Euro-Krise: Risikoaufschläge für Staatsanleihen steigen auf Rekordniveau

Mit immer neuen Treueschwüren für den Euro versuchen Europas Regierungschefs die Finanzmärkte zu beruhigen - doch die Spekulanten spielen nicht mit: Die Risikoaufschläge für Anleihen sind so hoch wie nie zuvor. Vor allem Spanien und Portugal geraten immer stärker unter Druck.

Börse in Madrid: Finanzmärkte misstrauen den Staatenlenkern Zur Großansicht
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Börse in Madrid: Finanzmärkte misstrauen den Staatenlenkern

Frankfurt am Main - Liegt es an der Diskussion um die Stabilität des EU-Rettungsschirms oder kann die Politik die Strömungen an den Finanzmärkten ohnehin nicht beeinflussen? Mit ihren Treueschwüren für den Euro ist es Europas Staats- und Regierungschefs bislang nicht gelungen, die Investoren zu beruhigen: Die Lage am Markt für europäische Staatsanleihen hat sich an diesem Freitag weiter zugespitzt.

Insbesondere die Risikoaufschläge für spanische Staatstitel wurden teurer und erreichten neue Rekordstände. Auch in Portugal, Italien und Irland kletterten die Renditen weiter. Als Grund nannten Händler die zunehmende Skepsis darüber, ob das Volumen des Rettungsschirms von EU und IWF überhaupt ausreicht, falls nach Irland weitere Länder gerettet werden müssten.

  • Besonders in Spanien legten die Renditen stark zu: Am stärksten war der Aufschlag bei zweijährigen Anleihen, wo der Zins um 0,18 Punkte auf 3,54 Prozent stieg. Bei längeren Laufzeiten waren die Anstiege zwar etwas schwächer. Der Zins der zehnjährigen Anleihe liegt aber mit rund 5,24 Prozent mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland.
  • In Portugal liegen die Kosten zur Refinanzierung zehnjähriger Staatsschulden mit 6,85 Prozent noch höher. Derzeit müssen im Währungsraum nur Irland (8,77 Prozent) und Griechenland (11,63 Prozent) höhere Zinsen im zehnjährigen Bereich zahlen.

Anlass für die anhaltende Nervosität dürfte nach Einschätzung des Chefvolkswirts der Deutschen Bank, Thomas Mayer, vor allem die Lage in Portugal sein. "Ich fürchte, momentan schauen die Märkte vor allem auf Portugal, das von den Fundamentaldaten her Griechenland ähnelt", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Spekulationen, wonach die EU das finanzschwache Portugal unter den Rettungsschirm für wackelnde Euro-Staaten drängt, wies die EU-Kommission jedoch zurück. "Ich weiß nicht, wo die Gerüchte herkommen", sagte der Sprecher von EU-Währungskommissar Olli Rehn am Freitag. Die "Financial Times Deutschland" hatte unter Berufung auf das Finanzministerium in Berlin von entsprechenden Bestrebungen berichtet. Der portugiesische Ministerpräsident José Socrates bestritt energisch, dass seine Regierung dazu gedrängt werde, EU-Hilfen in Anspruch zu nehmen. Der Bericht sei "komplett falsch", sagte er. Portugals Banken gelten zwar nicht als überschuldet wie die irischen Finanzinstitute, sind aber derzeit für ihre Geschäfte dem Bericht zufolge offenbar ebenfalls auf Geld der EZB angewiesen.

Auch aus Madrid kam ein Dementi: Spanien übe keinen Druck auf Portugal aus, europäische Finanzhilfen in Anspruch zu nehmen, sagte ein Vertreter der Regierung in Madrid. "Spanien will, dass Portugal seinen Haushalt verabschiedet und sein Stabilitätsprogramm erfüllt".

Den ersten Schritt haben die Portugiesen inzwischen getan. Das portugiesische Parlament verabschiedete am Freitag ein einschneidendes Sparprogramm, das Steuererhöhungen und Kürzungen im Sozialbereich beinhaltet. Bis 2011 soll das Haushaltsdefizit Portugals auf 4,6 Prozent der Wirtschaftsleistung sinken.

