Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Wann ist ein Land pleite?

Eine Kolumne von

Japan lebt mit 200 Prozent Staatsschulden ziemlich gut, Argentinien war bei 65 Prozent pleite. Das sollte uns eine Lehre sein: Wer nur auf Schuldenstände starrt, wird keinen Ausweg aus der Euro-Krise finden. Viel wichtiger sind Zinssätze und Wachstumsraten.

Es mag überraschend klingen. Aber es gibt in der Ökonomie keine allgemein gültige Theorie darüber, wie hoch ein Staat verschuldet sein darf. Bis zu welcher Höhe Schulden tragbar sind, hängt immer von der spezifischen Situation des Schuldners ab.

Argentinien war mit einer Schuldenlast von 65 Prozent seiner jährlichen Wirtschaftsleistung pleite. Japan kommt mit einem Schuldenstand von 200 Prozent gut klar. Großbritannien hatte nach dem Krieg einen Schuldenstand von über 250 Prozent und keine Schwierigkeiten. Heute steckt das Land in einer vermeintlichen Schuldenkrise, obwohl der Schuldenstand nur 85 Prozent beträgt, kaum höher als in Deutschland.

Die Beispiele zeigen: Es hängt von vielen Faktoren ab, bis zu welcher Höhe eine Schuldenlast für ein Land tragbar ist. Die zukünftigen Wachstumserwartungen spielen eine Rolle, die Stabilität der Wirtschaft. Aber auch, was die Außenwelt denkt.

Die Ökonomie hat zwar keine generelle Theorie für die optimale Schuldenhöhe hervorgebracht, wohl aber eine Reihe empirischer Ergebnisse. In ihrem mittlerweile berühmten Buch "Dieses Mal ist alles anders" stellen die amerikanischen Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart fest, dass die Schuldenquote von 90 Prozent so eine Art Schallmauer darstellt. Länder, die drüber liegen, tendieren zu schwächerem Wirtschaftswachstum als Länder unterhalb dieser Schwelle.

Auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel kommt in einer Studie zu ähnlichen Ergebnissen. Für den Privatsektor liegt die Schwelle demnach etwas tiefer, für Unternehmen etwas höher, aber die Größenordnung ist ungefähr dieselbe wie bei Rogoff und Reinhart.

Vorsicht mit Statistiken!

Doch Vorsicht: Die Statistik liefert uns lediglich eine Aussage über vermeintliche Zusammenhänge, aber nicht über Ursachen. Ist es wirklich so, dass die Staaten weniger wachsen, weil ihre Schulden zu hoch sind? Oder ist es eher umgekehrt: wenn man wenig wächst, dann steigen die Schulden? Es ist nicht ganz klar, was uns die 90-Prozent-Schwelle sagt.

Wie bedrohlich eine konkrete Schuldensituation wirklich ist, lässt sich auch mit einer Pi-mal-Daumen-Formel herleiten: Hierzu nehme man zunächst den Zinssatz, den ein Land für seine Schulden zahlen muss (zum Beispiel fünf Prozent), und ziehe davon die Höhe des nominalen Wirtschaftswachstums ab (zum Beispiel drei Prozent). Das Ganze multipliziere man mit dem Schuldenstand des Landes (zum Beispiel 100 Prozent). Geteilt durch 100 ergibt das Ergebnis den Primärüberschuss, den ein Land erwirtschaften muss, um seine Schulden konstant zu halten und eine Schuldenexplosion zu vermeiden. Der Primärüberschuss bezeichnet wiederum den Haushaltssaldo vor Zinszahlungen. Im vorliegenden Beispiel müsste der Staat zwei Prozent Primärüberschuss erwirtschaften, und alles ist unter Kontrolle.

Null mal irgendwas gibt null

Wenn die Zinsen hingegen sechs Prozent betragen und das nominale Wachstum zwei Prozent, dann ist die Differenz vier Prozent. Italien hat eine Schuldenquote von 120 Prozent. Wenn man diese beiden Zahlen multipliziert, dann ergibt sich ein Primärüberschuss von 4,8 Prozent, der notwendig wäre, um Italiens Schuldenstand auf dem jetzigen Niveau zu stabilisieren. Italien müsste also hohe Überschüsse erwirtschaften, allein um auf der Stelle zu treten. Um Schulden abzubauen, bräuchte man noch höhere Überschüsse.

Ob ein Schuldenstand nachhaltig ist, hängt also nicht allein von der Höhe der Schulden ab, sondern auch von den Zinsen und dem Wachstum. Japan kann ohne Schwierigkeiten mit einem Schuldenstand von 200 Prozent der Wirtschaftsleistung leben, weil die Zinsen bei null liegen und das Wachstum leicht positiv ist. Wenn die Nominalzinsen gleich dem Nominalwachstum sind, dann ist theoretisch jeder Schuldenstand nachhaltig. Null mal irgendwas gibt null. Solange man keine weitere Schulden macht, wäre dann selbst eine Schuldenquote von 500 Prozent aufrechtzuerhalten.

