Zehn Jahre EU-Osterweiterung Der Triumph des sanften Imperiums

Vor zehn Jahren traten acht osteuropäische Staaten der EU bei. Begleitet von vielen Ängsten, gerade auch in Deutschland. Heute steht fest: Mit der Osterweiterung ist ein kleines Wunder geglückt. Europa braucht dringend mehr davon.

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Ortsschild auf deutsch-polnischer Grenzbrücke: Freie Fahrt bis Lissabon
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Ortsschild auf deutsch-polnischer Grenzbrücke: Freie Fahrt bis Lissabon


Es war die größte Landnahme in der Geschichte des sanften Imperiums. Vor zehn Jahren, in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai 2004, traten auf einen Schlag acht osteuropäische Staaten der Europäischen Union bei, dazu noch die beiden Inselrepubliken Zypern und Malta.

Groß waren damals auch die Sorgen, gerade in Deutschland: Osteuropäische Billiglöhner würden den deutschen Arbeitsmarkt überschwemmen, heimische Unternehmen reihenweise unter der Dumping-Konkurrenz aus Polen und Tschechien zusammenbrechen. Die EU insgesamt würde mit 25 statt 15 Mitgliedern unregierbar werden. Und unfinanzierbar, denn natürlich gehe es den Osteuropäern vor allem darum, an die Fleischtöpfe der Agrarsubventionen und Strukturfonds zu gelangen. Überhaupt, viel zu schnell komme die Mitgliedschaft, die noch wackeligen Demokratien im Osten müssten erst einmal ihre Flegeljahre hinter sich bringen.

Keine dieser Befürchtungen ist wahr geworden. Stattdessen begann vor zehn Jahren eine der ganz großen europäischen Erfolgsgeschichten.

Eine Studie des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) zeigt: Durch die Osterweiterung gingen für deutsche Arbeitnehmer keine Jobs verloren, auch das Lohnniveau ist nicht gesunken. Und in einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft beklagt gerade einmal jedes zehnte deutsche Unternehmen gestiegene Konkurrenz aus dem Osten. Gleichzeitig haben sich aber die Lebensverhältnisse in Osteuropa deutlich verbessert.

Es stimmt, mit mittlerweile 28 Mitgliedern ist es schwieriger geworden, in Brüssel Kompromisse zu schmieden, und auch die Verteilungskämpfe sind härter als früher. Doch häufiger als Teil des Problems waren die Osteuropäer hier Teil der Lösung. So hat zum Beispiel das Euro-Neumitglied Slowakei hart mit sich gerungen und am Ende tatsächlich Kreditbürgschaften für Griechenland übernommen - obwohl die Wirtschaftsleistung pro Kopf in Griechenland immer noch höher ist als in der Slowakei. Mehr Solidarität geht nun wirklich nicht. Und wenn der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski von Kanzlerin Angela Merkel mehr Führung in Europa einfordert, 70 Jahre nachdem deutsche Soldaten sein Heimatland verwüsteten, kann man nicht von einem Mangel an Integrationsbereitschaft sprechen.

Gar nicht erst ausmalen mag man sich, wie angesichts der Ukraine-Krise die derzeitige Lage im Baltikum aussähe - hätte die EU Estland, Litauen und Lettland vor zehn Jahren nicht aufgenommen.

Natürlich herrscht in Osteuropa keine heile Welt. Korruption in Bulgarien und Rumänien, bedenklicher Nationalismus in Ungarn, in ganz Osteuropa noch immer erschreckende Armut. Doch keines dieser Probleme wäre ohne die EU-Mitgliedschaft kleiner, viele wären größer.

Und so ist der zehnte Jahrestag der Osterweiterung vielleicht einfach mal der Moment, um innezuhalten und sich das kleine Wunder bewusst zu machen, dass eine halbe Milliarde EU-Bürger von Lissabon bis an die russische Grenze reisen können, ohne einmal ihren Personalausweis vorzuzeigen. Auf jeder Station dieser Reise können sie zudem bedenkenlos Wasser aus der Leitung trinken, denn das ist selbstverständlich gemäß EU-Trinkwassernorm aufbereitet worden.

Diese seltsame, oft belächelte Integrationsmaschine namens EU vermag Großes, wenn es denn nur den politischen Willen dazu gibt. An dem hat es seit 2004 leider oft gefehlt. Bei den Politikern, aber auch bei den Bürgern, deren Begeisterung für Europa nur noch müde glimmt. Dabei gäbe es in Brüssel noch viele Bretter von der Dicke einer Osterweiterung zu bohren. Eine gemeinsame Flüchtlingspolitik oder eine europäische Wachstumsstrategie wären nur zwei davon.

Übrigens: Wer Europa wieder stark machen will, kann damit ganz einfach anfangen. Indem er zum Beispiel zur Europawahl geht.

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insgesamt 221 Beiträge
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Seite 1
amadeus2003 30.04.2014
1. Die EU ist...
... nicht Europa und Europa ist nicht die EU. Alleine die Tatsache, dass ein potenzieller Beitrittskandidat zur EU sich zuallererst dem NATO-Diktat unterwerfen muss (wer dem widerspricht, soll es bitte beweisen), spricht gg. JEDEN friedlichen Charakter der EU. Die EU-Erweiterung schafft Strukturen für soziale Katastrophen, Entvölkerung ganzer Landstriche und Massenverarmung in den östlichen Neumitgliedern. Beweisen Sie das Gegenteil, ohne ihre eigenen Quellen und Lügen zu zitieren!
bobdee 30.04.2014
2. Top!
Danke, dass dieses einmal geschrieben wird. Die EU ist nicht das Monster oder der US-Sklave, zudem es vielerseits beschrien wird.
t.h.wolff 30.04.2014
3.
Das zitierte IZA frisst aus dem Topf der Deutschen Post, mithin also von Gnaden eines Unternehmens, das für aggressives Lohndumping bekannt ist. Lohndumping? Nirgends!
CompressorBoy 30.04.2014
4. optional
------- Keine dieser Befürchtungen ist wahr geworden. Stattdessen begann vor zehn Jahren eine der ganz großen europäischen Erfolgsgeschichten... ------- Ach ja, sind sie nicht schön, diese Märchenstunden? Und wenn sie nicht gestorben sind, dann erweitern sie auch heute noch die EU zu allseitigem Nutz und Frommen...
nickleby 30.04.2014
5. Europa
Europa sollte auf den lateinisch-griechischen Ursprung aufbauen. Die Kultur Roms und Byzanzens sind unser Rückgrat. Alle anderen Kulturen müssen sich an diesen beiden Leitkulturen messen lassen. Freiheit ist eben lateinisch-griechisch
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