EZB-Anleihenkauf Die große Geldflut

Die Erwartungen waren gewaltig, und Mario Draghi hat sie noch übertroffen. Mit 1,1 Billionen Euro will der Chef der Europäischen Zentralbank die Wirtschaft der Eurozone beleben. Ein riskantes Manöver.

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Hamburg - Die Rettung der europäischen Wirtschaft ließ kurz auf sich warten. Sieben Minuten kam Mario Draghi zu spät zur Pressekonferenz, höchst ungewöhnlich für den Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), der seine allmonatliche Fragestunde von Finanzjournalisten stets pünktlich auf die Minute zu beginnen pflegt.

Verschwörungstheoretikern jedoch ließ der Herr des Geldes keinen Raum. "Deuten Sie nicht zu viel in diese Verspätung hinein", sagte er, süffisant lächelnd. "Die Aufzüge haben nicht funktioniert."

Die Nervosität vor der Sitzung war dennoch groß. Immerhin wurde nicht weniger als eine historische Entscheidung erwartet. Eine neue Geldspritze von gigantischem Ausmaß sollte kommen.

Die Erwartungen der Experten sollten sogar noch übertroffen werden.

Im Notenbanksprech klang das so: Man werde ein "erweitertes Anleihenkaufprogramm" starten, das neben dem bereits laufenden Ankauf von Unternehmensanleihen nun bald auch Schuldscheine europäischer Staaten umfassen werde, sagte Draghi.

Man kann das Programm auch bei seinem umgangssprachlichen Namen nennen: Bazooka. Das große Geschütz der Geldpolitik.

Mit dieser Bazooka hofft Draghi der Deflationsgefahr im Euroraum vorbeugen zu können. Die Verbraucherpreise hatten sich zuletzt bedenklich entwickelt. Im Dezember waren sie erstmals seit 2009 leicht gesunken. Vieles deute darauf hin, dass die Preise auch in den kommenden Monaten stagnieren dürften, sagte Draghi. Eine "machtvolle" Reaktion der EZB sei deshalb geboten.

Was die Anleihenkäufe der EZB genau bewirken sollen, erklärt Ihnen folgender Comic:

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Erklär-Comic: Warum die EZB massenhaft Staatsanleihen kauft
Dass die Bazooka kommt, war klar. Unklar war nur, wie die EZB ihr Programm genau ausgestaltet. Experten fragten sich vor allem:

  • Wie viel Geld würde Draghi unters Volk bringen?
  • Würde er die Haftung der einzelnen Länder begrenzen? Also zum Beispiel verhindern, dass deutsche Steuerzahler Milliarden verlieren, falls Griechenland irgendwann doch einmal pleitegeht?
  • Würde er Griechenland womöglich ganz von seinem Programm ausschließen, weil das Risiko einfach zu groß ist?

Nun also gibt es Antworten auf diese Fragen.

1. Volumen

Die EZB will von Anfang März 2015 bis mindestens Ende September 2016 jeden Monat Anleihen im Wert von 60 Milliarden Euro kaufen, rund 80 Prozent davon sind Staatsanleihen. Das Gesamtvolumen des Programms beträgt damit zunächst gut 1,1 Billionen Euro, rund 920 Milliarden Euro davon sind Staatsanleihen.

Kritiker werfen Draghi vor, er verschieße gerade leichtfertig sein letztes Pulver. Doch das stimmt so nicht.

Der Nachrichtenagentur dpa zufolge sind derzeit staatliche Schuldscheine im Gesamtwert von rund 6,5 Billionen Euro im Umlauf, die die EZB im Rahmen ihres Anleihenprogramms kaufen könnte. Draghi sagte, die EZB würde notfalls bis zu ein Drittel der Staatsanleihen eines jeden Eurolandes aufkaufen.

