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Krisendebatte in Davos: "Die USA sind zurück, Europa noch nicht"

Aus Davos berichten und

Das Weltwirtschaftsforum feiert die Rückkehr des Wachstums. Doch viele Südeuropäer spüren davon nichts. Den Ländern mangelt es nicht nur an Jobs, sondern auch an Innovationen. Der ehemalige Bundesbankchef Axel Weber warnt vor zu viel Optimismus.

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DPA

Ex-Bundesbankchef Weber: Alles wieder gut in Europa?

In Davos herrscht mal wieder das Aufschwung-Feeling. Während sich die versammelte Elite in den vergangenen Jahren den Champagner mit allerlei Krisen-Smalltalk verderben lassen musste, sprüht das Weltwirtschaftsforum dieser Tage wieder vor Optimismus.

Es klingt auch alles zu gut. Pünktlich zum jährlichen Gipfeltreffen im Schweizer Alpenort haben die großen Wirtschaftsorganisationen erfreuliche Neuigkeiten verkündet. Sowohl der Internationale Währungsfonds als auch die Weltbank sind für die kommenden Monate überraschend optimistisch gestimmt: Die Wirtschaft in den USA werde wieder kräftig wachsen - und auch Europa soll seine Krise endlich hinter sich lassen.

Das passt zu den Meldungen, die zuletzt aus den einstigen Krisenländern kamen: Irland und Portugal verlassen den europäischen Rettungsschirm, Griechenland erwartet für 2014 wieder ein Wirtschaftswachstum, und Spanien kann sich an den Finanzmärkten so billig Geld leihen wie seit Jahren nicht mehr. Also alles wieder gut in Europa?

"Die Stimmung ist gut", sagt Axel Weber, wenn man ihn auf die Atmosphäre in Davos anspricht - "zu gut". Der ehemalige Bundesbankpräsident und heutige Verwaltungsratschef der Schweizer Bank UBS glaubt nicht, dass Europa schon zurück ist, im Gegensatz zu vielen Teilnehmern hier in Davos. "Die USA sind zurück", sagt Weber. "Europa noch nicht."

Seine Skepsis belegt Weber gerne mit ein paar Zahlen. Ob Wirtschaftsleistung, Arbeitsmarkt oder die Aktienmärkte - außer in Deutschland habe noch kein Land in der Euro-Zone wieder das Vorkrisenniveau erreicht. "Es gibt eine bessere Stimmung an den Finanzmärkten, aber in der realen Welt sieht es teilweise ganz anders aus", mahnt Weber. In Italien etwa liege das Bruttoinlandsprodukt auf dem Niveau von vor zehn Jahren. "Die Menschen dort fühlen sich nicht reicher, die fühlen sich ärmer als vor der Krise."

Die Zukunft der Wirtschaft wird in den USA entworfen

Tatsächlich hat sich für die Bevölkerung in den meisten Krisenländern kaum etwas verbessert. In Spanien und Griechenland liegt die Arbeitslosigkeit noch immer bei mehr als 25 Prozent, in Italien sind es mehr als 12 Prozent. Und in allen drei Ländern sind es vor allem die Jungen, die keine Jobs finden. "Wir drohen eine ganze Generation zu verlieren", sagt ein südeuropäischer Top-Manager. "Wenn sich die Wirtschaftsdaten stabilisieren, klingt das gut für uns als Unternehmen oder für die ausländischen Geldgeber wie Deutschland. Aber für die vielen Arbeitslosen ändert sich gar nichts."

Was aber fehlt Europa, um wirklich aus der Krise zu kommen? Mario Moretti Polegato findet: Leute wie er selbst. Mitte der neunziger Jahre gründete der Italiener ein Unternehmen, um seine Idee von Schuhen mit einer atmungsaktiven Sohle zu vermarkten. Heute gibt es die Marke Geox auch in deutschen Läden zu kaufen, Polegato beschäftigt knapp 3000 Menschen und macht einen Jahresumsatz von 800 Millionen Euro.

