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Furcht vor Drachme: Griechen heben ab

Aus Athen berichtet

Aus Angst vor dem Euro-Crash und dem Drachme-Comeback räumen immer mehr Griechen ihre Konten leer. Sie schaffen das Geld ins Schließfach oder gleich in die Schweiz. Viele bunkern die Euro-Scheine zu Hause - ein lohnendes Ziel für Einbrecher.

Geplünderte Konten: Wie Griechenlands Banken ihr Kapital verlieren Fotos
DPA

Joanna Stavropoulos ist nicht stolz auf das, was sie getan hat. "Ich hatte ein schlechtes Gewissen, als ich mein Geld aus Griechenland abzog", erzählt die 43-Jährige. Natürlich wisse sie, was passiere, wenn es ihr alle gleichtäten: Dann droht Griechenlands Banken der Kollaps. Doch sie müsse nun auch an Josephina denken, ihre zwei Monate alte Tochter, die an Joannas Schulter schläft. In Notfällen gelte bekanntlich: "Frauen und Kinder zuerst."

Was Joanna Stavropoulos getan hat, tun immer mehr Griechen: Sie räumen ihre Konten leer. Aus Angst vor einem Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone und dem darauffolgenden "D-Day" - der Rückkehr zur Drachme.

Für viele mag das bei aller Sorge noch ein schwer vorstellbares Szenario sein, aber nicht für Joanna Stavropoulos. Als Journalistin und Mitarbeiterin von Nichtregierungsorganisationen war sie in der ganzen Welt unterwegs, zuletzt in Haiti und im Irak. "Ich war in Ländern, wo Banken geschlossen haben", erzählt sie, etwa in Argentinien, als die Regierung dort den Staatsbankrott erklären musste. Und auch in Simbabwe hat sie gelebt, dessen zuletzt dreistellige Inflationsraten die eigene Währung zerstörten. Joanna ist sich sicher, dass Griechenland bei einer Rückkehr zur Drachme dasselbe droht. "Mit meinem Land geht es abwärts."

Von echter Panik ist in Griechenland bislang wenig zu spüren, ein Ansturm auf die Banken blieb aus. Dennoch heben die Bürger täglich dreistellige Millionenbeträge ab, allein im Mai waren es insgesamt fünf Milliarden Euro. Seit Beginn der Krise wurden laut offiziellen Angaben sogar rund 80 Milliarden Euro abgezogen.

Christiána kann die Kapitalflucht täglich mit eigenen Augen sehen. Die 46-Jährige arbeitet als Vermögensmanagerin bei einer großen griechischen Bank. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht veröffentlicht sehen. "Es ist nicht einfach eine Zunahme", sagt sie über die Abhebungen. "Nicht nur unsere Großkunden tun es, sondern wirklich jeder, der in den vergangenen Monaten zur Tür hereingekommen ist, vom Kontobesitzer mit wenigen hundert Euro bis zu unseren wichtigsten Privatkunden. Die Wohlhabenden fragen natürlich besonders oft, was sie mit ihrem Geld machen sollen."

Längst haben reiche Griechen Milliarden in Länder wie Italien oder die Schweiz verschoben oder damit in London Luxusimmobilien gekauft. Doch insgesamt ging laut Schätzungen der Nationalbank nur rund ein Fünftel der abgehobenen Summe ins Ausland. Viele Kunden ließen ihr Geld selbst jetzt noch auf der Bank, erzählt Christiána - jedoch nicht auf einem Konto, sondern in einem Schließfach. "In einer griechischen Bank ein freies Schließfach zu finden, ist derzeit unmöglich."

Szenarien für die Währungsreform gibt es längst

Die Schließfachbesitzer wollen offenbar nicht von einer Währungsreform überrascht werden. Für die gibt es seit langem Szenarien. Übers Wochenende könnten die Banken schließen, die Euro-Bestände auf ihren Konten erfassen und einen weiteren Abfluss auf ausländische Konten vermeiden. Euro, die schon im Umlauf sind, würden mit Stempeln markiert, die Ausfuhr unmarkierter Scheine durch Kontrollen an den Grenzen verhindert. Innerhalb kurzer Zeit könnte so die Drachme wieder eingeführt werden.

Falls es so weit kommt, wollen die Klienten von Marianna vorbereitet sein. Auch sie arbeitet als Vermögensberaterin bei einer griechischen Bank: Auch sie möchte ihren richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen. Ihre Kunden sind Anwälte, Ärzte oder Top-Manager. "Im Schnitt haben sie 200.000 bis 300.000 Euro, die sie jederzeit abziehen können", sagt Marianna.

Seit drei Monaten spürt auch sie die zunehmende Kapitalflucht. Letztes Jahr hätten ihre Klienten das Geld noch vor allem nach London geschafft sowie nach Zypern, dem nun aber wegen seines aufgeblähten Bankensektors selbst der Kollaps droht. "Jetzt bevorzugen sie Deutschland und die Schweiz."

Nicht wenige ihrer wohlhabenden Kunden erzählen Marianna auch, dass sie ihr Geld zu Hause aufbewahren - und damit sind sie offenbar nicht allein. Mittlerweile hätten die Griechen daheim rund 50 Milliarden Euro gebunkert, berichtet die Zeitung "Ta Nea" unter Berufung aufs Finanzministerium. Damit häufen sich die Einbrüche, auf Kreta nahmen sie binnen zwei Jahren um 700 Prozent zu. Im Haus eines alten Ehepaars in Athen erbeuteten Einbrecher kürzlich Bargeld im Wert von 50.000 Euro.

