Euro-Gipfel Wo Griechenland in der Kreide steht

Raus aus den Schulden - dieses Motto wollen die Euro-Staaten den angeschlagenen Griechen verordnen. Damit sie Erfolg haben, sollen die Banken auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Doch das dürfte kaum ausreichen: Um Griechenland wirklich zu helfen, müssten noch andere Gläubiger bluten.

Akademie von Athen: Finanzierungslücke größer als angenommen
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Akademie von Athen: Finanzierungslücke größer als angenommen

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Hamburg - Der Schuldenberg ist gigantisch. Mit rund 360 Milliarden Euro steht Griechenland bei seinen Gläubigern in der Kreide - das sind gut 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und damit der zweithöchste Wert unter allen Industrieländern. Nur Japan ist - relativ zur Wirtschaftsleistung - höher verschuldet.

Ein Problem Griechenlands ist, dass sich ein Großteil seiner Schulden in den Händen ausländischer Gläubiger befindet. Das Land ist von deren Launen abhängig. Da haben es die Japaner und die ebenfalls hochverschuldeten Italiener leichter: Ein Großteil ihrer Verbindlichkeiten wird von inländischen Investoren gehalten - und die sind traditionell treuer als ausländische.

Ein weiteres Problem: Griechenland braucht bald viel frisches Geld. Bis Ende 2014 laufen Anleihen im Volumen von mehr als 100 Milliarden Euro aus. Wegen der Wirtschaftskrise schwinden zudem die Steuereinnahmen. Da sich der Staat derzeit kein Geld am Markt besorgen kann, müssen die Euro-Staaten und der IWF mit Krediten einspringen.

Die Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds hat jüngst vorgerechnet, dass in Griechenland die Finanzierungslücke noch größer ist als bisher angenommen. Statt 109 Milliarden, wie noch im Juli vereinbart, könnte das Land bis zum Jahr 2020 mehr als 250 Milliarden Euro externe Hilfe benötigen. Nur wenn die Banken sich darauf einlassen, auf 60 Prozent ihrer Forderungen zu verzichten, könnte der Hilfsbetrag einigermaßen stabilgehalten werden.

Doch auch das wird kaum helfen. Denn die Forderungen der Banken machen nur einen relativ geringen Teil der griechischen Gesamtschulden aus. Wenn nicht auch andere, öffentliche Gläubiger auf Geld verzichten, wird der Schuldenberg sehr hoch bleiben.

Wo sich die 360 Milliarden Euro Schulden Griechenlands genau befinden, lässt sich im Detail kaum überprüfen - auch weil ein beträchtlicher Teil davon aus weit gestreuten kleineren Beträgen zusammenkommt. Die größeren Posten sind allerdings bekannt.

SPIEGEL ONLINE zeigt, bei wem die Griechen am höchsten verschuldet sind.

Europäische Zentralbank

Die Europäische Zentralbank (EZB) ist mittlerweile der größte Gläubiger Griechenlands. Seit Mai 2010 kauft die EZB Staatsanleihen krisengeplagter Euro-Länder am Markt auf - bislang hat sie Papiere im Volumen knapp 170 Milliarden Euro in ihren Bilanzen. Auf griechische Staatsanleihen dürften dabei Schätzungen zufolge mehr als 50 Milliarden Euro entfallen.

Euro-Staaten

Bei den Euro-Staaten steht Griechenland mittlerweile tief in der Kreide. Bereits im Mai 2010 hatten die Staats- und Regierungschefs gemeinsam mit dem Internationalen Währungsfonds ein Rettungspaket in Höhe von 110 Milliarden Euro beschlossen. Das Geld wird schrittweise über drei Jahre ausgezahlt. Bisher sind fünf Tranchen im Volumen von insgesamt 65 Milliarden Euro an Griechenland überwiesen. 41 Milliarden Euro davon zahlen die EU-Staaten - den größten Teil übernimmt dabei Deutschland mit 13,5 Milliarden Euro.

Demnächst soll die sechste Tranche aus dem Griechenland-Hilfspaket ausgezahlt werden. Es geht um acht Milliarden Euro. Zusätzlich zu dem ersten Paket haben die Euro-Staaten und der IWF im Juli dieses Jahres ein neues Rettungspaket über 109 Milliarden Euro vereinbart.

Internationaler Währungsfonds

Zu dem im Mai 2010 beschlossenen ersten Rettungspaket in Höhe von 110 Milliarden Euro steuert der Internationale Währungsfonds (IWF) 30 Milliarden bei, knapp 18 Milliarden Euro davon sind bereits geflossen. Außerdem ist der IWF auch am zweiten, im Juli 2011 beschlossenen, Hilfspaket beteiligt, dessen Auszahlung aber noch nicht begonnen hat. Der Währungsfonds hat eine besondere Stellung unter den Gläubigern. Die von ihm vergebenen Kredite sind traditionell so vereinbart, dass sie im Falle einer Insolvenz vorrangig bedient werden müssen. Der IWF bekommt sein Geld also mit sehr großer Wahrscheinlichkeit zurück.

