Vor Griechen-Wahl: Top-Ökonom warnt vor Crash der Euro-Zone

Der Effekt der Spanien-Hilfen verpufft an den Märkten, nun rückt Italien in den Fokus der Krise. Der US-Wirtschaftswissenschaftler Nouriel Roubini warnt offen vor einem Zusammenbruch der Währungsunion. Das würde für Deutschland teurer als alle Hilfen für die Euro-Partner.

Ökonom Roubini: "Wer den Griechen den Stecker zieht, provoziert den Zusammenbruch" Zur Großansicht
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Ökonom Roubini: "Wer den Griechen den Stecker zieht, provoziert den Zusammenbruch"

Berlin - Seine Prognosen werden in der Finanzwelt genau verfolgt. Der US-Ökonom Nouriel Roubini ist als "Dr. Doom" bekannt, auf Deutsch etwa "Dr. Untergang". Der Grund: Roubini hatte den Einbruch des US-Immobilienmarktes und damit die Weltfinanzkrise ab 2007 früh vorausgesagt.

Vor der Wahl in Griechenland warnt der Wirtschaftsprofessor nun vor einem Ende der europäischen Währungsgemeinschaft. "Wer den Griechen den Stecker zieht, provoziert den totalen Zusammenbruch der Euro-Zone", sagte Roubini der "Bild"-Zeitung. Bei einem Kollaps des Landes würden viele Anleger in Panik geraten: "Dann gibt es einen Run auf die Banken in Portugal, Spanien und Italien", sagte der frühere Regierungsberater. Hintergrund ist das Szenario, dass die Griechen am Sonntag erneut keine mehrheitsfähige Koalition wählen, die die Sparvereinbarungen einhält. Dies ist denkbar, wenn das Linksbündnis Syriza die Wahl gewinnt. Das Land könnte dann in die Lage geraten, den Euro aufgeben zu müssen.

Roubini fordert, Griechenland entweder in der Euro-Zone zu halten oder dem Land zumindest einen geregelten Ausstieg zu ermöglichen. Sprich: Die Euro-Retter müssten Athen auch bei einer Rückkehr zur Drachme weiter finanziell unterstützen. "Beides ist für Deutschlands Steuerzahler billiger, als die Euro-Zone kaputtgehen zu lassen", sagte Roubini.

Im SPIEGEL geht der Ökonom noch weiter. Gemeinsam mit dem Harvard-Dozenten Niall Ferguson beschreibt er, was bei einem Zusammenbruch des Euro geschehen würde: "Der deutsche Wohlstand hängt eng mit der Währungsunion zusammen. Deutsche Exporteure haben durch den Euro Wettbewerbsvorteile. Und die Euro-Zone ist das Ziel für 42 Prozent der deutschen Exporte." Roubinis Warnung: Die Hälfte dieses Markts in eine Rezession zu befördern, "kann nicht im deutschen Interesse sein".

Neben der Wahl in Griechenland rückt seit Wochenbeginn auch wieder Italien in den Fokus der Krise. Das Land meldete am Montag einen Einbruch der Konjunktur, im ersten Quartal schrumpfte die Wirtschaft um 0,8 Prozent - so stark wie seit drei Jahren nicht mehr. Anleger verkauften italienische Staatsanleihen, die Rendite für zehnjährige Papiere stieg auf über sechs Prozent. Die Staatsschulden sind mit 120 Prozent der Wirtschaftsleistung sogar höher als in Spanien.

Euro rutscht unter Marke von 1,25 Dollar

EU-Wirtschafts- und Währungskommissar Olli Rehn warnte am Montag, Italien drohten Probleme wegen der Verschlechterung im Exportbereich. Auch die Lage in Spanien und Zypern bezeichnete Rehn als schwierig. Die Kommission sei zu dem Schluss gekommen, dass beide Länder "sehr ernsten Ungleichgewichten" ausgesetzt seien, nicht zuletzt in ihren Finanzsektoren, und dass dies dringend korrigiert werden müsse.

Rehn verwies auf die Entscheidung der Euro-Gruppe vom Wochenende, Spanien für die Rettung seiner maroden Banken bis zu 100 Milliarden Euro Hilfe zu gewähren. In dieser Summe sei ein Sicherheitsspielraum enthalten.

Der Euro Chart zeigen büßte am Dienstag zunächst an Wert ein. Die Gemeinschaftswährung notierte mit 1,2490 Dollar, nachdem sie am Montag bis auf 1,2672 Dollar gestiegen war. Die Erleichterung über die vereinbarten Hilfen für Spaniens Banken ist also bereits wieder verflogen. Viele Anleger waren skeptisch, ob die in Aussicht gestellten Mittel ausreichen, um die Schuldenkrise in den Griff zu bekommen. Außerdem sorgt die Wahl in Griechenland für erhebliche Nervosität.

