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US-Finanzminister Geithner bei Schäuble: Heimgesucht auf Sylt

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Es ist ein Treffen mit Symbolkraft: US-Finanzminister Geithner ist eigens in das Urlaubsdomizil seines deutschen Kollegen auf Sylt geflogen, um Wolfgang Schäuble zu bearbeiten. Die Amerikaner drängen die Euro-Retter, die Märkte mit Geld zu fluten. Dahinter stecken vor allem egoistische Motive.

Schäuble mit Geithner in Munkmarsch auf Sylt: Krisendiplomatie im Urlaub Zur Großansicht
dapd

Schäuble mit Geithner in Munkmarsch auf Sylt: Krisendiplomatie im Urlaub

Hamburg - Eigentlich wollte Wolfgang Schäuble in seinem Urlaub mal abschalten. Statt Fachliteratur habe er sich ein paar Krimis eingepackt, erzählte Schäuble vor seiner Abreise in einem Interview. Doch viel Zeit für Muße bleibt dem wichtigsten Krisenmanager von Angela Merkel nicht. Mitten im Urlaub empfing Schäuble am Montag seinen US-amerikanischen Ressortkollegen Timothy Geithner. Im Sylter Hotel Fährhaus Munkmarsch, einem luxuriösen Fünf-Sterne-Haus im viktorianischen Stil, diskutierten die Finanzminister über Euro-Krise und Weltkonjunktur. Das gut einstündige Treffen kam auf Initiative der Amerikaner zustande. Und deren Anliegen ist klar: Aus Sicht der USA tut die Bundesregierung zu wenig, um eine weitere Eskalation der Euro-Krise zu verhindern.

Geithner dürfte sich deutlich für neue, umfassende Maßnahmen zur Beruhigung der Finanzmärkte aussprechen. Ebenso gut könnte er fordern: Druckt mehr Geld! Aus US-Sicht reagiert die Europäische Zentralbank (EZB) bislang viel zu zögerlich auf die Euro-Krise. Während die US-Notenbank Fed inzwischen drei Billionen Dollar zur Stützung der heimischen Wirtschaft bereitgestellt hat, setzte die EZB ihr Anleihenkaufprogramm im Frühjahr wieder aus. Es waren vor allem die Deutschen, die diese Art der Staatsfinanzierung durch die Zentralbank kritisch gesehen hatten - für viele Bundesbürger bedeutet sie den Einstieg in eine neue Inflation.

Nun gibt es Hinweise, dass EZB-Präsident Mario Draghi die umstrittene Strategie wiederaufleben lässt. In der vergangenen Woche sagte er, die EZB werde "alles Erforderliche tun, um den Euro zu erhalten". An den Märkten wurde dies als Signal interpretiert, die Notenbank werde in großem Stil spanische und italienische Staatsanleihen aufkaufen.

Kein freundlicher Ratschlag

Aus amerikanischer Sicht ist das überfällig. Hintergrund ist, dass die US-Konjunktur trotz der Geldflut dahindümpelt. Im zweiten Quartal betrug das Wachstum auf das Jahr gerechnet gerade mal 1,5 Prozent. Für einen Abbau der historisch hohen Arbeitslosigkeit von mehr als acht Prozent reicht das nicht.

Die Hinweise von Geithner sind daher keineswegs als freundliche Ratschläge für die kriselnden Partner in Europa zu verstehen. Die US-Regierung hat ganz simple eigene Interessen: Im November stehen die Präsidentschaftswahlen an. Und seit 1948 wurde noch nie ein US-Präsident bei einer ähnlich verheerenden Lage auf dem Arbeitsmarkt wiedergewählt. Barack Obama versucht also alles, um die Wirtschaft anzukurbeln - negative Effekte durch die Euro-Krise kann er überhaupt nicht gebrauchen.

Zumal für die Amerikaner die Inflationsängste der Deutschen ohnehin unverständlich sind. Sie haben ein anderes Trauma. Während in der Bundesrepublik immer wieder an die brutale Geldentwertung der zwanziger Jahre erinnert wird, verweisen US-Ökonomen auf die Große Depression in den dreißiger Jahren. Die restriktive Geldpolitik der Fed, die eben keine Ausweitung der Geldmenge erlaubte, wurde im Nachhinein als eine wesentliche Ursache für die Eskalation der Krise gedeutet.

Notenbankchef Ben Bernanke hat in den achtziger Jahren zu genau diesem Thema geforscht. Sein Fazit: Um einen Absturz der Wirtschaft zu vermeiden, dürfen kriselnde Banken nicht pleitegehen. Als Folge flutet er die Märkte seit 2008 immer wieder mit billigem Geld.

USA haben selbst gigantisches Schuldenproblem

Viele Experten in Deutschland sehen diese Strategie kritisch. "Mit der Geldpolitik kann man die grundlegenden Probleme der Staaten nicht lösen", sagt Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Sollte die EZB nun wieder Staatsanleihen aufkaufen, so müsse dies zumindest unter strikten Bedingungen ablaufen. Diese müsste aus politischen Gründen aber die EFSF aufstellen, um die Unabhängigkeit der EZB nicht noch weiter zu strapazieren. 2011 habe man gesehen, wie der damalige italienische Ministerpräsident Berlusconi das EZB-Programm nutzte, um den erforderlichen Sparkurs aufzugeben. "Die Anleihenkäufe dürfen nicht dazu führen, dass die Regierungen sich zurücklehnen und ihren Reformkurs aufweichen", warnt Matthes. Eine Haltung, die auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann teilt.

Fraglich ist zudem, ob die USA in der Krise wirklich als Vorbild taugen. Das Land hat mittlerweile einen Schuldenstand von 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht. Das heißt: Die Verbindlichkeiten sind so hoch wie die Wirtschaftleistung eines Jahres. Im laufenden Jahr gibt der Staat zum vierten Mal in Folge eine Billion Dollar mehr aus als er einnimmt, das Defizit entspricht somit 8,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Selbst das derzeit magere Wachstum der USA ist nahezu ausschließlich auf Pump finanziert.

Im Vergleich zu den USA wirken die Schulden der europäischen Krisenländer mit Ausnahme von Griechenland plötzlich ziemlich harmlos. Dass die USA bislang noch nicht selbst in eine Schuldenkrise gerutscht sind, hat nur einen Grund: Die größte Wirtschaftsmacht der Welt profitiert bislang davon, dass die Nachfrage nach ihren Anleihen so groß ist - und die Zinsen damit sehr niedrig. Sollte sich dies jedoch ändern, könnten die USA selbst in eine gigantische Finanzkrise rutschen. In Sachen Schulden und ihrer Bekämpfung ist Finanzminister Geithner sicher nicht der glaubwürdigste Ratgeber.