Das wären rein rechnerisch Papiere im Wert von mehr als zwei Billionen Euro - gut doppelt so viel, wie das derzeitige Anleihenprogramm vorsieht. Ob die EZB im Ernstfall tatsächlich Staatsanleihen in dieser Höhe kaufen würde, hängt noch von anderen Faktoren ab. Klar ist aber, dass sie noch deutlich mehr kaufen könnte. Und so deutete Draghi denn auch an, er könne das Programm notfalls über den September 2016 hinaus verlängern.

Kommentar zu EZB-Anleihekäufen
2. Haftung

Die Haftung der einzelnen Länder für das Anleihenkaufprogramm der Notenbank ist zumindest auf dem Papier stark begrenzt. So sollen die nationalen Notenbanken vor allem Staatsanleihen ihres jeweiligen Landes kaufen. Nur für 20 Prozent der Anleihen werde die gemeinsame Risikohaftung der Eurostaaten gelten, sagte Draghi.

Experten sind allerdings skeptisch, ob sich die eingeschränkte Risikohaftung tatsächlich gelten würde, falls doch einmal der Ernstfall eintritt und ein Staat pleiteginge. "Die gegenseitige Haftung ist vertraglich festgelegt", sagt Unicredit-Chefvolkswirt Erik Nielsen. Hoffnungen im Zweifelsfall nicht für die Verluste anderer nationaler Notenbanken geradestehen zu müssen, seien eine Illusion.

3. Griechenland

Das Sorgenkind der Eurozone ist vom Anleihenprogramm der EZB zunächst einmal ausgeschlossen. Denn die Staaten müssen zwei Kriterien erfüllen, damit die EZB ihre Anleihen kauft.

  • Die EZB darf nicht mehr als 33 Prozent der Anleihen eines Staates kaufen.
  • Die Bewertung für die Kreditwürdigkeit eines Staates, das sogenannte Rating, darf ein bestimmtes Niveau nicht unterschreiten. Falls das Rating zu schlecht ist, muss der betroffene Staat durch ein Rettungsprogramm vor der Pleite geschützt sein.

Derzeit erfüllt Griechenland das erste Kriterium nicht. Die EZB und die nationalen Notenbanken haben im Rahmen zahlreicher anderer Rettungsprogramme schon mehr als 33 Prozent der griechischen Staatsanleihen aufgekauft.

Ändern könnte sich das im Juli. Dann laufen laut Draghi zahlreiche dieser Anleihen aus, so dass die EZB neue nachkaufen könnte. Allerdings drohen die Griechen dann das zweite EZB-Kriterium nicht mehr zu erfüllen. Die Ratings für griechische Staatsanleihen liegen deutlich unter dem Mindestniveau der EZB, und das Rettungsprogramm für Griechenland läuft voraussichtlich im Februar aus.

Ohne neue externe Unterstützung wird es eng für Griechenland. Diese aber dürfte es nur geben, wenn die Hellenen nach der Parlamentswahl an diesem Sonntag noch eine reformwillige Regierung haben.

Kann Draghi die Deflationsgefahr in der Eurozone bannen?

Die EZB ist nicht die erste Notenbank, die mit dem Kauf von Staatsanleihen versucht, Wirtschaft und Verbraucherpreise anzukurbeln. Die Erfahrungen anderer Zentralbanken sind höchst gegensätzlich: Ein Anleihenprogramm in Japan etwa verpuffte. In den USA und in Großbritannien dagegen stieg das Wirtschaftswachstum nach Anleihenkäufen der Notenbank deutlich an. Fragt sich nur, wie stark das an den Eingriffen der Notenbanken lag.

Experten zufolge können Anleihenkäufe nur dann etwas bewirken, wenn sie von einer passenden Wirtschaftspolitik im jeweiligen Währungsraum flankiert werden. In den USA etwa waren das höhere Staatsausgaben, in Japan hingegen fehlte es an Strukturreformen.

