Schulden Europas Aufschwung verabschiedet sich

Sparen, sparen, sparen: So lautet Europas Universalrezept gegen die Krise. Doch Wachstum ist nicht in Sicht, die Schulden steigen. Statt Aufschwung droht Abschwung - auch in Deutschland. Zwar steuert die EZB mit billigem Geld dagegen. Doch das treibt nur die Aktienkurse in die Höhe.

"Das ist keine Krise, das ist Kapitalismus": Die Staatsschulden wachsen weiter
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"Das ist keine Krise, das ist Kapitalismus": Die Staatsschulden wachsen weiter

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Hamburg - Europa ist krank und die von oben verordnete Kur ist seit Jahren dieselbe: Sparen, Privatisieren und Reformieren. Und wieder Sparen. Der Erfolg allerdings bleibt aus: Die Staatsschulden in der Euro-Zone wachsen immer weiter. Einzig Deutschland kann den Prognosen der EU-Kommission zufolge in diesem Jahr sein Defizit minimal verringern - liegt aber mit mehr als 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts selbst noch weit über dem zulässigen Maß von 60 Prozent. Der Durchschnitt der Euro-Zone: knapp 96 Prozent. Die Staatsschulden in Ländern wie Italien, Irland, Portugal, Belgien, aber auch Spanien und Frankreich liegen teilweise noch weit über diesem Durchschnittswert.

Wenn alle nur genug sparen, vor allem die Krisenländer am Rande der Euro-Zone, dann sinken auch die Defizite wieder, so die Hoffnung. Wenn jetzt noch die Wirtschaft wieder wächst, dann bekommt die Währungsgemeinschaft, so der Plan, die Krise in den Griff. Danach sieht es aber weniger aus, denn je. Der zarte Aufschwung, den viele als Vorboten für einen kräftigen Wachstumsschub sahen, scheint schon wieder vorbei.

Am Freitag hat die EU-Kommission ihre Prognose gesenkt - für das laufende und das kommende Jahr. Die gesamte Euro-Zone wird laut EU-Kommission 2013 um 0,4 Prozent schrumpfen, 2014 rechnet die Behörde mit einem Mini-Wachstum von 1,2 Prozent. Das einzige Euro-Land, das demnach im kommenden Jahr nennenswert wachsen wird, ist Estland mit vier Prozent, es folgen die Slowakei mit 2,8 und Irland mit 2,2 Prozent. Das sind nicht die großen Volkswirtschaften, die Europa aus der Krise ziehen könnten. Diese Rolle könnte Deutschland übernehmen, aber auch hier wird es 2013 der EU-Kommission zufolge nur um 0,4 Prozent nach oben gehen.

"Unsere Forderungen verlieren wir sowieso"

Es gibt also nur einen einzigen Ausweg, sagt Daniel Stelter von der Unternehmensberatung Boston Consulting Group, und der heißt Verzicht. "Die Regierungen müssten den Menschen die Wahrheit sagen: Entweder wir akzeptieren einen Schuldenschnitt oder wir müssen eine hohe Inflation in Kauf nehmen - was wiederum die Sparguthaben entwertet."

Stelter hat ein Buch geschrieben über die Überschuldung der westlichen Welt, es heißt "Die Billionen-Schuldenbombe". Er hat eine einfache Erklärung, warum die Euro-Finanzminister weiter auf strikten Sparprogrammen beharren: "Vielen Politikern ist die wahre Dimension der Krise nicht bewusst." Stelter setzt auf einen Plan, den die EU bereits erwogen und wieder verworfen hat: Die Geberländer müssten auf große Teile ihrer Schulden verzichten, zum Beispiel über einen Schuldentilgungsfonds, der sich durch Euro-Bonds finanziert. "Unsere Forderungen verlieren wir sowieso", sagt Stelter

Die jüngsten Konjunkturdaten geben tatsächlich wenig Anlass zur Hoffnung: In Deutschland sinken die Steuereinnahmen wieder, der Einkaufsmanager-Index der Euro-Zone stagniert, hierzulande ist er sogar gesunken, der Ifo-Index, das wichtigste deutsche Industriebarometer ist im März überraschend gefallen, auch die Jubelprognosen der OECD sind schon wieder überholt.

Nicht einmal die Verzweiflungstat der Europäischen Zentralbank (EZB) vom Donnerstag verspricht Hilfe: EZB-Chef Mario Draghi senkte den Leitzins auf den Rekordwert von 0,5 Prozent. Das Ziel aber, dass nämlich Banken in den Euro-Südstaaten mehr Kredite an Firmen vergeben, damit die investieren und so für Wachstum sorgen, wird die EZB damit wohl nicht erreichen. Stattdessen sorgt das billige Geld für ein Kursfeuerwerk an den Börsen. Der deutsche Aktienindex Dax Chart zeigen hat am Freitag den höchsten Schlusskurs aller Zeiten erreicht. Das Frankfurter Börsenbarometer stand am frühen Abend bei 8122,29 Punkten. Der vormalige Höchststand beim Börsenschluss wurde am 16. Juli 2007 mit 8105,69 Punkten erreicht. Doch nachhaltig ist das nicht.

