dinner an der Bar, man trank ein Glas Wein, oder vielleicht auch eins mehr, als der Manager bekundete, dass seine Firma eine Gemeinde suche, die man glühlampenfrei machen könne.

Deshalb ist Norderney eine Art Anti-Glühlampen-Bewegung entstanden. Deren Motor ist Tobias Pape. Mit missionarischem Eifer fahndet der städtische Angestellte nach vermeintlichen Umweltsündern, checkt Restaurants und Läden auf die schlimmen Glühlampen. Weil Pape die Einsparmöglichkeiten der Energiesparlampen verklärt und deren Risiken und Nebenwirkungen kleinredet, hält sich der Widerstand der Insulaner in Grenzen - auch weil es für die Glühlampen eine Abwrackprämie gibt. Öffentlichkeitswirksam werden sie vernichtet.

Quecksilber wird zum Risiko

Immerhin lassen sie sich Glühlampen problemlos entsorgen - bei Energiesparlampen ist das anders. Denn die enthalten das hochgiftige Umweltgift Quecksilber. Das hat die EU zwar seit April in anderen Geräten, die im Haushalt verwendet werden, verboten, in Fieberthermometern oder in Barometern zum Beispiel, aber in der Sparlampe ist es weiter erlaubt.

Höchstens fünf Milligramm dürfen in einer Kompaktleuchtstofflampe verwendet werden. Doch Peter Andres, Lichtplaner in Hamburg, ist sich sicher, dass dieser Grenzwert häufig überschritten wird, vor allem in Billigimporten aus China. "Es ist viel schwieriger", sagt Andres, "bei der Produktion so wenig Quecksilber wie nur nötig in die Lampe zu geben, um sie zum Leuchten zu bringen. Es ist viel einfacher, statt fünf zehn oder fünfzehn Milligramm reinzuhauen."

Was passiert, wenn so eine Lampe im Haushalt zu Boden fällt und zerbricht, mag Andres sich gar nicht ausmalen. "Eigentlich müsste dann sofort die Umweltpolizei alarmiert werden", mahnt auch Gary Zörner von Institut für chemische Analytik in Delmenhorst. Denn das hochgiftige Quecksilber ist unsichtbar, verteilt sich in der Luft und kann verheerende Wirkungen nach sich ziehen. "Nicht die Glühlampe, sondern die Energiesparlampe sollte verboten werden", sagt Zörner.

Für alle, die sich bis zum 1. September nicht ausreichend eindecken, hat Lampendesigner Ingo Maurer eine Lösung: In seinem Studio wurde das "Euro-Kondom" entwickelt. Das zieht man einfach über eine klare Glühlampe und hat dann das heimelige Licht einer mattierten Lampe.

Das Kondom nämlich hat die EU nicht verboten. Noch nicht.

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Mehr zu diesem Thema am Sonntag im SPIEGEL TV Magazin, 22:25 Uhr, RTL



Forum - Aus für die Glühbirne - gute Entscheidung?
insgesamt 2902 Beiträge
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Seite 1
lupenrein 08.12.2008
1.
Reiner Aktionismus, aonst nichts.
TheBlind, 08.12.2008
2.
Hi ! Dies als grosse Umweltaktion zu verkaufen ist recht armselig und zeigt, das da wohl nicht mehr allzuviel nachkommen wird :->
Interessierter0815 08.12.2008
3.
Lieber Glühbirnen brennen lassen und auf LED´s zu vernünftigen Preisen warten - oder wollen die Brüsselianer das wir alle kopfschmerzen bekommen? Auch wurde die "sparlampe" schon oft umwelttechn. in foren auseinadner gepflügt und schneidet oft nicht besonders gut ab. Selbst stiftung warentest hat zugegeben das die meisten modelle kaum sparen und wesentlich umweltfeindliche Stoffe beinhalten die unteranderem im Hausmüll oder sonstwo landen. Also, krümmen wir die Glühbirnen nach der EU wie die Gurken....
Salonbolschewik 08.12.2008
4.
1.) heißt das Glüh*lampe* - in Birnenform. Und nicht Glühbirne. Hat man schon gesehen, daß eine Birne am Birnbaum glüht? 2.) Herr Rainer Aktionismus sagt: Wir müssen die Hersteller dieser teuren Energiesparlampen unterstützen. Die Dinger sind nämlich nur dann günstiger, wenn sie Tag und Nacht leuchten. Weil die Industrie schon damit ausgerüstet ist, müssen wir jetzt noch den Otto Normalverbraucher davon überzeugen, die zu kaufen. Obwohl er sie gar nicht braucht.
Andreas Heil, 08.12.2008
5.
Zitat von sysopSie frisst zu viel Strom und wird deshalb abgeschafft: Die klassische Glühbirne soll bis 2012 aus allen Geschäften verschwinden - so haben es jetzt Experten aus 27 EU-Staaten beschlossen. Eine gute und sinnvolle Entscheidung?
Kompletter Unfug, wie zu erwarten. Und wie bei allen solchen Gelgenheiten vermischt mit falscher Bestandsaufnahme. Lebenszeiten, Wirkungsgrade und Nachteile von leuchtstoffartigen Ersatzglübirnen werden regelmäßig getürkt, LEDs erreichen bei weitem ebenfalls nicht die in sie gestzten Hoffnungen. Bei uns z.B. ist vor rund einem Jahr ein Außenbeleuchtungsprogramm gestartet worden, mit lauter kaum Strom verbrauchenden und unkaputtbaren LEDs: Die Ausfälle sind nun überall deutlich sichtbar, wenn man die Straßen entlang fährt. Es gibt genug Einsatzzwecke für die die eine oder andere Variante besser ist als herkömmliche Glühbirnen und die werden auch zunehmen, es gibt jedoch viele Anwendungen für die herkömmliche Glühlampen nach wie vor die bessere Wahl sind. Wenn man den Wandel unbedingt beschleunigen will, soll man dann doch bitte einfach zu einer Sondersteuer machen, die die Wettbewerbsfähigkeit der neuen Techniken erhöht, damit sie wirtschaflticher werden. Verbote sind wie so oft eine schlechte Wahl.
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