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Euro-Krise: Neuer Schuldenschnitt wird Griechenland nicht retten

Von , Brüssel

Es reicht schon wieder nicht: Laut einem vertraulichen Bericht braucht Griechenland bis 2020 mehr als doppelt so viel Geld wie erwartet. 252 Milliarden Euro sollen es insgesamt sein. Banken sollen gewaltige Summen abschreiben - doch Experten fürchten, dass selbst das noch zu wenig ist.

Protest gegen Griechenlands Sparpaket: Aberwitzige Rettungssummen Zur Großansicht
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Protest gegen Griechenlands Sparpaket: Aberwitzige Rettungssummen

Es sind erschreckende Zahlen. Der Finanzbedarf Griechenlands beläuft sich bis 2020 auf mindestens 252 Milliarden Euro - mehr als doppelt so hoch wie bisher angenommen. Wenn die Rezession in dem südeuropäischen Land schärfer ausfällt, könnte der Bedarf sogar auf 444 Milliarden Euro steigen.

So steht es laut "Financial Times" ("FT") im neuen Schuldentragfähigkeitsbericht, den die Troika aus IWF, EZB und EU-Kommission am Freitag der Euro-Gruppe vorlegte. Die Ökonomen haben mehrere Szenarien durchgerechnet und sind zu einem ernüchternden Schluss gekommen: Der im Juli festgestellte Finanzbedarf von 109 Milliarden Euro bis 2020 ist bereits wieder Makulatur.

Die Lage Griechenlands habe sich erheblich verschlechtert, teilte die Euro-Gruppe verschämt mit. Man müsse das zweite Rettungspaket entsprechend anpassen. Privatgläubiger und Euro-Länder müssten einen weiteren Beitrag leisten.

Die Troika-Prüfer haben laut "FT" errechnet, dass die privaten Gläubiger auf 60 Prozent ihrer Forderungen verzichten müssten, um den Finanzbedarf Griechenlands auf dem bisher kalkulierten Niveau von 109 Milliarden Euro zu halten. Wenn der Schuldenschnitt nur 50 Prozent betragen würde, dann müssten die Euro-Staaten mit zusätzlichen Geldern einspringen: Das Rettungspaket müsste von 109 auf 114 Milliarden Euro aufgestockt werden.

Selbst Schuldenschnitt von 50 oder 60 Prozent reicht nicht

Der EU-Gipfel könnte sich wohl auf einen solchen Kompromiss einigen: Die privaten Gläubiger würden statt der bisher vereinbarten 21 Prozent auf 50 Prozent ihrer Forderungen an Griechenland verzichten - und die Euro-Staaten würden fünf Milliarden Euro an öffentlichen Geldern zuschießen. Die Banken müssten allerdings mitspielen, denn gezwungen werden sollen sie nicht. Sonst müssten die Rating-Agenturen den Kreditausfall Griechenlands feststellen, und das wollen die Regierungschefs auf jeden Fall vermeiden.

Die Euro-Retter würden eine solche Einigung auf einen größeren Schuldenschnitt zweifellos als Durchbruch feiern. Doch ein wirklicher Befreiungsschlag wäre es nicht: Das Problem bleibt bestehen, Griechenlands Schuldentragfähigkeit wäre immer noch nicht gewährleistet.

Denn die privaten Gläubiger im Ausland halten nur die Hälfte der griechischen Schulden. Wenn von dieser Auslandsschuld die Hälfte erlassen wird, ist das Land also nur ein Viertel seiner Gesamtschuld los. Es säße noch immer auf einem riesigen Berg Schulden.

Zudem zeigen die alternativen Szenarien der Troika, dass die Schulden leicht weiter steigen können - die konjunkturelle Entwicklung ist einfach zu unberechenbar. Jeder Streiktag in Athen treibt die Rechnung in die Höhe, der Zinseszins-Effekt multipliziert das Desaster.

Experten warnen daher, dass selbst ein Schuldenschnitt von 50 oder 60 Prozent nicht das letzte Wort in der griechischen Schuldensaga wäre. "Es reicht nicht", sagt Daniel Gros vom Centre for European Policy Studies. "Die Schulden Griechenlands werden weiter wachsen."

Keine umfassende Lösung in Sicht

Und es gibt noch eine viel größere Gefahr: dass die griechischen Sparer und Anleger das Vertrauen in ihre eigenen Banken verlieren und ihr Vermögen abziehen. Seit Monaten fließt Geld aus Griechenland ab, die Einlagen in den Banken verringern sich stetig. "Bislang passiert das noch schleichend, doch wenn sich diese Entwicklung beschleunigt, müsste die Regierung wie Argentinien 2001 die Konten sperren", sagt Gros. "Dann bricht die Wirtschaft zusammen."

Der Experte empfiehlt daher ein viel radikaleres Vorgehen, um die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen:

  • Griechenland müsste bis 2020 vom Schuldendienst befreit werden. Nur wenn das Land keine Zinsen mehr zahlen müsse, gebe es Hoffnung, dass der Schuldenberg nicht weiter wachse, sondern irgendwann abgebaut werden könnte.
  • Die griechischen Banken müssten nationalisiert werden und an stabile nordeuropäische Institute verkauft werden. Nur so könne das Vertrauen der Griechen in ihre Banken erhalten werden.

