EU-Rettungsschirm Schäuble gegen Aufstockung von Euro-Hilfe

Wie gefährlich ist die aktuelle Krise für den Euro wirklich? Politiker und Ökonomen streiten über das Ausmaß des Finanzbedarfs. Einige Experten verlangen, dass der EU-Rettungsschirm massiv aufgestockt wird. Doch dagegen sperrt sich Finanzminister Schäuble.

Unverkaufte Neuwagen in Spanien: Welches Land braucht als nächstes Finanzhilfe?
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Unverkaufte Neuwagen in Spanien: Welches Land braucht als nächstes Finanzhilfe?


Berlin - Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) ist gegen eine Aufstockung des Euro-Rettungsschirms. "Ich halte von den Forderungen gar nichts", sagte Schäuble am Freitag dem Radiosender Bayern2. Der Umfang des mit 750 Milliarden Euro bestückten Rettungspakets sei ausreichend. "Es wird derzeit unheimlich viel spekuliert", sagte Schäuble. "Und da gewinnen auch ganz abseitige Äußerungen plötzlich eine Bedeutung und verunsichern die Märkte, und das schafft zusätzliche Unruhe."

Bereits am Donnerstag hatte Bundesbank-Präsident Axel Weber Spekulationen zurückgewiesen, das Hilfspaket für EU-Krisenstaaten müsse massiv aufgestockt werden.Nach seiner Einschätzung reichen die bereitstehenden Mittel zur Lösung der Krise aus.

Das tatsächliche Ausmaß der europäischen Schuldenkrise lässt sich derzeit so schwer abschätzen, dass selbst ausgewiesene Experten zu keinem eindeutigen Ergebnis kommen.

Nach Einschätzung von Hans-Werner Sinn, dem Chef des Münchner Ifo-Instituts, wird die Situation derzeit viel zu dramatisch dargestellt. "Die Lage ist überhaupt nicht so schlimm, wie getan wird", sagte der Ökonom der "Welt". Die Probleme der deutschen Banken im Fall Irland würden überdramatisiert: "Es wird immer von 130 Milliarden Euro geredet; so hoch seien die Forderungen der deutschen Banken, die angeblich gefährdet sind. Davon sind aber 100 Milliarden Euro Forderungen der Banken gegenüber ihren eigenen Zweckgesellschaften, die in Irland sitzen." Diese hätten ihr Geld in der weiten Welt investiert und mit den irischen Problemen nichts zu tun.

Sinn erwartet, dass Irland in der Lage sein wird, seine Haushaltsprobleme aus eigener Kraft zu lösen. "Irland hat eine starke Wirtschaft. Die irische Wirtschaftsleistung pro Kopf ist fast 20 Prozent höher als die deutsche; selbst jetzt, nachdem die irische Wirtschaft eingebrochen ist", betonte er. Er empfahl der irischen Regierung, die Steuersätze zu erhöhen: "Hätten sie unsere Abgabenquote, die immerhin um elf Prozentpunkte höher ist, würden sie im Geld schwimmen. Sie hätten jedes Jahr 17 Milliarden Euro mehr im Staatssäckel."

Der Experte erwartet, dass die Schuldenprobleme den Euro-Raum nachhaltig verändern werden: "Es wird den Euro in zehn Jahren noch geben", erklärte er. Vermutlich werde Griechenland dann aber nicht mehr dabei sein, ob Portugal dann noch dabei sein werde, wisse er nicht.

Beruhigungspille für die Märkte

Weit weniger entspannt sehen andere führende Ökonomen die Lage in den Krisenstaaten der Euro-Zone. Sie fordern sogar eine deutliche Aufstockung des Rettungsschirms, um sicherzustellen, dass nach Irland auch noch weitere Länder die Hilfe nutzen könnten, etwa Portugal und Spanien. Dazu gehört auch der Finanzexperte des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Henning Vöpel, der in der "Bild"-Zeitung eine Erhöhung des Garantierahmens um 500 Milliarden Euro auf 1,25 Billionen Euro vorschlägt. Zur Beruhigung der Märkte solle der Rettungsfonds "so schnell wie möglich" aufgestockt werden.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, hält der Zeitung zufolge sogar eine Verdoppelung des Garantierahmens auf 1,5 Billionen Euro für "vorstellbar". Zimmermann warnte jedoch, das Schuldenproblem in der Euro-Zone lasse sich auf diese Art nicht dauerhaft lösen. "Um den Euro zu sichern und die Schuldenkrise in den Griff zu bekommen, müssen endlich Banken und Versicherungen an den Lasten beteiligt werden", sagte er.

Muss Portugal unter den Schirm?

Nachdem das hochverschuldete Irland als erstes Land unter den Rettungsschirm geschlüpft ist, wird nun befürchtet, dass auch Portugal und Spanien auf die Hilfsgelder angewiesen sein könnten.

Speziell Portugal gilt als der nächste Kandidat für eine Rettungsaktion mit Hilfe des Euro-Schutzschirms, der von der Gemeinschaft und dem Internationalen Währungsfonds gemeinsam aufgestellt wurde. An einem zeitnahen Antrag soll insbesondere Spanien ein großes Interesse haben, wie die "Financial Times Deutschland" unter Berufung auf das Finanzministerium in Berlin berichtet.

