Euro-Rettungsfonds Der Mann mit den Milliarden

Er ist der Herr über 440 Milliarden Euro: Klaus Regling leitet den Euro-Rettungsfonds. Für Gerhard Schröder war er einst nur "der Kerl", dabei gilt der deutsche Finanzfachmann als Beamter mit Prinzipien. Nun hat er eine Mammutaufgabe - das Vertrauen der Märkte in Europa zurückgewinnen.

Neuer EFSF-Chef Regling: Im Notfall ganz Euroland vor dem Zerfall retten
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Neuer EFSF-Chef Regling: Im Notfall ganz Euroland vor dem Zerfall retten


Luxemburg, vorigen Montag am frühen Abend. Mürrisch nehmen die Finanzminister der Euroländer Vorschläge entgegen. Es geht um die Besetzung des Chefpostens der neuen Gesellschaft mit dem seltsamen Namen "Europäische Finanzmarktstabilisierungsfazilität" (EFSF). Das Personal auf der Liste, die der Wirtschafts- und Finanzausschuss erarbeitet hat, überzeugt die Minister nicht. Immerhin soll der künftige EFSF-Chef bis zu 440 Milliarden Euro Kredite zu Lasten europäischer Steuerzahler aufnehmen dürfen. Mit dem Geld muss er dann im Notfall versuchen, finanzschwache Euro-Staaten vor der Pleite und womöglich ganz Euroland vor dem Zerfall zu retten. Eine gewaltige Aufgabe.

Kein Kandidat scheint der Runde geeignet, diese Verantwortung zu tragen. Der eine verdient sein Geld derzeit "ausgerechnet bei einer Rating-Agentur", nach landläufiger Meinung Mitverursacher des Finanzschlamassels. Der komme gleich gar nicht in Frage, poltert der Luxemburger Premier Jean-Claude Juncker, Vormann der Finanzminister-Runde. Ein anderer Kandidat wird ausgesondert, weil er das Brüsseler Europa-Geschäft nicht gut kennt und, noch schlimmer, ihn seinerseits kaum jemand in der internationalen Finanzwelt kennt.

Plötzlich wirft Juncker einen Namen in die Runde, und alle nicken begeistert, einer sagt nur "ja", ein anderer murmelt "der wäre es!" Ein Finanzminister fragt Juncker skeptisch: "Meinst Du denn, der macht das?"

Brüssel, Montag am späten Abend. Klaus Regling sitzt ausnahmsweise in seiner Brüsseler Wohnung und nicht auf einem Flughafen, als ihn der Anruf erreicht. Thomas Wieser, Vorsitzender des EU-Wirtschafts- und Finanzausschusses, bittet Regling im Auftrag der Euro-Finanzminister, darüber nachzudenken, ob er das vakante Amt des Staatenretters übernehmen wolle. Wenn ja, müsse er sich am folgenden Tag, um 10 Uhr, in Luxemburg vorstellen.

Regling fährt hin. Nun hat er einen der seltsamsten, im Ernstfall aufregendsten, dafür auch einen der höchstbezahlten Jobs (Verdienst: rund 300.000 Euro im Jahr), den ein öffentlicher Bediensteter in Europa haben kann.

Aber jetzt muss er erst einmal seine Firma abwickeln, "KR Economics". Die hat er erst im vorigen September gegründet. Als er wieder einmal freiwillig einen Traumposten - sicher, gut bezahlt, hochangesehen - geräumt hatte, dieses Mal den eines Generaldirektors in der EU-Kommission. Lieber gehen, als sich zu sehr beugen - das war immer die Maxime des 59-jährigen Lübeckers.

"Economics" studiert, beim Internationalen Währungsfonds in Washington gearbeitet, dann im Bankenverband, schließlich im Bonner Finanzministerium. Hier begann der Aufstieg ganz nach oben. Regling war an der Konstruktion der Währungsunion beteiligt, schrieb am Stabilitätspakt mit, war am Ende zuständiger Beamter für die gesamte internationale Finanzpolitik. Das war zugleich das Ende: Als Oskar Lafontaine 1999 Bundesfinanzminister wurde, verordnete er den Beamten ein anderes politisches Weltbild. Regling widersprach, stritt - und ging. Nach London zu einem Investmentfonds.

