Pro und Contra: Soll Griechenland mehr Zeit bekommen?

"Deutschland sollte den Euro notfalls einseitig aufkündigen"

  Stefan Homburg,  Finanzprofessor an der Uni Hannover Zur Großansicht
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Stefan Homburg, Finanzprofessor an der Uni Hannover

Kaum hat Griechenland gewählt, offeriert Europa eine Verlängerung der Transferzahlungen. Angeblich ist es für Griechenland unzumutbar, in Zukunft auf eigene Rechnung zu leben. Dabei schaffen das ärmere Länder wie Estland oder Bulgarien durchaus. Weil die deutsche Bevölkerung zugleich wenig Neigung zeigt, immer mehr Geld in ein Fass ohne Boden zu schütten, hält auch die Diskussion um einen griechischen Austritt aus der Währungsunion an - als Ausdruck deutschen Wunschdenkens, das an der eigentlich interessanten Frage vorbeigeht.

Diese lautet nämlich: Sollte Deutschland nicht lieber aus der Euro-Zone austreten? Hierfür spricht, dass Belgien, Frankreich, Irland, Portugal und Spanien ähnliche Probleme haben wie Griechenland. Diese Länder sind zwar wirtschaftlich stärker, teilen mit Griechenland aber die Neigung, durch Überkonsum und Bankenrettungen immer tiefer im Schuldensumpf zu versinken. Die Konsumausgaben in Frankreich, Italien und Spanien sind während der vergangenen drei Jahre keineswegs gesunken, von Einsicht oder gar Sparsamkeit also keine Spur. Frankreich ist just zur Rente mit 60 zurückgekehrt, und seine neue sozialistische Regierung will die Staatsfinanzen durch Einlösung weiterer Wahlversprechen überstrapazieren, den Blick fest auf Deutschland gerichtet, das diese Wohltaten finanzieren soll.

Der Friede in Europa ist wichtiger als die Konjunktur

Bisher hat in der Geschichte keine zwischenstaatliche Währungsunion funktioniert, vielmehr sind alle an Verteilungskonflikten gescheitert. So wird es auch der Euro-Zone ergehen. Daher sollte sich Deutschland bereits jetzt für eine geordnete Abwicklung einsetzen oder den Euro notfalls einseitig aufkündigen. Dieser Schritt wird Turbulenzen und Einbußen zeitigen, der Ausstieg ist nicht zum Nulltarif zu haben. Die Alternative besteht aber darin, das Trauerspiel um die gemeinsame Währung einige Jahre fortzusetzen und dann doch zu beenden. In diesem Fall werden die Trennungskosten erheblich höher sein als beim sofortigen Ausstieg, weil die Mittelmeerländer nach wie vor über ihre Verhältnisse leben und ihre Schulden von Jahr zu Jahr erhöhen.

Eine Zentralisierung der Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik löst die Probleme nicht. Zwar könnte eine Brüsseler Gewaltherrschaft kurzfristig Bestand haben, doch würde sie nationalistische Tendenzen und Spannungen fördern und letztlich an ihnen zerbrechen. Ex-Jugoslawien und die Ex-Sowjetunion gemahnen eindringlich, diesen Irrweg nicht zu gehen. Schäubles Plan einer EUdSSR schürt genau jene Kriegsgefahr, der die Europäische Union einst als erfolgreiches Friedensprojekt entgegengesetzt wurde.

Der Friede in Europa ist wichtiger als die Konjunktur, auch wenn die Finanzindustrie und deren Meinungsmacher und Wirtschaftsweisen das anders sehen mögen. In den zwanziger Jahren stritt Europa über Schuldenfragen, und Frankreich marschierte ins Ruhrgebiet ein, nachdem sich Deutschland für zahlungsunfähig erklärt hatte. Die dabei entstandenen Aversionen waren Nährboden für den Zweiten Weltkrieg.

Der Streit in der Euro-Zone hat schon jetzt ähnliche Folgen, wie man an deutschen Stammtischen und an brennenden Deutschland-Fahnen in Athen erkennt, und diese Spannungen werden auf dem Weg in die Schuldenunion noch zunehmen. Die Vernunft gebietet es, durch nationale Währungen, Demokratie und Selbstverantwortung zu einer proeuropäischen Grundstimmung zurückzufinden.

