Griechische Politiker im Streitgespräch "Dann sind wir in einem Jahr raus aus dem Euro"

Griechenland steht vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch, dennoch wollen Linke den Sparkurs aufkündigen. Gibt es noch eine Alternative zum Euro-Austritt? Und was käme danach? SPIEGEL ONLINE bat den Führer der griechischen Liberalen zum Streitgespräch mit einer Syriza-Abgeordneten.

Gewitter über der Akropolis: Stillstand in Griechenland
dapd

Gewitter über der Akropolis: Stillstand in Griechenland


Athen/Thessaloniki - Man stelle sich vor: Deutschland steckt in einer existenziellen Krise und Parteien von der FDP bis zur Linken müssten gemeinsam eine Regierung bilden.

Ziemlich genau die Herausforderung, vor der Griechenland derzeit steht. Konservative (Nea Dimokratia) und Sozialisten (Pasok) wollten vergeblich die linksradikale Syriza als zweitstärkste Partei für eine Koalition gewinnen und so eine tragfähige Regierung bilden. Doch alle Vermittlungsversuche sind gescheitert, nun muss neu gewählt werden.

Die größte Streitfrage: Soll Griechenland die Sparverträge aufkündigen, gar aus dem Euro austreten?

SPIEGEL ONLINE hat zwei Vertreter unterschiedlicher Lager in Griechenland zum Streitgespräch geladen. Per Videodienst Skype diskutierten Stefanos Manos, Chef der wirtschaftsliberalen griechischen Partei Drasi (übersetzt: Bewegung), und Despoina Charalambidou, Abgeordnete der linksradikalen Syriza.

Manos - in Business-Kleidung - schaltete sich aus seiner eleganten Wohnung in Athen zu. Charalambidou saß in Jeans und T-Shirt in ihrem Büro in einem Arbeiterviertel in Thessaloniki. Beide stritten erbittert - und waren sich in manchen Punkten doch erstaunlich einig.

SPIEGEL ONLINE: Frau Charalambidou, Herr Manos, 80 Prozent der Griechen wollen den Euro behalten. Gleichzeitig gibt es auch eine Mehrheit gegen das Sparpaket. Wäre es möglich, dass Griechenland in der Euro-Zone bleibt und zugleich die Verträge mit EU und IWF widerruft?

Manos: Wenn wir morgen zu unseren Kreditgebern sagen "Hallo, wir wollen unsere Vereinbarungen rückgängig machen", fliegen wir aus dem Euro. Wir können natürlich versuchen, den Sparkurs und die Bedingungen zu ändern. Aber dafür brauchen wir zumindest einen Primärüberschuss - also ein Haushaltsplus, wenn man die Zinsen für Kredite herausrechnet. Um das zu schaffen, müssen wir erst einmal tiefgreifende Reformen durchziehen.

Charalambidou: Wir von Syriza sagen: Die Vereinbarungen mit der Troika müssen sofort gelöst werden. Der Rettungsplan verdammt das griechische Volk zu Armut, Arbeitslosigkeit und treibt die Menschen zur Auswanderung. Die Schulden wurden nicht von den einfachen Arbeitern gemacht, darum sollten sie auch nicht von ihnen bezahlt werden. Kein einziger Euro aus den Hilfen wird für Gehälter, Pensionen, das Gesundheitssystem oder Bildung verwendet. Mit dem Geld werden nur Schuldenlöcher gestopft und Kredithaie ausbezahlt. Die Warnung "Entweder Sparkurs oder Drachme" dient nur dazu, den Griechen Angst einzujagen.

Manos: Bei Frau Charalambidou zeigt sich, wie weit Wunsch und Wirklichkeit in Griechenland auseinander liegen. Der unrechtmäßige Schuldenberg, von dem Syriza spricht, ist fast ausschließlich dadurch entstanden, dass die Griechen über ihre Verhältnisse gelebt haben. Erst wenn wir uns das eingestehen, werden wir langsam unsere Wirtschaft wieder aufbauen können. Wenn wir aber unsere Verpflichtungen gegenüber den europäischen Helfern aufkündigen, dann betrügen und schaden wir uns selbst. Dann fliegen wir aus dem Euro und der Europäischen Union.