Auch Draghi forderte diesen Politikmix am Donnerstag ein. Die EZB könne nur das "Fundament" für Wachstum schaffen, sagte er. Damit die Wirtschaft aber tatsächlich anspringt, brauche es höhere staatliche Investitionen in jenen Euroländern, die es sich leisten könnten, also vor allem in Deutschland. Und mutige Reformen im Rest der Eurozone. "Ohne Reformen kein Vertrauen und ohne Vertrauen keine Investitionen", sagte Draghi.

Doch ausgerechnet solche Reformen könnte Draghi mit seinem neuen Programm erschweren. Denn die Anleihenkäufe der EZB dürften die Zinskosten auch für jene Staaten senken, die sich schon in der Vergangenheit viel zu sehr aufs Schuldenmachen verlassen haben - wie etwa Italien. Das erhöht den Anreiz, sich auch in Zukunft mit geliehenem Geld durchzuwursteln statt echte Reformen anzugehen.

Die Zentralbank hat zudem wenig Kontrolle, ob die künstlich gedrückten Zinsen tatsächlich zu mehr Investitionen und dadurch zu Wachstum und Arbeitsplätzen führen. Ebensogut kann es sein, dass Investoren ihr Geld in allerlei spekulative Anlageformen stecken, von überbewerteten Aktien über zweitklassige Immobilien bis hin zu Kunstwerken zweifelhafter Qualität. Wenn sich in diesen Märkten Preisblasen bilden, die irgendwann platzen, könnte ein neuer Wirtschaftseinbruch die Folge sein. Die EZB hätte dann mit ihrer Krisenbekämpfung die nächste Krise ausgelöst.

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insgesamt 219 Beiträge
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Seite 1
auf_dem_Holzweg? 22.01.2015
1. hat er doch längst bewiesen wie schief er liegt
wie sehr er bein zocken versagt wie wenig seine Entschlüsse wirken so hat er heute das Ende des Euros beschlossen. Herzlichen Göückwunsch, in ein paar Jahren geht es ja dann wieder aufärts!
gldek 22.01.2015
2. Jetzt geht's lohos, jetzt geht's lohos ...
Wenn die Druckerpresse raucht ist das Ende nah. Mal ehrlich: Ich bin froh wenn der Euro endlich Geschichte ist. Das Thema geht schon rein nachrichtentechnisch auf die Nerven.
insert Randomname here 22.01.2015
3. Verschwörung
Elisha Graves Otis US-Amerikaner erfand die Sicherheitsfangvorrichtung für Aufzüge. Wer weiss, wer weiss. Ob es die richtige Entscheidung war, werden wir ja sehen. Dann kann ich wenigstens "ich habs euch ja gesagt"sagen. Abwarten, Tee trinken, der Drops ist gelutscht.
gewgaw 22.01.2015
4.
"Hoffnungen im Zweifelsfall nicht für die Verluste anderer nationaler Notenbanken geradestehen zu müssen, seien eine Illusion." Wäre der Euro eingeführt worden, wenn dies allen europäischen, insbesondere den deutschen Steuerzahlern, klar gewesen wäre? Dem armen Michel wurde stets suggeriert, dass jeder Staat für sich selbst gerade steht. Horror Picture Show, was hier veranstaltet wird.
prologo1, 22.01.2015
5. Deutschland haftet für Drahgis Husarenstück mit 27,9 %!
Und da muss man nicht ständig drum rum schreiben. Das ist so. Wenn die EZB auf gekauften Staatsanleihen sitzen bleibt, dessen Eurostaat pleite anmeldet, dann haftet die EZB dafür, und damit wir anteilmäßig. Hier der Link vom Deutschen Handelsblatt heute, und das ist eine anerkannte Fachzeitschrift: http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/geldpolitik/ezb-anleihekaeufe-muss-deutschland-fuer-noch-mehr-schulden-haften/7106218-4.html Daran hat sich nichts geändert, egal welche Lügen - Fantastereien hier von den Eurofanatikern verbreitet werden. Und die deutsche Regierung ist dagegen wehrlos. Das haben sie selbst so gemacht. Und damit müssen wir, die Bürger dann einstehen.
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