S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Auf dem Weg in Dantes Hölle

Sollten wir in der Euro-Krise statt auf einen Schrecken ohne Ende auf ein Ende mit Schrecken setzen? Niemals! Das wäre ruinös, gerade für Deutschland. Doch mit ihrer Politik führt uns Kanzlerin Merkel genau dorthin - schnurgerade in Dantes Hölle.

Eine Kolumne von


Vor vielen Jahren erzürnte ich in einem Schulaufsatz eine Lehrerin, weil ich die SPD dafür kritisierte, die Deflationspolitik Heinrich Brünings in der Weimarer Republik mitgetragen zu haben. Eine derartige Bemerkung war in einer SPD-geführten Stadt, einem SPD-geführten Land und einem - damals - SPD-geführten Staat politisch unkorrekt. Ich hatte mir als Konsequenz auf die Reaktion - und die schlechte Note - fest vorgenommen, auch weiterhin gegen den Konsens anzustinken.

Auch heute fällt es den Linken schwer, gegen die dominante konservative Narrative der Euro-Krise eine deutliche Gegenposition zu beziehen. Es ist die Narrative, wonach die Krise durch fehlende Haushaltsdisziplin verursacht wurde, dass man in die Krise hineinsparen muss, dass das Grundübel in Südeuropa fehlende Reformen sind, und dass man keine Fiskalunion oder Bankenunion braucht. Und alles wird gut, solange man sich an die Regeln hält.

Die These ist einleuchtend, plausibel und falsch. Genauso wie die in den frühen dreißiger Jahren beliebte These des Gesundschrumpfens - mit den bekannten Folgen. Genauso plausibel und falsch ist Thilo Sarrazin mit seinen einfachen Lösungen: "Lasst Griechenland aus dem Euro austreten, und alles wird gut."

Diese dominanten Narrativen werden leider auch von vielen meiner Leser hier geteilt. Oft genug liest man die Binsenweisheit: "Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende." Ich bestreite diese Behauptung energisch. Der Wahrheitsgehalt dieses Satzes hängt logischerweise von der Natur des Schreckens ab, dem man in dem einen oder in dem anderen Falle ausgesetzt ist. In Deutschland endete schließlich die Depression mit einem Schrecken.

Wer heute das Ende des Schreckens fordert, unterschlägt wie seine ideologischen Blutsbrüder aus den dreißiger Jahren die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Kosten eines solchen Gewaltaktes. In der Ermittlung der vermeintlichen Kosten der Rettungsprogramme oder einer Fiskalunion zählt hingegen jede Erbse, die meisten doppelt und dreifach.

Wir haben nur noch acht Tage Zeit

Ein Ende mit Schrecken wäre ruinös, gerade für Deutschland. Zunächst würde der europäische Binnenmarkt eine Rückkehr zu flexiblen Wechselkursen nicht überleben. Die deutsche Exportindustrie würde sich nicht davon erholen. Es droht auch ein finanzieller Kollaps. Die Bundesbank hat gegenüber der Europäischen Zentralbank Forderungen von rund 700 Milliarden Euro, die sich aus dem Zahlungssystem Target 2 ergeben. Diese Forderungen steigen jeden Monat. Kommt der Bruch Ende des Jahres, droht ein Gesamtverlust in der Größenordnung von ein bis zwei Billionen Euro, einschließlich der Risikoleistungen aus den Schutzschirmen und der Rettung der dann bankrotten deutschen Banken. Das sind rund 40 bis 80 Prozent unseres jährlichen Bruttoinlandsprodukts.

Angela Merkels Politik des Aufschubs ist noch ruinöser. Mit jedem Monat werden die Belastungen Deutschlands im System höher. Ein Beispiel für diesen Wahnsinn ist Griechenlands Schuldenexplosion. Als die Krise begann lag Griechenlands Schuldenlast gerade mal bei 100 Prozent. Nach mehreren Jahren des Sparens und trotz Schuldenschnitts ist der Schuldenstand mittlerweile höher. Wenn jetzt Spanien und Italien ebenfalls unter den Schirm rutschen sollten, dann bürgen Deutschland und Frankreich zusammen für mehr als vier Billionen Euro Schulden. Das ist mehr als das jährliche Einkommen beider Länder zusammen. Wir steuern schnurgerade auf den größten Staatsbankrott der Weltgeschichte zu.