Charalambidou: Und warum sollen wir uns bei Darlehen immer an dieselben Kreditgeber halten? Wir leben in einer globalisierten Welt und könnten uns von anderen Partnern zu besseren Konditionen Geld leihen. Wie wäre es zum Beispiel mit Russland und China?

Manos: Das ist schon wieder so ein Fall von Wunschdenken. Sie werden von diesen beiden Ländern nicht einen einzigen Rubel oder Yuan bekommen, bevor Griechenland nicht Reformen umgesetzt hat. Übrigens bekommen wir durch die europäischen Hilfen Geld zu Konditionen, die uns der Markt nie gewähren würde. Wenn wir unsere Sparverpflichtungen nicht erfüllen, dann gibt uns nicht mal Hugo Chávez noch Geld...

SPIEGEL ONLINE: ...der Präsident von Venezuela. Allerdings greift die harte Sparstrategie der Troika bisher nicht. Sollte der Kurs also nicht geändert werden?

Manos: Wir müssen es schaffen, dass wir abgesehen von Zinszahlungen mehr Einnahmen als Ausgaben haben. Dann können wir Steuern kürzen, Vereinbarungen aufkündigen - also all das machen, wovon Syriza-Chef Alexis Tsipras und Frau Charalambidou träumen. Und wie schaffen wir das? Indem wir alles einsparen, was wir nicht brauchen und was uns nichts bringt.

Charalambidou: Ich stimme ihnen zu, dass wir erst mal Ordnung schaffen müssen. Aber das ändert nichts daran, dass wir in Griechenland aktuell mehr als eine Million Arbeitslose haben. Ich bin eine von ihnen. Im vergangenen Jahr habe ich meinen Job in der Bekleidungsindustrie verloren. Ich habe ein Jahr lang Arbeitslosengeld in Höhe von monatlich 460 Euro bekommen. Kürzlich wurde dieser Betrag auf 360 Euro gekürzt. Ich habe verzweifelt nach Arbeit gesucht - aber es gibt schlicht nichts. Mein Sohn ist nach zweieinhalb Jahren vergeblicher Jobsuche nach Deutschland gegangen. Meine Tochter arbeitet Teilzeit - zwölf Stunden die Woche - obwohl sie Abschlüsse und Fremdsprachenkenntnisse hat. Sie, Herr Manos, und die anderen Befürworter des Sparkurses unterstützen, dass das Leben von Arbeitern und Rentnern zerstört wird, dass Griechen das Land verlassen, dass große Firmen und Reeder viel zu wenig Steuern zahlen.

Manos: Ich weiß, dass es das alles gibt. Ich glaube dennoch, dass ich die Interessen der Arbeiter besser vertreten kann als Syriza-Chef Tsipras. Viele der Probleme sind entstanden, weil die Sozialisten im öffentlichen Sektor nicht kürzen wollten. Und Herr Tsipras ist vom selben Schlag. Der öffentliche Sektor ist ein Monster, das Steuern verschlingt. Und kleine Firmen müssen schließen, weil sie zu hoch besteuert sind.

SPIEGEL ONLINE: Viele Leute sagen inzwischen: Macht es denn einen Unterschied, ob wir den Euro oder die Drachme haben, wenn ich arm und arbeitslos bin? Und sie berufen sich auf Ökonomen, die sagen, dass Griechenland mit der schwächeren Drachme besser exportieren könnte und so schneller auf die Beine käme. Was meinen Sie dazu?

Manos: Wenn wir den Euro verlassen, wird alles schlimmer. Griechenland würde kaum mehr an Kredite kommen. Mit der Abwertung der Drachme würde alles im Land teurer werden. Überlegen Sie: Fast alles, was wir konsumieren, ist importiert. Und was haben wir denn an Exporten? Wir waren immer exportschwach. Wir haben unsere Wettbewerbsfähigkeit verloren, das ist die bittere Wahrheit. Es reicht nicht - wie von der Troika gefordert - Gehälter zu kürzen. Warum geht es den Deutschen und Schweizern gut? Weil sie begehrte Produkte herstellen. Wir haben keine Spitzenprodukte. Wir brauchen einen Kulturwandel - und diese Änderungen sind das Gute am Sparkurs.

Charalambidou: Es geht uns nicht um den Euro. Es geht uns darum, den Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen. Wir wollen nicht, dass Griechenland in die sechziger Jahre zurückfällt, als die Menschen in Länder wie Deutschland auswanderten, um eine Zukunft zu haben.

