Euro-Krise: Wie Deutschland seine dunklen Aussichten verdrängt

Viele Bundesbürger denken, die Euro-Krise gehe sie nichts an. Doch das ist so überheblich wie falsch. SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Sven Böll warnt vor teutonischer Arroganz: Wir stehen langfristig kaum besser da als Griechen, Iren oder Spanier.

Ein-Euro-Münze: 2030 werden wir China um Hilfe anbetteln müssen Zur Großansicht
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Ein-Euro-Münze: 2030 werden wir China um Hilfe anbetteln müssen

Woher kommt dieser Hass auf den Euro, diese gefühlte Überheblichkeit gegenüber Ländern wie Griechenland und Irland, diese so kompromisslose D-Mark-Nostalgie? Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht.

Was ich weiß, ist, dass mir die Mails Sorgen machen, die ich auf pro-europäische Geschichten bekomme. Mit Kritik kann ich gut leben, ich sehe meine Artikel als Beitrag zur Meinungsvielfalt. Nicht mehr und nicht weniger. Aber die Beschimpfungen waren zum Teil so verletzend, dass ich schlucken musste.

Die Resonanz der Leser und Gespräche im Freundes- und Bekanntenkreis zeigen mir, dass ein beträchtlicher Teil der Bundesbürger immer noch der Meinung ist, Deutschland sei etwas Besseres, wir seien das Vorbild schlechthin für andere Staaten. Vielleicht ist manch einer von den unsäglichen Anti-Euro-Kampagnen beeinflusst, die Boulevardmedien 2010 gefahren haben ("Ihr Griechen, ihr griecht nix von uns").

Was aus meiner Sicht in der Debatte der vergangenen Monate ausgeblendet wurde, ist die Tatsache, dass Deutschland nur im Moment ganz gut dasteht. Langfristig taugen wir nicht wirklich als Vorbild für Stabilität. Wir haben viele Schulden, und unsere demografische Entwicklung ist beängstigend. Statt auf anderen Ländern herumzuhacken, sollten wir uns lieber fragen, ob die Akteure auf den Finanzmärkten eigentlich in 20 oder 30 Jahren noch deutsche Staatsanleihen kaufen werden.

Falls nicht, könnte sich die Bundesrepublik ganz schnell zu einem Dunkel-Deutschland entwickeln. Selbst wenn wir künftig keine neuen Schulden mehr aufnehmen, müssen wir über Jahrzehnte 200 bis 300 Milliarden Euro pro Jahr refinanzieren, also alte Kredite von Bund, Ländern und Gemeinden durch neue ablösen. Gibt uns niemand mehr dieses Geld, müssen wir 2030 oder 2040 wahrscheinlich in China oder Indien um Hilfe betteln. Und sind dann mit Sicherheit dankbar, wenn uns diese Länder weder hasserfüllt noch überheblich behandeln.

