Euro-Krise: Kurz vor dem Kollaps

Eine Kolumne von Wolfgang Münchau

Muss nach Spaniens Banken bald auch Italien unter den europäischen Rettungsschirm? Die Hilfen würden bei weitem nicht reichen - der Euro-Zone droht der Kollaps. Wie würde ein Zusammenbruch ablaufen?

Wir hören Warnungen, wie zuletzt von IWF-Chefin Christine Lagarde oder vom Investor George Soros, dass der Euro in drei Monaten zu zerbrechen droht. Ich teile die Einschätzung. Was würde dann geschehen? Im Mittelpunkt stünde nicht Griechenland, sondern es träfe Spanien und Italien. Denn das Problem ist, dass die bestehenden Rettungsmechanismen bei einer Zuspitzung der Krise nicht greifen können.

Aber von vorn: Nach einer kurzen Phase der Euphorie haben die Märkte die Perversität des jüngst beschlossenen Bankrettungsprogramms für Spanien schnell begriffen. Denn mit den beiden Geldspritzen vom Dezember und Februar half die Europäische Zentralbank den spanischen Banken, spanische Staatsanleihen zu kaufen. Mit der Rettungsaktion vom Wochenende gibt man jetzt dem spanischen Staat Geld, um den Banken zu helfen. An den Finanzmärkten vergleicht man dies mit zwei Betrunkenen in einer Kneipe, die gegeneinander lehnen und so noch stehen bleiben.

Die Zinsen für spanische Zehn-Jahres-Anleihen liegen mittlerweile bei 6,8 Prozent - und das inmitten einer Rezession und bei einer Arbeitslosigkeit von nahezu 30 Prozent. Es ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit, bis Spanien selbst unter den Rettungsschirm muss. Laut einer Schätzung der US-Bank JP Morgan muss Spanien in den Jahren 2012 bis 2014 rund 350 Milliarden Euro an Staatsschulden finanzieren beziehungsweise umschulden. Wenn man die 100 Milliarden Euro an jetzigen Bankenhilfen dazuzählt, wäre damit der gesamte Finanzierungsspielraum für den neuen Rettungsmechanismus ESM ausgeschöpft. Da bleibt vielleicht noch Platz für Zypern, aber für niemanden sonst.

Das Problem ist nicht allein die Größe des ESM, sondern seine Struktur. Hier haften alle, die außerhalb des Schirms stehen, für alle darunter. Wenn Spanien sich ebenfalls dazugesellt, passieren zwei Dinge gleichzeitig. Die Gesamtgarantien schießen in die Höhe. Und es sind weniger Länder, die für diese Garantien geradestehen. Man kann das Problem also nicht damit lösen, dass man den Rettungsschirm einfach vergrößert.

Italien war nie auf den Euro vorbereitet

Spanien passt noch gerade unter den Schirm, aber für Italien gibt es keine Lösung. Mit langfristigen Zinsen von mehr als sechs Prozent, einem Schuldenstand von 120 Prozent und einer strukturellen Wachstumsschwäche kann Italien seine Mitgliedschaft im Euro nicht aufrechterhalten. Italien braucht Euro-Bonds - also eine permanente Reduzierung der Finanzierungskosten durch eine gemeinsame Verschuldung der Euro-Länder -, möglicherweise sogar eine Entschuldung und eine Strategie für die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit.

Die Ernennung Mario Montis zum italienischen Regierungschef im vergangenen Jahr sorgte zunächst für Euphorie an den Märkten, doch die Bilanz ist enttäuschend. Er setzte auf die falschen Reformen, und ihm fehlt die politische Machtbasis. Seine Umfragewerte sind in den Keller gerutscht, und innerhalb seiner Koalition lässt die Unterstützung ebenfalls nach. Einige sprechen sogar schon von der Notwendigkeit vorgezogener Wahlen.

