Pro und Contra Soll Griechenland mehr Zeit bekommen?

"Sparkurs beibehalten, aber ohne zusätzliche Kürzungen"


  Peter Bofinger,  Mitglied des Sachverständigenrats
dapd

Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrats

Beginnen wir mit einer einfachen Examensfrage für eine Einführungsveranstaltung in Makroökonomie. "Was würden Sie tun, wenn in G-Land das Bruttoinlandsprodukt um fünf Prozent zurückgeht? Antwort A: Ich reduziere die Staatsausgaben um sechs Prozent. Antwort B: Ich reduziere die Steuern um sechs Prozent." In allen Universitäten der Welt würde die Antwort A) als falsch gewertet werden. Wer in einer Rezession die Staatsausgaben kürzt, betreibt eine prozyklische Politik, die die Krise noch verstärkt.

Doch in der Euro-Krise scheinen die Gesetze der ökonomischen Schwerkraft nicht zu gelten. Nach den Programmen der Troika für 2012 muss Griechenland bei einem erwarteten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um fünf Prozent seine Staatsausgaben um sechs Prozent reduzieren. Gleichwohl erwartet die Troika, dass der Wirtschaftseinbruch schon im nächsten Jahr zum Stillstand kommen wird. Damit verhält sich die Troika nicht anders als vor einem Jahr, als sie bei einer ebenfalls rückläufigen Wirtschaftsentwicklung massive Sparprogramme forderte und zugleich für 2012 schon wieder ein leichtes Wachstum von 0,6 Prozent prognostizierte. Wenn daraus ein Einbruch von fünf Prozent geworden ist, zeigt das, wie wenig sich die Troika der destabilisierenden Effekte ihrer Programme bewusst ist.

Wer jetzt ein striktes Festhalten an den Sparprogrammen fordert, plädiert damit für eine prozyklische Fiskalpolitik, die Griechenland immer tiefer in die Krise führen wird. Gerade in Deutschland sollte man sich der ökonomischen und politischen Risiken einer solchen Strategie besonders bewusst sein. Es war der Reichskanzler Heinrich Brüning, der in den Jahren 1930 bis 1932 unser Land mit einer ähnlich konzipierten Politik zuerst in die wirtschaftliche Depression und dann in die politische Katastrophe geführt hat.

Die Wahl war wohl die letzte Chance für einen geordneten Gang aus der Krise

Europa wäre daher gut beraten, wenn es einer neuen griechischen Regierung zumindest eine ökonomische Atempause verschaffte. Sie könnte darin bestehen, an den bereits beschlossenen Sparmaßnahmen festzuhalten, aber so lange keine zusätzlichen Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen vorzunehmen, bis sich die Wirtschaft wieder gefangen hat. Im Vergleich zu einem expansiven Konjunkturprogramm, wie man das in Deutschland im Jahr 2009 bei einem ähnlich starken Konjunktureinbruch implementierte, ist das eine eher bescheidene Maßnahme. Aber es wäre der erste Schritt, um den Teufelskreis aus Rezession höheren Defiziten, zusätzlichen Sparmaßnahmen und einem noch stärkeren Wirtschaftseinbruch zu durchbrechen.

Eine solche Lockerung würde nichts an dem insgesamt ungewöhnlich scharfen Konsolidierungskurs Griechenlands ändern. Die Staatsausgaben würden immer noch um rund ein Fünftel unter dem Niveau des Jahres 2009 liegen.

Mit der Wahl am Sonntag haben die Griechen gezeigt, dass sie grundsätzlich bereit sind, an diesem schmerzhaften Weg festzuhalten. Das war vielleicht die letzte Chance, das Land in einem geordneten Prozess aus der Krise zu führen. Europa sollte diesen Prozess pragmatisch unterstützen und ihn nicht durch ein starres Festhalten an einer kontraproduktiven Therapie gefährden.

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andy69 19.06.2012
1. Frage der Verlässlichkeit
Zitat von sysopAPGriechenland hat gewählt - aus EU-Sicht sogar die richtige Partei. Müssen die Euro-Partner dem krisengeplagten Land jetzt bei den Sparbeschlüssen entgegenkommen? Verdient das Land eine Atempause? Ein Pro und Contra führender Ökonomen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,839513,00.html
Könnten sich die Euro Partner endlich mal auf die Zusagen der griechischen Politiker verlassen (was Reformen angeht), wäre gegen ein zeitliches Entgegenkommen ja gar nichts einzuwenden. Aber so...?
Klartext007 19.06.2012
2. Zum Mäusemelken!
Zitat von sysopAPGriechenland hat gewählt - aus EU-Sicht sogar die richtige Partei. Müssen die Euro-Partner dem krisengeplagten Land jetzt bei den Sparbeschlüssen entgegenkommen? Verdient das Land eine Atempause? Ein Pro und Contra führender Ökonomen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,839513,00.html
Wie oft wird diese Debatte eigentlich noch geführt, wider alle Vernuft und Expertenstatements? Griechenland wird im EURO niemals auf die Beine kommen (wollen), Die sog. Rettungsschirme verführen zum Nichtstun. Griechenland ist wie ein sinkendes Schiff: Die Anderen (Staaten) schöpfen das Wasser aus dem Kiel und die Besatzung (GR) weigert sich, schwimmen zu lernen!
Roßtäuscher 19.06.2012
3. Die Geduld mit den säumigen Griechen ist doch längst ausgeschöpft
Zitat von sysopAPGriechenland hat gewählt - aus EU-Sicht sogar die richtige Partei. Müssen die Euro-Partner dem krisengeplagten Land jetzt bei den Sparbeschlüssen entgegenkommen? Verdient das Land eine Atempause? Ein Pro und Contra führender Ökonomen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,839513,00.html
Selbst bei einem der handfestesten und ernst zu nehmenden Köpfe wie Juncker aus Luxembourg wird irgendwann der Geduldsfaden reißen. Ein Samaras hat noch nicht einmal sein (Schatten)Kabinett vorgestellt, Schwupps steht er schon wieder auf der Matte und will Rabatte. Wäre schön, wenn diese Politiker als Alternative endlich sagen würden, ab dem 01.Aug.2012 spätestens, werden wir im ganzen Land steuern eintreiben - vor allem bei den Reichen - und für die Zukunft festlegen. Dann brauchen wir kein Geld mehr. Dafür geben sie ständig die Bettler der Fussgängerzone, die zahnlos mit dem Hut in der Hand schnorren. Ist das der Stolz der Griechen? Zu denen würde ich auch noch in Urlaub fahren, lieber warten bis das Jahreslaub im Herbst von unseren Bäumen fällt. Hat man da noch Töne!!
gewgaw 19.06.2012
4. :{[
Griechenland braucht nur ein funktionierendes Katasteramt mit funktionierendem Liegenschaftsrecht und schon können sie Inseln verkaufen, mieten, verpachten und bräuchten die Gelder anderer Nationen nicht.
prontissimo 19.06.2012
5. Man kann den Griechen nur eines empfehlen:
Zitat von sysopAPGriechenland hat gewählt - aus EU-Sicht sogar die richtige Partei. Müssen die Euro-Partner dem krisengeplagten Land jetzt bei den Sparbeschlüssen entgegenkommen? Verdient das Land eine Atempause? Ein Pro und Contra führender Ökonomen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,839513,00.html
den argentinischen Weg. Schluß mit jeder Art von Zahlung, raus aus dem Euro, Einführung einer drastisch abgewerteten Drachme und das anbieten was man hat/kann: Urlaub, Sonne, 15 % MWSt. und gut is. Militär abschaffen, dann klappt es auch dort wieder.
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