Handelskonflikt Europa kann Trump mit der Brexit-Taktik schlagen

US-Präsident Trump gibt sich im Handelsstreit mit der EU sehr siegessicher. Doch die Europäer haben allen Grund, selbstbewusst zu sein: Die Brexit-Verhandlungen zeigen, wie es auch Trump ergehen könnte.

Trump beim Nato-Gipfel in Brüssel (Juli 2018)
DPA

Trump beim Nato-Gipfel in Brüssel (Juli 2018)

Eine Analyse von


EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hatte noch nicht das Flugzeug nach Washington bestiegen, als US-Präsident Donald Trump schon die erste Runde der Gespräche einläutete. "Die EU kommt morgen nach Washington, um einen Handelsvertrag auszuhandeln", twitterte Trump. Er habe da einen Vorschlag: Sowohl die EU als auch die USA sollten einfach alle Zölle und Subventionen abschaffen. Aber natürlich würden die Europäer das nicht tun - womit er schon vorab die Schuld für ein Scheitern des Gesprächs bei Juncker abgeladen hat.

Dabei ist es Trump, der erst neue Strafzölle auf Stahl und Aluminium einführte und noch am Dienstag twitterte: "Zölle sind das Größte!" Der US-Präsident will auch die amerikanischen Landwirte nun mit milliardenschweren Subventionen vor den Folgen seines Handelsstreits mit China und der EU schützen. Zugleich droht er unverhohlen mit einer weiteren Eskalation: Entweder, ein Land schließe mit den USA "einen fairen Deal", oder es werde mit Zöllen bestraft. "So einfach ist das", schrieb Trump.

Für die EU ist die Lage damit ebenfalls einfach: Ihr bleibt kaum eine Alternative, als eine harte Linie zu fahren. Juncker muss in Washington eines deutlich machen: Wenn Trump zuschlägt, schlägt die EU mindestens ebenso hart zurück.

Für eine solche Strategie sprechen drei Argumente:

  • Die EU hat es mit einem US-Präsidenten zu tun, dessen Reden und Handeln sich immer weiter von der Realität entfernen und der seine Interessen rücksichtslos durchsetzen will. Ein "fairer Deal" ist aus Trumps Sicht alles, was seiner "America First"-Doktrin entspricht. Bei Verhandlungen zielt er nicht auf Ausgleich, sondern auf die Unterwerfung des Gegners. Zu denen gehört auch die EU, wie Trump neulich ausdrücklich betont hat - und einiges deutet darauf hin, dass er am Zerfall der EU größeres Interesse hat als an einem Deal mit ihr.
  • Der Versuch des Appeasements wäre deshalb keine gute Idee. Würde man Trump ohne Gegenleistungen Zugeständnisse machen, fühlte er sich in seiner Vorgehensweise bestärkt und unternähme vermutlich gleich den nächsten Erpressungsversuch.
  • Die Europäer haben guten Grund, selbstbewusst aufzutreten - dank der Brexit-Verhandlungen. Sie zeigen, dass die EU notfalls bereit ist, für langfristige Erfolge kurzfristige Verluste zu riskieren.

So wie Trump haben auch die Briten versucht, die EU zu spalten. Und wie Trump haben auch sie erhebliches wirtschaftliches Drohpotenzial. Zwar lagen die Warenexporte der EU ins Vereinigte Königreich mit knapp 290 Milliarden Euro im Jahr 2016 unterhalb der Ausfuhrmenge in die USA, die 363 Milliarden Euro entsprach. Dafür aber ist die EU viel enger mit Großbritannien über Lieferketten verbunden. Im Falle eines harten Brexits ohne Austrittsabkommen wären die wirtschaftlichen Folgen wesentlich größer, als es das reine Handelsvolumen ahnen lässt.

Dennoch ist die EU in den Verhandlungen bemerkenswert einig geblieben. Britische Brexit-Hardliner sprechen in dem Zusammenhang inzwischen von einer nationalen Demütigung, und das nicht ganz zu Unrecht. Ihre Hoffnung, die Wirtschaft - allen voran die deutsche Autoindustrie - werde Druck auf die EU-Regierungen ausüben und deren harte Linie aufweichen, hat sich zerschlagen. Der Grund ist simpel: Der Zusammenhalt des gemeinsamen EU-Binnenmarkts ist der Wirtschaft langfristig wesentlich wichtiger, als den Briten einen angenehmen Brexit zu ermöglichen. Dafür sind Industrie und Regierungen der EU-27 notfalls auch bereit, kurzfristige Verluste in Kauf zu nehmen.

Parallelen zwischen Brexit und US-Handelsstreit

Im Streit mit den USA verhält es sich ähnlich: Der regelbasierte globale Handel ist für die europäische und vor allem die exportlastige deutsche Wirtschaft auf lange Sicht wesentlich bedeutender als Zölle der USA. So entfielen nach Zahlen des Verbands der Automobilindustrie etwas mehr als elf Prozent der deutschen Autoexporte des vergangenen Jahres auf die USA. Ein paar Prozent weniger könnte die Industrie vermutlich verkraften. 2017 haben die deutschen Hersteller ohnehin schon zehn Prozent weniger Autos in die USA ausgeführt als 2016, ohne dass sie dadurch ins Schlingern geraten wären. Das aber könnte durchaus geschehen, sollte Trump mit seinem Versuch Erfolg haben, das gesamte globale Handelssystem zu ruinieren.