Wenn die Euro-Zone sich schon nicht selbst helfen kann: Kann es der Rest der Welt? Auch hier sehen die Wachstumserwartungen mau aus: die US-Wirtschaft wächst in diesem Jahr nur um 1,9 Prozent, Tendenz fallend, in Japan liegt die Wachstumsrate bei 1,6 Prozent. Einzig China steht mit 8,1 Prozent gut da, allerdings gelten sieben Prozent Wachstum als Untergrenze, um ausreichend Arbeitsplätze zu schaffen und Entwicklungsprobleme zu lösen.

Deutschland wird sich dem Sog nicht entziehen können, warnt Stelter und drängt zum schnellen Handeln: "Je länger die Politik auf Zeit spielt und das soziale Elend am Rand wächst, desto größer wird das Risiko politischer Spannungen - dann wird das erste Land aus der Euro-Zone austreten und vielleicht zerfällt die gesamte Währungsunion." Dass schnell etwas passiert, erwartet der Krisenexperte allerdings nicht und verweist auf eine Aussage des früheren Euro-Gruppen-Chefs Jean-Claude Juncker, der einst gesagt hatte: "Wir wissen alle, was zu tun ist, aber wir wissen nicht, wie wir anschließend auch wiedergewählt werden."

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dingodog 03.05.2013
1. Das ist der Grund...
Zitat von sysopAPSparen, sparen, sparen: So lautet Europas Universalrezept gegen die Krise. Doch Wachstum ist nicht in Sicht, die Schulden steigen. Statt Aufschwung droht Abschwung - auch in Deutschland. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/europa-bekommt-die-staatsschuldenkrise-nicht-in-den-griff-a-897981.html
... warum die Oppositionsparteien SPD und Grüne daran arbeiten, nicht gewählt zu werden. Sie wissen genau, dass ihre Rezepte ebenfalls nicht greifen bzw. nicht im erforderlichem Maße durchgesetzt werden können.
leidenfeuer 03.05.2013
2. Programmatik statt Aufschwung
Zitat von sysopAPSparen, sparen, sparen: So lautet Europas Universalrezept gegen die Krise. Doch Wachstum ist nicht in Sicht, die Schulden steigen. Statt Aufschwung droht Abschwung - auch in Deutschland. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/europa-bekommt-die-staatsschuldenkrise-nicht-in-den-griff-a-897981.html
Wenn der Sozialismus zunimmt in Europa, geht es mit der europäischen Wirtschaft natürlich abwärts. Von manchen ist das gewollt und lässt sich mitunter sogar aus Parteiprogrammen herauslesen.
Frankfurter87 03.05.2013
3. Sparen alleine.
Zitat von sysopAPSparen, sparen, sparen: So lautet Europas Universalrezept gegen die Krise. Doch Wachstum ist nicht in Sicht, die Schulden steigen. Statt Aufschwung droht Abschwung - auch in Deutschland. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/europa-bekommt-die-staatsschuldenkrise-nicht-in-den-griff-a-897981.html
bringt wirklich nicht viel, wenn die noetigen Reformen nicht unternommen werden. Ein verkrusteter Arbeitsmarkt kommt nicht auf die Beine, wenn die Staatsausgaben gesenkt werden. Wie auch? Ohne die hoehere Flexibilitaet des Arbeitsmarktes haette Deutschland immer noch ueber 5 Mio Arbeitslose. Zinssenkungen (von laeppischen 0.75 auf laecherliche) 0.50% bringen gar nichts, wenn zusaetzlich Banken aus Risikoueberlegungen keine Kredite geben wollen, wie derzeit in Suedeuropa. Sie verstaerken eher Investitionen in den Nordlaendern (inc. Deuscthland), die in einem "normalen" Umfeld nicht getaetigt wuerden, da unwirtschaftlich. Es werden derzeit teilweise vermietete Immobilien in Berlin mit einer Mietrendite von 2.5% angeboten. Geht zur Zeit gerade so auf. Was ist aber wenn die Zinsen steigen, und refinanziert werden muss? Deutschland macht mit seinem Immobilienboom derzeit den gleichen Fehler wie Spanien und Irland vor 10 Jahren. Und klar, was nicht in Immobilien geht, geht in andere "Sachwerte", wie eben Aktien. Aber auch hier gilt: Wenn es die ersten Anzeichen einer Zinswende nach oben gibt, werden Aktien und Immobilien es schwer haben, weiter an Wert (oder besser Preis) zuzulegen. Schoene Gruesse.
lupenrein 03.05.2013
4. ............
Erst nach den Wahlen, die natürlich von Merkel & Co gewonnen werden, wird der dt. Michel erfahren, was ihm zur 'Rettung der Banken' alles noch bevorsteht.' Die Eurobonds werden sowieso kommen, die Eu wird ein Gesetz bringen, das die deutschen Sparer für alle Zeiten verpflichtet, die Schulden der anderen EU-Länder zu bezahlen. Steinbrück kündigt schon mal massive Steuererhöhungen an.
Progressor 03.05.2013
5. Na also
Die Erkenntniseinschläge kommen näher. Die Frage ist nur, wie lange es zu einem Konsens der Entscheider braucht und welche Maßnahmen wie schnell umgesetzt werden. Wir haben zwar schon einige Wendungen im Euroland erlebt, trotdem sind hier Zweifel angebracht. Ich empfehle eine Diskussion darüber, welches Wachstumsmodell die europäischen Volkswirtschaften künftig haben sollen. An diesem Punkt wird wohl die Einsichtsbereitschaft ein Ende haben ... erst mal.
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