Schuldenkrise Gnadenfrist für Spanien

Europas Krisenmanager rücken von ihrem strikten Spardiktat ab. Die EU-Finanzminister gewähren dem von Rezession geplagten Spanien eine einjährige Gnadenfrist beim Schuldenabbau - und wecken damit Begehrlichkeiten in Portugal und Griechenland.

Arbeitslose in Spanien: Rezession verheert das Land
AP

Arbeitslose in Spanien: Rezession verheert das Land


Brüssel - Jetzt ist es offiziell: Die EU gibt Spanien ein Jahr mehr Zeit zum Sparen. Einer entsprechenden Empfehlung der Euro-Gruppe folgten am Dienstag alle 27 EU-Finanzminister bei ihrem Treffen in Brüssel. Die Regierung in Madrid muss ihre Neuverschuldung nun erst 2014 unter drei Prozent drücken. Bislang hätte Spanien schon kommendes Jahr die Grenze erreichen müssen.

Die Gnadenfrist wurde mit der tiefen Rezession in Spanien gerechtfertigt - und mit den vielen Reformmaßnahmen, die die Regierung bereits getroffen hat. Der Schritt soll der Regierung zudem Luft verschaffen, um Spaniens marode Banken zu sanieren. Anleger reagierten erleichtert. Die Risikoaufschläge für spanische Staatsanleihen sanken unter die Sieben-Prozent-Marke.

Der Beschluss weckt bereits Begehrlichkeiten in anderen Euro-Krisenländern. Portugal hofft auf eine Lockerung seiner Sparauflagen im August, wenn die bislang getätigten Reformfortschritte des Landes das nächste Mal überprüft werden. Dann werde sich herausstellen, "wie der Erfolg des Anpassungsprozesses in Portugal begünstigt" werden kann, sagte Finanzminister Vitor Gaspar.

Die Euro-Länder und der Internationale Währungsfonds hatten Portugal im vergangenen Jahr mit einem Rettungspaket von 78 Milliarden Euro vor dem Staatsbankrott bewahrt. Dafür verpflichtete sich die Regierung zu einem rigiden Sparkurs. Im laufenden Jahr das Haushaltsziel von 4,5 Prozent zu erreichen, sei allerdings "sehr schwierig", sagte Gaspar. Portugals Zentralbank rechnet für 2012 mit einem Wirtschaftseinbruch um drei Prozent. Immerhin fällt die Rezession damit etwas milder aus als befürchtet. Grund sind die Exporte, die 2012 etwas kräftiger zulegen als erwartet.

Auch in Griechenland hofft die Regierung auf eine Lockerung der Auflagen. Sie ist seit 2010 auf Hilfen anderer Länder angewiesen. Anleger leihen ihr nur noch für wenige Wochen Geld. Zuletzt hat sich das Land knapp 1,63 Milliarden Euro am Geldmarkt besorgt, Laufzeit: 26 Wochen. Selbst für diese Kurzfristpapiere zahlt die Regierung 4,7 Prozent Zinsen.

Zentrale Bankenaufsicht soll schneller kommen

Immerhin ist die Anlegerpanik im Land vorerst verflogen. Die Griechen zahlen wieder verstärkt Euros auf ihre Konten ein. Vor der Parlamentswahl hatten viele ihre Konten geräumt, aus Angst, das Land könnte die Währungsunion schon bald verlassen. Allein von den Sparkonten der größten Institute waren seinerzeit pro Tag 500 bis 800 Millionen Euro abgezogen worden.

Bei einem ihrer zentralen Reformvorhaben drückt die EU-Kommission inzwischen aufs Tempo. Schon Anfang September will sie ein erstes Konzept für eine zentrale Bankenaufsicht in Europa vorlegen, sagte der zuständige EU-Kommissar Michel Barnier am Dienstag in Brüssel.

Italiens Ministerpräsident Mario Monti drängte darauf, über die Aufsicht hinaus auch eine Bankenunion voranzutreiben. Außer einer zentralen Kontrolle seien eine gemeinsame Absicherung der Bankeneinlagen und ein europäischer Fonds zur Abwicklung einer gescheiterten Bank nötig, sagte er. "Ein solch allumfassender Ansatz wäre ein Beitrag zu einer dauerhaften Lösung der Krise." Deutschland hatte Vorstöße für eine Bankenunion in den vergangenen Wochen wiederholt gebremst.

