Euro-Krise Juncker ermahnt Kanzlerin Merkel

Ankauf von Staatsanleihen, Aufstockung des Rettungsschirms: Im Streit über die Lehren aus der Schuldenkrise fordert Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker in einem Interview mit dem SPIEGEL eine Debatte ohne Tabus. Besonders die reichen Staaten müssten sich auf höhere Belastungen einstellen.

Euro-Gruppen-Chef Juncker: "Kohl war gut, und Merkel ist nicht schlecht"
REUTERS

Euro-Gruppen-Chef Juncker: "Kohl war gut, und Merkel ist nicht schlecht"


Hamburg - Der luxemburgische Premierminister und Chef der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker, hat die Bundesregierung ermahnt, die geplante Reform des Euro-Rettungsschirms mitzutragen. "Es ist unabdingbar, dass wir die 440 Milliarden Euro, die wir im vergangenen Mai in Aussicht gestellt haben, nun auch effektiv bereitstellen", sagte er in einem Gespräch mit dem SPIEGEL. "Ich bin zuversichtlich, dass sich die Bundesregierung diesem gemeinsamen europäischen Ziel nicht verschließen wird."

Die Bundesrepublik sei zudem nicht das einzige Land, das in diesem Zusammenhang weitere Lasten übernehmen müsse, fügte Juncker hinzu. "Um den Schirm effizienter zu machen, müssen auch Länder wie die Niederlande, Österreich, Finnland oder Luxemburg ihren Beitrag leisten." Juncker hält es für denkbar, dass der Rettungsschirm Schulden notleidender Staaten aufkauft. "Es wäre falsch, Tabuzonen zu errichten". Vergangene Woche hatten mehrere Spitzenpolitiker der schwarz-gelben Koalition Veränderungen am Euro-Rettungsschirm abgelehnt.

Schwere Vorwürfe richtete Juncker in diesem Zusammenhang insbesondere an die FDP. "Ich bin entsetzt, wie manche deutsche Liberale ihr europapolitisches Erbe aufs Spiel setzen", sagte Juncker. "Es schmerzt mich zutiefst, dass einige in der FDP nun mit einem populistischen Kurs liebäugeln".

Weiter beklagte sich Juncker, dass Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Kanzlerin Angela Merkel ihn vor gut einem Jahr bei der Besetzung des Postens des EU-Ratspräsidenten übergangen haben. "Mir wurde nie erklärt, warum ich dieses Amt nicht antreten durfte, obwohl die meisten Regierungen in Europa dies wünschten", sagte Juncker. "Ich hätte diese Aufgabe gern übernommen."

Ende 2009 hatten die Staats- und Regierungschefs der EU den früheren belgischen Premierminister Herman van Rompuy zum Ratspräsidenten ernannt. Auf die Frage, ob Merkel eine genauso gute Europäerin sei, wie es Helmut Kohl einst war, sagte Juncker. "Helmut Kohl war gut, und Merkel ist nicht schlecht - wobei 'gut' und 'nicht schlecht' in diesem Fall dasselbe bedeuten."

mik



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FMK 22.01.2011
1. Juncker
Juncker soll da hin gehen wo der Pfeffer wächst. Wir sind froh, wenn wir durch unsere Arbeit unsere Familie und Kinder finanziert bekommen. Wir ackern Tag und Nacht. Und dann kommt Mister Juncker und will dass wir die Zügellosigkeit in fernen Ländern finanzieren sollen. Juncker ist ein Kleptokrat, den niemand gewählt hat. Er spricht ohne Legitimation.
sedanon, 22.01.2011
2. So ist es recht...
Zitat von sysopAnkauf von Staatsanleihen, Aufstockung des Rettungsschirms: Im Streit über die Lehren aus der Schuldenkrise*fordert Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker in einem Interview mit dem SPIEGEL eine Debatte ohne Tabus. Besonders die reichen Staaten müssten sich auf höhere Belastungen einstellen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,741057,00.html
...immer nur heftigst denjenigen beschimpfen, der die Rechnung bezahlt. Klar, uns Deutschen geht es ja immer noch zu gut. Während der letzten 10 Jahre hatten wir einen dramatischen Einbruch der Löhne und des Lebensstandards, während ringsherum die Löhne um bis zu 25% stiegen.
M.D.U.S2 22.01.2011
3. Kleptokratie
Zitat von FMKJuncker soll da hin gehen wo der Pfeffer wächst. Wir sind froh, wenn wir durch unsere Arbeit unsere Familie und Kinder finanziert bekommen. Wir ackern Tag und Nacht. Und dann kommt Mister Juncker und will dass wir die Zügellosigkeit in fernen Ländern finanzieren sollen. Juncker ist ein Kleptokrat, den niemand gewählt hat. Er spricht ohne Legitimation.
Seltsamerweise hört man von solchen Leuten nie, dass sie für die Sache, für die sie eintreten, bereit sind auf einen Teil ihrer persönlichen Bezüge zu verzichten.
GerwinZwo 22.01.2011
4. Bravo
Juncker fordert also eine Debatte ohne Tabus.....da hat er meine volle Zustimmung. Meiner Wahrnehmung nach waren aber "Tabus" bisher keineswegs die Ausweitung des Schirms und stärkere Belastung des deutschen Steuerzahlers, sondern der Ausstieg aus dem Euro bzw der Zerfall der Eurozone. Sollte DIESES Tabu gebrochen werden, wäre ich dankbar.
Helmut75 22.01.2011
5. Europa ist am Ende
Wer ist dieser dreiste Mensch, der deutsche Steuergelder für verschwenderische, korrupte, unfähige Staaten abschröpfen will?! Das deutsche Volk wurde nie gefragt, ob es eine Eurozone will. Wir haben unsere DM geopfert, nur um jetzt zu sehen, dass der Euro schwächelt, der Maastricht-Vertrag nicht eingehalten wird, um jetzt noch mehr zu zahlen???!!! Es reicht langsam! Seit 20 Jahren zahlen wir Solidaritätssteuer, aber das tun wir garantiert nicht für die Griechen!!! Wenn Merkel darauf eingeht, werden wir ein Fiasko erleben. Der Vertrag von Versailles wird dagegen lächerlich wirken, aber es ist ja alles "alternativlos" und mein Kommentar nicht "hilfreich"! Deutschland schafft sich wirklich ab, vor allem finanziell!
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