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insgesamt 225 Beiträge
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1. Dünne Suppe
Thomas Kossatz 31.12.2010
Zitat von sysopViele Bundesbürger denken, die Euro-Krise gehe sie nichts an. Doch das ist so überheblich wie falsch. SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Sven Böll warnt vor teutonischer Arroganz: Wir stehen langfristig kaum besser da als Griechen, Iren oder Spanier. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,735745,00.html
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, im Loch zwischen den Jahren dürfen auch mal Praktikanten etwas zum Thema Wirtschaft schreiben, die zudem nicht verfolgen, wie im Ausland WIRKLICH über Deutschland gedacht wird. Deutschland solle gefälligst weniger exportieren, die Sparquote drücken, mehr konsumieren. Dinge wie "Schuldenbremse" in der Verfassung werden als "typisch deutsche Gründlichkeit" zur Kenntis genommen. Was will der Autor eigentlich, außer irgend ein unbestimmtes Bauchgrummeln zu kommunizieren? Dünner kann die Suppe wirklich nicht mehr sein.
2. !
großwolke 31.12.2010
Prinzipiell haben Sie mit Ihrem Artikel ja nicht ganz unrecht, aber wenn ich den vergangenen zehn Jahren ständiger Aufs und Abs der Weltwirtschaft eins gelernt habe, dann dies: Dass Zeiträume von 20, 30 Jahren nicht relevant sind. Nicht, dass ich es nicht schön fände, wenn die großen Entscheider und Lenker eher in solchen Dimensionen denken würden anstatt in Quartalszahlen und Legislaturperioden. Aber es kann einfach zuviel geschehen, zum Guten wie zum Schlechten, als dass man mehr als die grobe Richtung vorgeben könnte. Und letzten Endes: was ist schon Geld? Wenn die ganze Schulderei zu extrem ausartet, wird einfach auf den Knopf gedrückt und es geht von vorne los. Vielleicht haben wir aus den vergangenen anderthalb Jahrhunderten ja immerhin genug Einsicht mitgenommen, um die nächste "Revolution" (sprich: den Reset, der den Automatismus der Vermögensverteilung von unten nach oben aufhebt, damit das Rattenrennen von vorn beginnen kann) unblutig und als reines Zahlensterben ablaufen zu lassen. In diesem Sinne, nur ruhig Blut, und immer dran denken, Brot ist wichtig, nicht Geld, und wenn die Bevölkerungsentwicklung so weitergeht, brechen vielleicht die Sozialsysteme zusammen, aber unsere Fähigkeit, uns mit genug Brot zu versorgen wird sich, relativ durch die schwindende Anzahl zu stopfender Mäuler, absolut durch die freiwerdenen Anbauflächen durch Rückbau der Städte, deutlich verbessern in der Zukunft.
3. Nicht "die" Deutschen sondern "die" Teutonen
frank314 31.12.2010
Zitat von sysopViele Bundesbürger denken, die Euro-Krise gehe sie nichts an. Doch das ist so überheblich wie falsch. SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Sven Böll warnt vor teutonischer Arroganz: Wir stehen langfristig kaum besser da als Griechen, Iren oder Spanier. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,735745,00.html
müssens durch ihre Arroganz büßen! DAS weiß der Sven Böll ganz genau! WOW! da habens "wir" also noch mal Glück gehabt.:-) Der Sven Böll will sich am letzten Tag des Jahres noch den Titel "Hysteriker 2010" einheimsen.
4. Sven, der große Blicker...
rafkuß 31.12.2010
Zitat von sysopViele Bundesbürger denken, die Euro-Krise gehe sie nichts an. Doch das ist so überheblich wie falsch. SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Sven Böll warnt vor teutonischer Arroganz: Wir stehen langfristig kaum besser da als Griechen, Iren oder Spanier. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,735745,00.html
...in die Zukunft: "...und wenn es regnet, wird die Strasse naß!" - so diese seine inhaltsschwangere Aussage. Klar geht Deutschland und die übrigen "systemischen" Staaten finsteren Horizonten entgegen, wer das nicht sehen will, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen... Klar werden wir die zukünftigen Boomstaaten, besonders diejenigen, die einen Staatskapitalismus fahren, in zehn bis zwanzig Jahren mit Kniefall anbetteln müssen, uns einen "Rettungsschirm" für den Absprung zu leihen...und wenn es regnet, wird die Strasse naß eben... Aber: Muß der Steuerzahler, dafür dass es sowieso so kommt, die nächsten Dekaden dazu noch bluten wie ein gestochenes Schwein, Sven Glückspilz?
5. Wie immer
Bayerr, 31.12.2010
wird verschwiegen, dass den Schulden der öffentlichen Hand nahezu das dreifache an privatem Vermögen gegenübersteht (1,5 Billionen versus 4,5 Billionen Euro). Trotzdem taugt Deutschland nicht als Vorbild, weil wir uns mit unserer Exportfixierung hemmungslos auf Kosten unserer europäischen Partner bereichern. Denn auch hier steht natürlich einem Plus (unser Überschuss in der Handelsbilanz) ein Minus gegenüber, nämlich bei den von uns geschmähten 'Schuldenländern'.
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Yasmin El-Sharif fragt sich, wie sich die Hartz-IV-Debatte auf Kinder auswirkt, Marc Pitzke dokumentiert die Rückkehr der Gier an der Wall Street , Christoph Seidler war Augenzeuge beim Klimagipfel in Cancún , Sven Böll warnt vor teutonischer Euro-Arroganz und Niels Reise fragt sich, wohin Schweden steuern wird.


Mini-Serie
AFP

Erst Griechenland und Irland, nun wetten die Märkte schon gegen Portugal, Spanien und Italien. In Europa wächst die Sorge, dass weitere Schuldenländer Milliardenhilfen brauchen. Aber wie groß ist das Risiko wirklich? Und wer könnte der nächste Pleitekandidat sein? Ein Überblick:

