Euro-Krise Sparen, sparen, Spanien

Spaniens Wirtschaft liegt am Boden, die Arbeitslosigkeit schnellt über 20 Prozent, Spekulanten wetten gegen den Euro-Krisenstaat. Premier Zapatero verordnet seinem Land einen brutalen Sparkurs - und Angela Merkel lobt ihn dafür. Wenn der Plan scheitert, fliegt die Währungsunion wohl auseinander.

Spaniens Ministerpräsident Zapatero, Kanzlerin Merkel: Erst Aufschwung, dann Krise
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Spaniens Ministerpräsident Zapatero, Kanzlerin Merkel: Erst Aufschwung, dann Krise

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Einen solchen Alptraum hätte sich Eva Reina López vor ein paar Jahren nicht vorstellen können. Nach ihrem Abitur zog die Madrilenin in den Norden Spaniens, sie fing als Schweißerin bei einer Firma an, die Türme für Windkraftanlagen zusammenbaute. Es herrschte Aufbruchstimmung im Land, der Wohlstand wuchs und erfasste breite Bevölkerungsschichten. Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero erklärte, Spanien werde Deutschland beim Pro-Kopf-Einkommen wohl in "zwei, drei Jahren" überholen.

Heute, zwei, drei Jahre später, ist Reina, 21, arbeitslos, sie wohnt wieder in ihrem Kinderzimmer in Madrid bei ihrem verwitweten Vater. Das einstige Wirtschaftswunder hat sich als Blase entpuppt, das Wachstum basierte vor allem auf niedrigen Zinsen und einer irrwitzig florierenden Bauwirtschaft. Als die Blase im Zuge der Finanzkrise platzte, schnellte die Arbeitslosigkeit von acht auf 20 Prozent hoch.

Das Ausmaß der Krise bedroht nicht nur Familien wie die Reinas, sie ist eine Gefahr für die gesamte Europäische Währungsunion. Die Finanzmärkte spekulieren immer wieder darauf, dass das Land unter den europäischen Rettungsschirm flüchten muss.

Spanien wäre für den Rettungsschirm eine Nummer zu groß

Die Unsicherheit macht die Kreditaufnahme teuer, mehr als fünf Prozent Zinsen muss Spanien zahlen, wenn es an den Finanzmärkten frisches Kapital für seine Staatsgeschäfte beschaffen will.

Griechenland und Irland mussten schon die Hilfe anderer Euro-Länder in Anspruch nehmen, Portugal sperrt sich noch, gilt aber als nächster Kandidat. Und dann? Ist dann Schluss? Oder greift die Euro-Krise auf den großen iberischen Nachbarn über?

Das wäre ein Alptraum. Spanien wäre eine Nummer zu groß für den 750-Milliarden-Euro-Rettungsschirm - die Euro-Krise geriete vollends außer Kontrolle. "Mit Spanien steht und fällt alles", sagt Commerzbank-Analyst Christoph Rieger.

Es ist deshalb ein ganz besonderer Besuch, den Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an diesem Donnerstag dem spanischen Regierungschef Zapatero abstattet. Der deutschen Delegation gehören neben mehreren Bundesministern auch der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds, Michael Sommer, sowie Repräsentanten von großen Unternehmen wie Siemens Chart zeigen, RWE Chart zeigen und Telekom Chart zeigen an. Sie sollen mit ihren spanischen Kollegen Erfahrungen austauschen, wie Deutschland Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise zu Beginn des Jahrtausends bewältigt hat.

Zügelloser Bauboom in den wilden Jahren

Guten Rat kann Zapatero brauchen. Der Sozialist hat schmerzhafte Sparmaßnahmen eingeleitet, er baut den Sozialstaat komplett um und zwingt die kriselnden Sparkassen des Landes zu radikalen Reformen. Trotzdem bleiben viele Händler in den internationalen Finanzmetropolen misstrauisch. Manche meiden Anleihen aus den kriselnden Peripheriestaaten der Euro-Zone derzeit einfach generell. "Es ist schwer, einen Unterschied zwischen den einzelnen Ländern zu machen", sagt etwa David Scammell, Fondsmanager für europäische Anleihen bei der Londoner Vermögensverwaltung Schroders, die mehr als 200 Milliarden Euro betreut.

Es war ausgerechnet die Einführung des Euro, die den Grundstein legte für jene Entwicklung, die heute die gesamte Gemeinschaftswährung zu sprengen droht: Spanien kam mit einer zu niedrig bewerteten Peseta in die Union. Und die Zinsen, die sich fortan an der Entwicklung des gesamten Euro-Raums orientierten, waren für das Land viel zu niedrig.

