Trump-Schock Was Europa von Amerikas Großen lernen kann

Nach dem Trump-Sieg droht auch Europa von einer Welle des Rechtspopulismus erfasst zu werden. Wir brauchen dringend einen politisch-ökonomischen Coup - als Vorbild könnte ein ehemaliger US-Präsident dienen.

Franklin D. Roosevelt (rechts) mit Gouverneur Al Smith 1924 in New York
imago/ UIG

Franklin D. Roosevelt (rechts) mit Gouverneur Al Smith 1924 in New York

Eine Kolumne von


Es ist wie in einem bitterbösen Remake. Erst gab es die große Globalisierung und goldene Jahre, dann folgten Crash, Vertrauenskrise und unbändige Wut im Volk. Bis irgendwann fast überall rechte Menschenfänger mit Hassparolen an die Macht strebten. So war das in den Zwanziger- und Dreißigerjahren nach der großen Finanzkrise. So scheint sich das Muster nach Party und Crash heute zu wiederholen - nur dass es seit Dienstag einen markanten Unterschied gibt: Anders als vor 80 Jahren trifft der böse Politschock diesmal offenbar auch die USA.

Was spätestens jetzt die Frage aufwirft, was die Amerikaner dereinst besser gemacht haben - und vor allem ihr damaliger Präsident Franklin D. Roosevelt. Das aufzuklären könnte verstehen helfen, was diesmal schief gelaufen ist. Und, wichtiger noch: was die Europäer daraus schleunigst zu lernen versuchen sollten - bevor das Desaster auch bei uns (wieder) seinen Lauf nimmt.

Womöglich bräuchte Europa besser heute als morgen einen so eindrucksvollen New Deal, wie ihn Roosevelt damals gegen Krisenfolgen, Wutbürger und Absturzängste einsetzte. Mit ein bisschen Stabilitätsmasochismus und Rentenkosmetik à la Schäuble, Nahles und Merkel dürfte der Aufstieg der Demagogen nur schwer noch zu stoppen sein.

Die Krise verhindert, nur die Ursachen nicht beseitigt

Auf den ersten Blick mag der Befund, dass Roosevelt als Vorbild taugt, befremdlich wirken. Immerhin ist Notenbankern und Finanzministern in den USA diesmal gelungen, woran Roosevelt damals scheiterte: nach dem Crash eine lange Zeit enorm hoher Arbeitslosigkeit zu verhindern. Ob via Niedrigzinsen oder enormer Konjunkturpakete. Tatsächlich blieb die Depression ja diesmal aus, und die registrierte Arbeitslosigkeit ist weit schneller gefallen als etwa in Europa (siehe auch Kolumne vom 14.10.).

Der Haken: All das hat zwar die kurzfristig drohende Eskalation der Krise verhindert, die tieferen Ursachen aber nicht beseitigt. Und die liegen nach aller Wahrscheinlichkeit eher in den dramatischen Folgen einer wilden Globalisierungszeit - ähnlich wie einst vor der Krise der Dreißigerjahre: in einem ähnlich dramatischen Reichtumsgefälle, in ähnlich verloren wirkenden Verlierern, ähnlichen subjektiven Abstiegsängsten, ähnlicher Wut auf die Eliten, ähnlich abgehobenen Banken und in der Krise ähnlich hilflos wirkenden Regierenden.

Tückischer Begleiteffekt: Dass die Notenbanker mit viel Geld den Kollaps verhinderten, hat das eine oder andere Absurdum noch verstärkt. Weil etwa jene Banken vom viel zitierten Steuerzahler gerettet wurden, die das Debakel maßgeblich produziert haben. Das erzeugt noch mehr Wut. Und weil die Rettungsaktionen über niedrigere Zinsen und steigende Kurse jenen nützen, die Aktien haben - und in der Regel nicht zur Kerngruppe der gesellschaftlichen Verlierer zählen.

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Roosevelt stützte und entschädigte die Verlierer

Genau hier liegt ein womöglich entscheidender Grund, warum die Amerikaner diesmal Trump bekommen (und etwa hälftig sogar unbedingt wollen) - und ein demokratischer Roosevelt in eigentlich viel desolaterer Wirtschaftslage und bei zeitweise 25 Prozent Arbeitslosigkeit damals drei Amtszeiten bleiben durfte.

Roosevelts Trick? Er war zwar der vergleichsweise schlechtere Konjunkturretter, ließ dafür aber in seinen drei New-Deal-Schüben kaum etwas aus, um die (wahren) Verlierer der Krise zu stützen und zu entschädigen - und ihnen Aussicht auf bessere Zeiten zu schaffen (oder zumindest die Hoffnung aufrecht zu halten).

  • Im ersten Deal wurden von 1933 an allein drei Millionen Arbeiter über zehn Jahre eingestellt, um Wälder aufzuforsten, Dämme zu bauen oder Straßen und Schienen zu reparieren. Da gab es Geld für Landwirte, die unter Preisverfall litten wie heute die Milchbauern. Und Geld für Lehrerstellen und Baujobs. Und für Elektrizitätswerke, damit das Land auch in abgelegenen Regionen Strom bekommt.
  • Im Jahr 1935 legte Roosevelt nach - mit ähnlichen Programmen, neuen Jobprojekten. Und mit der Einführung von Gesetzen zum Schutz von Arbeitern. Und mit neuen Sozialgesetzen.
  • Teil drei folgte ab 1937. Jetzt neu: ein Mindestlohn. Und nochmal Jobprogramme. Und nochmal soziale Sicherungen. Eine lange Liste.

