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Euro-Gipfel in Brüssel: Merkel und Sarkozy drängen Banker zu Schuldenschnitt 

Der "Haircut" für Griechenland rückt näher: In Brüssel feilschen Angela Merkel und Nicolas Sarkozy mit Spitzenbankern um einen Teilerlass der Verbindlichkeiten. Den Geldhäusern wurde bereits eine Kapital-Aufstockung von neun Prozent verordnet, der EFSF-Fonds könnte auf eine Billion Euro wachsen.

Spitzenpolitiker Sarkozy, Merkel: Gespräche mit Spitzenvertretern der Geldinstitute Zur Großansicht
REUTERS

Spitzenpolitiker Sarkozy, Merkel: Gespräche mit Spitzenvertretern der Geldinstitute

Brüssel - Eine Lösung in der strittigen Frage eines Schuldenschnitts für Griechenland muss her - und offenbar gehen die Verhandlungen in die heiße Phase. Am Rande des Euro-Gipfels in Brüssel haben Spitzengespräche mit den Banken begonnen. An dem Treffen mit den Vertretern des Weltbankenverbands IIF nahmen unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sowie EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und EU-Kommissisonspräsident José Manuel Barroso teil.

"Die Banker führen jetzt Gespräche mit den Chefs", wurde der Nachrichtenagentur Reuters in der Nacht auf Donnerstag aus deutschen Regierungskreisen bestätigt. Ziel der Verhandlungen ist es, die Banken zu einem größeren Verzicht von Forderungen gegenüber Griechenland zu bewegen.

Eine Zahl wird dabei immer wieder genannt: 50 Prozent ihrer Ansprüche sollen die Banken laut Verhandlungskreisen fallen lassen. Die Privatgläubiger hielten 210 Milliarden Euro an Staatsanleihen, sagte ein mit den Beratungen der Euro-Chefs Vertrauter am Mittwoch in Brüssel. Diese Summe solle mit einem radikalen Schuldenschnitt um 100 Milliarden Euro reduziert werden.

Kanzlerin Merkel hatte das Ziel am Morgen in Berlin vorgegeben: Athens Gesamtverschuldung müsse auf 120 Prozent gedrückt werden. Bis zum Abend aber waren die Verhandlungen mit den Banken verhakt, weil diese auf eine hohe Absicherung neuer Papiere pochen und nicht zum 50-Prozent-Haircut bereit scheinen.

Seit Mittwochabend beraten die Führungen der 17 Euro-Länder hinter verschlossenen Türen. Ein Ende des Treffens ist bisher nicht terminiert, die Gespräche könnten sich bis in die Morgenstunden hinziehen. Diplomaten berichteten am späten Mittwochabend, man habe sich auf eine Ausweitung des EFSF-Rettungsfonds auf bis zu ein Billion Euro geeinigt. Bestätigt ist dies jedoch bisher noch nicht.

Banken müssen Kapital aufstocken

In einer anderen wichtigen Frage hat der zweite Rettungsgipfel binnen drei Tagen dagegen bereits einen Beschluss gebracht. Die 27 EU-Staaten haben in einer ersten Sitzung eine Rekapitalisierung ihrer Banken verabschiedet. Die Geldhäuser müssen Kernkapital in Höhe von neun Prozent ihrer sogenannten risikogewichteten Anlagen vorhalten. Bisher sind vier Prozent gesetzlich vorgeschrieben. Für die Kapitalaufstockung haben die Institute Zeit bis zum 30. Juni 2012, so lange werden Bonus- und Dividendenzahlungen beschnitten.

Der polnische Ministerpräsidenten Donald Tusk sprach von "einer kurzen, aber stürmischen Diskussion" im Kreis der EU-Regierungschefs. Die Nicht-Euro-Staaten hätten deutlich gemacht, dass sie über Entscheidungen der Eurogruppe informiert sein wollten. Man sei aber trotzdem "einer gewissen politischen Einigung sehr nahe gekommen", so Tusk weiter.