Ökonomen plädieren für Aufstockung des Rettungsschirms

Gleichwohl sehen Ökonomen die Notwendigkeit, der Nervosität der Märkte zu begegnen. Als probates Mittel könnte ihrer Einschätzung nach eine deutliche Aufstockung der Hilfsgelder dienen. Dazu gehört auch der Finanzexperte des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Henning Vöpel, der in der "Bild"-Zeitung eine Erhöhung des Garantierahmens um 500 Milliarden Euro auf 1,25 Billionen Euro vorschlägt. Zur Beruhigung der Märkte solle der Rettungsfonds "so schnell wie möglich" aufgestockt werden.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, hält laut "Bild" sogar eine Verdoppelung des Garantierahmens auf 1,5 Billionen Euro für "vorstellbar". Zimmermann warnte jedoch, das Schuldenproblem in der Euro-Zone lasse sich auf diese Art nicht dauerhaft lösen. "Um den Euro zu sichern und die Schuldenkrise in den Griff zu bekommen, müssen endlich Banken und Versicherungen an den Lasten beteiligt werden", sagte er.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sprach sich allerdings strikt gegen eine Aufstockung des Euro-Rettungsschirms aus. "Ich halte von den Forderungen gar nichts", sagte Schäuble am Freitag dem Radiosender Bayern2. Der Umfang des mit 750 Milliarden Euro bestückten Rettungspakets sei ausreichend. "Es wird derzeit unheimlich viel spekuliert", sagte Schäuble. "Und da gewinnen auch ganz abseitige Äußerungen plötzlich eine Bedeutung und verunsichern die Märkte, und das schafft zusätzliche Unruhe."

Bereits am Donnerstag hatte Bundesbank-Präsident Axel Weber klar gemacht, dass Spekulationsattacken gegen den Euro keine Chance hätten. Nach seinen Worten reichen die bereitstehenden Mittel des Rettungsschirms aus, um die Krise zu lösen. Allerdings merkte er auch an: "Wenn es nicht reicht, dann wird man erhöhen müssen."

mik/dpa-AFX/Reuters

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insgesamt 224 Beiträge
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1. Danke Frau Merkel
Nihil novi 26.11.2010
sehr hilfreich! Und alle dürfen noch nen paar Euronen drauflegen, wegen unserer geschwätzigen Darstellerin. Ich liebe das:)
2. Es ist schon lange bekannt,
w.-d.w 26.11.2010
Zitat von sysopMit immer neuen Treueschwüren für den Euro versuchen Europas Regierungschefs die Finanzmärkte zu beruhigen - doch die Spekulanten spielen nicht mit: Die Risikoaufschläge für Anleihen sind so hoch wie nie zuvor. Vor allem Spanien und Portugal geraten immer stärker unter Druck. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,731365,00.html
der Euro ist eine Totgeburt, sein Scheitern war bereits bei seiner Einführung vorherzusehen. Die Vorgänger-Währung, der ECU, war von Helmut Schmidt im Rahmen des „Europäischen Währungs-Systems“ eingeführt worden. Das EWS war nur eine Währungsschlange, eine Koppelung der Wechselkurse untereinander. Dieses EWS, das den Nationen ihre Währung belassen hatte, zerplatzte unter dem Angriff eines einzigen Spekulanten. Das war vor 30 Jahren, als vor 20 Jahren der Euro konzipiert wurde, konnten wir alle sehen, was die Politiker daraus gelernt hatten: NICHTS!
3. Kette
critique 26.11.2010
Wollte man die Finanzhai nicht an die Kette legen? Hier hat die Politik versagt. Gehandelt wird erst, wenn das Schlimmste eintritt - vorher nicht!
4. D-Mark
kdshp 26.11.2010
Zitat von sysopMit immer neuen Treueschwüren für den Euro versuchen Europas Regierungschefs die Finanzmärkte zu beruhigen - doch die Spekulanten spielen nicht mit: Die Risikoaufschläge für Anleihen sind so hoch wie nie zuvor. Vor allem Spanien und Portugal geraten immer stärker unter Druck. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,731365,00.html
Hallo, da sieht man aj auch das die "Finanzmärkte" auch dumm sind was denken die denn was passiert wenns zum crasch kommt. Auch deren kolhe wird dann nur noch papier sein und die werden auch zu den verlierern gehören denn wenn es so kommt verlieren ALLE. Zeigt mir aber das geld geilheit echt verblödet egal ob während der zockerei oder auch danach.
5. Schäuble kann schon mal 500 Mrd
National-Oekonom, 26.11.2010
...drauflegen, drunter wird der Markt es nicht mehr machen. Mit den lächerlichen 142 Mrd. aus dem EFSF (Rettungsfonds) kann er nichts machen, denn ein Großteil der Teilnehmer am EFSF wird im "Ernstfall" nicht zahlen. Klare Signale unserer Bundesregierung sind also gefordert. Wenn schon die Geldbörse aufmachen, dann nicht kleckern, sondern klotzen! Bin schon mal auf die nächste "Erklärung" der Kanzlerdarstellerin gespannt.
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Milliardenstütze für den Euro
Die EU hat sich auf ein beispielloses Rettungspaket geeinigt: Ein bis zu 750 Milliarden Euro schwerer Fonds für Euro-Wackelkandidaten soll Spekulanten abschrecken und die Währung schützen - die Konditionen im Überblick.
Milliarden-Auffangnetz

Für die klammen Euroländer stellt die Gemeinschaft bei Bedarf bis zu 750 Milliarden Euro Soforthilfe zur Verfügung.

Die ersten 60 Milliarden Euro kommen direkt von der EU-Kommission.

Sollte dieses Geld nicht ausreichen, kommen dazu die 440 Milliarden Euro schweren Hilfen einer Finanz-Zweckgesellschaft (siehe unten).

Zusätzlich steuert der Internationale Währungsfonds (IWF)mindestens 250 Milliarden Euro bei.

Finanz-Zweckgesellschaft
Die Finanz-Zweckgesellschaft ist ein für die Euroländer völlig neues Instrument, das im Namen aller 16 Euroländer Geld leihen und an finanzschwache Staaten weiterleiten kann.
Die Euroländer selbst müssen das Geld dabei nicht auf den Tisch legen, sie treten vielmehr als Garanten für das zu leihende Geld auf.
Zinssatz
Wie im Fall von Griechenland wird es auch für das 750-Milliarden-Paket einen einheitlichen Zinssatz für alle bedürftigen Länder geben. Griechenland muss für seine Kredite fünf Prozent Zinsen (für drei Jahre) zahlen.
Konsolidierung
Schuldenländer verpflichten sich, künftig noch strenger auf die Sanierung der Staatshaushalte zu achten.
Finanzmarktregulierung

Die Euroländer wollen die Finanzmärkte stärker regulieren. Dazu zählen Derivate und Rating-Agenturen, die die Kreditwürdigkeit von Schuldnern - und damit auch Staaten - bewerten.

Darüber hinaus versprechen sich die Staaten auch von der Einführung eines "Stabilitätsbeitrags" der Banken und einer weltweiten Abgabe auf Finanztransaktionen eine stärkere Beteiligung des Finanzsektors an den Kosten der Finanz- und Schuldenkrise.


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Schritt für Schritt: Wie Irland den Euro-Rettungstopf anzapfen kann

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Fotostrecke: Wo die Gefahren für den Euro liegen
Fragen und Antworten zur Irland-Hilfe
Warum beantragt Irland Notfallhilfe?
Weil sich der Euro-Staat mit Milliardengarantien für seine maroden Banken in eine Rekordverschuldung gestürzt hat - Irland steht am Rande des Bankrotts. Anders als bei Griechenland, das im Frühjahr vor dem Kollaps gerettet werden musste, gibt es aber immerhin keinen akuten Zahlungsengpass, weil das Land seine Schulden gerade refinanziert hat.
Woher kommt das Geld?
Seit Mai gibt es den Euro-Rettungsschirm über insgesamt 750 Milliarden Euro. Dazu tragen die Euro-Länder 440 Milliarden bei, die EU-Kommission 60 Milliarden und der Internationale Währungsfonds (IWF) 250 Milliarden. Aus allen drei Töpfen würde Geld fließen. Zusätzlich will Großbritannien bilaterale Kredite bereitstellen. Die Idee eines separaten Bankenpakets ist vom Tisch, weil die Regeln des Rettungsfonds das ausschließen. Für eine Bankenhilfe müsste der irische Staat Kredite an die Unternehmen weiterreichen.
Wie hoch wären die Kosten für Deutschland?
Bekommt Irland Geld aus dem Euro-Rettungsschirm, würde Deutschland für ein Drittel der irischen Finanzhilfen geradestehen. Allerdings muss die Bundesregierung kein Geld nach Dublin überweisen, sondern nur Bürgschaften geben - für die Kredite, die der Krisenfonds am Markt aufnimmt. Nur wenn Irland seine Schulden wirklich nicht bezahlen könnte, würde die Bürgschaft fällig. In jedem Fall fallen indirekte Kosten an, weil sich Deutschlands Kreditwürdigkeit durch die Bürgschaft verschlechtert und es für Kredite selbst mehr Zinsen zahlen muss.
Was muss Irland leisten?
Die Auszahlung einzelner Tranchen ist an Bedingungen wie Haushaltsauflagen geknüpft. Debattiert wurde eine Anhebung der Unternehmensteuer, die derzeit in Irland 12,5 Prozent beträgt und im Europa-Vergleich sehr niedrig ist - viele Länder, auch Deutschland, sehen sie als Dumping-Tarif im globalen Wettbewerb um Industrieansiedlungen. Die Regierung will diesen Tarif aber nicht anpassen und plant stattdessen harte Einschnitte im Sozialsystem.
Wie soll die Hilfe wirken, und braucht es sie wirklich?
Irland kann mit den Krediten seinen Bankensektor schneller sanieren. Die Forderungen ausländischer Geldgeber, darunter vor allem deutsche und britische Banken, sind sicher. Die Nothilfe könnte verhindern, dass andere Sorgenkinder wie Spanien und Portugal mit in den Strudel gerissen würden - wenn das Kalkül aufgeht, sich die Unruhe an den Finanzmärkten legt und die Zuversicht in die Euro-Länder wieder wächst. Ansonsten könnte es bitter werden, dann wäre die Euro-Zone und letztlich die EU ernsthaft bedroht.