Generalstreik und Finanzlöcher Dauerpatient Griechenland

Griechenland ist erneut zum Brandherd in der Euro-Krise geworden: Die Gewerkschaften legen aus Protest gegen Sparmaßnahmen das öffentliche Leben lahm, im Haushalt klaffen neue Milliardenlöcher. Wie dramatisch ist die Lage für das pleitebedrohte Land? Ein Überblick über die wichtigsten Fakten.


Hamburg/Athen - Eine Zeitlang herrschte relative Ruhe - doch nun ist Griechenland wieder zum zentralen Brandherd der Schuldenkrise in der Euro-Zone geworden. Die Regierung verhandelt derzeit mit den internationalen Geldgebern über weitere harte Sparmaßnahmen in dem am höchsten verschuldeten Land des Währungsraums.

Dagegen gehen die Gewerkschaften auf die Barrikaden, an diesem Mittwoch sorgt ein Generalstreik dafür, dass das Land weitgehend lahmgelegt wird. Doch es zeichnet sich bereits ab, dass selbst dieses Sparpaket nicht ausreichen wird. Denn im griechischen Staatshaushalt klaffen weitere riesige Finanzlücken.

Darum geht es derzeit in Griechenland - eine Übersicht:

  • Griechenland kann wegen des Misstrauens in seine Rückzahlungsfähigkeit seit Jahren keine neuen Schulden mehr an den Kapitalmärkten aufnehmen. Das Land hängt am Tropf der internationalen Geldgeber von EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungfonds (IWF). Diese sogenannte Troika hat bereits zwei Hilfspakete für Griechenland beschlossen. Aktuell läuft das zweite Programm, das insgesamt Zahlungen von 130 Milliarden Euro in mehreren Tranchen bis zum Jahr 2015 vorsieht.
  • Derzeit verhandelt die Regierung in Athen mit der Troika über ein weiteres Sparpaket im Umfang von 11,5 Milliarden Euro. Denn Griechenland ist dringend auf die Zahlung der nächsten Tranche aus dem zweiten Hilfspaket in Höhe von 31 Milliarden Euro angewiesen. Anderenfalls droht dem Land bereits in wenigen Wochen die Zahlungsunfähigkeit - und in der Folge möglicherweise der Austritt aus der Euro-Zone. Die sogenannte Troika knüpft die Auszahlung jedoch daran, dass die Regierung in Athen die vereinbarten Strukturreformen und den Abbau des Haushaltsdefizits einhält. Doch die hinkt hinterher - seit dem Frühjahr ist bekannt, dass in den kommenden beiden Jahren mindestens 11,5 Milliarden Euro eingespart werden müssen, um die Ziele noch zu erreichen.
  • Noch sind nur einige Details des neuen Sparprogramms bekannt. So soll etwa das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre angehoben werden. Die Gewerkschaften rechnen mit Kürzungen bei Löhnen und Gehältern von 6 bis 20 Prozent. Zudem ist der Abbau weiterer Arbeitsplätze im Öffentlichen Dienst wahrscheinlich. Die Troika fordert offenbar zudem die Einführung der Sechs-Tage-Woche und des 13-Stunden-Tags sowie Einschnitten bei Kündigungsfristen und Abfindungen.
  • Die Regierung in Athen fordert einen Aufschub von zwei Jahren, um ihre Defizitziele zu erreichen - statt im Jahr 2014 sollen sie somit erst im Jahr 2016 erreicht werden. Dadurch sollen nicht nur soziale Härten abgemildert werden, sondern auch verhindert werden, dass die griechische Wirtschaft weiter stark schrumpft. Sollten die internationalen Geldgeber dem Aufschub zustimmen, rechnet der griechische Finanzminister mit einem zusätzlichen Bedarf von 13 bis 15 Milliarden Euro; nach Informationen des SPIEGEL sind es eher 20 Milliarden Euro. Damit gerät die Auszahlung der dringend benötigten 31-Milliarden-Euro-Tranche an Griechenland in Gefahr.
  • Wie der zusätzliche Finanzbedarf - auch durch einen möglichen Aufschub der Defizitziele - gedeckt werden soll, ist unklar. Die griechische Regierung schlägt unter anderem einen erneuten Schuldenschnitt unter Einbezug der öffentlichen Gläubiger vor. Alternativ könnte die EZB auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten oder die Laufzeiten von griechischen Staatsanleihen in ihrem Besitz verlängern, um dem Land mehr Zeit zu verschaffen.
  • Die EZB hat einen Forderungsverzicht zugunsten Griechenlands umgehend abgelehnt. Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen schloss dies aus, da dies dem Verbot direkter Staatsfinanzierung durch die EZB widersprechen würde.
  • Auch Vertreter des IWF haben angekündigt, der Fonds werde sich nicht an höheren Kosten für die Griechenland-Rettung beteiligen. Damit müssten die Euro-Staaten eventuelle weitere Zusagen aus Griechenland allein finanzieren.

IWF-Chefin Christine Lagarde plädiert stattdessen für einen weiteren Schuldenschnitt mit Beteiligung auch der öffentlichen Gläubiger. Dies würde Deutschland etwa acht Milliarden Euro kosten. An diesem Mittwoch haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU) die Gelegenheit, diesen Vorschlag persönlich zu diskutieren - Lagarde hat sich zum Besuch in Berlin angemeldet.

fdi/Reuters/dpa/dapd

insgesamt 91 Beiträge
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Seite 1
kein Ideologe 26.09.2012
1. 424234
Na wenn ´s der wirtschaftlichen Gesundung hilfreich ist.
static2206 26.09.2012
2. man hätte Griechenland direkt rauswerfen sollen
das wäre dann zwar hart geworden, aber wir hätten uns davon schneller erholt, als diesen undankbaren Geldverschwendern, jedes Jahr Milliarden zu schenken.
dabinichjetzt 26.09.2012
3. Leute, seid solidarisch!
Da gibt es doch keine Alternative. Ich gehe jetzt für Griechenland arbeiten. Das ist mir die Solidarität wert!
mantrid 26.09.2012
4. massive Kürzungen auch in Deutschland
Nicht Arbeiten dürfte keine Lösung sein. Auch in Deutschland wird massiv gekürzt, so sinken die Renten um mehr als 26%! (Rentenniveau von 51% auf 43% macht ca. 16% Kürzung, dazu zusätzlich 2 Jahre arbeiten, macht bei einer aktuellen Rentenbzugsdauer von 20 Jahren zusätzlich eine Kürzung von 10%). Dann ist künftig noch einer größer Teil steuerpflichtig, so dass um mehr als 1/3 gekürzt wird! Trotdem legt hier niemand die Arbeit nieder.
rasenmähermann75 26.09.2012
5.
Zitat von sysopREUTERSGriechenland ist erneut zum Brandherd in der Euro-Krise geworden: Die Gewerkschaften legen aus Protest gegen Sparmaßnahmen das öffentliche Leben lahm, im Haushalt klaffen neue Milliardenlöcher. Wie dramatisch ist die Lage für das pleitebedrohte Land? Ein Überblick über die wichtigsten Fakten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/euro-krise-die-aktuelle-lage-in-griechenland-a-858006.html
Ob's das besser macht?
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