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Eurovisionen

Zugewanderte Mediziner Kommt ein Ostfriese zum spanischen Arzt

Spanische Ärzte in Ostfriesland: Voll integriert in Leer Fotos
SPIEGEL ONLINE

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Auf der Flucht vor der Krise in ihrer Heimat landeten spanische Ärzte im ostfriesischen Leer. Ihre Integration funktioniert, das Krankenhaus würde gern mehr Spanier holen. Doch der Stopp eines Jobprogramms der Bundesregierung stellt solche Initiativen infrage.

Zu den neuen Mitarbeitern des Borromäus-Hospitals gehört Maria Dolores Martín. "Ich bin sehr zufrieden", sagt die 28-Jährige, die in Leer seit Januar ihren Facharzt in Allgemeiner Chirurgie macht. "Ich bleibe sechs Jahre, und dann mal gucken."

Über solche Aussagen würde sich mancher Klinikchef freuen, schließlich herrscht in vielen Regionen Deutschlands Ärztemangel. "Wir sind als Krankenhaus in Ostfriesland geografisch in einer Randlage und müssen andere Wege beim Gewinnen und Halten von Mitarbeitern einschlagen als Kliniken in den Metropolen", sagt Jörg Leifeld, Chefarzt für Urologie am Borromäus-Hospital.

Der andere Weg führte für Leifeld nach Spanien. Er kennt das Land durch private Aufenthalte seit fast 20 Jahren und spricht selbst Spanisch. Die Arbeitslosigkeit steige auch unter spanischen Ärzten, sagt Leifeld, zugleich sei die Qualität des Medizinstudiums mit dem deutschen vergleichbar. Deshalb begann der Mediziner bei Reisen nach Granada und über eine Internetseite nach neuen Kollegen zu fahnden.

Der erste war Luis Navarro, der seit einem Jahr in Leer arbeitet. Der 32-Jährige kommt ursprünglich aus Peru, die letzten fünf Jahre lebte er in Madrid. Dort erhielt der Facharzt für Innere Medizin aber lediglich Drei-Monats-Verträge. In Deutschland habe er mehr Stabilität gefunden, sagt Navarro, ein verschmitzter Typ, der sich sichtlich gut mit seinem neuen Umfeld versteht. Die Deutschen seien viel offener als er gedacht habe. "Die Patienten sind glücklich, und ich bin auch glücklich."

15.000 Euro für einen Oberarzt

Navarro wurde noch mit Hilfe eines Headhunters nach Leer geholt. Die Dienste solcher Arbeitsvermittler sind jedoch teuer. "Das kann für einen Oberarzt Richtung 15.000 Euro gehen", sagt Leifeld. Für die Anwerbung von Martín und drei weiteren Spaniern schien eine einfachere Lösung gefunden: Unter großem Aufsehen startete die Bundesregierung Ende 2012 die Initiative "The Job of My Life", um arbeitslose Jugendliche und Fachkräfte aus EU-Krisenstaaten nach Deutschland zu holen.

Auch in Leer zählte man auf das Programm, besonders wegen der Förderung von Sprachkursen. Azubis oder Handwerker können ihre Deutschkenntnisse notfalls bei der Arbeit vervollständigen. Ausländische Ärzte müssen vor ihrer Zulassung in Deutschland dagegen mindestens das Sprachniveau B2 beherrschen, auf dem "ein normales Gespräch mit Muttersprachlern ohne größere Anstrengung auf beiden Seiten gut möglich ist".

Martín und Navarro sprechen inzwischen beide fließend Deutsch. "Zwischen Ärzten kann man auch Latein benutzen, aber mit Patienten muss man viele neue Worte lernen", sagt Navarro. Heute habe er etwa gelernt, dass eine Perikarditis in Deutschland auch als Herzbeutelentzündung bezeichnet wird. Ihre Patienten seien bei gelegentlichen Verständigungsproblemen aber sehr geduldig, berichtet Martín. Wirklich schwierig werde es nur, "wenn sie die Zahnprothese raus haben".