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1.
muellerthomas 30.07.2012
Auch das Trauma der Deutschen müsste eigentlich die Weltwirtschaftskrise und nicht die Inflation sein, schließlich war Deutschland zusammen mit den USA am stärksten getroffen und die Krise hat maßgeblich zum Aufstieg Hitlers beigetragen. Die angebliche Geldflug existiert zudem nicht, in der Eurozone steigt die Geldmenge so gut wie gar nicht mehr an, in den USA nicht schneller als sonst auch. Die Gesamtverschuldung der USA, also von Staat, Unternehmen und privaten Haushalten sinkt seit Q4 2009, während die Schulden in Europa steigen. Es können schließlich nicht alle Sektoren gleichzeitig Schulden abbauen, eine einfache Erkenntnis, die man hier gerne ignoriert.
2. Unverfroren
burinasesel 30.07.2012
Reichts das nicht, wenn die Deutschen die amerikanischen Befehle über den Bilderberg-Club über Bertelsmann diltiert bekommen. Muss der arme Ami auch noch direkt sein Klimakonto belasten und nach Sylt fliegen um dem deutschen Uriah Heep zu sagen, wie Deutschland endlich seine Restschulden per Auflösung bezahlt?
3. Geithner sagte im Juni
independent68 30.07.2012
es sei unfair zu behaupten Deutschland hat ganz allein Schuld an der Krise. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Der gibt uns die Hauptschuld an der Krise. Solch einen realitätsfremden, arroganten Kerl würde ich vom Hausmeister an der Hintertuer abfertigen und nicht in meinem Urlaubsdomizil empfangen. Hoffentlich sind wir das Euro-Kuckucksei bald los. Dann können wir uns wieder auf unsere Stärken konzentrieren, unser Geld nicht an andere verschenken, damit die dann mit unserem Geld bei uns einkaufen (Exporterfolge durch unser Geld), sondern in unsere Projekt investieren (Energie, Infrastruktur, Kommunen) und würden bald wieder die Lokomotive Europas, wie in den 50iger und 60iger Jahren sein. Landsleute, packen wir es an.
4. Einnorden...
Christiane Schneider 30.07.2012
Die Bundesregierung wird eingenordet (im Norden). Die USA sehen die Wiederwahl gefärdet und US Banken gefärdet wenn Deutschland den EURO nicht mehr subventioniert. Also wird man die Bundesregierung einnorden. Vielleicht gibt es ja wirklich die sog. "Kanzlerakte", die bestimmte Rechte Deutschlands einschränkt.
5. Jawoll, richtig so!
Michael KaiRo 30.07.2012
Ich bin auch der Markt! Zumindest gehe ich ab und zu zu so einem hin. Also, flutet mich mit Geld ;) Was haben viele Foristen gestern zum Besuch von US-Finanzminister Geithner bei Schäuble prophezeit: Der will, dass Deutschland alles bezahlt, damit vor allem das Nato-wichtige Land Griechenland im Euro bleibt. Warum gehen die USA nicht hin und fluten Griechenland mit Dollars? Die Griechen sind sicherlich nicht wählerisch, um welche Währung es sich handelt, Hauptsache Kohle, Kohle, Kohle ...
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Gedränge unter dem Rettungsschirm
Griechenland
Im April 2010 beschloss der EU-Gipfel das erste Rettungspaket in Höhe von 110 Milliarden Euro für drei Jahre, bestehend aus bilateralen Krediten unter Beteiligung des Internationalen Währungsfonds (IWF). Ein Jahr später legten die Staats- und Regierungschefs ein zweites Rettungspaket nach, an dem sich neben dem IWF auch die privaten Gläubiger mit einem Forderungsverzicht beteiligten. Das später ausgehandelte Gesamtvolumen: 172,6 Milliarden Euro (inklusive 24,4 Milliarden aus dem alten Programm) für die kommenden zwei Jahre. 30 Milliarden Euro davon gehen indes nicht an Athen, sondern zur Absicherung an die Banken. Deren Verlust aus dem Schuldenschnitt: 107 Milliarden Euro.
Irland
Dublin hatte Ende 2010 Beistand der Euro-Partner beantragt, Anfang 2011 flossen die ersten Hilfsmilliarden. Insgesamt ist das Rettungspaket 85 Milliarden Euro schwer, wobei 35 Milliarden zur Rekapitalisierung des Bankensektors vorgesehen sind und Dublin 17,5 Milliarden selbst stemmt. Die letzte Tranche von drei Milliarden Euro ist für Ende 2013 vorgesehen.
Portugal
Im Mai 2011 vereinbarten die EU-Finanzminister Hilfszahlungen in Höhe von 78 Milliarden Euro für das Land. Das über drei Jahre bereitgestellte Geld fließt zu zwei Dritteln aus dem Euro-Rettungsfonds und zu einem Drittel aus dem IWF-Budget.
Spanien
Nach langem Zögern und auf Druck seiner europäischen Partner hat Ende Juni auch die Regierung in Madrid Finanzhilfen für den heimischen Bankensektor beantragt. Den Kapitalbedarf muss ein Team aus Experten aber noch beziffern. Zwei Beratungsfirmen haben ein Volumen von maximal 52 bis 62 Milliarden Euro ermittelt, damit die Kreditinstitute bei einer Zuspitzung der Krise nicht kollabieren. Der IWF geht von mindestens 40 Milliarden Euro aus, bliebe als Geldgeber bei einer reinen Bankenrettung ohne Spardiktat indes außen vor. Grundsätzlich hatten die Euro-Finanzminister Spanien schon vor zwei Wochen bis zu 100 Milliarden Euro zugesagt.
Zypern
Nur wenige Stunden nach Madrid schlüpfte auch Nikosia unter den Rettungsschirm. Wie im Falle Spaniens ist der genaue Kapitalbedarf noch offen und muss zunächst von einem Expertenteam geklärt werden. Diplomatenkreisen zufolge dürfte er sich aber deutlich unter zehn Milliarden Euro bewegen. Ähnlich wie Spanien liebäugelt auch Zypern mit einer "Bankenrettung light", um seine eng mit der krisengeschüttelten griechischen Wirtschaft verbandelten Geldhäuser zu rekapitalisieren. (dapd)


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