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1. Frage der Verlässlichkeit
andy69 19.06.2012
Zitat von sysopGriechenland hat gewählt - aus EU-Sicht sogar die richtige Partei. Müssen die Euro-Partner dem krisengeplagten Land jetzt bei den Sparbeschlüssen entgegenkommen? Verdient das Land eine Atempause? Ein Pro und Contra führender Ökonomen. Euro-Krise: Soll Griechenland mehr Zeit bekommen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,839513,00.html)
Könnten sich die Euro Partner endlich mal auf die Zusagen der griechischen Politiker verlassen (was Reformen angeht), wäre gegen ein zeitliches Entgegenkommen ja gar nichts einzuwenden. Aber so...?
2. Zum Mäusemelken!
Klartext007 19.06.2012
Zitat von sysopGriechenland hat gewählt - aus EU-Sicht sogar die richtige Partei. Müssen die Euro-Partner dem krisengeplagten Land jetzt bei den Sparbeschlüssen entgegenkommen? Verdient das Land eine Atempause? Ein Pro und Contra führender Ökonomen. Euro-Krise: Soll Griechenland mehr Zeit bekommen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,839513,00.html)
Wie oft wird diese Debatte eigentlich noch geführt, wider alle Vernuft und Expertenstatements? Griechenland wird im EURO niemals auf die Beine kommen (wollen), Die sog. Rettungsschirme verführen zum Nichtstun. Griechenland ist wie ein sinkendes Schiff: Die Anderen (Staaten) schöpfen das Wasser aus dem Kiel und die Besatzung (GR) weigert sich, schwimmen zu lernen!
3. Die Geduld mit den säumigen Griechen ist doch längst ausgeschöpft
Roßtäuscher 19.06.2012
Zitat von sysopGriechenland hat gewählt - aus EU-Sicht sogar die richtige Partei. Müssen die Euro-Partner dem krisengeplagten Land jetzt bei den Sparbeschlüssen entgegenkommen? Verdient das Land eine Atempause? Ein Pro und Contra führender Ökonomen. Euro-Krise: Soll Griechenland mehr Zeit bekommen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,839513,00.html)
Selbst bei einem der handfestesten und ernst zu nehmenden Köpfe wie Juncker aus Luxembourg wird irgendwann der Geduldsfaden reißen. Ein Samaras hat noch nicht einmal sein (Schatten)Kabinett vorgestellt, Schwupps steht er schon wieder auf der Matte und will Rabatte. Wäre schön, wenn diese Politiker als Alternative endlich sagen würden, ab dem 01.Aug.2012 spätestens, werden wir im ganzen Land steuern eintreiben - vor allem bei den Reichen - und für die Zukunft festlegen. Dann brauchen wir kein Geld mehr. Dafür geben sie ständig die Bettler der Fussgängerzone, die zahnlos mit dem Hut in der Hand schnorren. Ist das der Stolz der Griechen? Zu denen würde ich auch noch in Urlaub fahren, lieber warten bis das Jahreslaub im Herbst von unseren Bäumen fällt. Hat man da noch Töne!!
4. :{[
gewgaw 19.06.2012
Griechenland braucht nur ein funktionierendes Katasteramt mit funktionierendem Liegenschaftsrecht und schon können sie Inseln verkaufen, mieten, verpachten und bräuchten die Gelder anderer Nationen nicht.
5. Man kann den Griechen nur eines empfehlen:
prontissimo 19.06.2012
Zitat von sysopGriechenland hat gewählt - aus EU-Sicht sogar die richtige Partei. Müssen die Euro-Partner dem krisengeplagten Land jetzt bei den Sparbeschlüssen entgegenkommen? Verdient das Land eine Atempause? Ein Pro und Contra führender Ökonomen. Euro-Krise: Soll Griechenland mehr Zeit bekommen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,839513,00.html)
den argentinischen Weg. Schluß mit jeder Art von Zahlung, raus aus dem Euro, Einführung einer drastisch abgewerteten Drachme und das anbieten was man hat/kann: Urlaub, Sonne, 15 % MWSt. und gut is. Militär abschaffen, dann klappt es auch dort wieder.
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