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S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Daran wird der Euro zerbrechen

Eine Kolumne von

Euro-Münze: Begrenzte Lebensdauer Zur Großansicht
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Euro-Münze: Begrenzte Lebensdauer

Meine Erkenntnis des Jahres: Der Euro ist gar keine Währungsunion. Er ähnelt vielmehr dem Goldstandard - und der ist auseinandergeflogen. Ich sage dem Euro dasselbe voraus.

Am Ende eines Jahres frage ich mich oft: Was habe ich gelernt? Was hat mich am meisten überrascht? Rückblickend war es für mich eine tiefe Erkenntnis über den Euro, die wir ausgerechnet Wolfgang Schäuble zu verdanken haben: Der Euro ist nicht das Geld einer Währungsunion, wie ich früher immer dachte. Er ist das Geld eines festen Wechselkursmechanismus mit gemeinsamer Währung. Ich meine das nicht ironisch. Dem Finanzminister sei Dank für eine wichtige Klarstellung.

Zwischen den Konzepten einer Währungsunion und eines Systems fester Wechselkurse besteht ein Riesenunterschied, ungefähr vergleichbar in der Politik dem zwischen einer Föderation und einer Konföderation. Eine Föderation wie die Bundesrepublik oder die Schweiz ist ein zentraler Verfassungsstaat, in dem bestimmte hoheitliche Rechte den Ländern vorbehalten sind. Die Konföderation ist eine lockere Verbindung, die man eingeht, um gemeinsame Interessen wahrzunehmen. Zur Mitgliedschaft besteht kein Zwang. Ein gutes Beispiel für solch einen Interessenbund ist die Hanse.

Der Euro war zunächst als das ökonomische Äquivalent eines Föderalstaates angedacht. Das Jahr 2015 hat uns jedoch gezeigt, dass es so nicht kommen wird. Während der Verhandlungen mit Griechenland hatte Schäuble die Möglichkeit eines Austritts im Ministerrat vorgetragen. Im Juli standen wir kurz davor, als der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras in allerletzter Minute einlenkte und plötzlich Bedingungen für ein weiteres Hilfsprogramm akzeptierte, die er vorher abgelehnt hatte. Damit kam in letzter Minute ein fauler Kompromiss zustande, der ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euroraum kurzfristig verhinderte.

Vorbild Goldstandard

Mit diesem scheinbaren Happy End änderte sich aber nichts an der Realität: Im Zuge dieser Verhandlungen verkam der Euroraum von einer Währungsunion zu einem System fester Wechselkurse mit gemeinsamer Währung. Ein fester Wechselkursmechanismus ist ein auf unbestimmte Zeit angelegtes Währungsregime, das so lange hält, bis sich ein Land aus dem Verband verabschiedet. Häufig sind es wirtschaftliche Entwicklungen, die Länder zu diesem Schritt bewegen, etwa hohe Defizite, Überschüsse in der Leistungsbilanz oder Finanzkrisen.

Das berühmteste aller festen Wechselkursregime war der Goldstandard, der unter dem Druck der Deflation der Dreißigerjahre zusammenbrach. Der Euro funktioniert heute ökonomisch sehr ähnlich wie der Goldstandard. Wer sich nicht anpasst, hat immer größere Schwierigkeiten, sich im System zu halten. Griechenland ist da nur ein Beispiel. Italiens Wirtschaft ist seit dem Eintritt des Landes in die Währungsunion nicht mehr gewachsen, und auch dort stellen sich immer mehr Leute die Frage, ob der Euro noch das richtige Währungssystem ist.

In einer Föderation oder in einer echten Währungsunion käme niemand auch nur auf die Idee, den Fortbestand der Währung infrage zu stellen. In einem Staat wie der Bundesrepublik erfolgt die wirtschaftliche Anpassung über eine ganze Reihe von Kanälen - über den Bund, die sozialen Versicherungssysteme oder durch die Mobilität von Arbeitnehmern.

Transferleistungen sind tabu

In einem System fester Wechselkurse wie dem Goldstandard gab es dagegen nur eine Art der Anpassung: Wer im Goldstandard in Schwierigkeiten geriet, musste sparen. Transferleistungen von anderen Ländern waren keine Option. Und so kam es zu einer prozyklischen Haushaltspolitik, damals wie heute. Die Anpassungen, die die Südländer zuletzt durchgemacht haben, waren ähnlich hoch wie die Anpassungen in den USA oder England in den Dreißigerjahren.