Die Brexit-Verhandlungen haben gezeigt, dass diese Sicht der Dinge in der EU konsensfähig und erfolgversprechend ist. In den USA kann dagegen von Konsens keine Rede sein. Die Subventionen für die Farmer etwa stoßen bei Trumps Republikanern auf heftige Kritik, von Planwirtschaft im Sowjetstil ist bereits die Rede. Mit seinen Autozöllen ist Trump laut US-Medienberichten selbst in seinem engsten Beraterkreis isoliert. In der EU kann man dagegen mit einer klaren Kante gegen Trump beim Wähler punkten. Das alles spricht dafür, dass der innenpolitische Druck auf Trump bei einer weiteren Eskalation schneller wachsen könnte als auf EU-Politiker.

Eine harte Linie birgt auch Risiken. Was, wenn Trump noch drastischere Maßnahmen als bisher ergreift? Doch die Erfahrungen der letzten Monate lassen vermuten, dass Trump die Sprache der Stärke am besten versteht. Das Bild vom Schulhofrüpel, der erst dann Ruhe gibt, wenn er selbst eins auf die Nase bekommen hat, mag schlicht wirken, zu schlicht für die Komplexität internationaler Handelsbeziehungen. Doch vieles spricht dafür, dass der Präsident der Vereinigten Staaten in solchen Kategorien denkt.



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Seite 1
theodtiger 25.07.2018
1. gute Analyse
Das ist eine gute Analyse des Autors.Man könnte noch hinzufügen, dass die Lebensdauer einer Vereinbarung mit Trump sehr kurz sein kann - vielleicht nur bis zum nächsten Tweet. Trump wird man wohl aussitzen müssen und dabei versuchen, zu großen Schaden für Europa und die Weltwirtschaft (einschl. Entwicklungsländer) und den Planeten insgesamt (Klimawandel) zu vermeiden.
Andre SZ 25.07.2018
2. Letztlich ein schwieriges Thema...
...bei dem ich mich persönlich leider zuwenig auskenne, als das ich dazu fachlich fundiert antworten könnte. Andererseits bin ich der Meinung, das wir alle alles tun müssen und sollen, damit es möglichst allen so gut wie möglich geht. Alte weisse Männer haben aus geschichtlicher Erfahrung raus dazu nahezu selten beigetragen. Irgendwie will ich meiner Tochter erklären wir alle haben uns möglichst lieb, und stoße dabei an die Grenzen der Konjunktive. Wir in unserer 3er Family wollen einfach Ruhe und Frieden. Ich vermute alle hier auch. Wieso geht sowas nicht ?
Deep Thought 25.07.2018
3. Einfuhr der EU ins UK war sicherlich mehr als nur 260 Mio EUR...
Zitat: ..... "Zwar lagen die Warenexporte der EU ins Vereinigte Königreich mit knapp 290 Millionen Euro im Jahr 2016 unterhalb der Ausfuhrmenge in die USA, die 363 Milliarden Euro entsprach. Dafür aber ist die EU viel enger mit Großbritannien über Lieferketten verbunden" ...... ich vermute , da hat sich der Autor um eine oder mehrere Dezimalstellen geirrt? Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion.
hareck 25.07.2018
4. "sollte Trump mit seinem Versuch Erfolg haben, das gesamte
globale Handelssystem zu ruinieren". Na, lieber Verfasser, derart dick aufzutragen wäre eigentlich nicht nötig gewesen. Das hat Trump keineswegs vor, er will nur für sich die besten Bedingungen, und dafür pokert er mit seiner Macht. Und er hat wahrscheinlich wie die EU auch verstanden, dass Zölle nicht nur Nachteile haben, sondern auch Staatseinnahmen generieren. Gerade die USA können nach den jüngsten Steuersenkungen gut andere Einnahmequellen gebrauchen. Ist also nicht nur alles schlimm. Dazu kommt noch, dass weniger Güter sinnlos über den Atlantik geschippert werden und weniger giftiges Schweröl verbraucht und verklappt wird. Da gibt es Auswüchse in der Art, dass Aluminiumerz von Amerika nach Island verschifft, dort verhüttet und wieder an den Absender zurückgesandt wird. Muss eigentlich nicht sein...
Epsola 25.07.2018
5.
Es ist richtig das Einigkeit der EU mit die stärkste Waffe gegen ist. Aber warum nicht einen Schritt weiter denken? All diejenigen die von Trump in Sachen Handel belästigt werden sollten sich zusammentun. Was wäre denn wenn Kanada, Mexiko, die EU, Japan und China sich zusammentun und mit einer Stimme sprechen und als Einheit handeln? Zölle gegen einen werden in diesem Handelverteidigungsbündnis durch alle beantwortet. Ich denke das würde noch viel mehr Eindruck machen und abschreckend wirken.
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