SPIEGEL ONLINE: Die Märkte sind mal wieder in Aufruhr, der Euro hat am Montag deutlich an Wert verloren, die Renditen für Italiens Staatsanleihen sind auf ein Rekordniveau geklettert. Wie gefährlich ist die Situation für das Berlusconi-Land?
Burghof: Was Italien im Moment erlebt, ist ein massiver Schuss vor den Bug. Der war aber auch fällig. Der Absturz des Landes kommt nicht unverschuldet. Vor allem das verantwortungslose Gerede von Silvio Berlusconi hat zu dieser Reaktion der Märkte geführt.
SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?
Burghof: Berlusconi hat öffentlich den Sparkurs seines Finanzministers Giulio Tremonti in Frage gestellt - also ausgerechnet des Mannes, der am glaubhaftesten für eine solide Finanzpolitik Italiens steht.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie denn, dass dieser Warnschuss nun Konsequenzen haben wird?
Burghof: Das ist nicht gesagt. In den italienischen Medien findet die Krise kaum statt. Für mich ist das erschreckend, weil es zeigt, dass das Land sich am liebsten von der Realität abkoppeln möchte. Das kann man eine Weile machen. Aber offenbar sagen die Kapitalmärkte: "Damit ist es nun vorbei. Entweder ihr stellt euch der Realität, oder ihr werdet abgestraft."
SPIEGEL ONLINE: Und diese Strafe in Form höherer Kosten für die Schulden könnte zum bislang größten Problem für die gesamte Euro-Zone werden.
Burghof: Richtig. Es gibt aber einen Vorteil bei Italien: Es muss jedem klar sein, dass wir das Land nicht retten können. Das Griechenland-Prinzip "Wir müssen nur genug Geld hinschmeißen, dann wird das schon wieder" funktioniert nicht. Alle wissen, dass Italien seine Problem selbst lösen muss.
SPIEGEL ONLINE: Was muss Italien konkret tun?
Burghof: Zunächst einmal glaubhaft sparen. Schon damit hat die Regierung Berlusconi große Probleme. Dann braucht das Land eine konsequente Einnahmenpolitik - die Steuerhinterziehung muss wirksamer bekämpft werden. Und auch in der Industriepolitik laufen noch einige Dinge schief.
SPIEGEL ONLINE: Die Regierung macht derzeit allerdings keinen sonderlich souveränen Eindruck. So hat etwa der Finanzminister Tremonti sein Schicksal mit dem des Landes und sogar der Währung insgesamt verknüpft: Wenn es ihn treffe, falle auch der Euro.
Burghof: Das ist sicher ein wenig melodramatisch. Andererseits muss man sagen, dass Tremonti der überzeugende Reformer und glaubhafte Sparer ist. Wenn Berlusconi sich über ihn lustig macht, dann trägt das nicht zur Glaubwürdigkeit Italiens bei.
SPIEGEL ONLINE: Was können die anderen Euro-Länder tun, um ein Übergreifen der Schuldenkrise zu verhindern?
Burghof: Wir müssen uns an unsere Prinzipien halten. Wir zahlen derzeit für Prinzipienbrüche. Das heißt: Solange wir keinen Zentralstaat haben, der Schuldensünder disziplinieren kann, machen das die Märkte - und jedes Land muss für die anderen EU-Staaten gegenüber den Märkten haften. Diesen Automatismus darf es nicht geben.
SPIEGEL ONLINE: Finanzminister Wolfgang Schäuble sagt, die Situation Italiens sei gar nicht so schlimm, und die Spekulationen gegen das Land würden schon wieder aufhören. Klingt alles verdächtig bekannt. Glauben Sie, dass diese Beruhigungsstrategie funktioniert?
Burghof: Das Grundproblem ist, dass die Politiker glauben, die Märkte reagierten panisch, also irrational. Das stimmt aber nicht. Die Kapitalmärkte sind keine Kinder, die man beruhigen kann. Die Investoren gucken sich die Zahlen an und sehen, dass Italien hochverschuldet ist.
SPIEGEL ONLINE: Die Märkte sind also rationaler als die Politik?
Burghof: Ja, weil es rational ist, Italien abzustrafen. Es gibt Menschen, die ihr Geld dort angelegt haben, und nun feststellen, dass es nicht mehr sicher ist. Und die ziehen es dann ab. Daneben gibt es andere Akteure, die merken, dass die Renditen steigen und die darauf wetten. Das ist der Schneeball-Effekt, den es nun gibt. Aber der beruht nicht auf Panik, sondern auf ganz rationalen Einschätzungen.
SPIEGEL ONLINE: Sie würden also sogar die Spekulationen gegen das Land als rational begreifen? Dass Menschen mit Leerverkäufen und Ausfallversicherungen auf einen weiteren Abstieg Italiens wetten?
Burghof: Ja, natürlich. Da bringt jemand seine Meinung in den Markt. Das ist wie in der Demokratie: Man ärgert sich natürlich, wenn einem die Meinung von jemand anderem nicht passt. Aber man muss sie akzeptieren.
SPIEGEL ONLINE: Die Euro-Krise beschäftigt uns nun seit fast anderthalb Jahren. Gibt es eigentlich noch eine Chance, dass die gröbsten Probleme bald gelöst werden?
Burghof: Die Krise wird uns noch eine ganze Weile beschäftigten. Einen großen Wurf zur Lösung wird es nicht geben. Jedes Krisenland hat unterschiedliche Probleme.
SPIEGEL ONLINE: Was muss denn im Falle Griechenlands passieren?
Burghof: Dem Land längere Laufzeiten für die Kredite und niedrigere Zinsen zu gewähren, ist jedenfalls keine echte Lösung. Griechenland müsste endlich umschulden, um dann wieder Luft zum Atmen zu haben.
SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für andere Staaten?
Burghof: Italien hat gar nicht so ein riesiges Haushaltsloch, doch der Schuldenstand ist mit 120 Prozent der Wirtschaftsleistung einfach zu hoch. Und wenn die Regierung nicht signalisiert, dass sie diese Schulden abbauen will, dann wird es auch nicht ruhiger an den Märkten. Also: Es muss schnellstmöglich ein glaubhaftes Sparpaket her.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem bleibt die Ansteckungsgefahr. Knöpfen sich die Märkte als nächstes Spanien und Belgien vor?
Burghof: An diesen Domino-Effekt glaube ich nicht. Die Anleger machen sich schon die Mühe, die Euro-Länder getrennt voneinander zu bewerten. Auch die US-Investoren können Spanien von Italien trennen. Sonst würden sie mit ihrem Geld auch sehr sträflich umgehen. Jedes Land muss in der Euro-Krise separat betrachtet werden.
Das Interview führte Christian Teevs
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