Die Folge war ein zügelloser Bauboom: In den wilden Jahren entstanden in Spanien 800.000 Wohnungen jährlich, mehr als in Deutschland, Italien und Frankreich zusammen. Auch einfache Arbeiter waren in der Lage, Eigenheime zu erwerben und für jedes Kind eine Wohnung als Mitgift - oder einfach als Geldanlage. Die Immobilienpreise stiegen je nach Lage zwischen 150 und 300 Prozent.

Nicht nur an der zubetonierten Mittelmeerküste sind die Folgen allgegenwärtig. Rund um die Hauptstadt Madrid stehen halbfertige Geistersiedlungen, die geplant waren für Zehntausende Pendler, und in die bislang nur einige tausend Pioniere eingezogen sind.

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autocrator 03.02.2011
1. "sparen"
ich kann das wort "sparen" inzwischen längst nicht mehr hören. "sparen" heisst übersetzt: denjenigen, die eh schon kaum was haben, nimmt man was weg, damit die anderen, die ihre schäfchen längst im trockenen haben, nichts abgeben müssen. man braucht bloß SPON zu lesen: in den USA denkt man über den staatsbankrott einzelner staaten nach, - und ein paar themenblocks weiter unten kann man nachlesen, dass Exxon täglich einen reingewinn von 80 mio $ macht, und ein paar tage später liest man, dass die wallstreeet-banker soviel boni kassieren wie noch nie zuvor. beispiel aus D gefällig? elterngeld für die normalen und reichen ist da, für Hartzer wird's gestrichen. das ach so soziale schweden? - königstöchterlein heiratet ... bezahlen tut der staat, und damit es nicht ans eigene eingemachte geht lässt man sich die flitterwochen auch noch sponsern. usw.usf. ... es wird einem so langsam schlecht. Und der oberwitz ist: die politiker, die mit freuden anderer leute = des steuerzahlers geld ausgegeben haben, gaben und geben wissentlich und willentlich seit jahren und jahrzehnten mehr aus als reinkommt ... klar, die nächste wiederwahl muss ja gewonnen werden. Ich bin inzwischen entschieden gegen Sparen. Besser ist umverteilen. Aber diesmal von oben nach unten. Die gesetzlichen grundlagen sind dazu da: Eigentum verpflichtet. Also sollen die, die haben, jetzt auch mal in die pflicht genommen werden.
turkisharmy 03.02.2011
2. Sparen???????
Warum sollen ganze Gesellschaften sparen????? nur weil dieses ganze gewissenlose und geldgeile Bänkerpack sich gründlich verzockt hat? Und Mutti nickt einfach nur und hat die Zeichen nicht erkannt. Der Euro ist tot. Noch spricht es keiner aus, aber es steht fest.
demophon 03.02.2011
3. Preise senken
Wenn sich der spanische Immobilienbestand zu völlig überteuerten Preisen nicht verkaufen lässt - die Immobilien sind in wenigen Jahren um 300% gestiegen - bräuchte man sie doch nur zu einem realistischen Preis anbieten. Es gibt doch gar keinen Grund, dass eine 100m² Wohnung in Madrid doppelt soviel kostet wie in Berlin. Die gierigen Gewinnmargen waren in Spanien einfach utopisch.
Thommy56 03.02.2011
4. Sparen...?
Zitat von sysopSpaniens Wirtschaft liegt am Boden, die Arbeitslosigkeit schnellt über 20 Prozent, Spekulanten wetten schon gegen den Euro-Krisenstaat. Premier Zapatero verordnet seinem Land einen brutalen Sparkurs - Angela Merkel lobt ihn dafür.*Wenn der Plan scheitert, fliegt die Währungsunion wohl auseinander. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,743378,00.html
Genau wie Griechenland hat Spanien nicht die Mentalität zum Sparen. Das sagen sogar Arbeitskollegen von mir, die aus Spanien kommen. Daher wird die Verordnung von Zapatero nur ein frommer Wunsch bleiben!
kneppers 03.02.2011
5. ohje
Zitat von turkisharmyWarum sollen ganze Gesellschaften sparen????? nur weil dieses ganze gewissenlose und geldgeile Bänkerpack sich gründlich verzockt hat? Und Mutti nickt einfach nur und hat die Zeichen nicht erkannt. Der Euro ist tot. Noch spricht es keiner aus, aber es steht fest.
Wenn die nicht sparen zahlt es eben Deutschland, so ist es gewollt um Deutschland klein zu halten, nur klappt es nicht ganz so wie Mitterand und Co sich das gedacht hatten. Bald knallt es richtig.
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