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Griechischer Euro-Austritt: Fünf Gründe für den Grexit - und fünf dagegen

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Graffiti in Athen: "Europa ohne Griechenland ist wie eine Party ohne Drogen" Zur Großansicht
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Graffiti in Athen: "Europa ohne Griechenland ist wie eine Party ohne Drogen"

Soll Griechenland die Eurozone verlassen? Die Frage steht im Raum - und tatsächlich gibt es gute Argumente dafür. Aber auch dagegen. Der Thesencheck.

Reden hilft, heißt es. Doch über ein mögliches Euro-Aus für Griechenland wird seit Jahren debattiert, ohne dass sich die Kontrahenten einig geworden wären.

Das gilt auch für die gerade beendete Bilderberg-Konferenz - obwohl auf der angeblich einmal im Jahr einmütig die Weltgeschicke festgelegt werden. Ein Teil der Bilderberger halte den Grexit für mittlerweile beherrschbar, sagte ein Konferenzteilnehmer SPIEGEL ONLINE. Eine andere Fraktion aber fürchte nach wie vor unvorhersehbare Reaktionen der Finanzmärkte. Einig sei man sich nur in einem gewesen: Dass Griechenland angesichts der sonstigen globalen Krisen viel zu viel Aufmerksamkeit einfordere.

Doch noch nie war die Diskussion dringlicher als heute. Die Verhandlungen zwischen Griechenland und seinen Geldgebern stecken in einem Patt fest, die Gefahr einer Staatspleite wächst.

Gegner wie Befürworter eines Grexits haben gute Argumente - das zeigt der Blick auf fünf beliebte Thesen. Lesen Sie beide Seiten, indem Sie jeweils auf das Pro- oder Contra-Feld klicken.

Griechenland will nicht sparen.

PRO

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Die neue Regierung lehnt neue Einschnitte ab. Zum Teil hat sie bereits beschlossene Sparmaßnahmen zurückgenommen - vor allem im sozialen Bereich, zum Teil auch bei der Wiedereinstellung von Staatsbediensteten. Zu den strittigsten Punkten zwischen Griechenland und den Gläubigern gehört, wie hoch die zu erwirtschaftenden Haushaltsüberschüsse vor Zinszahlungen sein müssen.

CONTRA

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Seit Beginn der Krise im Jahr 2009 sind die Staatsausgaben laut einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung um fast 30 Milliarden Euro gesenkt worden - das entspricht stolzen zwölf Prozent der damaligen Wirtschaftsleistung. Viele Experten halten die Einschnitte für viel zu hart, weil sie neues Wirtschaftswachstum verhinderten. So steigt trotz aller Einschnitte auch die Schuldenhöhe weiter, da diese im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung gemessen wird.

Griechenland verweigert Reformen.

PRO

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Viele seit Jahren diskutierte Reformen sind bis heute nicht oder nur teilweise umgesetzt: Griechenland hat immer noch kein Grundbuch, ein Bruchteil der angekündigten Privatisierungen ist erfolgt. Der von der neuen Regierung als Priorität angekündigte Kampf gegen Steuerhinterziehung und -vermeidung kommt kaum voran. Stattdessen gab es eine Steueramnestie, von der auch Reiche profitieren.

CONTRA

AFP

Trotz Widerständen gehörte Griechenland laut einer OECD-Studie in den vergangenen Jahren zu den reformfreudigsten Industrieländern: Vormals streng reglementierte Berufe wie das Taxigewerbe wurden geöffnet, Unternehmensgründungen erleichtert, das Renteneintrittsalter wiederholt heraufgesetzt. Viele noch ausstehende Reformen wurden nicht von der jetzigen Regierung, sondern von ihren Vorgängern verschleppt. Diese haben beispielsweise konkrete Hinweise auf Steuerhinterzieher jahrelang ignoriert.

Griechenland hat schon zu viel Geld bekommen.

PRO

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Mittlerweile sind 327 Milliarden Euro nach Griechenland geflossen – mit Abstand die höchste Summe für ein Krisenland der Eurozone. Zwar handelt es sich nicht um Geschenke, sondern um Kredite. Doch deren Laufzeiten betragen mehr als 30 Jahre, zum Teil will Athen sie auf 100 Jahre erhöhen. Ob die Gläubiger ihr gesamtes Geld wiederbekommen, ist höchst ungewiss.

CONTRA

AFP

Die Rückzahlung der Kredite ist fraglich, bei einem Grexit aber hätte sie sich endgültig erledigt. Hinzu kämen dann weitere Verluste wie Verbindlichkeiten aus dem Zahlungssystem Target2 von rund hundert Milliarden Euro. Sollte Griechenlands Austritt zu einer Kettenreaktion in der Eurozone führen, könnte dies Studien zufolge leicht zu weiteren Belastungen in dreistelliger Milliardenhöhe führen.