Der portugiesische Ministerpräsident José Socrates bestritt allerdings energisch, dass seine Regierung dazu gedrängt werde, EU-Hilfen in Anspruch zu nehmen, so wie dies die "FTD" schreibt. Der Bericht sei "komplett falsch", betonte er. Portugals Banken gelten zwar nicht als überschuldet wie die irischen Finanzinstitute, sind aber derzeit für ihre Geschäfte dem Bericht zufolge offenbar ebenfalls auf Geld der EZB angewiesen.

Auch aus Madrid kam ein Dementi. Spanien übe keinen Druck auf Portugal aus, europäische Finanzhilfen in Anspruch zu nehmen, sagte ein Vertreter der Regierung in Madrid am Freitag. "Spanien will, dass Portugal seinen Haushalt verabschiedet und sein Stabilitätsprogramm erfüllt". In ähnlichem Tenor äußerte sich auch die EU-Kommission.

mik/dpa-AFX/Reuters

insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Peter 2011 26.11.2010
1. Euro versus Deutsche Mark
Zitat von sysopWie gefährlich ist die aktuelle Krise für den Euro wirklich? Politiker und Ökonomen streiten über das Ausmaß des Finanzbedarfs. Einige Experten verlangen, dass der EU-Rettungsschirm massiv aufgestockt wird. Doch dagegen sperrt sich Finanzminister Schäuble. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,731272,00.html
Es war doch klar, dass Deutschland mit dem Euro verliert. Wir hatten eine gute Waehrung, jetzt wird das Schuldenproblem europaweit sozialisiert.
Awospezi 26.11.2010
2. Letztendlich stimmen sie eh zu....
der Euro ist tot, es lebe der Euro. Na in Europa sind sie jedenfalls nicht so blöd wie in Deutschland und machen am 7.12.den Bankrun 2010. Ich bin in jedem Fall dabei und hole das Geld meiner Firma von Konto, bis auf Kleckerbeträge für die Rechnungen. Und dann schauen wir Mal. Ich werde dieses System von wahnwitzigen Bänkern nicht mehr stützen, ich Gründe jetzt meine eigene Bank. Und Gold und Silber sind besser als dieses wertlose Papier. Ich kann hier nur einigen raten mal nachzudenken und mal zu überlegen, wie Deutschland dieses Jahr über 500Mrd. an Garantien geben konnte (ohne die süße kleine HRE) ohne das unsere Staatsverschuldung um den Betrag anstieg. Genau es sind Eure Ersparnisse, die gerade den Bach runtergehen. Ciao Ingo volksdeutschland.de
madjenko 26.11.2010
3. ..,-
Zitat von sysopWie gefährlich ist die aktuelle Krise für den Euro wirklich? Politiker und Ökonomen streiten über das Ausmaß des Finanzbedarfs. Einige Experten verlangen, dass der EU-Rettungsschirm massiv aufgestockt wird. Doch dagegen sperrt sich Finanzminister Schäuble. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,731272,00.html
es wird gar nichts anderes übrig bleiben als den rettungsschirm zu verdopplen, sonst schwindet das vertrauen in den eruo noch mehr. das ganze ist ein fass ohne boden, wie aber schon vor monaten bzw jahren von prof. schachtschneider und anderen vorhergesagt wurde.
Ditmar 26.11.2010
4. Bis jetzt
Zitat von Peter 2011Es war doch klar, dass Deutschland mit dem Euro verliert. Wir hatten eine gute Waehrung, jetzt wird das Schuldenproblem europaweit sozialisiert.
hat gerade Deutschland durch den Euro gewonnen, aber man kann sich die Realität auch selber malen, und dabei mag was anderes raus kommen. Das heist aber nicht, das es richtig ist. Aber Ignoranten gibt es leider zu viele, ich möchte jedenfalls die DM nicht zurück, denn mit den Währungsschankungen in der Vergangenheit ginge es uns Heute Wirtschaftlich sicher schlechter. Und was unsere Politiker angeht, die sollten nicht soviel herum schwafeln, sondern einfach nur Ihre Arbeit machen.
Peter 2011 26.11.2010
5. Deutsche Mark
Zitat von Ditmarhat gerade Deutschland durch den Euro gewonnen, aber man kann sich die Realität auch selber malen, und dabei mag was anderes raus kommen. Das heist aber nicht, das es richtig ist. Aber Ignoranten gibt es leider zu viele, ich möchte jedenfalls die DM nicht zurück, denn mit den Währungsschankungen in der Vergangenheit ginge es uns Heute Wirtschaftlich sicher schlechter. Und was unsere Politiker angeht, die sollten nicht soviel herum schwafeln, sondern einfach nur Ihre Arbeit machen.
Ich denke, dass die wir mit dem Euro verloren haben. Ich hoffe, dass Sie recht haben. Ein Waehrungssystem kann nicht funktionieren solange die politischen und wirtschaftlichen Systeme so unterschiedlich sind. Aber ich hoffe wirklich, dass Sie recht haben.
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