Bei ihrem Treffen berieten die EU-Finanzminister auch über die Details des bis zu 100 Milliarden Euro schweren Hilfsprogramms für Spanien. Auflagen und Zinsraten wollen die Euro-Finanzminister bei einem Sondertreffen am 20. Juli festmachen. Der Bundestag kommt bereits am 19. Juli zu einer Sondersitzung zusammen, um über die Hilfen für Spanien zu beraten.

In der Nacht hatten die Finanzchefs der 17 Euro-Länder beschlossen, den spanischen Krisenbanken noch im laufenden Monat erste Notkredite von 30 Milliarden Euro zukommen zu lassen. Als Gegenleistung muss Madrid Auflagen erfüllen und seinen Bankensektor reformieren. Nach Worten von Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble geht es dabei auch um Grenzen für die Gehälter von Bankmanagern.

ssu/dapd/dpa

insgesamt 12 Beiträge
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albahar 10.07.2012
1. Der Frist...
wird verlängert, dagegen gibt es neue Sparmassnahmen...euh, sollte es nicht umgekehrt sein?...
sorata 10.07.2012
2. Wann wird endlich recherchiert und die Wahrheit berichtet?
Hier geht es nicht um erlittene Verluste spanischer Banken, sondern um Gewinnerwartungen, die überzogen waren. Diese "verlorenen " Gewinne der spanischen Banken sollen nun subventioniert und finanziert werden.Während des Booms finanzierten diese Banken Häuser und Wohnungen in der Regel mit 100% über den Realwert, was die Banken genau wussten. So wurde aus einer 200.000,00 Euro Immobilie in den Büchern zu einer 400.000,00 Euro Immobilie.Viele dieser Immobilien holen sich die Banken jetzt jedoch zurück, haben also real keinen Verlust gemacht. Nun lamentieren sie, dass am Beispiel, laut ihren Büchern, ein Verlust von 200.000,00 Euro gemacht wurde, weil sie nur zu diesem Preis die Immobilie loswerden können.Hier geht es nicht um Verluste,sondern um nicht erreichte und überzogene Gewinnerwartungen,die Steuerzahler in anderen Euro-Ländern nun bezahlen sollen.Das ganze ist nur noch grotesk! Für Chaos-Team Merkel/Schäuble sind das natürlich "Verluste",die unser Finanz-System in den Abgrund reißen könnten.In Spanien nennt man das "quenta del tio". hier wohl eher "Hütchenspiel".
parizifal 10.07.2012
3. Banken ohne Schranken
"es dabei auch um Grenzen für die Gehälter von Bankmanagern..." Der dumme Steuerzahler kapiert es nicht und will es auch nicht kapieren. Die Banken zocken, von der letzten Bankkrise haben sie keine Konsequenzen gezogen. Warum auch? Sie sind ja systemrelevant. Sie haben einen Blankoscheck. Zocken ohne Risiko. Verluste gleichen die Steuerzahler aus und außerdem blechen sie für die Boni der Banker. Nur darum geht es bei der Rettung: wie kann sich eine Geldelite am Volksvermögen bedienen, schamlos und straflos.
Kerkyra 10.07.2012
4.
Zitat von sysopAPEuropas Krisenmanager rücken von ihrem strikten Spardiktat ab. Die EU-Finanzminister gewähren dem von Rezession geplagten Spanien eine einjährige Gnadenfrist beim Schuldenabbau - und wecken damit Begehrlichkeiten in Portugal und Griechenland. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,843650,00.html
Die "Begehrlichkeiten" sind wohl begründet. Die genannten Volkswirtschaften sind ökonomisch nicht in der Lage die Sparauflagen innerhalb der genannten Fristen einzuhalten, zumal diesen bisher jegliche Möglichkeit zum Wachstum durch das einseitig ausgelegte Sparprogramm entzogen wird.
heldenmut 10.07.2012
5. Die Euro-Retter rücken immer von etwas ab,
da ist das gedruckte Papier noch nicht trocken, da wird gegen Gesetze und Regeln verstoßen. Dem Fiskalpakt wird es ebenso ergehen. Vom Maastricht-Vertrag spricht niemand mehr. Er war mal Voraussetzung für die Abschaffung der DM. n den Vertrag hält sich niemand und den künftigen Gesetzen und Absprachen wird es ebenso ergehen. Wortbruch und Verstöße gegen Regeln und Gesetze gehören bei unseren Politikern, besonders jenseits der Landesgrenzen innerhalb der Eurozone, inzwischen zum Tagesgeschäft - ohne rot zu werden!
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