Ein Grexit ist besser für den Rest Europas.

PRO

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Wirtschaftlich fiele ein Ausscheiden Griechenlands kaum ins Gewicht - der griechische Anteil an der europäischen Wirtschaftsleistung beträgt nur gut ein Prozent. Zugleich wäre der Grexit ein wichtiges Signal an die übrigen Euroländer: Die gemeinsamen Regeln müssen eingehalten werden, endloses Feilschen wird irgendwann bestraft.

CONTRA

AFP

Mit Griechenlands Ausscheiden droht der gesamten Eurozone eine fatale Kettenreaktion: Die mühsam eingedämmten Spekulationen gegen die Währungsunion könnten wieder aufflammen, auch der Euro-Rettungsfonds wäre damit irgendwann überfordert. Gelingt Griechenland nach dem Austritt ein Aufschwung, könnten andere Euroländer seinem Beispiel folgen. Stürzt es dagegen ab, so bedroht ein instabiles Land am Rande Europas die Sicherheit des ganzen Kontinents.

Ein Grexit ist besser für Griechenland.

PRO

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Ohne Euro wäre Griechenland endlich die Kontrollen durch die Geldgeber los. Ein Großteil der Bevölkerung empfindet diese als Fremdherrschaft, das Vertrauen in die Demokratie droht verloren zu gehen. Seine neue Währung könnte Griechenland abwerten und so endlich wieder wettbewerbsfähig werden. Bislang ist das Land dagegen auf eine schmerzhafte "innere Abwertung" angewiesen, sprich: sinkende Löhne und Preise.

CONTRA

AFP

Eine klare Mehrheit der Griechen bekennt sich nach wie vor zum Euro. Nach einem Austritt drohen dem Land chaotische Zustände, der Kapitalverkehr müsste eingeschränkt werden, die humanitäre Krise für Einheimische wie Flüchtlinge würde sich verschärfen. Das Land wäre weiterhin auf EU-Unterstützung angewiesen. In Brüssel werden für diesen Fall bereits Notfallpläne entworfen.

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insgesamt 267 Beiträge
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1. Ich verstehe
ollux 17.06.2015
die politischen Gründe, die für einen Verbleib des todkranken Europatienten in der Währungszone sprechen. Dem Euro aber, der Währung von zig Millionen Bürgern wird in übler Weise geschadet. Jeder halbwegs Einsichtige/Bebildete/ Wissende muss dies ehrlicherweise bestätigen. Der Kern des Problems liegt in der Euro Einführung und dies bezieht sich nicht nur auf die Griechen. Deshalb ist es völlig zweckfrei , einen komatösen Patienten am Leben zu erhalten , zumal ethische Fragen nicht berührt werden.
2. Schrecken ohne Ende
robin-masters 17.06.2015
wie von mir schon mehrmals erwähnt (auch schon vor 2 Jahren). Entweder ein Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende. Wir erleben grade das letztere und auch das ist nicht gut für die EU. Es gibt zwei schlechte Lösung man muss sich für die bessere entscheiden - momentan sieht es aus als möchte man den Grexit verhindern und so eine dauerhafte Griechenlandkrise haben, die wiederum zeigt das man niemanden so einfach aus dem Euroraum ausscheiden lässt und damit Spekulanten abwehrt. Das alles hilft Griechenland und der EU jedoch nicht.
3. Häh? Europa ohne Griechenland ist wie eine Party ohne Drogen?
my_2_cents 17.06.2015
Dem Spruch auf diesem Plakat nach sehen sich einige Griechen als die lebensfrohen, stets gut gelaunten Menschen, die Partys dadurch bereichern, dass sie Drogen mitbringen. Liebe Griechen, ihr könnt gern wilde Partys feiern und euch nach Belieben besaufen und bekiffen. Aber hört endlich auf, die beleidigte Leberwurst zu spielen, wenn wir keine Lust mehr haben, eure Party weiterhin zu bezahlen!
4. @Olux #1
spiegelleserxy 17.06.2015
Genau das ist der Grund warum Griechenland zugrunde ging. Weil Menschen wie sie meinen Ethik habe im Finanzwesen nix verloren. Korruption über Korruption auf beiden Seiten. Der Gewinner sind allein die Banken.
5. Was für eine Logik..
gewgaw 17.06.2015
Trotz Widerständen gehörte Griechenland laut einer OECD-Studie in den vergangenen Jahren zu den reformfreudigsten Industrieländern: Sagen Sie mal einem Einser-Schüler er solle sich endlich mal reformieren und besser werden. Aber wenn sich ein Sechser-Schüler auf Vierminus verbessert, ist das im Vergleich zum Einserschüler ein Quantensprung.
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