Solche Schritte werden jedoch beim Treffen der Finanzminister am Samstag und auf dem Gipfel der Regierungschefs am Sonntag nicht debattiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass es eine umfassende Lösung der Schuldenkrise geben wird, wie allseits gefordert, ist gering.

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1. Rettung der Griechen
Kurt Köster 22.10.2011
Zitat von sysopDas Geld reicht schon wieder nicht: Laut einem vertraulichen Bericht braucht Griechenland bis 2020 mehr als doppelt so viel Geld*wie erwartet. 252 Milliarden Euro sollen es insgesamt sein. Banken sollen gewaltige Summen abschreiben - doch Experten fürchten, dass selbst das noch zu wenig ist. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,793372,00.html
Ich fürchte, daß auch dieses Forum nur wieder eine neue Runde der beliebten Sportart: Eurobashing werden wird. Trotzdem habe ich mir fest vorgenommen, dabei zu bleiben. Ich habe es zwar schon einmal in einem Nebensatz erwähnt, aber ich wiederhole es gerne noch einmal: Niemand hat vom Euro so stark profitiert wie Deutschland. Daher halte ich es für kein zu großes Opfer, wenn Deutschland sich jetzt auch mal für die Rettung der Griechen stark macht.
2. Alternativen
bagasso 22.10.2011
Zitat von sysopDas Geld reicht schon wieder nicht: Laut einem vertraulichen Bericht braucht Griechenland bis 2020 mehr als doppelt so viel Geld*wie erwartet. 252 Milliarden Euro sollen es insgesamt sein. Banken sollen gewaltige Summen abschreiben - doch Experten fürchten, dass selbst das noch zu wenig ist. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,793372,00.html
Hat sich schon mal wer darüber Gedanken gemacht, diese Milliarden nicht im griechischen Sumpf zu versenken, sondern besser für aussichtsreiche, europäische Projekte einzusetzen?
3. Fdp :(
schweineigel 22.10.2011
War da nicht was von irgendeiner Regierungs-splitterpartei, die so was gesagt hatte, und deshalb abgestraft wurde?????
4. Und wie soll es jetzt weiter gehen ?
Knackeule 22.10.2011
Dass Griechenland unrettbar Pleite und ein Faß ohne Boden ist, das hat die europäische Spitzenpolitik vor einem Jahr noch nicht gewußt, ha ? Man mußte erst 80 Milliarden direkt überweisen und ein Vielfaches mehr durch den Ankauf wertloser Griechen-Staatsanleihen via EZB versenken, bevor man es jetzt schwarz auf weiß serviert bekommt. Jedem, außer gewissen Politikern, war das klar und deshalb hätte kein normaler Mensch mehr einen müden Euro in die Griechen investiert. Griechenland muß man einfach Pleite gehen lassen und die Banken, die den Griechen Geld geliehen haben, notfalls auch. Es kann jedenfalls keine Lösung sein, immer mehr Kohle (noch 250 Milliarden oder vielleicht auch mehr) in diesen bankrotten und korrupten Dritte-Welt-Staat zu versenken. Irgendwann reicht es, Ihr Deppen-Politiker.
5. Oh Wunder … und Ideen sind gefragt
wika 22.10.2011
… oder eigentlich kein Wunder. Selbstverständlich wird Griechenland nicht durch den Schuldenschnitt gerettet und bei dem Fahrplan über die Klippe schließen sich alle anderen Nationen über kurz oder lang auch an, dies gebietet das jetzige Geldsystem. Auch Deutschland wird danach über die Klippe müssen, wenn auch als Letzter. Alles BWL- und VWL Gefasel dient da zur zur Ablenkung. Das Geldsystem muss reformiert werden. Gesetzt den Fall *wir wollten unser kaputtes Geldsystem erhalten*, weil sich niemand davon verabschieden mag, dann sollten wir vielleicht einfach nur das Spiel umdrehen. *„Alle Hartz IV Bezieher gründen je eine eigene Bank“* … siehe fiktiven Plan der BfA (lohnt das Nachlesen zum besseren Verstehen) (http://qpress.de/2011/09/17/bfa-will-banken-grundungswelle-in-deutschland/). Diese vielen kleinen Banken können ganz gut reguliert werden, auch von der BfA, keine wird mehr zu groß und man kann auch den Hartz IV Beziehern die Tätigkeit der Banker zumuten, sprich auf dem Stuhl zu sitzen und zu warten dass die Zinsen kommen. Diese vielen kleinen Banken dürften dann selbstverständlich nur mündelsicher an Staaten verleihen. Bedauerlicherweise wird sich die Kaste der bisherigen Banken dem wohl verweigern, weil ihnen die Volksausbeute staatlich garantiert ist. Ergo … über Geldsystem nachdenken und ein neues schaffen, sonst gibt es wie bisher auch, alle drei Generation den Supergau, wetten … Wichtig für die Menschen ist es von diesen irreführenden Schuldzuweisungen weg zu kommen. Die Griechen hier vorführen zu wollen ist der falsche Weg. Sicher sie sind die Schwächsten in der Kette und müssten zuerst springen. Aus Sicht des Geldes ist es auch besser wenn sich die Menschen gegenseitig umbringen, anstatt den Kern des Übels zu beseitigen. Hier sollte aber der Europäer nicht ein weiteres Mal drauf reinfallen.
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Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

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