Griechische Banken

Weit mehr als deutsche oder französische Institute haben die griechischen Banken im Falle einer Staatspleite zu fürchten. Genaue und aktuelle Zahlen gibt es nicht. Schätzungen zufolge haben die Institute aber Anleihen ihres Heimatlandes im Volumen von 50 bis 60 Milliarden Euro in ihren Bilanzen. Griechenlands Banken müssten bei einem Schuldenschnitt also mit ziemlicher Sicherheit gestützt werden.

Ausländische Banken

Die ausländischen Banken haben ihr Engagement in Griechenland Schritt für Schritt reduziert - unter anderem, indem sie ihre Papiere an die Europäische Zentralbank verkauft haben. Laut Statistik der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) beliefen sich die Forderungen der internationalen Banken gegenüber dem griechischen Staat Ende Juni auf 39 Milliarden Euro, drei Monate zuvor waren es noch 45 Milliarden Euro gewesen.

Die größten Bestände an griechischen Staatsanleihen haben laut BIZ-Statistik französische und deutsche Banken mit zehn beziehungsweise zwölf Milliarden Euro - wobei auch diese Zahlen seit Ende Juni noch gesunken sein dürften. Die meisten Großbanken haben ihre Investments in griechische Staatsanleihen inzwischen auf den Marktwert abgeschrieben, der aktuell zwischen 40 und 50 Prozent des Ursprungswertes liegt.

Ausländische Fonds und Versicherer

Außer Banken haben auch andere ausländische Investoren große Pakete griechischer Staatsanleihen in ihren Geschäftsbüchern. Dazu zählen zum einen Versicherungen, aber auch Pensionsfonds, Hedgefonds oder Staatsfonds. Das Volumen, das auf diese Investorengruppen entfällt, wird auf mehr als 30 Milliarden Euro geschätzt.

insgesamt 96 Beiträge
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Seite 1
ronomi47 25.10.2011
1. Endlich!
Endlich mal ein SPON-Beitrag mit mehr Informationsgehalt und weniger Emotion. Wir kommen dem ursächlichen Problem und damit dessen Lösung für die Zukunft näher! Staatsdefizite müssen eine Ausnahme bilden!
unterländer 25.10.2011
2. !
Zitat von sysopRaus aus den Schulden - dieses Motto wollen die Euro-Staaten den angeschlagenen Griechen verordnen. Damit sie Erfolg haben, sollen die Banken auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Doch das dürfte kaum ausreichen: Um Griechenland wirklich zu helfen, müssten noch andere Gläubiger bluten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,793678,00.html
Endlich einmal ein paar Vergleichszahlen, die die "Experten" vor allem hier im Forum, die stets davon tönen, hauptsächlich französische und deutsche Banken würden mit den Hilfsmilliarden an Griechenland gestützt, leiser werden lassen dürften.
Chris110 25.10.2011
3. eigentlich doch Glück gehabt...
eigentlich können sich die Griechen doch glücklich schätzen, soviel Kredit erhalten zu haben, der ihnen nun komplett erlassen wird. Fragt sich natürlich, wohin die Kredite wirklich geflossen sind, die nun erlassen werden? Wer profitiert wirklich vom Erlass dieser gigantischen Schulden? Ich habe so eine Ahnung, dass es nicht der einfache Mann von der Straße ist, der von dieser Mega-Pleite profitiert.
Tango, 25.10.2011
4. Bitte liebe Bank
Zitat von sysopRaus aus den Schulden - dieses Motto wollen die Euro-Staaten den angeschlagenen Griechen verordnen. Damit sie Erfolg haben, sollen die Banken auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Doch das dürfte kaum ausreichen: Um Griechenland wirklich zu helfen, müssten noch andere Gläubiger bluten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,793678,00.html
Es scheint ja allgemein Spaß zu bringen, auf die Banken einzukloppen. Geldverleiher hatten noch nie einen guten Ruf. Ich hoffe aber, dass sich jemand überlegt hat, wie Griechenland sich anschließend finanziert. "Bitte liebe Bank, gib mir Geld, ich gebe dir auch vielleicht die Hälfte zurück?". P.S.: ich bin übrigens kein Banker
prophet46 25.10.2011
5. Ver-Schiebung
Zitat von sysopRaus aus den Schulden - dieses Motto wollen die Euro-Staaten den angeschlagenen Griechen verordnen. Damit sie Erfolg haben, sollen die Banken auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Doch das dürfte kaum ausreichen: Um Griechenland wirklich zu helfen, müssten noch andere Gläubiger bluten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,793678,00.html
"Die Europäische Zentralbank (EZB) ist mittlerweile der größte Gläubiger Griechenlands". (SPON). Weiss jemand wieviel der zwischenzeitlich angehäuften mehr als 50 Mrd. € griechischer Anleihen zuletzt von den französischen Banken regelwidrig bei der EZB eingeliefert wurden? M.W. stammt der größte Teil davon aus französischen Tresoren, die sich noch rechtzeitig vor der Umschuldung zu Lasten der EZB und deren Beteilungsländer erleichert haben.
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