Euro-Debatte in Davos Die Mauer muss her!

Den Euro-Rettern läuft die Zeit davon. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos dreht sich alles um neue Hilfen für die vom Schuldenkollaps bedrohten Länder. Finanzminister Schäuble will von noch höheren "Brandmauern" nichts wissen - doch die Zahl seiner Verbündeten ist überschaubar.

Aus Davos berichtet

Finanzminister Schäuble in Davos: Keine Lust, der Sündenbock zu sein
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Finanzminister Schäuble in Davos: Keine Lust, der Sündenbock zu sein


Als François Baroin das erste Mal das Wort ergreift, geht ein kollektives Rascheln durch den Kongress-Saal von Davos. Die meisten Zuhörer greifen zu ihren Übersetzungskopfhörern, weil der französische Wirtschafts- und Finanzminister als einziger auf dem Podium lieber in seiner Landessprache antwortet. Das ist es wieder mal, das gute alte Europa: Einheit in Vielfalt.

Ein bisschen mehr Einheit könnte derzeit nicht schaden. Das demonstriert der Einspielfilm zum Beginn der Diskussion "Zukunft der Euro-Zone". Im Stil eines Agenten-Thrillers werden die Stationen der Euro-Krise präsentiert: Straßenschlachten in Athen, die Notkäufe der EZB, Regierungswechsel in Irland und Italien, eine Europakarte mit immer mehr rot eingefärbten Krisenländern. Kein Wunder, Gastgeber der Diskussion ist der US-Fernsehsender CNBC.

Dass die Währungsunion weit von Normalität entfernt ist, zeigte sich schon in den ersten Tagen des Weltwirtschaftsforums. Bei der Eröffnung sprach Forumschef Klaus Schwab von 2012 als dem Jahr, in dem der Euro scheitern könnte. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warnte hingegen davor, Deutschland bei der Rettung zu überfordern. Am Tag darauf sorgte dann EU-Währungskommissar Olli Rehn mit der Aussage für Schlagzeilen, Griechenland brauche weitere Milliarden.

Auch Rehn saß am Freitag in Davos auf dem Podium, außerdem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und der neue spanische Wirtschaftsminister Luis de Guindos Jurado. Von allen wollte die Moderatorin vor allem eines wissen: Was tut Europa hier und jetzt gegen die Krise? Wer baut eine "Brandmauer" gegen die Krise - etwa durch eine Aufstockung der Bürgschaften?

Die Mehrheitsmeinung in Davos scheint zu sein: Die Mauer muss her! Gestützt wird sie unter anderem vom britischen Premierminister David Cameron. Der kritisierte in Davos indirekt das Krisenmanagement der Deutschen und forderte eine Mauer, die "hoch genug sein muss, um Angriffe auch abzuwehren".

Doch wie hoch ist hoch genug? Wolfgang Schäuble hatte wenig Lust, sich auf diese Debatte einzulassen. "Sie können jede Art von Brandmauer bauen, mit jeglicher Zahl: Sie wird nicht funktionieren, solange die wirklichen Probleme nicht gelöst werden." Und das größte Problem sei vorerst nun mal mangelndes Vertrauen, das Länder wie Griechenland durch Reformen erst wiedergewinnen müssten. "Griechenland muss sich dazu nicht nur verpflichten, sondern auch liefern."

"Die nächsten drei Tage werden sehr entscheidend"

Es bleibt also dabei: Deutschland legt Wert auf langfristige Änderungen. Doch angesichts der neuen Finanzlöcher und zähen Verhandlungen in Griechenland wird immer häufiger gefragt, ob die Europäer noch so viel Zeit haben.

Rehn jedenfalls drängt auf schnelle Entscheidungen. Die nächsten drei Jahre seien sicher wichtig, doch schon "die nächsten drei Tage werden sehr entscheidend sein". Man sei in Griechenland "sehr nah" an einer Einigung, sagte der Währungskommissar. Schon am Freitag, spätestens aber am Wochenende dürfte es bei den Verhandlungen zwischen Privatgläubigern und griechischer Regierung zu einem Ergebnis kommen. Wie dieses Ergebnis durch die von ihm am Vortag verkündete Finanzierungslücke beeinflusst werden könnte, sagte Rehn nicht.

Noch etwas dringlicher klang es bei François Baroin. Er habe zwar "eigentlich nicht vorgehabt, diesen Punkt heute zu behandeln", sagte der Franzose. Aber "je höher die Brandmauer, desto weniger muss sie verwendet werden". Hier in Davos zeigt sich: Immer mehr Euro-Politiker glauben nicht mehr, dass die bisher angeschobenen Hilfsaktionen ausreichen. Es wird einsam um Deutschland.

Einzig der Spanier de Guindos schien Schäubles Abneigung gegen neue Hilfsmilliarden uneingeschränkt zu teilen. Er wies darauf hin, dass sein Land in der Krise das größte Konjunkturpaket überhaupt geschnürt habe und heute dennoch mit der höchsten Arbeitslosigkeit dastehe.

Aber würgen die harten Sparprogramm in den Krisenländern nicht jedes neue Wachstum ab? Wolfgang Schäuble hatte eine überraschende Antwort: Sparen erhöhe im Gegenteil den Konsum.

