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Euro-Krise Was Europa von seinem Süden lernen kann

Urlaubsidylle Griechenland: Nicht nur Blitzbesuche in Regierungsmaschine oder Billigflieger
AP/dpa

Urlaubsidylle Griechenland: Nicht nur Blitzbesuche in Regierungsmaschine oder Billigflieger

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Seit Beginn der Eurokrise waren Griechen, Italiener oder Spanier stets die Sündenböcke der EU. Ein neues Buch empfiehlt sie dagegen als Vorbilder - auch in Sachen Müßiggang.

"Mehr Süden wagen" heißt der gerade erschienene Band, geschrieben hat ihn der Journalist Sebastian Schoepp. Er berichtet für die "Süddeutsche Zeitung" seit langem über Südeuropa und hat selbst in Spanien und Italien gelebt. Nun will Schoepp zeigen, dass der dortige Lebensstil "auch der vor dem Nervenzusammenbruch stehenden EU und ihren Leistungsvirtuosen ein paar probate Handreichungen zur Heilung bieten könnte".

Eine These, die bei so manchem AfD-Wähler zu Schnappatmung führen dürfte. Schließlich geriet die EU nach gängiger Lesart wegen Griechenland oder Portugal überhaupt erst an den Rande des Zusammenbruchs. Früher hätten Nordeuropäer südlich der Alpen Labsal und Inspiration gesucht, schreibt Schoepp. "Doch seit wir durch den Euro in einer Familie mit dem Süden leben, mögen wir ihn nicht mehr."

Schoepp bestreitet nicht, dass es massive Fehlentwicklungen gab: sinnlosen Bauboom in Spanien, Subventionswirtschaft in Griechenland, Klientelismus in der gesamten Mittelmeerregion. Er zeigt auch, dass die unterschiedliche Entwicklung von Nord und Süd bisweilen eine Mentalitätsfrage war. So schrieb der spanische Philosoph Miguel de Unamuno (1864 bis 1936) nicht nur Elogen auf die Siesta. Auf Kritik an der mangelnden Innovationskraft seines Landes erwiderte er: "Que inventen ellos!" Erfinden sollten die anderen - was sich die Schwaben bekanntlich nicht zweimal sagen ließen.

Zugleich erinnert Schoepp aber daran, wie anders das Bild der Mittelmeerländer war, bevor hierzulande nur noch über "Pleite-Griechen" diskutiert wurde. Jahrhundertelang habe der Süden das "ökonomische und politische Kraftzentrum" des Kontinents gebildet - etwa durch die Erfindung des modernen Bankwesens in Italien. Schoepp wagt sogar die These, dass die Erfindung der Pasta in Neapel die Welt "mindestens so verändert hat wie die Erfindung des Mikroprozessors".

Und die Länder ruhten sich keineswegs auf ihrer glorreichen Vergangenheit aus. Spanien etwa holte die Modernisierung nach dem Ende der Diktatur mit fast schon schmerzhafter Geschwindigkeit nach: Die von Unamuno gefeierte Siesta wurde von der Regierung bereits 2006 zum Wettbewerbshindernis erklärt und mittlerweile weitgehend abgeschafft. Auch vom mangelnden Unternehmergeist früherer Tage ist bei global operierenden Konzernen wie der Großbank Santander, dem Energieversorger Iberdrola oder der Zara-Mutter Inditex nichts mehr zu spüren.

Schoepp sieht das Problem denn auch weniger darin, dass Südeuropa keinen wirtschaftlichen Ehrgeiz hatte - sondern dass oftmals "schnelles Geld ohne Nachhaltigkeit" gemacht wurde. An dieser Stelle kommt die Lektion für Nordeuropa ins Spiel.

Jenseits der Miracoli-Klischees

Denn Deutsche oder Niederländer mögen besser durch die letzten Jahre gekommen sein. Doch auch hierzulande wuchsen in der Krise Zweifel an einem Wirtschaftssystem, in dem immer weniger immer mehr verdienen. Mehr Süden zu wagen bedeutet Schoepp zufolge deshalb eine "Chance, die Mängel eines Wachstumsmodells zu korrigieren, das ganz auf Kumulation gebaut ist". Mit Blick auf seinen Süden könne Europa sich auf Werte wie Solidarität, Ganzheitlichkeit und Empathie besinnen.

Was für sich ziemlich esoterisch klingt, füllt Schoepp durch viele Beispiele mit Leben. Ihr ausgeprägterer Familiensinn etwa war jenseits aller Miracoli-Klischees der Hauptgrund dafür, dass viele Griechen oder Spanier in der Krise nicht obdachlos wurden. Dass das soziale Netz in Deutschland ähnlich gut halten würde, bezweifelt selbst die nicht gerade antikapitalistische "Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Unsere Gesellschaft hält nicht zusammen", warnte sie. "Unsere gesamte Identität basiert auf dem Reichtum des Landes in den sechziger und siebziger Jahren."

Das südliche Gemeinschaftsgefühl führte auch zu beachtlichen Protesten. So waren die spanischen "Indignados" nach Ansicht von Schoepp die erste Massenbewegung gegen schrankenlosen Marktliberalismus, der "seit Ronald Reagan und Margaret Thatcher die Welt erobert" habe. Selbst die mittlerweile viel bekanntere Occupy-Bewegung in den USA wurde von den Spaniern inspiriert.

Vorbild sein könnte der Süden außerdem in Sachen Beweglichkeit. Schließlich wandeln viele junge Portugiesen, Spanier oder Griechen als Gastarbeiter im Norden mittlerweile auf den Spuren ihrer Großeltern. Nun müssten auch die Deutschen ihre Nachbarländer besser kennenlernen, fordert Schoepp - und zwar "über Blitzbesuche in der Regierungsmaschine oder im Billigflieger hinaus".

Zu guter Letzt könnte Europa von seinem Süden tatsächlich mehr gesunden Müßiggang lernen, meint Schoepp. Er schildert, wie er selbst durch ein Sabbatjahr in Barcelona aus einer beruflichen Krise fand. Und er hat einen berühmten Kronzeugen: Max Weber.

Der legendäre Soziologe zeigte einst, wie die protestantische Arbeitsethik den Siegeszug des modernen Kapitalismus erst ermöglichte. Weber beschrieb sich dabei in gewisser Weise selbst, nach heutigem Maßstab war er ein Workaholic. Doch das Konzept zu seinem Hauptwerk entwickelte Weber in Italien - als er sich dort von einem Zusammenbruch "in Folge jahrelanger Überarbeitung" erholte.



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21 Leserkommentare
SenYek 29.09.2014
kenterziege 29.09.2014
sr.pablo 29.09.2014
Benjowi 29.09.2014
prince62 29.09.2014
Calenberg 29.09.2014
adolfo1 29.09.2014
Calenberg 29.09.2014
4frankie 29.09.2014
thomasconrad 29.09.2014
spon-1180483865220 29.09.2014
pecos 29.09.2014
Ulrich Berger 29.09.2014
Flying Rain 29.09.2014
alettoria 29.09.2014
zingerle-gabriel 29.09.2014
Miere 30.09.2014
women_1900 30.09.2014
anderermeinung 30.09.2014
janko01 01.10.2014
doreen-jueppy 15.12.2014

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