Nach EU-Gipfel Ökonom Sinn sieht Finanzstabilität Deutschlands in Gefahr

Die Akteure an den Finanzmärkten bejubeln die Beschlüsse des EU-Gipfels zur Euro-Krise - doch Ifo-Chef Hans-Werner Sinn warnt: Deutschland müsse nun für die Schulden südeuropäischer Banken haften. Die finanzielle Stabilität sei dadurch gefährdet.

Ifo-Chef Sinn: "Die finanzielle Stabilität Deutschlands ist gefährdet"
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Ifo-Chef Sinn: "Die finanzielle Stabilität Deutschlands ist gefährdet"


Berlin/Düsseldorf - Die Kursgewinne an den globalen Börsen scheinen für die Beschlüsse des EU-Gipfels zu sprechen - Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn sieht sie jedoch als Beleg für eine Gefährdung Deutschlands: Die Finanzmärkte seien nun beruhigt, ja geradezu euphorisch, weil ein Weg gefunden wurde, das deutsche Vermögen zu verbrauchen, sagte der Ökonom dem "Handelsblatt". Deutschland werde durch die Gipfel-Ergebnisse immer stärker in die Krise hineingezogen. Die Bundesrepublik stehe nun für die Rückzahlung der Schulden der südeuropäischen Banken ein.

Zwar räumte Sinn ein, dass es richtig gewesen sei, die Finanzmärkte zu beruhigen. Den Preis dafür hält der Ökonom laut dem Bericht jedoch für zu hoch: "Die finanzielle Stabilität Deutschlands ist indes gefährdet", warnte Sinn. Auf Bundeskanzlerin Angela Merkel sei vom Ausland mehr Druck ausgeübt worden, als je zuvor ein deutscher Kanzler nach dem Krieg habe aushalten müssen.

"Es wurde ein Kesseltreiben veranstaltet. Um an unser Geld zu kommen, hat man Deutschland imperiale Gelüste vorgeworfen und uns den Hass der Völker prophezeit", sagte Sinn der Zeitung. Dem Druck habe Merkel nicht mehr widerstehen können und sei eingeknickt. "Jetzt können die Bürger, an deren Vermögen man will, nur noch auf das Verfassungsgericht hoffen."

Auch der Verzicht der Vorrangstellung für den Euro-Rettungsschirm ESM ist Sinn zufolge ein Fehler. "Der Vorrang des Retters ist das Wesen einer jeden Konkursordnung", sagte er.

Vom ebenfalls beschlossenen Fiskalpakt hält Sinn dem Bericht zufolge wenig. Er sei kein Schutz vor Vermögensverlusten: "Der Pakt wird nur in Deutschland ernst genommen", sagte der Ökonom. "Er ist ein Placebo - wie seinerzeit der Stabilitäts- und Wachstumspakt." Ländern, denen der Kapitalmarkt misstraue, brauche man keine politischen Schuldengrenzen zu setzen. "Wenn man ihre Kreditaufnahme begrenzen will, reicht es, ihnen weniger öffentlichen Kredit zu geben."

fdi/Reuters/dapd

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MütterchenMüh 02.07.2012
1. Inolvenzrecht
Zitat von sysopDPADie Akteure an den Finanzmärkten bejubeln die Beschlüsse des EU-Gipfels zur Euro-Krise - doch Ifo-Chef Hans-Werner Sinn warnt: Deutschland müsse nun für die Schulden südeuropäischer Banken haften. Die finanzielle Stabilität sei dadurch gefährdet. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,842012,00.html
Auch dieser Bericht bestätigt eindrucksvoll, dass wir ein Bankeninsolvenzrecht brauchen. Mehr denn je, dringend war es schon immer. Es muss endlich wieder die Realwirtschaft die Königsdisziplin sein, und keine Zockerbuden.
fragezeichenheute 02.07.2012
2. Herr Unsinn
Wie war das noch mal? Der nette Herr Sinn hatte Deutschland vor Jahren den Einbruch der Konjunktur prognostiziert - nur blöd, dass dann statt dem Abschwung der Aufschwung kam, unsere Wirtschaft boomte und die Arbeitslosenzahlen massiv sanken. Tja, so schnell kann man sich vertun, mit dem, was man so in den Tag hinaus schwätzt als vermeintlicher Experte.
wall_e 02.07.2012
3. verdächtiger Jubel
euphorisierte Märkte?...das kann nichts Gutes bedeuten, oh,oh...
HansWilhelm 02.07.2012
4. ohne
Zitat von fragezeichenheuteWie war das noch mal? Der nette Herr Sinn hatte Deutschland vor Jahren den Einbruch der Konjunktur prognostiziert - nur blöd, dass dann statt dem Abschwung der Aufschwung kam, unsere Wirtschaft boomte und die Arbeitslosenzahlen massiv sanken. Tja, so schnell kann man sich vertun, mit dem, was man so in den Tag hinaus schwätzt als vermeintlicher Experte.
Sicher, man konnte Sinn bisher immer als Kontraindikator benutzen,es trat immer das Gegenteil von dem ein, was er so von sich gab. Nur diesmal könnte er Recht haben. Eine ev. Rekapitalisierung der Banken könnte bis zu 9 Bill. Euro kosten, die gesamte Schuldenlast der Staaaten betragt der Südlander beträgt nur rs 3 Bill.Euro. Da wäre es erheblich billiger gekommen, die Staaten zu retten. Aber wir habens ja!
einsteinalbert 02.07.2012
5. lassen Sie es doch
Herr Sinn. Man wird Sie nur verunglimpfen - mit Phrasen wie Un-Sinn, Blöd-Sinn, Stumpf-Sinn, Starr-Sinn, Sinn-los u.a. . . . . dies obwohl Ihre Befürchtungen wohl berechtigt sind. Es gibt noch zuviele Täumer. Diese sollten mal besser bei Opel, Schlecker u.a. nachfragen ob sie auch von einem wirtschaftlichen Aufschwung sprechen. Daß die Arbeitslosenzahlen schon seit Jahren " frisiert " sind, hat sich auch noch nicht herumgesprochen. Es ist unlauter, die Zahl von rund 7 Mio Leistungsempfängern gänzlich aus der offiziellen Arbeitslosigkeit auszuklammern. Darunter sind sicher einige Mio Personen welche gerne arbeiten würden, könnte man ihnen einen Job mit angemessener Entlohnung anbieten. Warten wir's ab wer am Ende Recht behält. Eine andere Wahl haben wir ja ohnehin nicht.
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