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Eurovisionen

Wahlkampf Europas Liberale fordern Teilnahme an deutschen TV-Duellen

Liberaler Verhofstadt: "Zuschauern eine echte europäische Debatte zutrauen" Zur Großansicht
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Liberaler Verhofstadt: "Zuschauern eine echte europäische Debatte zutrauen"

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Kein Interesse am Europawahlkampf? Von wegen. Kaum kündigten ARD und ZDF TV-Duelle zwischen den Spitzenkandidaten Schulz und Juncker an, pocht nun auch der liberale Spitzenkandidat Guy Verhofstadt auf Teilnahme.

Das ZDF sendet am 8. Mai live aus Berlin ein "Europa-Duell" zwischen Jean-Claude Juncker und Martin Schulz. Die ARD veranstaltet am 20. Mai eine "Wahlarena", wo ebenfalls nur der Christdemokrat aus Luxemburg und der Sozialdemokrat aus Deutschland von ausgewählten Bürgern befragt werden.

Der Belgier Verhofstadt beklagte sich nun in Briefen an das ZDF und den innerhalb der ARD für das Format zuständige WDR, dass die Sender ihn von den Fernseh-Duellen ausschlössen. "Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie Ihren Zuschauern statt eines Duells eine echte europäische Debatte zutrauen würden", schrieb Verhofstadt an die Verantwortlichen, der Brief ans ZDF war direkt an Chefredakteur Peter Frey gerichtet. In den Schreiben erklärte Verhofstadt sich auch bereit, erstmals auf Deutsch im Fernsehen aufzutreten.

Ohne Erfolg. Der WDR verwies in seiner Antwort darauf, dass "ein solches Format nicht funktioniert, wenn mehr als zwei Kandidaten mit dem Publikum diskutieren". Wenn man ihn, Verhofstadt, einladen würde, "müssten wir auch die Spitzenkandidaten der Grünen und der Linken sowie möglicherweise weiterer Parteienfamilien berücksichtigen", heißt es in der Antwort.

Verhofstadt widersprach. Die Argumentation sei "nicht stichhaltig", schrieb der Liberale dem WDR. "Der Präsident der EU-Kommission stammt stets aus einer der in der Kommission vertretenen Parteienfamilien. Das sind derzeit genau drei: Konservative, Liberale und - an dritter Position - Sozialisten." Daher sei die "logische Zahl" für die Wahlkampfsendungen "drei".

"Die öffentliche Meinung in Deutschland prägt die Europapolitik", sagte Verhofstadt SPIEGEL ONLINE. "Wenn ARD und ZDF in ihrem wichtigsten Format zur Information der Öffentlichkeit vor der Wahl Europa auf zwei Köpfe reduziert, machen sie es sich viel zu leicht". Auch wenn es in Deutschland derzeit anders aussehe, seien die Liberalen in Europa die dritte Kraft. "Es wäre verrückt, wenn das ausgerechnet für das Publikum der deutschen Fernsehdebatten ausgeblendet würde."

Das alles erinnert sehr an frühere Bundestagswahlkämpfe. 2002 ließ sich der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle zum "Kanzlerkandidaten" küren und wollte sich deshalb in das TV-Duell zwischen dem damaligen Kanzler Gerhard Schröder und seinem Herausforderer von der Union, Edmund Stoiber, einklagen.

Es ist ein gutes Zeichen, dass die europäischen Parteien und ihre Vertreter mittlerweile ähnlich erbittert um Medienpräsenz rangeln wie in nationalen Wahlkämpfen. Im SPIEGEL führten wir vergangene Woche das erste Streitgespräch zwischen Juncker und Schulz. Es dauerte ein wenig, bis sich die Kandidaten warmgelaufen hatten, aber dann ging es durchaus zur Sache.

Schulz bezeichnete Juncker als Mann der Exekutive und sich selbst als Vertreter der Bürgerinnen und Bürger. Juncker konterte, er setze auf Konsens, während Schulz die Provokation mehr liege. Schulz bezeichnete die Griechenland-Rettung als unsozial und machte Juncker dafür mitverantwortlich. Juncker spielte den Ball zurück und erzählte Interna aus den Euro-Gruppen-Sitzungen, wo gerade sozialdemokratische Finanzminister einen ziemlich harten Kurs gegen Griechenland gefahren hätten. Er werde, so Juncker, Herrn Schulz nicht das Monopol der Sozialpolitik überlassen. Ergebnis nach dem erstem Spieltag: Unentschieden.

Die schlechte Nachricht lautet, dass sich die meisten Bürger bislang kaum für dieses Europawahl interessieren. Jede Personalisierung kann daher nur nützen, dabei sind auch andere Duell-Paarungen denkbar als Juncker-Schulz. Die Medien müssen eben nicht nach Proporz entscheiden, sondern auch danach, wie man komplizierte Materie den Lesern und Zuschauern schmackhaft machen kann.

So wäre ein Duell Schulz-Verhofstadt im deutschen Fernsehen durchaus reizvoll, auch weil die politischen Unterschiede zu Verhofstadt größer sind als die zwischen Juncker und Schulz. Außerdem kündigte der Flame Verhofstadt in seinen Briefen an WDR und ZDF an, er sei bereit, ab sofort auch Interviews auf Deutsch zu führen. Verhofstadt könnte aber auch versuchen, in seinem Heimatland Belgien eine Debatte mit Juncker zu organisieren, seine Landsleute interessieren sich nämlich bislang noch weniger für die Europawahl als in Deutschland.

Das größte Desinteresse aber zeigen gegenwärtig noch die Franzosen. Bislang ist dort kein einziges TV-Duell geplant. Es müsste nicht Juncker gegen Schulz heißen, auch wenn die beiden fließend Französisch sprechen. Spannender wäre es, Schulz träfe auf die in den Umfragen derzeit stärkste französische Kandidatin Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National.

Dass es danach auch wieder unentschieden heißt, ist unwahrscheinlich.

18 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
Stäffelesrutscher 19.03.2014
gustavsche 19.03.2014
thelma&louise 19.03.2014
tubelayer53 19.03.2014
hobbyleser 19.03.2014
joachim_m. 19.03.2014
ssdctm 19.03.2014
Shiftenz 19.03.2014
Bad_Species 19.03.2014
hruprecht 19.03.2014
ElLobito01 19.03.2014
südtirol11 20.03.2014
stf_9888 20.03.2014
an european 20.03.2014
kriki_muc 20.03.2014
_j_o_e_ 20.03.2014
Andreas1979 20.03.2014
gustavsche 20.03.2014

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    Diesen Entwicklungen sollen die Eurovisionen begegnen: Geschichten über europäische Solidarität und positive Veränderungen in der Krise. Kritische Analysen der EU bleiben dabei die Regel. Doch es geht auch um Pläne, die sich nicht in Euro und Cent messen lassen - und dennoch gute Investitionen in die Zukunft von Deutschland und Europa sind.

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