Italiens Problem ist aber nicht sein Premierminister. Das Land war nie auf den Euro vorbereitet. Mit dem Eintritt hat Italien seine Wettbewerbsfähigkeit sukzessiv verloren. Selbst in guten Jahren wächst die Wirtschaft gerade mal ein Prozent. Und jetzt steckt Italien in einer tiefen Rezession und hat eine schwache Regierung mit einer Restlaufzeit von wenigen Monaten.

Italien ist nicht weit von dem Punkt entfernt, an dem es sich ohne fremde Hilfe nicht weiter an den Märkten finanzieren kann. Aber Italien ist für den Rettungsschirm tatsächlich zu groß. Laut JP Morgan muss der italienische Staat bis 2014 insgesamt 670 Milliarden Euro an den Märkten finanzieren. Italien und Spanien zusammen kommen auf rund eine Billion Euro. Man müsste den Schirm also verdoppeln, um die beiden Länder darunter zu bekommen. Und die gesamte Last würden dann Deutschland und Frankreich gemeinsam tragen. Das wäre ökonomischer und politischer Selbstmord.

Die Kombination aus Banken-, Fiskal- und politischer Union würde das Problem lösen. Es ist aber nicht das hehre Prinzip einer politischen Union, sondern die konkrete Umschuldung, die hier wirken würde. Mit einer Presseerklärung wird man die Krise nicht lösen. Wenn sich der Euro-Gipfel Ende des Monats auf einen Zehn-Jahres-Fahrplan für eine politische Union einigt, verpufft die Wirkung an den Märkten, denn Italien steckt dann weiterhin in einer Schuldenfalle.

Dann könnte in Italien aufgrund der unerträglich hohen Zinsen der politische Druck für einen Euro-Austritt zunehmen. In diesem Fall würde ich erwarten, dass Italien dann auch seine Auslandsschulden nicht mehr bedienen würde. Italien wäre im Gegensatz zu Spanien in der Lage, so etwas zu tun. Denn trotz hoher Altschuldbestände hat Italien eine relativ geringe Neuverschuldung, und das macht das Land relativ unabhängig von der Außenwelt.

Ein Austritt Italiens würde vor allem der Euro-Zone schaden

Mit einem Austritt und einem brachialen Schuldenschnitt wäre die inneritalienische Krise schlagartig zu Ende. Unsere würde dann erst richtig beginnen. Ein Großteil des europäischen Bankensektors stünde vor dem sofortigen Kollaps. Deutschlands Staatsschulden würden massiv ansteigen, weil man den Bankensektor rekapitalisieren und noch Hunderte Milliarden an Verlusten aus dem innereuropäischen Zahlungssystem Target 2 einstecken müsste. Und wer glaubt, dass es dann keine Verwerfungen zwischen den europäischen Ländern gibt, dem fehlt es an Vorstellungskraft darüber, was in einer so abgrundtiefen Wirtschaftskrise abgeht.

Ein italienischer Austritt würde uns wahrscheinlich mehr schaden als Italien selbst - und das schwächt sicher die deutsche Verhandlungsposition. Ich kann mir nicht vorstellen, wer in Deutschland außer ein paar beamteten oder pensionierten Wirtschaftsprofessoren ein Interesse an einem Zusammenbruch des Euro haben könnte.

Wenn der ehemalige EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gegen die Bankenunion und die Fiskalunion argumentiert, verheimlicht er die Konsequenzen, die sich ergeben würden, wenn man seiner Argumentation folgt. Da er ein kluger Mann ist, nehme ich an, dass er den Zusammenbruch des Euro stillschweigend in Kauf nimmt. Ihm geht es um das Prinzip. Die Frage, die wir uns aber stellen müssen, ist, ob uns dieses Prinzip eine erneute Weltwirtschaftskrise wert ist. Wollen wir wirklich die Fehler der Prinzipienreiter vergangener Generation wiederholen?