"Wir werden unsere Finanzpolitik deutscher machen", habe ihm US-Finanzminister Timothy Geithner nach einem Besuch gesagt, erzählte Schäuble. Der Amerikaner sei beeindruckt gewesen vom deutschen Konsum, der zunehmend zur Stütze für das deutsche Wachstum wird. Schäubles Erklärung für die Kauflust: Deutsche Sparbemühungen hätten "die Menschen Vertrauen fassen lassen und sie haben mehr Geld ausgegeben".

Experten erklären den gestiegenen deutschen Konsum allerdings eher mit niedrigen Zinsen und Sorge um die Stabilität des Euro, nach dem Motto: Weg mit dem Geld, solange es noch etwas wert ist. Zudem mussten die Deutschen nicht einmal ansatzweise jene Einsparungen verkraften, die derzeit von Griechen oder Portugiesen verlangt werden.

Doch Schäuble hatte in Davos ebenso wie Merkel keine Lust auf die Rolle des Sündenbocks. Am Ende der Diskussion fragte eine EU-Parlamentarierin im Publikum pathetisch, wie die Politiker die Krise lösen wollten, ohne die europäischen Verträge und Institutionen zu unterminieren. Blitzschnell antwortete Schäuble mit einem Verweise auf den Briten Cameron, der kürzlich mit seiner Ablehnung einer Finanztransaktionssteuer die geplante Fiskalunion deutlich geschwächt hatte. "Ich würde Ihnen gerne die Handy-Nummer von David Cameron geben", sagte der Finanzminister unter großem Gelächter.

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Seite 1
kuddel37 27.01.2012
1.
Zitat von sysopDen Euro-Rettern läuft die Zeit davon. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos dreht sich alles um neue Hilfen für die vom Schuldenkollaps bedrohten Länder. Finanzminister Schäuble will von noch höheren "Brandmauern" nichts wissen, doch die Zahl seiner Verbündeten ist überschaubar. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,811831,00.html
Es reicht, sollen sie doch ihre "größere Brandmauer" allein machen, aber ohne weitere Gelder aus Deutschland. Niemand hält sie auf es selbst zu machen und zu bezahlen.
huberwin 27.01.2012
2. Davos ist nicht der Ort, der den Euro rettet
Brandmauer ist doch nur ein Ausdruck für noch mehr Gelddrucken für die gierige Finanzindustrie....das ist sicherlich nicht der Weg zur Lösung. Mehr Geld, mehr Geld.......bis das System platzt......super Ideen.
santaponsa 27.01.2012
3. Mein Gott, ...
Zitat von sysopDen Euro-Rettern läuft die Zeit davon. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos dreht sich alles um neue Hilfen für die vom Schuldenkollaps bedrohten Länder. Finanzminister Schäuble will von noch höheren "Brandmauern" nichts wissen, doch die Zahl seiner Verbündeten ist überschaubar. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,811831,00.html
... es ist auch in Davos immer noch nicht verstanden worden, dass die bauernschlauen, griechischen Politiker als brutale Milliarden-Schuldner pokern, um den Angst-Gläubigern die höchsten Schuldenerlasse abzupressen. Und genau das, wenn es denn gelingt, werden sie ihren Wählern als gute Tat (und als Provision für sich) verkaufen. Die Gläubiger sollten sich verweigern und sie auf der dann NEUEN Drachme als einzigen Ausweg sitzen lassen!
nudelsuppe 27.01.2012
4.
Zitat von sysopDen Euro-Rettern läuft die Zeit davon. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos dreht sich alles um neue Hilfen für die vom Schuldenkollaps bedrohten Länder. Finanzminister Schäuble will von noch höheren "Brandmauern" nichts wissen, doch die Zahl seiner Verbündeten ist überschaubar. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,811831,00.html
Genau, immer noch höhere "Brandmauern". Solange man es nicht bezahlen muss, sondern Deutschland es tun soll. Tolle Idee. Immer noch mehr Schulden machen. So ein Mist. Hoffentlich hält die Bundesregierung ihre Haltung durch.
Roßtäuscher 27.01.2012
5. Wie bei Brüsseler Großtreffen der Mitglieder so auch in Davos
Zitat von sysopDen Euro-Rettern läuft die Zeit davon. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos dreht sich alles um neue Hilfen für die vom Schuldenkollaps bedrohten Länder. Finanzminister Schäuble will von noch höheren "Brandmauern" nichts wissen, doch die Zahl seiner Verbündeten ist überschaubar. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,811831,00.html
Ein jeder Vortragende hat seine Meinung zur Krisenbewältigung, kein einziger Vorschlag deckt sich mit anderen. Keiner kann garantieren dass es funktioniert. Nach dem Motto "Schaun' wir mal, was passiert". Aber immer andere, vor allem die Deutschen kritisieren, nämlich die genährte Sau die für alle Armleuchter bezahlt. Der Dicke aus Oggersheim hatte schon recht, nie und nimmer einer Währungsunion zuzustimmen. Bis völlig unerwartet die Wiedervereinigung Deutschlands anstand. Man darf dem Gorbatschow und auch Bush sen. nie vergessen, dass beide für ein Vereintes Deutschland waren. Die Engländer schossen,wie jetzt auch der unzulängliche Cameron von den Tories, mit der Britischen Staats- und Symbolstatue von der gleichen Vereinigung vollkommen dagegen. Nur der Mitterand witterte hinterhältig die einmalige Chance, den Deutschen mit seinem "Oui" die Gründung des jetzigen Verderbens abzunötigen. Auch eine linke Art, die man ihm ebenfalls nicht vergessen kann. Nix Vive la France.
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