cte/Reuters/dpa

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insgesamt 198 Beiträge
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1. Teuer oder nicht
wolfgangotto 12.06.2012
Es geht doch offensichtlich nur noch darum, dass die Bürger der Pleiteländer weiterhin VW, Mercedes, BMW, AUDI auf Pump kaufen. Die Zeche zahlt der deutsche Kleinsparer der Sparkasse, Volksbank und der Postbank, dessen Realguthaben wie der berühmte Eisbecher in der Sonne wegschmilzt.
2. Warnen und am besten nichts empfehlen
donnerfalke 12.06.2012
---Zitat--- Der US-Wirtschaftswissenschaftler Nouriel Roubini warnt offen vor einem Zusammenbruch der Währungsunion. ---Zitatende--- Warnen können sie alle, die Narren der Marktplatzwirtschaft. Nur anständigen Rat zu geben können sie nicht.
3. Wir gehen alle aus dem Euro raus...
klarseher 12.06.2012
Zitat von sysopREUTERSDer Effekt der Spanien-Hilfen verpufft an den Märkten, nun rückt Italien in den Fokus der Krise. Der US-Wirtschaftswissenschaftler Nouriel Roubini warnt offen vor einem Zusammenbruch der Währungsunion. Das würde für Deutschland teurer als alle Hilfen für die Euro-Partner. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,838277,00.html
...undzwar mit einem doppelt so hohen Wechselkurs, wie wir eingestiegen sind. Eurozonenbürger tauschen nach diesem Kurs ihres jeweiligen Landes, fremde im Durchschnittskurs aller neuen Landeswährungen. Das wäre fair für alle, und der Krampf hat ein Ende!
4. So macht man Propaganda
GhostOfDorian 12.06.2012
Roubini warnt nicht davor, die vereinbarten Hilfen für Griechenland zu stoppen, wenn sie ihren Verpflichtungen nicht nachkommen. Er warnt lediglich davor, das Land danach sich selbst zu überlassen. Allerdings ist eine Hilfe nach der Hilfe nicht mehr in Hunderten sondern nur noch in einzelnen Milliarden zu bemessen. Wir müssen garantieren, dass die Griechen über die notwendigen Devisen verfügen, um Energie, Medikamente und andere für ihre Volkswirtschaft unbedingt notwendige Güter kaufen zu können. Auf Kredit wird ihnen danach nämlich keiner mehr etwas liefern. Sollten diese Überlebenshilfen nicht geleistet werden, wäre vor allem Griechenland selbst vom totalen Kollaps betroffen. Ohne Energie würde das Land sofort ins Mittelalter zurückfallen. Die griechischen Bürger spielen daher vor allem mit der eigenen Existenz. Die teuerste Lösung für Deutschland wäre, wenn wir uns von Griechenland erpressen ließen. Das würde augenblicklich jedes Land auf der Welt veranlassen, uns übelste Folgen anzudrohen, wenn wir nicht sofort unser Volksvermögen auf deren Konten überweisen würden.
5. Ach, immer diese Amerikaner...
Snoopy60 12.06.2012
Er möge doch vor seiner eigenen Haustür kehren. Immerhin hat der Löwenanteil dieser Finanzkrise seinen Ursprung in seinem heimatland. Und bis heute ist nicht wirklich Besserung in Sicht. Obamas Maßnahmen, die er sicherlich nach Ratschluß amerikaner Expertenrunden der amerikanischen Wirtschaft verabreicht, haben bis heute nicht wirklich nachhaltige Wirkungen erzeugt. Ein positiver Aspekt der Krise ist, daß wenigstens ansatzweise jetzt auch in Europa die Erledigung längst fälliger Hausaufgaben nicht nur angekündigt, sondern offenbar endlich auch einmal einma angegangen wird. Dann hätte die Krise, langfristig gesehen, auch ihr Gutes. Bei der Bewertung europäischer Aktivitäten durch Amerikaner entsteht bei mir immer unterschwellig der Eindruck, die Aussagen könnten gekauft und ferngesteuert sein.
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So funktioniert der Rettungsfonds ESM
Volumen
Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) kann bis zu 500 Milliarden Euro an Hilfsgeldern vergeben. Nur 80 Milliarden Euro davon werden wirklich eingezahlt, der Rest sind Garantien. Nicht angerechnet werden die bereits vergebenen Hilfen aus dem vorläufigen Rettungsfonds EFSF sowie bilaterale Kredite der Euro-Staaten an Griechenland.
Einzahlung
Die 80 Milliarden Euro Kapital werden in fünf Tranchen eingezahlt; zwei im Jahr 2012, zwei weitere 2013 und eine letzte bis Mitte 2014. Erst dann hat der Fonds sein komplettes Ausleihvolumen von 500 Milliarden Euro erreicht. Bis dahin kann es eng werden: Der ESM muss stets 15 Prozent von dem Geld besitzen, das er in Notfällen verleiht. Er müsste also 15 Milliarden Euro besitzen, um ein Rettungspaket von 100 Milliarden Euro schnüren zu können. Um für eine Übergangsphase gerüstet zu sein, soll der vorläufige Rettungsfonds EFSF noch bis Mitte 2013 einspringen können, falls der ESM noch nicht ausreichend gefüllt ist. Im EFSF befinden sich noch rund 240 Milliarden Euro, die nicht für bestehende Hilfsprogramme ausgegeben wurden.
Aufgabe
Der ESM soll Mitgliedsländern der Euro-Zone helfen, die Schwierigkeiten haben, sich am Finanzmarkt frisches Geld zu leihen - etwa wenn die Zinsen für Staatsanleihen zu hoch sind, um sie dauerhaft zahlen zu können. Es gibt keine feste Definition, ab welchem Zinsniveau Staaten Hilfe beantragen müssen oder können - als Faustregel gelten aber sieben Prozent für zehnjährige Staatsanleihen. Bei Erreichen dieses Werts hatten Länder wie Portugal oder Irland Hilfen aus dem Vorgängerfonds EFSF beantragt. Im Gegenzug für Hilfen aus den Rettungsfonds müssen die Krisenländer strenge Sparauflagen einhalten und Strukturreformen beschließen.