Wie es auch kommt, es sind die letzten Monate dieser Phase der Krise. Entweder kommt die politische Union mit Lastenverteilung. Dann verlagert sich der Konflikt in die Innenpolitik. Oder der Euro bricht zusammen. Und dann haben wir eine ganz andere Kategorie einer Krise.

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insgesamt 373 Beiträge
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1. ...
Mindbender 13.06.2012
Zitat von sysopMuss nach Spaniens Banken bald auch Italien unter den europäischen Rettungsschirm? Die Hilfen würden bei weitem nicht reichen - der Euro-Zone droht der Kollaps. Wie würde ein Zusammenbruch ablaufen? Euro-Krise: - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,838581,00.html)
Wissen sie, lieber Kolumnist. Ich gehe mal davon aus, dass Artikel mit diesem Thema hier eh nicht mehr gelesen werden. Es wird nämlich langweilig.
2. Ja - und?
Baikal 13.06.2012
Einfach so weitermachen bis es kracht oder den Krach als Knall akzeptieren und neu aufbauen, aber ohne Euro, Brüssel und den ganzen anderen Mist.
3. Die Italiener können sich selbst helfen!
bvoll 13.06.2012
Das pro Kopf Vermögen der Italiener, ist höher als das der Deutschen. Die hohe Staatsverschuldung kommt von zu geringen Steuern. Die Italiener brauchen als nur nachzahlen, dann ist alles wieder in Ordnung. Das gilt auch für die Griechen!
4. Vorweg weniger Inflation ...?!
c59 13.06.2012
Gab es in Vorbeireitung dieses Artikels vorweg dieses Zückerchen von wegen weniger Inflation in Deutschland?
5. Münchau
rd1 13.06.2012
wird der letzte sein, der es kapiert. Bis es zu spät ist.
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.


So funktioniert der Rettungsfonds ESM
Volumen
Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) kann bis zu 500 Milliarden Euro an Hilfsgeldern vergeben. Nur 80 Milliarden Euro davon werden wirklich eingezahlt, der Rest sind Garantien. Nicht angerechnet werden die bereits vergebenen Hilfen aus dem vorläufigen Rettungsfonds EFSF sowie bilaterale Kredite der Euro-Staaten an Griechenland.
Einzahlung
Die 80 Milliarden Euro Kapital werden in fünf Tranchen eingezahlt; zwei im Jahr 2012, zwei weitere 2013 und eine letzte bis Mitte 2014. Erst dann hat der Fonds sein komplettes Ausleihvolumen von 500 Milliarden Euro erreicht. Bis dahin kann es eng werden: Der ESM muss stets 15 Prozent von dem Geld besitzen, das er in Notfällen verleiht. Er müsste also 15 Milliarden Euro besitzen, um ein Rettungspaket von 100 Milliarden Euro schnüren zu können. Um für eine Übergangsphase gerüstet zu sein, soll der vorläufige Rettungsfonds EFSF noch bis Mitte 2013 einspringen können, falls der ESM noch nicht ausreichend gefüllt ist. Im EFSF befinden sich noch rund 240 Milliarden Euro, die nicht für bestehende Hilfsprogramme ausgegeben wurden.
Aufgabe
Der ESM soll Mitgliedsländern der Euro-Zone helfen, die Schwierigkeiten haben, sich am Finanzmarkt frisches Geld zu leihen - etwa wenn die Zinsen für Staatsanleihen zu hoch sind, um sie dauerhaft zahlen zu können. Es gibt keine feste Definition, ab welchem Zinsniveau Staaten Hilfe beantragen müssen oder können - als Faustregel gelten aber sieben Prozent für zehnjährige Staatsanleihen. Bei Erreichen dieses Werts hatten Länder wie Portugal oder Irland Hilfen aus dem Vorgängerfonds EFSF beantragt. Im Gegenzug für Hilfen aus den Rettungsfonds müssen die Krisenländer strenge Sparauflagen einhalten und Strukturreformen beschließen.