Manos: Da stimme ich zu 100 Prozent mit ihnen überein. Und wie wollen Sie das schaffen?

Charalambidou: Wir brauchen Steuergerechtigkeit. Vor allem Besteuerung der Reeder und der reichen Geschäftsleute.

Manos: Sie haben mit Syriza eine reelle Chance, an die Regierung zu kommen. Da sollten Sie Ihr Wunschdenken mal der Realität anpassen.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie darauf wetten, dass Griechenland in einem Jahr noch in der Euro-Zone ist?

Manos: Wenn die Bürger in Griechenland weiter einen Kurs verfolgen, der an der Realität vorbeigeht und Wunschdenken regiert, dann sind wir in einem Jahr raus aus dem Euro.

Charalambidou: Ich traue mir da keine Prognose zu. Wir wollen ein anderes Europa, in dem die Menschen die Hauptrolle spielen - und nicht politische und wirtschaftliche Eliten.

Die Diskussion moderierte Georgios Christidis; Übersetzung: Maria Marquart

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insgesamt 120 Beiträge
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Seite 1
crocodil 15.05.2012
1. Raus
aus der EU und wieder zurück zu ihrem Drachmen......
friedrichii 15.05.2012
2. Traeumereien
"Wir leben in einer globalisierten Welt und könnten uns von anderen Partnern zu besseren Konditionen Geld leihen. Wie wäre es zum Beispiel mit Russland und China?" Na, da bin ich aber gespannt, zu welchen Bedingungen Russland und China Geld an Griechenland ausleihen. Hier sieht man den voelligen Realitaetsverlust dieser Leute.
Redigel 15.05.2012
3. Dr.
Zitat von friedrichii"Wir leben in einer globalisierten Welt und könnten uns von anderen Partnern zu besseren Konditionen Geld leihen. Wie wäre es zum Beispiel mit Russland und China?" Na, da bin ich aber gespannt, zu welchen Bedingungen Russland und China Geld an Griechenland ausleihen. Hier sieht man den voelligen Realitaetsverlust dieser Leute.
Zumal Russland und China sich aktuell doch erheblich zierten, Hilfen über den IWF zu streuen, an bilaterale Kredite denken die erst Recht und zu Recht nicht. Da konnten sogar "Bürgen" in Form von deutschen und anderen europäischen Politikern auf ihren Touren durch Russland und China keinen Rubel oder Renminbi locker machen. Die Linke in Griechenland träumt tatsächlich...
Burbug 15.05.2012
4. Der kleine Mann ist hauptsächlich Schuld
Typisch linke Verantwortungsverweigerung: Das griechische Volk hat die korrupten Regierungen der letzen 40 Jahre demokratisch gewählt. Das gesamte griechische Volk, nicht nur griechische Reiche, hat von den in den letzten Jahrzehnten gemachten Schulden durch weit überhöhte Renten und Löhne profitiert. Die Schulden wurden nicht erst in der Finanzkrise gemacht, sondern schon seit Jahren. Also sollen die Griechen das nicht auf die Banken oder gar Deutschen schieben. Alle Griechen haben sich selber in diese Situation manövriert. Kein Grieche hat gegen die Verschwendung, Korruption und ungezügelte Schuldenaufnahme demonstriert. Alle Griechen, vor allem auch die kleinen Leute, haben bei dem Mist mitgemacht. Hört also auf in linker Manier zu jammern und die Verantwortung auf andere abzuschieben. Selbsterkenntniss ist der einzige Weg zur Besserung.
47/11 15.05.2012
5. Man ...
Zitat von sysopdapdGriechenland steht vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch, dennoch wollen Linke den Sparkurs aufkündigen. Gibt es noch eine Alternative zum Euro-Austritt? Und was käme danach? SPIEGEL ONLINE bat den Führer der griechischen Liberalen zum Streitgespräch mit einer Syriza-Abgeordneten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,833222,00.html
... stelle sich vor, in Deutschland müssten alle Parteien eine Regierung bilden , unvorstellbar . Wozu füttern wir dann dieses Pak eigentlich durch ? Da können doch die Bürger gleich selbst entscheiden . Aber nein, das traut man ihnen natürlich nicht zu, da müssen schon Politclowns alla Merkel, Schröder und Konsorten bemüht werrden !!!
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