Weniger optimistisch äußerte sich Schwedens Regierungschef Fredrik Reinfeldt nach dem Treffen: "Ich glaube nicht, dass es heute Nacht eine endgültige Lösung geben wird."

Die nun beschlossene Kapitalaufstockung der Banken wird finanziell enorm aufwendig. Auf rund 106 Milliarden Euro schätzt die Europäische Bankenaufsicht EBA den Kapitalbedarf. Die größten Summen brauchen demnach mit 30 Milliarden Euro Banken aus Griechenland sowie mit 26,16 Milliarden Euro Institute aus Spanien, mit 14,77 Milliarden Euro italienische Banken und mit 8,84 der Finanzsektor in Frankreich. Deutsche Geldhäuser brauchen laut EBA frisches Kernkapital in Höhe von 5,18 Milliarden Euro.

Wie soll der EFSF-Schirm aufgestockt werden?

Ein weiterer zentraler Streitpunkt ist die Stärkung des Rettungsschirms EFSF. Dafür soll eigentlich auf dem EU-Sondergipfel der Grundstein gelegt werden: Von einem Hebel ist die Rede, von einem Finanzkniff, mit dem seine Schlagkraft auf rund eine Billion Euro erhöht werden soll. Zwei Modelle werden für die Aufstockung diskutiert:

  • Versicherungsmodell: Der EFSF garantiert nicht für alle möglichen Verluste, sondern nur für einen Teil, zum Beispiel die ersten 20 Prozent. Wenn ein Land pleitegeht und zum Beispiel 50 Prozent seiner Schulden nicht zurückzahlen kann, läge der Verlust für die Investoren also bei 30 Prozent. So sollen Privatanleger gelockt werden, weiter Schuldenpapiere von Staaten zu kaufen.
  • Zweckgesellschaftsmodell: Der EFSF gründet Zweckgesellschaften, die Anleihen europäischer Staaten kaufen. Er stattet sie mit einem Grundstock aus und garantiert bei einem Ausfall für einen Teil der Investments. Andere Investoren wie große Staatsfonds oder Hedgefonds können ebenfalls Geld einzahlen, ebenso der Internationale Währungsfonds.

Welches dieser beiden Modelle sich am Ende durchsetzt oder ob sie miteinander kombiniert werden, ist noch nicht entschieden. Im Entwurf des Gipfel-Kommuniqués finden sich noch nicht einmal Angaben, auf welche Summe das Geld des EFSF letztlich gehebelt werden soll. Man wolle sie "vervielfachen", so viel sickerte am Rande der Verhandlungen bereits durch.

jok/dpa/Reuters/dapd

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Begriff der Friseure, die ihre Bürger über die Löffel barbieren
Stauss 27.10.2011
"Haircut". Nicht als Schlagwort. Denn es bleibt keine Frisur übrig, wenn hier frisiert wird, sondern nur Glatze. Ratzekahl. Staaten die nicht zahlen können, brauchen keinen gefälligen "Haarschnitt", sondern einen Radikalschnitt.
2. schönes Foto....
eingedanke 27.10.2011
Zitat von sysopDer*"Haircut" für Griechenland rückt näher: In Brüssel feilschen Angela Merkel und Nicolas Sarkozy mit Spitzenbankern um einen Teilerlass der Verbindlichkeiten. Den Geldhäusern wurde bereits eine Kapital-Aufstockung von neun Prozent verordnet, der EFSF-Fonds könnte auf eine Billion Euro wachsen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,794267,00.html
zum Finale. Nach der gestrigen Bundestagssitzung war es interessant die Argumente, die es nicht gibt fürs Handeln, nochmal so ausführlich hören und sehen zu dürfen. Inhalte auf die Zukunft waren keine dabei. Wenn der € crasht ist es ziemlich unerheblich welche marginale Kapital-Aufstockung den Banken "verordnet" wird. "verordnet" hat übrigens keiner der Redner gesagt, ergo wird es nicht passieren, vielleicht hat spon eine andere Debatte verfolgt.
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Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

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