Ich kenne nur zwei Lösungen, die das vermeiden:

  • eine Übernahme der Schuld durch die Europäische Zentralbank,
  • oder eine teilweise Vergemeinschaftung der Schulden durch Euro-Bonds und eine Bankenunion.

Merkels Politik führt uns in Dantes Hölle. "Wer hier eintritt, lasse alle Hoffnung fahren."

Um eine Reform auf den Weg zu bringen, haben wir acht Tage Zeit - bis zum nächsten EU-Gipfel. Wenn die Kanzlerin nicht ihre bislang größte Kehrtwende hinlegt, dann kommen meine Kritiker in den Genuss, dass man ihre Thesen vom Ende mit Schrecken experimentell umsetzt. Es erinnert mich an den schadenfrohen Kommentar des keynsianischen Ökonomen John Kenneth Galbraith über den Monetaristen Milton Friedman: "Es war Miltons Pech, dass man seine Theorien ausprobierte."

Als ich damals den Schulaufsatz schrieb, war ich einfach nur entsetzt über die wirtschaftspolitische Position der Sozialdemokraten. Was ich damals nicht wirklich verstand, wie die SPD so was tun konnte. Im Zug dieser Krise habe ich begriffen, wie schnell eine irrationale Massenhysterie in einem demokratischen Land auftreten kann, und wie sie die gesamte Politik bis tief in das linke Spektrum vereinnahmt.

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insgesamt 463 Beiträge
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Seite 1
Xangod 20.06.2012
1. optional
Nur ein bißchen Lebensehrfahrung lehrt, daß ein Ende mit Schrecken ausnehmslos besser ist als ein Schrecken ohne Ende. Allein schon weil das Ende irgendwann sowieso kommt. Und das beschriebene "Inferno" sollte man besser als "Stunde Null" sehen.
sacco 20.06.2012
2.
was münchau predigt, ist der sichere weg in den ruin aller eu-staaten. wahn als journalistisches prinzip?
crocodil 20.06.2012
3. Raus
aus der EU und zurück zur DM. Was will die "Mutti" eigentlich, aufgewachsen in der DDR und jetzt Bundeskanzlerin. Weitere Kommentare erspare ich mir.
tlogor 20.06.2012
4. So ein Unsinn!
Es wird auf der einen Seite über hohe Target 2 Schulden auf der anderen Seite über Aufwertungsrisiken spekuliert. Dies sind aber gegenläufige Entwicklungen. Die Target Schulden sind verlorene Aussenforderungen führen also zu einer Abwertung der DM. Diese beiden Tendenzen werden sich egalisieren. Die Bundesbank ist souverän, sie kann den Aufwertungsschock ähnlich wie die Schweizer Bundesbank klein halten. Abwerten kann man eine Währung immer, nur aufwerten nicht.
christiewarwel 20.06.2012
5.
Zunächst würde der europäische Binnenmarkt eine Rückkehr zu flexiblen Wechselkursen nicht überleben. Die deutsche Exportindustrie würde sich nicht davon erholen. Es droht auch ein finanzieller Kollaps. Die Bundesbank hat gegenüber der Europäischen Zentralbank Forderungen von rund 700 Milliarden Euro, die sich aus dem Zahlungssystem Target 2 ergeben. Diese Forderungen steigen jeden Monat. Kommt der Bruch Ende des Jahres, droht ein Gesamtverlust in der Größenordnung von ein bis zwei Billionen Euro, einschließlich der Risikoleistungen aus den Schutzschirmen und der Rettung der dann bankrotten deutschen Banken. Das sind rund 40 bis 80 Prozent unseres jährlichen Bruttoinlandsprodukts. Zitat Ende. Und warum bitte soll Deutschland mit flexiblen Wechselkursen nich überleben? Waren wir vor Einführung der festen Wechselkurse in Wirklichkeit tot und wir bilden uns nur ein zu DM-Zeiten gelebt zu haben? Und warum bitte sollen sich bestehende Verbindlichkeiten (Verträge) durch Austritt aus dem Euro plötzlich in Luft auflösen? Außer Thesen nix gewesen. Nur Thesen ohne Argumente gibt es hier schon zu viele. Aber vielleicht hat der Autor auch einfach keine Argumente, die er aufbieten könnte.
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