Zwei Jahre später bat ihn Lafontaine-Nachfolger Hans Eichel zurück in den Staatsdienst. Er hievte Regling auf den Posten des Generaldirektors für Wirtschaft und Finanzen bei der EU-Kommission. Ein Schlüsselposten, den die Deutschen unbedingt haben wollten, doch am Ende hatten sie weniger Freude daran als gedacht. Das lag wohl daran, dass der Amtsinhaber auch diese Aufgabe sehr prinzipientreu ausfüllte: Er leitete 2003 gegen Berlin ein Verfahren wegen des übergroßen deutschen Haushaltsdefizits ein. Bundeskanzler Gerhard Schröder war entsetzt über "den Kerl".

2008 wollte Kommissionspräsident José Manuel Barroso den aufsässigen Prinzipienreiter in eine andere Generaldirektion versetzen, als Chef natürlich, aber nicht mehr als Chef über die Finanzen. Regling ging lieber: Erst als Professor nach Singapur, dann zurück nach Brüssel, um eine Ein-Mann-Beratungsfirma zu gründen. Erster Kunde war der Staat Singapur, weitere folgten rasch.

Dublin, vorigen Donnerstag und Freitag. Regling trägt Regierung, Parlament und Presse das Ergebnis seiner jüngsten Untersuchung vor: Wie es zur irischen Krise kam.

Luxemburg, 1. Juli. Amtsantritt. Vorbereitung für die Stunde X. Immer bereit sein. Wenn der Finanzminister eines Eurolandes SOS funkt, müssen Regling und seine Helfer in kürzester Frist Milliarden organisieren. Sie müssen die Märkte im Blick, die Kredit-Konditionen weltweit parat, die Technik vorbereitet haben, um gigantische Summen zum kleinstmöglichen Preis zu borgen. Wie man das macht, was der Milliardenmann überhaupt, konkret, tagtäglich in seinem künftigen Luxemburger Büro tun wird, darüber mag er "noch nicht sprechen".

Ein enger Mitarbeiter von Luxemburg-Premier Juncker sagt, es werde "eine Wahnsinnsarbeit". Von Anfang an. Denn die EU-Finanzminister erwarten von Klaus Regling vor allem und ganz schnell, dass die neue EU-Gesellschaft von den Rating-Agenturen dieser Welt ein sattes "Triple A" bekommt, ein "AAA". Das heißt, im Finanzjargon, "das Ausfallrisiko dieses Schuldners ist fast Null" und bedeutet im Ernstfall Billigst-Zinsen für Mammut-Kredite. Das genau ist der Job des Deutschen. Wie man zum "Triple A" für EU-Bonds kommt, weiß freilich keiner so genau. Allenfalls "der Regling vielleicht", sagt der Luxemburger.



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ernstjüngerfan 13.06.2010
1. Gas -Gerd
Zitat von sysopEr ist der Herr über 440 Milliarden Euro: Klaus Regling leitet den Euro-Rettungsfonds. Für Gerhard Schröder war er einst nur "der Kerl", dabei gilt der deutsche Finanzfachmann als Beamter mit Prinzipien. Nun hat er eine Mammutaufgabe - das Vertrauen der Märkte in Europa zurückgewinnen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,700191,00.html
Entschuldigung, wer ist dieser ominöse Gerhard Schröder? Etwa Gas-Gerd?
Nikolai C.C. 13.06.2010
2. Gute Wahl
Klingt nach perfekter Besetzung, Prinzipien sind ein seltenes Gut geworden in diesen Zeiten...vergessen wir nicht, wo wir herkommen, vor nicht allzu langer Zeit http://bit.ly/MUY5m
derosa, 14.06.2010
3. Die GR -Bonds (10 Jahre)
Zitat von sysopEr ist der Herr über 440 Milliarden Euro: Klaus Regling leitet den Euro-Rettungsfonds. Für Gerhard Schröder war er einst nur "der Kerl", dabei gilt der deutsche Finanzfachmann als Beamter mit Prinzipien. Nun hat er eine Mammutaufgabe - das Vertrauen der Märkte in Europa zurückgewinnen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,700191,00.html
stehen immer noch bei 8,18 Prozent. Selbst dieser Superkerl schafft es nicht, daß jemand, außer der EZB, die Bonds kauft. Und wenn für 440 Milliarden Bonds auf der Aktivseite der EZB/BuBa schlummern, was dann? Dem Superkerl wird dann auch nichts mehr einfallen, außer " ähm Herr Minister, Frau Bundeskanzlerin,...wir sind bankrott".
Ursprung 14.06.2010
4. Nicht verbiegen lassen von Politikern
Es scheint noch ein paar Menschen zu geben, die sich von Politikern nicht verbiegen lassen wollen. Erinnert mich an einen anderen anerkannten Oekonomen mit Namen Horst Koehler. Der ist wochl auch einer, der sich nicht aus politischer Raison verbiegen lassen wollte und lieber ging.
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