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Kommentar zum griechischen Hilfsantrag: Einmal noch und dann nie wieder

Ein Kommentar von

Die Euro-Finanzminister sollten heute das Hilfsprogramm für Griechenland verlängern und darauf setzen, dass die griechische Regierung diese Chance nutzt. Gerade Deutschland kann dabei kaum etwas verlieren, aber viel gewinnen.

Giannis Varoufakis: Gut gelaunte Berlin-Reise nicht ausgeschlossen (Archivbild) Zur Großansicht
Getty Images

Giannis Varoufakis: Gut gelaunte Berlin-Reise nicht ausgeschlossen (Archivbild)

Hat Griechenland ein Recht darauf, dass die Europartner dem Land noch einmal entgegen kommen?

Nein, natürlich nicht!

Es ist ja fast alles wahr, was so gegen die Griechen vorgebracht wird: Sie haben sich mit gefälschten Wirtschaftszahlen in den Euro gemogelt und dann jahrelang Geld verplempert. Als es alle war, haben sie die übrigen Eurostaaten zur Hilfe gerufen. Doch die im Gegenzug ausgehandelten Spar- und Reformauflagen mochten sie nur widerwillig umsetzen. Und gerade als es wieder ein wenig aufwärts zu gehen schien in Hellas, da wählten sich die Griechen eine Regierung, die breitbeinig neue Zugeständnisse von den Europartnern verlangt: Die letzte Rate des Hilfsprogramms soll bitte ausgezahlt werden, an die daran geknüpften Bedingungen fühlt sich das Land nur noch teilweise gebunden.

Griechenland hat kein Recht auf eine weitere Chance. Und sollte sie trotzdem bekommen. Die Finanzminister der Eurostaaten, die heute in Brüssel zusammenkommen, sollten hart mit ihrem griechischen Kollegen Giannis Varoufakis verhandeln, ihm noch ein, zwei Zugeständnisse abringen - und sich am Ende mit ihm auf eine Verlängerung des Programms einigen.

Der Klügere zahlt nach

Wenn die übrigen Europartner Griechenland die jetzt anstehende letzte Rate des laufenden Hilfsprogramms verweigern, ist der Rest der Geschichte schnell erzählt. Griechenland rutscht in einigen Monaten in die Staatspleite hinein und aus der Währungsunion hinaus. Das Land fällt zurück in die Rezession und wird zu einem kleinen, unberechenbaren Argentinien am Rande Europas - allerdings mit weiter bestehender EU-Mitgliedschaft und dem entsprechenden Nervpotenzial. Was für Argentiniens Führung der Hedgefondsmanager Paul Singer ist, das wird für Syriza dann Deutschland sein: Der Sündenbock, mit dem sich vor den Bürgern immer wieder vom eigenen wirtschaftspolitischen Versagen ablenken lässt.

Ach so: Die je nach Rechnung 50 bis 80 Milliarden, die Deutschland im griechischen Feuer hat, wären dann natürlich weg.

Die Alternative klingt zunächst wenig attraktiv. Die Eurozone investiert noch einmal ein paar Milliarden in die jetzt anstehende Verlängerung des Hilfsprogramms, gibt so der neuen Führung in Athen eine echte Chance - und beendet danach die finanzielle Unterstützung des Landes ebenso wie die politische Bevormundung. Keine neues Geld mehr, aber auch keine Troika-Kontrollen. Und seine Schulden gegenüber den übrigen Eurostaaten sollte Athen erst zurückzahlen müssen, wenn die griechische Wirtschaft kräftig genug wächst.

Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Versuch schiefgeht? Hoch! Aber dann sehen wir uns halt in einigen Monaten im Argentinien-Szenario wieder - mit dem Unterschied, dass Syriza nicht mehr den Sündenbock Deutschland hat, um vom eigenen Versagen abzulenken. Viel verloren wäre dann nicht.

Zehn-Prozent-Chance auf ein gerechteres Griechenland

Selbst wenn nur eine Zehn-Prozent-Chance besteht, dass der Weg des Nachgebens zum Erfolg führt - ihn zu gehen ist den Versuch wert. In diesem Fall hätten wir in einigen Jahren immerhin einen griechischen Staat, in dem es etwas gerechter zuginge als unter den korrupten Regierungen der vergangenen Jahrzehnte. Und der womöglich tatsächlich ab 2020 beginnen könnte, seine Schulden an Deutschland abzutragen.

Das extrabreite Grinsen, mit dem Varoufakis der Bundesregierung den ersten Scheck überreicht, müssten wir allerdings in Kauf nehmen.

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Noch eine Chance für Griechenland?

