Von Hans-Jürgen Schlamp, Rom
Claudio Pesaro wollte in diesem Jahr eigentlich eine Wohnung kaufen, die Freundin heiraten, Kinder kriegen. Er ist 35 Jahre alt und wohnt noch immer daheim. Er hat zwar mehr als ein Drittel des Kaufpreises für eine Immobilie angespart, doch keine Bank leiht ihm den Rest. Der Job ist auch gefährdet, die Firma macht Verluste. Vorerst also: keine Wohnung, keine Hochzeit, keine Kinder.
Marco Michelli wollte sich mit einer kleinen Brauerei samt Braustübchen selbständig machen. Bier läuft gut in Italien, vor allem bei den Jüngeren. Aber die kommunale Bürokratie deckte ihn mit Auflagen und Gebühren zu, die Bank zog die Finanzierungszusage zurück. Projekt erledigt.
Italienische Alltagsgeschichten im Jahr vier der Krise. Die Stimmung ist schlecht. Die Zahl derer, die sich aus wirtschaftlichen Gründen das Leben nehmen, wächst. Der Enthusiasmus, mit dem Italien den Euro begrüßt hatte, ist längst verflogen. Inzwischen sind rund 65 Prozent eher Euro-skeptisch.
Ein neuer "schwarzer Montag"
Den erneuten "schwarzen Montag" an den Börsen nahmen die Italiener deshalb eher gelassen hin. Sie haben es kaum anders erwartet. Die ökonomische Tsunami-Welle kommt zurück und trifft nach Spanien jetzt Italien. Die Kurse italienischer Aktien brachen ein. Die Renditen, zu denen sich Käufer für die römischen Staatsanleihen finden, sprangen wieder über die Sechs-Prozent-Marke. Vor allem Hedgefonds, berichten Börsenprofis, investierten schon wieder große Summen. Sie wetten auf die Krise, auf steigende Schuldzinsen - und befeuern damit die Abwärtsspirale.
Am Mittwoch dieser Woche will Italien 6,5 Milliarden, am Donnerstag 4,5 und am Freitag sogar 9,5 Milliarden Euro bei den Anlegern leihen. Zusammen also gut 20 Milliarden. Steigen die geforderten Zinsen für diese Anleihen nur um einen Prozentpunkt, etwa von fünf auf sechs Prozent, kostet das den Staat rund 200 Millionen Euro zusätzlich. Das ist genau so viel Geld, wie Corrado Passera, dem Minister für die wirtschaftliche Entwicklung, zur Finanzierung seines seit längerem angekündigten Wachstumsprogramms fehlt. Das Programm steckt deshalb noch immer im regierungsinternen Hickhack um seine Finanzierung fest.
Nächster Schuldenrekord: 2000 Milliarden Euro
So fehlen neue Impulse für die gebeutelte Wirtschaft in "Bella Italia", der Abwärtstrend setzt sich ungebremst fort:
Kritik an Monti-Regierung
Alles halb so tragisch, wiegelt der für die wirtschaftliche Entwicklung zuständige Minister ab, die schlechten Wirtschaftsdaten habe man erwartet, der Export laufe eigentlich ganz ordentlich, die Banken seien stabil, und die Staatsausgaben entwickelten sich nach Plan. Die Lage sei mithin, so Corrado Passera, völlig anders als in den übrigen Krisenländern. Viel besser. Dumm nur, dass die Märkte den feinen Unterschied nicht erkennen wollen.
Auch die Italiener sehen ihre Regierung längst nicht mehr mit der Begeisterung der Anfangstage. Der Glanz von Mario Monti und seinem Fachleute-Kabinett verblasst langsam. Viele Italiener monieren, Monti und Co. hätten zwar viel vom Sparen geredet, tatsächlich aber vor allem Steuern und Abgaben erhöht. Viel gespart - etwa im weiten Geflecht überflüssiger Subventionen oder im üppig finanzierten Politik- und Verwaltungssystem - hätten sie bislang nicht. Und die versprochenen Reformen der verkrusteten italienischen Wirtschaft blieben in ersten Ansätzen stecken.
Passeras Schönfärberei hat denn auch Kritik, Hohn und Spott seiner Landsleute ausgelöst, etwa auf den Internetseiten der Tageszeitungen. "Der Tag, an dem wir seriöse Politiker haben werden", schrieb zum Beispiel ein User unter dem Pseudonym "ilfattorino" im bürgerlich-liberalen "Corriere della Sera", werde "ein großer Festtag sein". So ähnlich klang es zuletzt in Berlusconi-Zeiten.
Merkel ist schuld
In ihrer Bedrängnis versucht die italienische Politik, die Schuld an der Misere abzuschieben. Auf das Erdbeben im Norden des Landes zum Beispiel, das ja tatsächlich große Schäden und erhebliche Produktionsausfälle verursacht hat. Doch vor allem und mit wachsender Schärfe werden die Deutschen als Schuldige ausgemacht. Insbesondere natürlich deren hartherzige Kanzlerin, Angela Merkel. Zu allem, was die hoch verschuldeten Krisenstaaten der Euro-Zone fordern und vorschlagen - ob Euro-Bonds, eine Bankenunion oder mit gemeinsamen Schulden finanzierte Investitions- oder Wachstumsprogramme -, komme aus Berlin ein stures "Nein".
So gehe es nicht weiter, kommentierte an diesem Dienstag die Wirtschaftszeitung "Il Sole 24 Ore" analog zur gängigen politischen Ansage. "Sie kommen nicht weit, wenn Sie weiterhin gleichgültig auf die Wut der Griechen, den verletzten Stolz der Spanier sowie die italienischen und französischen Ängste regieren", wendet sich der Kommentator direkt an die unbelehrbare Regentin, denn auch "ein starkes Deutschland" könne "zwischen dem Schutt anderer Länder nicht überleben". Und darüber steht, auf Deutsch, "Schnell, Frau Merkel".
Warum es nicht schnell gehe, verriet Regierungschef Mario Monti der Zeitung "La Repubblica". Die zitiert ihn jedenfalls damit, dass Angela Merkel wegen der 2013 anstehenden Bundestagswahl so hart bleibe. Darauf aber, soll Monti gesagt haben, könne Europa nicht warten. "Die Zeit des Zögerns" sei vorbei.
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