Das Einzige, was an dem Vergleich zwischen Euro und Goldstandard hinkt - aber wie sich herausstellt nur oberflächlich -, ist die gemeinsame Währung. Im Goldstandard gab es feste Beziehungen zwischen nationalen Währungen und einem in Dollar festgelegten Goldpreis. Eine gemeinsame Währung mag psychologisch anders anmuten als ein komplexer Mechanismus, in dem alle Währungen an den Goldpreis gebunden sind. Ökonomisch ist es aber egal, ob man ein Währungssystem mit einer Einzelwährung festzurrt oder ob jeder seine Währung behält.

Die Wirkungsmechanismen sind dieselben. Und damit sind wir bei meiner Erkenntnis des Jahres: Der Euro ist ein moderner Goldstandard. Schäuble hat genau das artikuliert, als er von einer Pause für Griechenland im Euro warb. Da in diesem System die Staaten souverän bleiben, bedeutet das dann natürlich auch, dass sie das System verlassen werden, wenn es ausgedient hat. Das kann lange dauern wie bei der Hanse oder plötzlich zu Ende gehen wie mit dem Goldstandard in den Dreißigerjahren.

Was wir mit Gewissheit sagen können: Auch die Zeit des Euro wird begrenzt sein.

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insgesamt 353 Beiträge
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1. Endlich Herr Münchau!
malocher77 25.12.2015
Der Euro hat ausgedient,nächstes Jahr werden Finnen abstimmen ob Euro gewollt ist oder nicht,die Griechen sind auch nicht über den Berg und werden es wahrscheinlich nie sein.Und zu guterletzt 2017 kommt wahrscheinlich Le Pen und beendet diese politische Währung.Endlich hat Herr Münchau eingesehen,dass es keine Föderation mit Transferunion kommen wird.
2. Oh, Herr Münchau
Jobuch 25.12.2015
Ich bin mal mit Ihnen einer Meinung. Es muß Weihnachten sein - Harmonie und so. Ihren Schlußsatz unterschreibe ich, hoffe aber sehr, daß ich das - möglichst demnächst - noch erlebe.
3. Na dann ist der Euro ja sicher
kaffee-junkie 25.12.2015
Ich hatte ja auch Bedenken aber wenn Herr Münchau das Ende des Euro beschwört, kann ich mich gelassen zurücklehnen. Dann ist er sicher!
4. Willkommen in der Realität, Herr Münchau
Werner M. 25.12.2015
"Im Zuge dieser Verhandlungen verkam der Euroraum von einer Währungsunion zu einem System fester Wechselkurse mit gemeinsamer Währung." Sie haben ja viel gelernt in der letzten Zeit. Respekt. Ein kleiner Hinweis noch: Das System "verkam" nicht - es war nie etwas anderes. Eine Währungsunion, bei der Finanz-, Sozial-, Arbeitsmarkt- und Regierungspolitik der Unionsmitglieder nicht in einem klaren Wirkungs- und Verantwortungsgefüge austariert sind, ist keine. Sondern es ist eben ein gemeinschaftliches Wechselkurssystem mit angeschlossenem Wirtschaftsraum. Und so haben nebenbei auch etliche ihrer "Unionsmitglieder" das System gesehen - und danach gehandelt. (Und das ist keine Bewertung, sondern eine Feststellung. Nur war es naiv, zu glauben, dass man mit dem gemeinsamen Währungskorsett eben auch diese gleichgeschaltete Union erzwingen kann. Und doppelt naiv, ungeachtete der Realität auf seiner "Widewitt-Wünschmirwas"-Weltsicht zu bestehen.)
5. Spekulative Werte
ihawk 25.12.2015
Es läßt sich vorzüglich darüber diskutieren, nur eines wird immer offensichtlicher: Das monetäre System wie wir es kennen nähert sich dem Zusammenbruch. Das am EURO festzumachen ist lächerlich. Die Deregulierungen der Banken vor 30 Jahren hat zur Pervertierung der Finanzwirtschaft geführt. Massive Geldmengen wurden dem Kreislauf der Wertschöpfung entzogen und mafiaähnlich strukturierte Banken zocken täglich mit Billionen. Das ist m.E. das Problem und nicht der EURO.
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.


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