Wie schon oft in den vergangenen Jahren könnte die Krise jetzt die soziale Kluft in Griechenland vergrößern. Während die Oberschicht ihr Geld dank Beratern wie Christiána und Marianna längst in Sicherheit gebracht hat, würden eine mögliche Währungsreform und die darauffolgende Abwertung viele Geringverdiener wohl weitgehend unvorbereitet treffen.

Selbst eine weltläufige Frau wie Joanna Stavropoulos ist von der richtigen Strategie längst überfordert. Als sich 2010 die Anzeichen für Griechenlands Krise verdichteten, verschob sie ihr Erspartes zu einer spanischen Bank. Doch dann gerieten Spaniens Sparkassen in Schieflage und Stavropolous beförderte ihr Geld zurück nach Griechenland - bis von dort die nächsten Hiobsbotschaften kamen. Mehrfach sei das so hin und her gegangen, erzählt sie, mehr als hundert Euro an Gebühren habe es allein gekostet.

Weil die Geburt ihrer Tochter - wie in griechischen Privatkliniken nicht ungewöhnlich - 12.000 Euro kostete, hat Stavropoulous nun eh kaum noch Geld übrig. Ihre letzten Reserven hat sie mittlerweile in Fremdwährungen investiert, die auch nach einer Rückkehr zur Drachme ihren Wert behalten würden.

Auch für die täglichen Ausgaben hätten sie und ihre Freunde eine neue Strategie, erzählt Stavropolous. "Wir belasten alle unsere Kreditkarten." Denn falls die Banken schließen sollten, könnten sie ja auch nicht die ausstehenden Kredite kassieren. "Wenn die mich verarschen wollen, verarsche ich sie auch."

Mitarbeit: Lamprini Thoma

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insgesamt 107 Beiträge
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1. wie langweilig, wo etwas zu lesen!
mimelismoni 16.06.2012
Geld heben ab die, die Geld haben. Uninteressant. .
2.
eduardschulz 16.06.2012
Zitat von mimelismoniGeld heben ab die, die Geld haben. Uninteressant. .
Wann wird's denn dann interessant? Ich finde es schon einer Meldung wert, wenn Menschen in großem Stil den Banken im eigenen Land den Rücken kehren. Und nur weil möglicherweise Sie selbst nichts auf der hohen Kante haben, dürfen Andere durchaus besorgt um die paar Kröten sein, die sie für Notfälle oder das Alter zurückgelegt haben.
3. landeskennung beachten
schlummi1 16.06.2012
jedenfalls keine scheine mit griechen kennung (Y) bunkern. Euro-Banknoten, Länderkennung - Numispedia (http://www.numispedia.de/Euro-Banknoten,_L%E4nderkennung) Die euroscheine die in griechenland in den letzten wochen rausgegeben wurden hatten/haben fast alle x= Deutschland als kennung. Ob da mutti und schäuble ihre finger wieder im spiel hatten? Oder ob die griechen keine y scheine akzeptiert hätten?
4. Seit fast zwei Jahren
mimelismoni 16.06.2012
Zitat von eduardschulzWann wird's denn dann interessant? Ich finde es schon einer Meldung wert, wenn Menschen in großem Stil den Banken im eigenen Land den Rücken kehren. Und nur weil möglicherweise Sie selbst nichts auf der hohen Kante haben, dürfen Andere durchaus besorgt um die paar Kröten sein, die sie für Notfälle oder das Alter zurückgelegt haben.
höre bzw. lese ich Artikel, die von den Menschen sprechen, die Angst um das eigene Geld haben. Viel interessanter finde ich, sich mit den Menschen zu beschäftigen, die kein Geld haben, die jetzt obdachlos sind, die ihre Kinder nicht recht ernähren können. Die haben kein Geld für das Alter zurückgelegt, oder sie hatten es einmal, aber nicht mehr. Meine große Sorge ist für diese Menschen, die keine Gegenwart und keine Zukunft haben. Und ich sagte nicht, dass ich arm bin, aber auch mein Fall ist uninteressant, oder besser gesagt, es sollte uninteressant sein.
5. Berechtigtes handeln. Würde nicht jeder für seine Familie ebenso handeln?
mitbestimmender wähler 16.06.2012
Ausserhalb der EU kann man davon in der Presse lesen: 1.)Um die Schweizer Banker und Presse hört man das die Grossbanken der Schweiz /Europa etc. sich Drachmen gesichert haben die in Holland schon gedruckt wurden. Und das eine eventuelle Umstellung zu Drachmen von Sonntag- Donnerstag Frühmorgens bei geschlossenen Banken vollzogen werden könnte. Die Griechen würden dann ihre Guthaben und Schulden am Donnerstag in Drachmen wieder finden. 2.) Ist es kein Geheimnis mehr das seit Wochen Transport Flüge ab Eindhoven stattfinden mit gecharterten Werttransportern unter Anderen von TNT mit ihrem anonymen diskret gehaltenen grauen Airbus A300. 3.)Wetten in den nächsten Wochen läuft der Umtausch ab un die Griechen die ihre Kohle abheben liegen richtig?
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Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,063 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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