Worauf es ankommt

In Italien aber klafft die Differenz zwischen Zinsen und Wachstum auseinander. Das Land hat seit dem Eintritt in den Euro-Raum Wachstum verloren, und die Märkte reagieren auf die Kombination aus hohen Schulden und geringem Wachstum mit höheren Zinsen. Damit wird die Schuldenkrise zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Somit gibt es auf die Frage nach dem optimalen Schuldenstand nur die unbefriedigende Antwort: Es kommt darauf an.

An den Beispielen sehen wir aber, warum eine Währungsunion eine Fiskalunion braucht. Ohne sie geraten Länder schnell in einen Teufelskreis, der schon bei relativ geringen Schuldenständen einsetzen kann, wie jetzt in Spanien. Dort ist der Staatsschuldenstand geringer als in Deutschland. Trotzdem droht die Zahlungsunfähigkeit.

Die 90-Prozent-Marke mag eine Orientierungsgröße sein für normale Zeiten, mit normalen Zinsen und normalen Wachstumsaussichten. In der heutigen Zeit ist die Zahl zu gering für Länder mit eigenständiger Geldpolitik (Japan) und zu hoch für Länder, die ihre geldpolitische Autonomie verloren haben und in einer Währungsunion stecken, aus der sie nicht mal so eben herauskommen (und deshalb die Höhe der ihnen abverlangten Zinssätze nicht beeinflussen können). Mit anderen Worten: Italien ist ohne Euro-Bonds bei weiterer Mitgliedschaft im Euro-Raum pleite. Seine Solvenz kann das Land entweder mit einem Austritt wiedererlangen oder mit Euro-Bonds, die dem Land Geld zu niedrigeren Zinsen verschaffen.

Newsletter
Alle Kolumnisten
Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 164 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wichtig ist vor allem, die ständige Umverteilung
Baikal 08.08.2012
von unten nach oben: gehalten werden die Papiere von einer kleinen Minderheit, die große Mehrheit bezahlt aber die Zinsen. Wäre mal ein Thema für die Sozis, aber die gibt es ja nicht mehr.
2. Mist
Izmi 08.08.2012
Zitat von sysopJapan lebt mit 200 Prozent Staatsschulden ziemlich gut, Argentinien war bei 65 Prozent pleite. Das sollte uns eine Lehre sein: Wer nur auf Schuldenstände starrt, wird keinen Ausweg aus der Euro-Krise finden. Viel wichtiger sind Zinssätze und Wachstumsraten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,846566,00.html
Die simple Konmsequenz aus dem Artikel ist: Der Bauer muss mehr produzieren, als er verfrisst. Oder wenigstens gleich viel. Hat er größeren Hunger, muss er zusehen, wo sein Essen herkommt - und zu wieviel Zinsen er es bekommt. Und nun erklärt ihm mal, warum die Zinsen schwanken...
3.
ekel-alfred 08.08.2012
Zitat von sysopJapan lebt mit 200 Prozent Staatsschulden ziemlich gut, Argentinien war bei 65 Prozent pleite. Das sollte uns eine Lehre sein: Wer nur auf Schuldenstände starrt, wird keinen Ausweg aus der Euro-Krise finden. Viel wichtiger sind Zinssätze und Wachstumsraten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,846566,00.html
Ganz einfach...... Wenn die Rating Agenturen es sagen !!
4. Fiskalunion wäre Selbstmord
libertine^10 08.08.2012
Zitat von sysopJapan lebt mit 200 Prozent Staatsschulden ziemlich gut, Argentinien war bei 65 Prozent pleite. Das sollte uns eine Lehre sein: Wer nur auf Schuldenstände starrt, wird keinen Ausweg aus der Euro-Krise finden. Viel wichtiger sind Zinssätze und Wachstumsraten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,846566,00.html
Der Analyse möchte ich nicht mal grundsätzlich widersprechen. Nur wäre eine Fiskalunion aus Deutscher Sicht Wahnsinn. Sobald sie unterzeichnet ist, verschwindet der Druck auf die Krisenländer zu sparen bzw.schmerzhafte Strukturreformen durchzuführen. Eventuell vorher unterschriebene Sparverpflichtungen können nicht durchgesetzt werden, da wir nicht mit der Bundeswehr einmarschieren wollen. Deshalb muss Deutschland den Euro verlassen.
5.
Baerliner73 08.08.2012
"Wer nur auf Schuldenstände starrt, wird keinen Ausweg aus der Euro-Krise finden. Viel wichtiger sind Zinssätze und Wachstumsraten." Viel wichtiger sind ausgeglichen Staatshaushalte, wer keine Schulden hat/aufnimmt muss sich keine Sorgen um seine Währung machen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

Facebook


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: