Kandidat für Rettungsschirm Euro-Krise erreicht Slowenien

Das nächste Land rückt in den Fokus der Euro-Krise: Slowenien könnte laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg unter den Rettungsschirm schlüpfen. Das Land gilt wegen seiner Bankenprobleme als "Spanien Zentraleuropas".

Euro-Münze: Braucht Slowenien Hilfen aus dem Rettungsschirm?
DPA

Euro-Münze: Braucht Slowenien Hilfen aus dem Rettungsschirm?

Von


Hamburg - Nun also Slowenien. Das kleine Land im Südosten Europas wird als sechster Kandidat für den Euro-Rettungsschirm gehandelt. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet, die EU-Kommission habe bereits am Montag Hilfen in Aussicht gestellt. Ein Sprecher der Kommission wollte das nicht bestätigen. "Wir haben keinen Antrag aus Slowenien erhalten und geben keinen weiteren Kommentar zu dem Thema." Das heißt aber auch: Informell könnte die Kommission dem Land durchaus Geld aus dem Rettungsfonds angeboten haben.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 27/2012
Anleitung zu einer digitalen Diät

Slowenien wäre das sechste Land, das unter den Rettungsschirm schlüpft. Ähnlich wie Zypern, das im Juli Hilfe beantragte, dürfte Slowenien aber zu klein sein, um die Euro-Krise nennenswert zu verschärfen.

Das Land ist seit 2007 Teil der Euro-Zone. Mit zwei Millionen Einwohnern und einer Wirtschaftsleistung von gut 35 Milliarden Euro gehört es zu den kleinsten Mitgliedern der Währungsunion. Doch die Finanz- und Wirtschaftskrise hat das Land hart getroffen. 2009 brach das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 8,1 Prozent ein. Nach einer leichten Erholung rutschte Slowenien im vergangenen Jahr erneut in die Rezession.

Besonders schwer zu schaffen macht dem Land der Bankensektor. Zuletzt geriet die größte Bank, die Nova Ljubljanska Banka (NLB), ins Straucheln. Sie braucht rund 380 Millionen Euro. Doch aufgrund der schrumpfenden Wirtschaft fehlt dem Staat das Geld, die Banken aus eigener Kraft zu rekapitalisieren. Experten vergleichen die Lage Sloweniens deshalb bereits mit einem anderen Krisenland und sprechen vom "Spanien Zentraleuropas".

Ähnlich wie Spanien hat Slowenien bislang einen vergleichsweise niedrigen Schuldenstand. Im vergangenen Jahr machten die Verbindlichkeiten des Staates 47,3 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Im Schnitt beträgt die Verschuldung der 17 Euro-Staaten rund 88 Prozent des BIPs.

Doch angesichts der Bankenmisere und der Rezession bekommt Slowenien zunehmend Probleme, sich an den Kapitalmärkten frisches Geld zu besorgen. Die Finanzierungskosten kletterten auf den höchsten Stand seit Februar, die Rendite für eine 2021 auslaufende Anleihe lag Ende Juni bei 6,1 Prozent.

Slowenien hat an Wettbewerbsfähigkeit verloren

Der Schuldenstand ist zudem in den vergangenen drei Jahren dramatisch gestiegen. Noch 2008 lag er bei gerade mal 22 Prozent der Wirtschaftsleistung. Im vergangenen Jahr betrug das Haushaltsdefizit satte 6,4 Prozent des BIPs. Anfang 2012 gab es vorgezogene Neuwahlen, nachdem der sozialdemokratische Ministerpräsident Borut Pahor mit einer Vertrauensfrage im Parlament gescheitert war. Die neue Regierung versprach, das Defizit bis 2013 auf 2,9 Prozent zu senken - und so wieder die Maastricht-Kriterien zu erfüllen.

Doch ob das klappt, ist zumindest fraglich. Slowenien, das es als erste Teilrepublik des ehemaligen Jugoslawiens in die EU geschafft hat, büßte im vergangenen Jahr an Wettbewerbsfähigkeit ein. Im Ranking des World Economic Forum (WEF) rutschte das Land vom 45. auf den 57. Rang ab. Als problematisch bezeichnet das WEF vor allem die restriktiven Arbeitsgesetze, den schwierigen Zugang zu Krediten und die ineffiziente Bürokratie.

Slowenien leidet als exportabhängige Nation zudem besonders unter der wirtschaftlichen Krise, die den Großteil Europas erfasst hat. Rund 72 Prozent der Exporte gehen in die EU, wichtigster Abnehmer ist Deutschland, gefolgt von Italien, Österreich und Frankreich. Wichtigste Ausfuhrgüter sind Autos und Autoteile, chemische und pharmazeutische Produkte sowie Elektrotechnik, Holz und Möbel.