Zum Gespräch in Davos erscheint der Manager im Samtanzug mit eingebautem Belüftungssystem - ein neues Produkt aus dem eigenen Haus. "In wenigen Jahren habe ich eine globale Marke geschaffen", sagt Polegato stolz. Was er kann, könnten auch viele Landsleute - wenn sie nur wie er ihre Ideen patentieren ließen. "Stattdessen mussten sie feststellen, dass US-Firmen wie Starbucks oder Pizza-Hut mit italienischen Ideen Tausende von Läden aufgemacht haben."

Tatsächlich sind Europäer fast immer in der Minderheit, wenn auf den Podien von Davos über neue Trends und Produkte gesprochen wird. Stattdessen scheint die Zukunft der Wirtschaft weiterhin vor allem in den USA entworfen zu werden - sei es in Form digitaler Gimmicks oder in Europa umstrittener Fördertechniken für Öl- und Gas, die viele in Davos als neue Antreiber für die US-Wirtschaft feiern.

Die Euro-Staaten in Südeuropa dagegen sind immer noch viel zu beschäftigt mit dem Umsetzen von Spar- und Reformplänen, als dass sie groß über Zukunftsmodelle für ihre Wirtschaft nachdenken könnten. "Man kann den Europäern vieles vorwerfen, aber nicht dass sie besonders schnell sind", spottet OECD-Chef Angel Gurría. Er hat dann aber doch noch einen schmeichelhaften Vergleich parat: Auch der Blick auf berühmte europäische Kirchen werde oft jahrelang durch Gerüste und Planen verdeckt. Irgendwann würden sie dann aber in umso größerer Schönheit wieder auftauchen.

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insgesamt 82 Beiträge
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1. Toll
LorenzSTR 24.01.2014
Die "leistungstragenden" "Eliten" in Davos philosophieren mal wieder über das Wirtschaftswachstum, welches in keinster Weise Sinn macht, außer dass sich die Taschen der oberen 10.000 durch virtuelle Wetten und Blasengeschäfte noch mehr füllen. Reife Leistung. Wer hat eigentlich behauptet, dass die sog. Krise irgendwie beendet ist? Das System ist die Krise. Und ist diesen Damen und Herren wirklich nicht klar, weshalb die US-Wirtschaft den Planeten fest im Griff hat? Die EU ist ja nicht einmal willens, der Steuerflucht, der seltsamen Rechtsauslegung und der Wirtschaftsspionage durch US-Konzerne einen deutlichen Riegel vorzuschieben - und die Übernahme von Nokia aus den europäischen IT-Restbeständen durch Microsoft wurde natürlich auch ohne irgendwelche Vorbehalte genehmigt.
2. Kein Zweifel...
wolla2 24.01.2014
... dass die Wirtschaft für ein paar Auserwählte bereits wieder/noch gut läuft. Das war ja der Zweck der ganzen Übung. Irgend jemand bezahlt ja das billige Geld, das an den Börsen für eine immense Nachfrage gesorgt hat, ohne dass die Vermögenswerte der Unternehmen angestiegen wären.
3. Klares Zeichen von Wirtschaftsspionage!
addit 24.01.2014
...oder nicht?: "Stattdessen mussten sie feststellen, dass US-Firmen wie Starbucks oder Pizza-Hut mit italienischen Ideen Tausende von Läden aufgemacht haben."
4. Aha
unsgehtsgut 24.01.2014
Mit was sind die USA zurück? Mit Innovationen? Mit Wirtschaftskraft? Mit Trends? Einem Land, welches Wirtschaftsspionage ohne Ende betreibt fehlen wohl eher die eignen Innovationen. Die einzige Innovation, die die USA haben, ist die Welt mit Kriegen zu überziehen. Wenn Amerika den Krieg nicht industrialisiert hätte, wäre das Land schon längt ruiniert und pleite. "Die USA sind zurück". Da muss ich schon laut lachen.
5. Keine Rede mehr davon,
Berner See 24.01.2014
dass die Gier und Inkompetenz us-amerikanischer Banker, Ratingagenturen und Politiker die ganze Krise ausgelöst haben? Mit einem Freihandelsabkommen sind wir dann zukünftig "noch näher dran".
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