Ihre Sicherheit verdankt Martín einem sechsmonatigen Sprachkurs in Berlin. Solche Kurse wurden bei "Job of my life" nur mit Arbeitsvertrag und Gehalt gefördert. Den aber kann das Krankenhaus wiederum nur vergeben, wenn die Ärzte bereits ausreichend Deutsch sprechen. Um den künftigen Mitarbeitern dennoch die Teilnahme zu ermöglichen, vergab das Hospital ihnen auf eigene Faust Darlehen, um während des Sprachkurses die Lebenshaltungskosten zu finanzieren.

Im November vergangenen Jahres wurde die Förderung dann zwar auch mit einer reinen Arbeitszusage möglich, doch nur wenige Monate später folgte die große Ernüchterung: Wegen zu großen Andrangs fror die Bundesregierung das Jobprogramm ein. Die Fördermittel, von Ex-Arbeitsministerin Ursula von der Leyen als "gelebte europäische Solidarität" gepriesen, soll es künftig nur noch für maximal 2000 Azubis geben. Fachkräfte wie Martín und Navarro werden gar nicht mehr gefördert.

Angst vor dem politischen Signal

"Das ist eine Katastrophe", kommentiert Leifeld den Förderstopp. Den finanziellen Verlust meint er nur in zweiter Linie. Über "Job of my life" warb die Klinik zwar vier Ärzte an, erhielt aber letztlich keine Gelder. Stattdessen habe man mit Hilfe der zuständigen Ministerien aber andere Fördermittel aus dem Europäischen Sozialfonds erhalten. "Das rechne ich der Politik hoch an."

Was Leifeld und seinen Kollegen größere Sorgen macht, ist das politische Signal, das der Stopp aussendet. Schließlich habe die Initiative der Bundesregierung den Spaniern bedeutet, dass ihr Umzug nach Deutschland kein unverantwortliches Abenteuer ist. "Das ist etwas ganz anderes, als wenn wir das nur mit unseren Möglichkeiten machen", sagt Dieter Brünink, Geschäftsführer des Borromäus-Hospitals.

Aktuell schreibt die Klinik zwar schwarze Zahlen und hat keinen akuten Ärztemangel. Doch der ist absehbar. Schon heute kommen nur in Brandenburg noch mehr Patienten auf einen Arzt als in Niedersachsen (siehe Fotostrecke). Deshalb würden sie in Leer gern frühzeitig weitere Ausländer anwerben. Doch mit dem Stopp von "Job of my life" hängen solche Vorhaben auch weiterhin vor allem am Engagement von Einzelnen wie dem Urologen Leifeld.

Dabei sprechen zumindest die Fälle von Navarro und Martín dafür, dass Deutschland auch abseits seiner Metropolen für Südeuropäer interessant sein kann. Der Peruaner überlegt, demnächst seine spanische Freundin nach Leer zu holen, ebenfalls eine angehende Medizinerin. Und Martín sagt sogar, ihr gefalle es in Ostfriesland viel besser als in Berlin. Denn Teile der deutschen Hauptstadt könnten auch in Spanien liegen. So etwas wie die putzigen Backsteinhäuser von Leer aber gebe es in ihrer Heimat nicht.

29 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
MoeWHV 04.07.2014
wolke4 04.07.2014
jaloms 04.07.2014
sabaro4711 04.07.2014
wolke4 04.07.2014
Buerste 04.07.2014
Zitatbot 04.07.2014
bjuv 04.07.2014
women_1900 04.07.2014
L_P 04.07.2014
juanth 04.07.2014
brux 04.07.2014
Angelaschreibt 04.07.2014
twister-at 04.07.2014
der:thomas 04.07.2014
Consanesco 04.07.2014
lachina 04.07.2014
Berufskritiker 04.07.2014
der:thomas 04.07.2014
charito 05.07.2014
ha19 05.07.2014
Medienkenner 05.07.2014
Hans58 05.07.2014
Consanesco 05.07.2014
krautrockfreak 06.07.2014
thommy2130 06.07.2014
freespeech1 09.07.2014
hermannheester 14.07.2014
Hans58 14.07.2014

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