EU-Zahlungen Wohin die Agrarsubventionen fließen

6,5 Milliarden Euro EU-Agrarsubventionen wurden 2017 in Deutschland ausgezahlt. Doch wohin geht das Geld genau? SPIEGEL ONLINE zeigt mit Karten die Top-Empfänger in jedem Landkreis - und die ungleiche Struktur der Landwirtschaft.

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Die EU-Zahl ist riesig - und umstritten: 58 Milliarden Euro Agrarsubventionen werden jährlich in den Ländern der Europäischen Union verteilt, rund sechs Milliarden Euro davon gehen nach Deutschland.

Empfänger sind nicht nur Landwirte. Behörden und staatliche Stellen, die Umweltschutzaufgaben erfüllen oder sich um die Infrastruktur im ländlichen Raum kümmern, haben im vergangenen Jahr sogar die höchsten Einzelbeträge bekommen.

Auch Unternehmen, die auf dem Agrarmarkt tätig sind, können Agrarsubventionen beantragen.

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Im Rahmen ihrer Transparenzinitiative veröffentlicht die EU jährlich, welche Betriebe wie viel Geld aus der Agrarförderung bekommen haben. Der SPIEGEL und NDR Niedersachsen haben die aktualisierte Datenbank zu den EU-Agrarzahlungen ausgewertet.

Auf vier Karten können Sie sehen

  • wer die drei Top-Empfänger in den einzelnen Landkreisen sind,
  • wo in Deutschland Flächen für viel Landwirtschaft genutzt werden,
  • wo die großen Agrarbetriebe und wo die kleinen Höfe stehen,
  • in welche Problemgebiete besonders viel EU-Förderung fließt.

Wer sind die Top-Empfänger?

In den dunkel eingefärbten Landkreisen sitzen die Top-Empfänger der EU-Agrarzahlungen. Je dunkler die Farbe, desto größer ist dort die höchste ausbezahlte Einzelsumme. Wenn sie auf die einzelnen Landkreise klicken oder tippen, erfahren Sie, wer dort die drei Top-Empfänger sind und wie hoch die Zahlungen waren.

Wer sind die Top-Empfänger pro Landkreis?

Die EU-Gelder werden aus zwei Töpfen verteilt:

  • Der Europäische Garantiefonds für die Landwirtschaft (EGFL) kommt hauptsächlich Landwirten und Unternehmen mit Direktzahlungen oder Stützungsmaßnahmen zugute.
  • Der Europäische Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) ist vor allem für Umwelt-, Klima- und Tierschutz sowie ländliche Entwicklung gedacht. Auch Biobetriebe erhalten daraus zusätzliche Förderung.

Auf der obigen Karte sind die Top-Empfänger aller Zahlungen genannt - egal aus welchem Fördertopf das Geld stammt.

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Subventionen: So funktioniert die EU-Agrarpolitik

Da ein Großteil der Direktzahlungen an Landwirte abhängig von der landwirtschaftlich genutzten Hektarfläche ist, bekommen Großbetriebe in den ostdeutschen Bundesländern viel höhere Summen als etwa Kleinbetriebe in Bayern.

In die Landkreise an den Küsten fließen hohe Summen für Deichschutz.

Dunkel eingefärbte Gebiete rund um den Bodensee ergeben sich durch hohe Zahlungen an dort ansässige Erzeugergemeinschaften für Obst. Neben Behörden und öffentlichen Institutionen haben große Erzeugergemeinschaften im vergangenen Jahr in Deutschland die höchsten Einzelzahlungen bei EU-Agrarsubventionen bekommen.

In der Datenbank zu den EU-Agrarzahlungen kann jeder Bürger selbst recherchieren, welcher Betrieb in Deutschland welchen Betrag bekommen hat. Laut der Datenbank wurden an mehr als 310.000 Empfänger EU-Agrargelder ausbezahlt. 125 von ihnen erhielten mehr als eine Million Euro.

In welchen Landkreisen wird viel Landwirtschaft betrieben?

Die folgende Karte zeigt: Nicht überall im ländlichen Raum wird auch Landwirtschaft betrieben. Die dunklen Stellen zeigen die Landkreise, in denen besonders viel Fläche landwirtschaftlich genutzt wird. Entsprechend wenig landwirtschaftliche Flächen gibt es in den hell eingefärbten Kreisen. Das können zum Beispiel Städte sein, aber auch ländliche Gebiete wie Wälder oder Berge, die sich für Landwirtschaft schlicht nicht eignen.