Sprich: ein Programm, bei dem hierzulande Industrievertreter längst mit Verlagerung sämtlicher Produktionsanlagen auf den Mars drohen würden (China geht ja gerade nicht mehr so gut) - oder ohnehin schon mit Herzrhythmusstörungen in der Klinik lägen.

Das Dogma vom freien Markt und seine Folgen

Experten um den Wirtschaftshistoriker Barry Eichengreen haben vor Jahren bereits zu analysieren versucht, warum einige Länder in den Dreißigern in rechten Extremismus abdrifteten - und andere nicht. Ein Faktor sei gewesen, wie viel demokratische Erfahrung ein Land habe. Daran kann es bei den USA anno 2016 nicht scheitern. In Sachen Demokratie sitzen die Amerikaner im Altersvorstand. Wichtiger seien wirtschaftliche Faktoren.

In kaum einem anderen Land sind die Nebenwirkungen von drei Jahrzehnten Globalisierung so heftig zu spüren, die realen Einkommen der Mittelschicht seit einem Vierteljahrhundert so deutlich gefallen und die Unterschiede zwischen Superreichen und dem Rest so dramatisch gestiegen, wie just in den liberalen Topprobandenländern der Reagans und Thatchers, die 2016 via Brexit und Trump die größten Schocks fürs etablierte Politsystem erleben. Zufall? Kaum anderswo hat das Dogma vom freien Markt so viel Industrie implodieren lassen wie bei Briten und Amerikanern - nirgendwo war es so verpönt wie bei den Ultraliberalen, den Verlierern noch zu helfen.

Es spricht dennoch wenig dafür, dass der Trend vor den Kontinentaleuropäern deshalb haltmacht: Die Lage ist in Frankreich oder Italien ja nicht wirklich besser. Weshalb womöglich in Frankreich nächstes Frühjahr der nächste Schock droht - wenn die Rechte Marine Le Pen die Präsidentschaft anstrebt.

Wir brauchen einen europäischen New Deal

Rein wirtschaftlich hat Roosevelts Deal gar kein Paradies geschaffen. Bis die Nachwehen der Großen Depression überwunden waren, dauerte es noch Jahre. Dafür scheint der Präsident dereinst mit seinem Stakkato von Maßnahmen so glaubhaft vermittelt zu haben, dass er mit dem Irrsinn einer entglittenen Globalisierung und Finanzliberalisierung ein Ende machen will, dass das reichte, um die Leute nicht rechten Populisten zu übergeben. Und nach einer fatalen Krise wieder der Eindruck entstand, dass Politiker das Geschick unter Kontrolle haben.

Wenn das stimmt, ist es höchste Zeit, dass die Europäer jetzt einspringen - und einen ähnlich spektakulären New Deal entwerfen wie einst Roosevelt für die USA. Für die, die bislang auf der Strecke blieben. Und für einen richtig großen Investitionsschub. Sagt ja keiner, dass man beim Bessermachen nicht auch mal die Rollen tauschen kann.

Sonst könnten die nächsten Politschocks schon bald aus Frankreich und Italien kommen - und, wer weiß, vielleicht auch aus Deutschland. Die Zeit wird knapp.



insgesamt 91 Beiträge
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Seite 1
HansPa 11.11.2016
1. Wie?
Ein US Präsident als Vorbild? Haben Sie sich da nicht vertan? Ich meine... der kommt aus den USA! Da kommt doch nur schlechtes her. Sinneswandel? Der Anfang vom großen Kreidefressen?
westfalen7 11.11.2016
2. Was die Politiker hier in Europa nicht verstehen,
ist,daß die Menschen keinen Drang zur Globalisierung haben und das auch nicht anstreben.Viele wollen sich nicht in die Abhängigkeit der Digitalisierung begeben und schrecken davor zurück.Hinzu kommen noch andere Dinge wie Genderdiskussion und ähnl. Sie wollen es einfach nicht und werden sich bei Neuwahlen so verhalten,daß die von ihnen gewählten das Rad ein wenig! zurück drehen! Ich bin mir sicher,daß das geht und wir werden es bei den anstehenden Wahlen erleben.
held_der_arbeit! 11.11.2016
3. Ja, ja und ja
schon länger kann ich ihre Kolumnen nahezu uneingeschränkt unterschreiben. Der Faktor Emotion wird in der Politik schon viel zu lange sträflich unterschätzt. Was nützen gute Wirtschaftszahlen, wenn es den Menschen nicht spürbar besser (oder sogar schlechter) geht? Die Frage ist ob Technokraten wie Merkel oder Schäuble das verstehen. Beim Brexit oder der Türkei haben sie den Schuss ja auch nicht gehört
reverend.speaks 11.11.2016
4. Ganz einfach
Wählt die LINKEN, die fordern diesen New Deal schon sehr lange. Der jetzigen Regierung fehlt das Bewusstsein dafür.
opinio... 11.11.2016
5. Die Haltlosigkeit
Und Geldgier der Banken und ihrer Anlieger, die haben den Crash gemacht. Und die schlaffen Politiker haben keine wirklichen Verbesserungen durchgesetzt. Statt dessen werden schwarze Nullen zelebriert!
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