Die neue griechische Regierung will die letzte Rate des laufenden Hilfsprogramms ausgezahlt bekommen. An die daran geknüpften Bedingungen fühlt sich Athen aber nur teilweise gebunden. Soll das Geld trotzdem fließen?

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Rickens ist Leiter des Wirtschaftsressorts bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Christian_Rickens@spiegel.de

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1. Donnerwetter ...
Pinin 20.02.2015
... hat der Verfasser immer-noch nicht kapiert dass das deutsche Geld schon unwiederbringlich weg ist und es nur noch darum geht nicht noch mehr Geld im griechischen Sumpf zu versenken?
2. Vernuenftiger Vorschlag, aber wird nicht gehen
fb39 20.02.2015
(1) Es gibt auch noch andere Laender (z.B. Finnland mit anstehenden Wahlen), die auch ein Woertchen mitzureden haben. (2) Wenn Griechenland am Ende Pleite ist, sind die Deutschen eh Schuld (nach Meinung der Griechen), egal ob Deutschland "einknickt" oder nicht. (3) Die Gefahr ist nicht Griechenland, sondern das ein Nachgeben nacheinander dazu fuehren wird, dass Spanien und danach Italien und Frankreich "umknicken" werden. Griechenland ist zu bezahlen, der Rest wuerde das Euro Kartenhaus zusammenbrechen, oder Europa zumindest eine inflationaere Weichwaehrung und Transferunion sein. Vielleicht gibt es in Deutschland dann nicht den Willen, aber andere Euro Laender wie z.B. Finnland und die Niederlande wuerden sich verabschieden. (4) Aus (3) ergibt sich, dass die beste deutsche Strategie tatsaechlich inzwischen ist, Griechenland, wenn es nicht einschwenkt, untergehen zu lassen (bank-run, hohe Inflation etc.), damit Spanien, Italien etc. es nicht wagen wuerden, dem griechischen Beispiel zu folgen. (5) Der wichtigste Spieler ist die EZB, die durch Gelddrucken und Anleihenkaeufe Griechenland und den ganzen Sueden ad infinitum durchpauken koennte (inkl. ansteigender europaweiter Inflation, aehnlich hoch wie vielleicht Frankreich/Italien vor der Union). Deutschland kann die EZB nicht direkt beeinflussen, und muss daher so viel Druck ausueben auf die "Partner" (Italien, Frankreich, Spanien etc.) wie nur irgendwie moeglich. (6) Daraus ergibt sich, dass Griechenland's beste Strategie ist, nicht Deutschland fuer ihre Ideen zu gewinnen, sondern Spanien, Italien und Frankreich. Wie gesagt, theoretisch und sogar menschlich wuerde ich dem zustimmen; die beste Loesung ist allerdings, Deutschland schreibt die Forderungen ab und verlangt dafuer Griechenlands Austritt (oder droht mit deutschen Austritt). Am besten waere es gewesen, wenn die geschlossenen Vertraege von Beginn an eingehalten worden waere und Griechenland's Pleite 2010 nicht durch den ganzen Quatsch hinausgeschoben worden waere. So wird aus dem Friedensprojekt leider ein "Nord" gegen "Sued" (es sei denn die Deutschen geben freiwillig einen guten Teil ihres Wohlstandes auf und nicken eine Transferunion ab).
3. Nur noch die letzte Rate?
yadi 20.02.2015
Es geht doch nicht nur um die letzte Rate aus dem laufenden Hilfsprogramm, sondern um dessen Fortsetzung mit weiteren Milliardenkrediten. Und das zur Finanzierung von "Reformen", die weitere Milliarden kosten sollen, wie z.B. der angekündigte Steuererlass für Millionen. Oder woher soll das Geld jetzt wieder kommen? Und das Ganze ohne konkreten Verpflichtungen fùr Griechenland?
4. Spende, nicht Hilfe
relativity 20.02.2015
Schon vor Jahren war doch klar: jeder Euro an Griechenland ist eine Spende und wird nicht wieder kommen. Entweder jetzt X Milliarden abschreiben oder später X+N Milliarden. Es wird sich nichts ändern. Die bisherigen Regierungen haben ihre sogenannten Chancen nicht genutzt und zukünftige werden es ebenso nicht. Gilt übrigens auch für Deutschland. Denn selbst Deutschland kriegt ja keinen ausgeglichenen Haushalt hin obwohl es doch ach so gut dasteht. Woran das wohl liegt?
5. Nein und nochmal nein!
kenterziege 20.02.2015
In Griechenland sind Spieler an der Regierung. Der Finanzminister hat Spielautomaten programmiert. Er hält sich für unschlagbar. Zeigen wir ihm, dass wenn man den Stecker zieht, sein Automat nichts mehr kann! Es ist genug gespielt!
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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