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Für die Karte wurde die ausbezahlte Basisprämie je Quadratkilometer Landkreisfläche berechnet. Die Basisprämie bekommen Landwirte pro Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche.

Die intensiv genutzten Gebiete in Schleswig-Holstein (Milchwirtschaft) und Niedersachsen (Geflügel- und Schweinezucht) sind dunkelgrün eingefärbt. Auch in Bayern stechen ertragreiche Ackerbauregionen wie der Gäuboden rund um Straubing in Niederbayern klar heraus. In diesen Landkreisen wird ein großer Teil der Fläche landwirtschaftlich genutzt.

Andere hell eingefärbte Regionen wie etwa der Spreewald südöstlich von Berlin sind zwar auch ländlich geprägt, eignen sich aber nur bedingt für die landwirtschaftliche Nutzung. Das ist auch in der Schwarzwald-Region und den Landkreisen des Nationalparks Bayerischer Wald zu sehen.

Was die Daten über die lokale Struktur der Landwirtschaft verraten

Die folgende Darstellung zeigt, wie viele Empfänger von Direktzahlungen es in den jeweiligen Landkreisen im Verhältnis zur landwirtschaftlichen Fläche gibt.

Die hellen Gebiete in den ostdeutschen Ländern zeigen, dass hier wenige Betriebe besonders große Flächen besitzen. Entsprechend verteilen sich die EU-Zahlungen nur auf wenige Empfänger.

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Der Hauptgrund für diese Struktur ist ein Erbe aus DDR-Zeiten: Die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) bewirtschafteten damals als staatlich festgelegtes Kollektiv sehr große Gebiete, insgesamt waren es bis zur Wiedervereinigung rund 4500 Betriebe. Nach der Wende entstanden daraus viele Großbetriebe, die in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Fällen von landwirtschaftsfernen Investoren übernommen wurden.

In Bayern und Teilen Baden-Württembergs ist es genau umgekehrt: Hier sind kleinbäuerliche Betriebe in der Mehrheit, sie bewirtschaften jeweils weniger Fläche. Die Zahl der Betriebe, die Agrarzahlungen erhalten, ist deutlich höher als im Osten und Norden. Die jeweils ausgezahlte Summe ist dafür niedriger.

EU-Agrarförderung heißt auch Förderung benachteiligter Gebiete

Zur EU-Agrarförderung gehört nicht nur die Unterstützung landwirtschaftlicher Betriebe mit Direktzahlungen, sondern auch Strukturpolitik. Dazu ist vor allem der Europäische Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) gedacht. Er wird sowohl aus EU-Mitteln wie auch aus nationalen Mitteln finanziert. Die Bundesländer legen jeweils eigene Programme auf, um auf die regionalen Herausforderungen reagieren zu können.

Landwirte können Zahlungen aus dem Fonds erhalten, wenn sie etwa steile Hanglagen bewirtschaften. Solche Lagen bringen zwar vergleichsweise wenig Erträge, dadurch wird aber ländlicher Lebensraum erhalten. Betriebe, die Zahlungen aus dem ELER-Topf erhalten, liegen oft in Randlagen, die schwieriger zu bewirtschaften sind. Zugleich sind es oft Gebiete, die touristisch interessant sind.

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Aus dem ELER-Topf werden auch Umwelt-, Klima- und Tierschutzmaßnahmen und Förderung für Biobetriebe bezahlt. Betriebe, die Wald- und Forstwirtschaft betreiben, können ebenfalls ELER-Hilfen erhalten. Staatliche Stellen bekommen etwa für den Küsten- und Hochwasserschutz ELER-Förderung. Es werden aber auch Infrastrukturprojekte wie etwa der Breitbandausbau oder Dorferneuerungsprogramme finanziert. Bei der Förderung geht es auch darum, die Lebensqualität im ländlichen Raum zu steigern und die dortige Wirtschaft zu fördern.

Die ELER-Förderung ist in jenen Gebieten besonders ausgeprägt, die naturbedingte Herausforderungen (Küste, Berge, Nationalparks) haben oder sehr strukturschwach geprägt sind (Nordbayern).

Woher kommen die Daten?

Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) veröffentlicht jedes Jahr im Mai die Empfänger von EU-Agrarsubventionen im Vorjahr. Die Veröffentlichung geschieht in Form einer Datenbank, in der über eine Suchmaske nach Empfängern gesucht werden kann. Der SPIEGEL und der NDR Niedersachsen haben gemeinsam alle Empfänger aus dem Haushaltsjahr 2017 automatisiert ausgelesen und die Daten ausgewertet.

