Immobilien und Staatsschulden Was droht, wenn die Zinsen wieder auf fünf Prozent steigen

Die Europäische Zentralbank will weg von der Politik des billigen Geldes. Aber wie weit darf sie gehen? Eine neue Studie warnt vor Einschnitten bei den Staatsausgaben und vor Mehrkosten für Hausbauer.

Baustelle in Hamburg
DPA

Baustelle in Hamburg

Von


Viele Deutsche sind genervt: Die Wirtschaft floriert, die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie nie - doch die Europäische Zentralbank (EZB) will partout den Sparern nicht das gönnen, was sie so gerne hätten: Zinsen auf Erspartes.

Seit Jahren ist die Geldpolitik der Zentralbank ultralax: Der Leitzins liegt mittlerweile bei null, zudem kauft die EZB jeden Monat Anleihen auf - insgesamt schon etwa zwei Billionen Euro. Zuletzt hatte es Anzeichen für eine baldige Wende gegeben. Denn die Konjunktur ist stark - und damit zieht die Inflation wieder an.

Bald, so die Hoffnung, könnte deshalb auch die EZB die Zinsen wieder erhöhen. Damit die Inflation nicht zu sehr zunimmt. Die nächste Gelegenheit dazu hat die Bank bei der Ratssitzung an diesem Donnerstag. Dass es spätestens im nächsten Jahr wieder leicht aufwärts gehen könnte bei den Zinsen, glauben inzwischen viele Experten - aber wie weit eigentlich?

Wären hohe Zinsen überhaupt vorstellbar? Analysten des Flossbach von Storch Research Institutes haben ausgerechnet was passieren würde, wenn die Zinsen im Jahr 2025 wieder auf dem Niveau von 2008 wären. Also auf einem Niveau von etwa fünf Prozent, so wie vor der Finanzkrise.

Staaten könnten Schulden nicht mehr bedienen

Staaten wären von höheren Zinsen, so die Flossbach-Analysten, sofort und direkt betroffen. Denn in den Jahren nach der Finanzkrise haben viele Länder hohe Schulden angehäuft und zahlen sie nur äußerst langsam ab. Die Zinsausgaben als Anteil des Staatshaushalts befinden sich auf Tiefständen. In der Eurozone werden durchschnittlich gerade einmal neun Prozent der Staatseinnahmen aufgewendet, um Zinsen zu bedienen.

Höhere Zinsen hätten deshalb teure Folgen für viele Staaten, insbesondere die Euro-Südländer. Sie könnten ihre Schulden vermutlich kaum mehr finanzieren.

Das zeigt das Beispiel Italien: Dort liegt die Durchschnittsverzinsung der ausstehenden Staatsschulden bei drei Prozent, je nach Laufzeit der Anleihe variieren sie stark. Müsste sich Italien fortan zu einem Zins von durchschnittlich fünf Prozent finanzieren, könnte die Zinslast bereits in 2025 bei mehr als 100 Milliarden Euro liegen. Das wäre Im Vergleich zur heutigen Schuldenlast ein Anstieg von etwa 50 Prozent. Ein Horrorszenario, die Schuldenkrise im Euroraum wäre zurück.

Aber auch für ein vergleichsweise gering verschuldetes Land wie Deutschland könnten signifikant höhere Zinszahlungen schnell zum Problem werden. Ein Anstieg der Zinsen auf Bundesschulden auf vier Prozent würde Mehrausgaben von bis zu etwa 20 Milliarden Euro pro Jahr für den deutschen Haushalt bedeuten. Das entspricht etwa der Summe, die pro Jahr für das Außen-, das Innen- und das Landwirtschaftsministerium vorgesehen sind.

"Höhere Zinsen können nur dann gezahlt werden, wenn Verschuldung abgebaut wird, oder wenn Geld an anderer Stelle eingespart wird", schreiben die Autoren der Studie. Doch gibt der Staat weniger aus, kann das die Gesamtwirtschaft bisweilen dämpfen: Sinken etwa Zahlungen an Rentner oder Familien, konsumieren sie oft weniger.

Der Studie zufolge sind höhere Zinsen zumindest in Europa deshalb nicht mehr so einfach machbar. Dass die Zinsen noch einmal das Niveau aus der Zeit vor der Finanzkrise erreichen, könne man deshalb "abhaken", sagte jüngst Bert Flossbach, Mitgründer und Vorstand des Vermögenverwalters Flossbach von Storch, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Das ist vorbei."

Haushalte könnten Immobilienkredite nicht mehr bedienen

Auch die Immobilienmärkte könnten bei einem Zinsanstieg kollabieren. Auf Haus- und Wohnungsbesitzer kämen extreme Mehrkosten zu. Auch das zeigt eine Beispielrechnung: Ein Privathaushalt mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 3.314 Euro zahlt beim derzeitigen Zinsniveau für ein Immobiliendarlehen in Höhe von 400.000 monatlich eine Rate von 1.1667 Euro, was etwa 35 Prozent des Haushaltseinkommens entspricht.

