Armut und soziale Ausgrenzung Wie die Krise Europa gespalten hat

Die Armut in Europa ist auf Vorkrisenniveau gesunken. Doch hinter der guten Nachricht verbirgt sich ein besorgniserregender Befund: In einigen EU-Staaten hat sich die soziale Lage drastisch verschlechtert.


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Vor wenigen Tagen meldete die europäische Statistikbehörde Eurostat, dass 2015 etwa 119 Millionen Personen oder 23,7 Prozent der Bevölkerung in der Europäischen Union von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht waren. Damit habe die EU das Niveau von 2008, also von vor der Wirtschaftskrise, wieder erreicht. Doch stimmt das? Ist tatsächlich beinahe jeder vierte EU Bürger arm? Ist das Vorkrisen-Niveau tatsächlich wieder erreicht, und wenn ja, wie sieht es in den einzelnen Staaten aus? Die Infografik der Woche von Statista und SPIEGEL ONLINE liefert die Antworten.

Als von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht gilt gemäß EU-Definition eine Person, die sich in mindestens einer der folgenden drei Situationen befindet:

  • Sie ist nach Zahlung von Sozialleistungen von Armut bedroht (Einkommensarmut),
  • sie lebt in einem Haushalt mit sehr niedriger Erwerbstätigkeit oder
  • sie leidet unter "erheblicher materieller Deprivation".

Doch diese Definition steht in der Kritik. So werden bei diesem Ansatz beispielsweise Personen als arm erfasst, die von Mieteinnahmen leben oder die zwar ein im bundesweiten Vergleich eher niedriges Einkommen beziehen, aber in einer Region mit niedrigen Lebenshaltungskosten wohnen.

Für unsere Betrachtung soll deshalb ausschließlich die "erhebliche materielle Deprivation" herangezogen werden. Darunter verstehen die Statistiker deutlich eingeschränkte Lebensbedingungen aufgrund mangelnder Mittel. Das heißt, es fehlt schlicht das Geld für mindestens vier der folgenden neun grundlegenden Dinge:

  • Miete
  • Heizung
  • unerwartete Ausgaben
  • mindestens jeden zweiten Tag eine angemessene Mahlzeit
  • mindestens eine Woche Urlaub im Jahr außerhalb der eigenen vier Wände
  • Auto
  • Waschmaschine
  • Farbfernseher oder
  • Telefon

2015 traf dies EU-weit auf mehr als 40,3 Millionen Menschen zu. Das ist in etwa jeder Zwölfte - oder 8,1 Prozent. Und tatsächlich sank dieser Anteil im Vergleich zu 2014 deutlich und befindet sich mittlerweile, wie die Grafik zeigt, wieder auf Vorkrisen-Niveau.

Doch nicht alle EU-Staaten haben davon gleichmäßig profitiert. Im Gegenteil: Die EU ist in Sachen Armutsentwicklung stark gespalten: In Deutschland lag der Anteil der Einwohner, die von erheblicher materieller Deprivation betroffen sind, 2015 bei rund 4,4 Prozent, nach 5,5 Prozent im Jahr 2008. Italien, 2008 noch besser als der EU-Durchschnitt, verschlechterte sich im gleichen Zeitraum von 7,5 Prozent auf 11,5 Prozent. Noch härter traf es die Bevölkerung von Zypern (von 9,1 Prozent auf 15,4 Prozent) und Griechenland (von 11,2 Prozent auf 22,2 Prozent).

Griechenland liegt, was den Anteil der sozial abgehängten Bürger betrifft, mittlerweile auf Rang drei in Europa. Nur in Rumänien (22,7 Prozent) und Bulgarien (34,2 Prozent) ist der entsprechende Bevölkerungsanteil noch höher. Beide Staaten verbesserten sich in dieser Statistik jedoch zuletzt deutlich. Rumänien verzeichnete gar die stärkste Verbesserung aller EU-Staaten. Hier sank der Anteil von 32,7 Prozent auf 22,7 Prozent. Auch Polen verbesserte sich stark, von 17,7 Prozent im Jahr 2008 auf den EU-Schnitt von 8,1 Prozent im Jahr 2015.

Der Anteil der EU-Bürger, die von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen sind, ist also in der Tat rückläufig und mittlerweile wieder auf Vorkrisen-Niveau. Allerdings gibt es erhebliche regionale Unterschiede. Grob betrachtet sind es vor allem Länder aus Osteuropa, die in den vergangenen sieben Jahren große Fortschritte gemacht haben, während sich insbesondere in den kriselnden Staaten Südeuropas die Lage verschlechtert hat.


Mehr Infografiken der Woche finden Sie auf der Themenseite.

agr/pst

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