Zu jedem Empfänger ist in der Datenbank eine verkürzte Adresse hinterlegt (i.d.R. Postleitzahl und Ortsname). Um die regionale Verteilung innerhalb Deutschlands zeigen zu können, haben wir die Adressen den Landkreisen und kreisfreien Städten zugeordnet.

Bei 0,6 Prozent der Empfänger war diese Zuordnung nicht möglich. Das hat verschiedene Gründe. So bewirtschaften manche Empfänger zwar in Deutschland eine landwirtschaftliche Fläche, sind aber im Ausland ansässig. Ihre in der Datenbank hinterlegte Adresse kann daher nicht auf einer Deutschlandkarte dargestellt werden. Bei manchen Empfängern sehr niedriger Zahlungen wird in der Datenbank aus Datenschutzgründen nur das Bundesland angegeben. Und schließlich gibt es Empfänger, deren angegebene Adresse nicht eindeutig einem Landkreis zugeordnet werden konnte, etwa weil Postleitzahl und Ortsname widersprüchlich sind, weil statt des Ortsnamens der Name eines Ortsteils angegeben ist oder weil die zur automatisierten Zuordnung genutzten Programmierschnittstellen (Google Maps Geocoding API und OpenCage Geocoder API) aus anderen Gründen keine Ergebnisse geliefert haben.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels war in der Grafik "Wo wird viel Landwirtschaft betrieben?" der Landkreis Vechta falsch markiert. Wir haben die Markierung korrigiert.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
stef_ma 29.05.2018
1. Leider unvollständig, trotzdem erkenntnisreich.
Hätte mich gefreut wenn aus der Statistik herausgekommen wäre, wo die Eigentümer herkommen, die von den Subventionen profitieren. Das hätte zumindest das Ost-Bashing (was jetzt wieder zweifelsohne kommen wird) etwas den Wind aus den Segeln genommen. Seit die Zinsen so niedrig sind, haben wir hier nämlich massenweise Ärzte und Rechsanwälte, die landwirtschaftliche Flächen aufkaufen und verpachten. Aber wie so oft tauchen die Nutznießer von Förderungen (ähmlich wie beim Soli) meist in den Statistiken nicht auf.
bronstin 29.05.2018
2. Sehr interessant
auf Karte 2 kann man also sehen, wo die besten Böden sind - ein Blick in den Diercke oder jedweden besseren Atlas bestätigt das auch. Stellt sich nur die Frage, warum das hier eine Extrarubrik ist - jeder normal begabte Landwirt wird bei einer Bodenwertzahl von jenseits der 60 keine Kühe halten. Wenn er dies täte, dann wäre er schön bescheuert und hätte keine Ahnung von Betriebswirtschaft - ergo demnächst Pleite (vielleicht nicht im Umfeld von Großstädten mit kaufkräftiger Bevölkerung für Bio-Öko-Gutfühl-Direktvermarkt-usw. Dingsbums)! Alle die was anderes behaupten - das sage ich hier ganz offen - haben keine Ahnung aber eine Meinung (Idealisten natürlich ausgenommen)...
Zukunft3.0 29.05.2018
3.
Schluss mit Subventionen an Großkonzerne. Warum werden die überhaupt unterstützt. Die kleinen Bauern sollten gefördert werden, da diese ökologische Viehwirtschaft betreiben. Irgendwie läuft hier so einiges schief.
weltverkehrt 29.05.2018
4.
Zitat von Zukunft3.0Schluss mit Subventionen an Großkonzerne. Warum werden die überhaupt unterstützt. Die kleinen Bauern sollten gefördert werden, da diese ökologische Viehwirtschaft betreiben. Irgendwie läuft hier so einiges schief.
Naja, es gibt da auch so einige Bio-Betriebe, die nicht nur jenseits der 200.000 Euro, sondern jenseits 500.000 Euro subventioniert werden, die ich auf der Karte gefunden habe. Da es sich ganz überwiegend um Direktzahlungen handeln muss, kann man auch hier nicht von kleinen Bauern sprechen. Das möchte ich nur anmerken, überhaupt nicht werten.
patrick6463 01.06.2018
5.
Ich wohne in Niedersachsen. Hier werden Leute die für über 1 Mio Akkerland geerbt haben noch mit 50.000€ pro Jahr gefördert. Erbschaftssteuer zahlen sie auch nicht. Wenn dann Junge Familien ein Haus bauen wollen, langen sie nochmal richtig hin - da sie als eingesessener Landadel die Hand auf allen grundstücken haben. Sozial Gerecht ist das nicht.
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