Würden die Zinsen nun auf höhere Niveaus ansteigen, müsste der Haushalt plötzlich etwa 70 Prozent seines monatlichen Nettoeinkommens für Tilgungen aufwenden (siehe Grafik), "Das wäre für den Haushalt kaum tragbar, sodass er in diesem Fall überhaupt keinen Bankkredit erhalten dürfte", schreiben die Flossbach-Experten. Und so könnte es vielen Haushalten ergehen.

Die Folge: Hauspreise müssten fallen, damit der Haushalt exakt die gleiche Monatsrate stemmen könnte. Steigt der Kreditzins für den Haushalt also von 1,5 auf fünf Prozent an, müsste der Kaufpreis um 40 Prozent fallen. Ein drastischer Einbruch der Immobilienmärkte.

Die Flossbach-Experten kommen in ihrer Analyse zum Schluss, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass die EZB bald die Zinsen spürbar anhebt. "Nicht nur die Staatshaushalte würden unter der Schuldenlast ächzen, auch Privathaushalte würden weniger konsumieren und Unternehmen ihre Investitionspläne zusammenstreichen", schreiben sie.

Ein Ausweg wäre nur in Sicht, wenn sich der wirtschaftliche Aufschwung fortsetzt. Höhere Wachstumsraten ließen die staatlichen Steuereinnahmen dann so stark steigen, wodurch die hohen Schulden womöglich auch bei steigenden Zinsen bedient werden könnten.



insgesamt 110 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
alaba27 24.04.2018
1. Oh Mann !
Ich hab' mal 5,50 % bezahlt (vor ziemlich genau 20 Jahren). Wie ging das bloß ??
Bundesbanker 24.04.2018
2. Das mag natürlich alles richtig sein,
aber sowohl Staaten, als auch private Häuslebauer mussten sich bei ihrer Verschuldung darüber im klaren sein, dass die Zinsen auch wieder steigen können und nicht auf ewig bei Null festgeschrieben sind. Nur mit Rücksicht auf deren Zahlungsfähigkeit das Zinsniveau auf längere Sicht niedrig zu halten, hieße, die Kreditnehmer für ihren Leichtsinn jetzt auch noch zu belohnen.
Helge Poppendiek 24.04.2018
3.
Welch ein Unfug. Die meisten Hausbesitzer haben Darlehen mit langfristiger Zinsbindung. Wenn sich jemand eine neue Immobilie anschafft und die Zinsen zu hoch sind, wird Druck auf den Anschaffungspreis ausgeübt. Den Immobilien-Spekulanten wird das Wasser abgegraben. Die Staaten sind auch nur bei der Neuverschuldung von höheren Zinsen betroffen. Und wie wäre es mit Einnahmenerhöhung statt neuer Schulden?
JungUndFrei 24.04.2018
4.
Das Problem mit dem vielen billigen Geld ist, das es nicht in den klassischen Wirtschaftskreislauf fließt sondern in Aktien und Immobilien. Deshalb steigt die Inflationsrate kaum an. Wenn es irgendwann zum Einbruch kommt verkaufen viele und die Inflation steigt sprunghaft an. Ein perfektes Rezept für eine große Krise. Da das aber Zukunftsmusik ist und die EZB mittlerweile nur noch Feuerwehr spielt, spielt die EZB das Spiel munter weiter.
acculeer 24.04.2018
5. was sind das den für Hypotheken?
"plötzlich etwa 70 Prozent seines monatlichen Nettoeinkommens für Tilgungen"?? weshalb "plötzlich? Hypotheken haben bekanntlich mehre Jahre Laufzeit. Da geht nichts "plötzlich". Wenn ich zur Zeit von Niedrigzinsen ne hypo aufnehme, achte ich auf möglichst lange Laufzeit (hätte seinerzeit für ca 1,5% eine mit fester Laufzeit über 8 Jahre aufnehmen können. Natürlich muß ein jeder sich bei Vertragsabschluss darüber im klaren sein, dass anschl. die Zinsen kräftig steigen. "Staaten könnten Schulden nicht mehr bedienen" Ja und? Dann sollen sie halt Konkurs anmelden, anstatt sich auf Kosten der sparsamen Bürger zu sanieren. Wer für sein Alter vorgesorgt hat, wird doch zur Zeit regelrecht bestraft. Das muß ein Ende haben. Und nein, wer für sein finanzielles Polster richtig gearbeitet hat, der tut sich verdammt schwer, irgendwelche griechischen Staatsanleihen mit "Traumrendite" zu kaufen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.