An den Finanzmärkten wird ein Antrag Sloweniens beim europäischen Rettungsfonds für wahrscheinlich gehalten. Zwar bedürfe es einer weiteren Eskalation der Euro-Krise, um ein Hilfsgesuch Sloweniens beim Internationalen Währungsfonds und der EU zu erzwingen, kommentierte William Jackson, Volkswirt bei Capital Economics in London, die Lage gegenüber Bloomberg. Das Land sei von diesem Schritt aber vermutlich nicht mehr allzu weit entfernt.

Gedränge unter dem Rettungsschirm
Griechenland
Im April 2010 beschloss der EU-Gipfel das erste Rettungspaket in Höhe von 110 Milliarden Euro für drei Jahre, bestehend aus bilateralen Krediten unter Beteiligung des Internationalen Währungsfonds (IWF). Ein Jahr später legten die Staats- und Regierungschefs ein zweites Rettungspaket nach, an dem sich neben dem IWF auch die privaten Gläubiger mit einem Forderungsverzicht beteiligten. Das später ausgehandelte Gesamtvolumen: 172,6 Milliarden Euro (inklusive 24,4 Milliarden aus dem alten Programm) für die kommenden zwei Jahre. 30 Milliarden Euro davon gehen indes nicht an Athen, sondern zur Absicherung an die Banken. Deren Verlust aus dem Schuldenschnitt: 107 Milliarden Euro.
Irland
Dublin hatte Ende 2010 Beistand der Euro-Partner beantragt, Anfang 2011 flossen die ersten Hilfsmilliarden. Insgesamt ist das Rettungspaket 85 Milliarden Euro schwer, wobei 35 Milliarden zur Rekapitalisierung des Bankensektors vorgesehen sind und Dublin 17,5 Milliarden selbst stemmt. Die letzte Tranche von drei Milliarden Euro ist für Ende 2013 vorgesehen.
Portugal
Im Mai 2011 vereinbarten die EU-Finanzminister Hilfszahlungen in Höhe von 78 Milliarden Euro für das Land. Das über drei Jahre bereitgestellte Geld fließt zu zwei Dritteln aus dem Euro-Rettungsfonds und zu einem Drittel aus dem IWF-Budget.
Spanien
Nach langem Zögern und auf Druck seiner europäischen Partner hat Ende Juni auch die Regierung in Madrid Finanzhilfen für den heimischen Bankensektor beantragt. Den Kapitalbedarf muss ein Team aus Experten aber noch beziffern. Zwei Beratungsfirmen haben ein Volumen von maximal 52 bis 62 Milliarden Euro ermittelt, damit die Kreditinstitute bei einer Zuspitzung der Krise nicht kollabieren. Der IWF geht von mindestens 40 Milliarden Euro aus, bliebe als Geldgeber bei einer reinen Bankenrettung ohne Spardiktat indes außen vor. Grundsätzlich hatten die Euro-Finanzminister Spanien schon vor zwei Wochen bis zu 100 Milliarden Euro zugesagt.
Zypern
Nur wenige Stunden nach Madrid schlüpfte auch Nikosia unter den Rettungsschirm. Wie im Falle Spaniens ist der genaue Kapitalbedarf noch offen und muss zunächst von einem Expertenteam geklärt werden. Diplomatenkreisen zufolge dürfte er sich aber deutlich unter zehn Milliarden Euro bewegen. Ähnlich wie Spanien liebäugelt auch Zypern mit einer "Bankenrettung light", um seine eng mit der krisengeschüttelten griechischen Wirtschaft verbandelten Geldhäuser zu rekapitalisieren. (dapd)

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 266 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hesse 03.07.2012
1. Na, was'n Wunder !
Zitat von sysopDPADas nächste Land rückt in den Fokus der Euro-Krise: Slowenien könnte laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg unter den Rettungsschirm schlüpfen. Das Land gilt wegen seiner Bankenprobleme als "Spanien Zentraleuropas". http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,842416,00.html
Warum nicht alle außer "noch" Deutschland, das Trottelland.
Mimimat 03.07.2012
2.
Habe eigentlich nur ich den eindruck, dass die Dominosteine immer schneller fallen?
pkscherl 03.07.2012
3. Den Letzten beißen die Hunde
Mehr gibt's kaum zu sagen!
Lamuria 03.07.2012
4. EudSSR
Kein Problem. Das Zentralkomando wird schon für alle sorgen, in einer ordnungsgemäß sozialistisch geführten EU wird alles "gerecht" verteilt. Genossen, meine Empfehlung!
fiutare 03.07.2012
5.
Ich erkläre das Wort "schlüpfen" zum Unwort des Jahrzehnts!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.