Wie die Euro-Krise gelöst werden könnte
Trotz riesiger Hilfspakete schwelt die Schuldenkrise in der Euro-Zone weiter. Kaum wurde Irland gerettet, geraten mit Portugal und Spanien die nächsten Wackelkandidaten in den Fokus der Finanzmärkte. Doch wie könnte die Krise überwunden werden? Einige Lösungsvorschläge im Überblick.
Die EZB kauft massiv Anleihen
An den Finanzmärkten wird spekuliert, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den Retter in der Not spielt. Sie könnte viel Geld in die Hand nehmen und Staatsanleihen der finanzschwachen Euro-Länder aufkaufen. Um die Probleme in den Griff zu bekommen, sind nach Berechnungen der Anleihenexperten von Evolution Securities in London ein bis zwei Billionen Euro notwendig. "Das Verfahren, von Land zu Land zu springen, hat die Märkte bislang nicht beruhigen können", sagt deren Expertin Elisabeth Afseth. "Der einfachere Weg ist, dass die EZB ihr Aufkaufprogramm hochfährt und große Summen ausgibt." Spanien und Italien müssen im kommenden Jahr zusammen etwa 500 Milliarden Euro an den Kapitalmärkten erlösen. Das wird schwierig und teuer, weil die Investoren hohe Risikoaufschläge verlangen. "Deshalb muss jemand einspringen und helfen", begründet Afseth ihren Vorschlag. Der Vorteil: Die EZB kann rasch helfen. Binnen weniger Tage könnte sie das Kaufprogramm starten. Der Haken: Einige Mitglieder des EZB-Rates werden dem voraussichtlich nicht zustimmen, weil ein solches Vorgehen gegen die Statuten der EZB verstößt, die sich hauptsächlich um stabile Preise kümmern soll. "Das würde sie weiter von ihrem Mandat entfernen und besonders in Deutschland Sorge über die langfristige Stabilität des Euro auslösen", befürchtet Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer.
Erweiterung des EU-Rettungsschirms
In den Euro-Ländern wird bereits darüber diskutiert, das für Notfälle geschnürte Rettungspaket zu vergrößern. Nach den Hilfen für Irland ist es noch mit etwa 650 Milliarden Euro gefüllt. Bundesbankpräsident Axel Weber hat bereits eine Erweiterung ins Spiel gebracht. Ökonomen wie DIW-Präsident Klaus Zimmermann raten dazu, das ursprüngliche Volumen von 750 Milliarden Euro auf 1,5 Billionen zu verdoppeln. Politisch ist das aber nicht so einfach durchsetzbar. In Staaten wie Finnland muss die Zustimmung dafür im Parlament eingeholt werden, was schwierig werden dürfte. Andererseits ist es sinnvoll, einen bereits bestehenden und funktionierenden Krisenmechanismus auszubauen. Er sieht strenge Sparauflagen für die Staaten vor, die Hilfen benötigen. Zudem ist der Internationale Währungsfonds mit an Bord, der die Einhaltung der Auflagen überprüft und über viel Erfahrung im Krisenmanagement verfügt.
Ausgabe von Euro-Anleihen
Diese Idee hat mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso einen prominenten Fürsprecher. Eine gemeinsame Anleihe für alle 17 Euro-Länder hatte er bereits vor Monaten gefordert. Allerdings gibt es dagegen starken Widerstand, vor allem aus Deutschland und Frankreich. Beide Länder können sich ohne große Probleme und zu günstigen Konditionen frisches Geld am Kapitalmarkt leihen. Sie müssten ihre hohe Kreditwürdigkeit mit Krisenländern wie Portugal oder Spanien teilen und höhere Zinszahlungen in Kauf nehmen. Sie würden um ihren Lohn gebracht, den sie sich durch vergleichsweise solide Staatsfinanzen verdient haben. Der Nachteil: Die Vorbereitung einer Euro-Anleihe nimmt viel Zeit in Anspruch. Die aktuelle Krise, die Portugal und Spanien zu erfassen droht, ließe sich damit kaum lösen.
China kauft Staatsanleihen aus Europa
Die Volksrepublik besitzt die weltweit größten Devisenreserven. Das Geld ist vorwiegend in US-Staatsanleihen angelegt - insgesamt 1,8 Billionen Doller. China ist damit der größte Gläubiger der USA. "Man muss darüber nachdenken, wer genügend Geld hat, um das Problem zu lösen", sagte ein hoher EU-Offizieller. "Das einzige Land ist China. Wir müssen die Chinesen dazu bringen, EU-Schuldtitel zu erwerben." Allerdings gilt diese Lösung als unwahrscheinlich. Sowohl die EU-Behörden als auch die EZB und die Politik dürften sich dagegen verwahren.
EU beschließt gemeinsame Haushaltspolitik
Die 17 Euro-Länder verfügen über eine gemeinsame Währung und einen gemeinsamen Leitzins, aber nicht über eine gemeinsame Steuer- und Haushaltspolitik. Das hat die Spannungen erst ermöglicht, deretwegen die Währungsunion vor einer Zerreißprobe steht. "Wir brauchen auch eine Art Haushaltsbund", sagt EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. "Wir können das erreichen, wenn es eine starke Aufsicht und Kontrolle gibt." Allerdings ist das ein Tabuthema für Deutschland und andere Kernländer der Währungsunion, die kaum einen Teil ihrer Eigenständigkeit abgeben dürften. Politisch wäre dieser Weg deshalb kaum durchsetzbar. Eine Umsetzung würde zudem viele Jahre dauern - zu lange, um die akute Krise zu lösen.

Sind Sie ein guter Euro-Retter?
dpa
Die EU legt ein gigantisches Hilfspaket für den Euro auf - Gesamtumfang: 750 Milliarden Euro. Aber blicken Sie bei der größten Wette der Weltgeschichte noch durch? Testen Sie Ihre Euro-Retter-Qualitäten im SPIEGEL-ONLINE-Quiz.