Steigender Mut zum Risiko Europas Banken plündern Zentralbank-Reserven

Jahrelang horteten Europas Banken Geld bei den Zentralbanken. Nun haben sie damit begonnen, die Reserven aufzulösen - ein Zeichen für neu gewonnene Zuversicht, aber auch für steigendes Risiko.

Pariser Bankenviertel La Défense: Auch Société Générale hat seine Reserven reduziert
REUTERS

Pariser Bankenviertel La Défense: Auch Société Générale hat seine Reserven reduziert

Von David Enrich, Wall Street Journal Deutschland


Die Zahlen sind eindeutig: Im Jahr 2010 hatten Europas größte Banken noch 585 Milliarden Euro bei den Zentralbanken geparkt. Im vergangenen September waren es laut Zahlen der Banken schon 1086 Milliarden. Und zum März sind die Bestände der zwölf größten Banken dann wieder um knapp ein Fünftel auf 880 Milliarden Euro zurückgegangen - das ist das niedrigste Niveau seit fast zwei Jahren.

Manche Banker und Investoren sehen kritisch, dass die Branche auf diese Art ihre in der Krise aufgebauten Sicherheiten abbaut. Sie wittern Gefahren für Europas Banken- und Finanzsystem.

Die Geldreserven waren einerseits eine Antwort auf die Anforderungen der Regulierer. Diese schreiben den Banken vor, mehr Liquidität aufzubauen, um sich während einer Finanzkrise zu schützen. Andererseits spiegelten sie aber auch die gestiegene Risikoaversion wider, die die Kreditinstitute während der Krise erfasst hatte. Große Summen bei Zentralbanken zu parken, ist das risikoärmste, was Banken mit ihrem Geld machen können.

Dieser Artikel ist im Wall Street Journal Deutschland erschienen.
Jetzt haben die Institute Geld von den Konten der Zentralbanken geholt, wo es meist keine Zinsen gibt. Es ist ein Zeichen dafür, dass Europas Finanzsystem aus der Krise kommt und die Aktionäre höhere Profite verlangen. Die Banken legen wieder mehr Geld in etwas riskantere Anlageklassen an, wie etwa Staatsanleihen oder auch Bankanleihen.

"Die Zuversicht kommt wieder"

"Es gibt einen Trend, aus den Konten der Zentralbanken herauszugehen. Es gibt eine Suche nach Rendite", sagt Alessandro Roccati, Senior-Vizepräsident bei der Rating-Agentur Moody's in London. Das könnte bedeuten, dass die Banken zu ihrer normalen Rolle als Finanziers der Wirtschaft zurückkehren.

Zehn der zwölf ausgewerteten Banken haben ihre Geldreserven seit dem Höchststand im vergangenen Jahr reduziert. Manche Chefs der Geldhäuser sagten zum "Wall Street Journal", sie seien selbst überrascht, wie schnell die Branche das Vermögen umschichtet.

Die französische Bank Société Générale hatte zum März etwa 53 Milliarden Euro bei Zentralbanken. Drei Monate vorher waren es noch 68 Milliarden Euro, im September 81 Milliarden. Vor zwei Jahren lagen die Reserven noch bei 24 Milliarden Euro. "Wir werden weniger brauchen, weil die Zuversicht wiederkommt", sagte der Chef der Bank, Frederic Oudea, kürzlich in einem Interview.

Ein Teil der Abzüge geht darauf zurück, dass die Banken Notkredite zurückzahlen, die sie Ende 2011 und Anfang 2012 von der Europäischen Zentralbank aufgenommen hatten. Viele hatten diese Kredite bei der EZB und anderen Zentralbanken geparkt, statt es an Unternehmen zu verleihen. Jetzt benutzen manche Geldhäuser das Geld, um die EZB-Kredite zurückzuzahlen.

Andere Banken sagen, sie suchten einfach nach Möglichkeiten, mehr Rendite mit ihrem Geld zu erzielen. Die Londoner Barclays etwa setzt auf als sicher bewertete und liquide Regierungsanleihen, sagte eine mit der Strategie der Bank vertraute Person. Barclays hatte im März 83 Milliarden Euro bei den Zentralbanken geparkt, 45 Prozent weniger als ein Jahr vorher.

Andere Banken nutzen das Geld, um gedeckte Schuldverschreibungen von anderen Instituten zu kaufen, sagten die Chefs zum "Wall Street Journal". Diese sind mit Hypotheken und anderen Vermögenswerten abgesichert. Sie sind für viele europäische Geldinstitute im vergangenen Jahr in Mode gekommen.

Originalartikel auf Wall Street Journal Deutschland



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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
frenjes 28.05.2013
1. Ist doch klar
Zitat von sysopREUTERSJahrelang horteten Europas Banken Geld bei den Zentralbanken. Nun haben sie damit begonnen, die Reserven aufzulösen - ein Zeichen für neu gewonnene Zuversicht, aber auch für steigendes Risiko. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/europas-banken-pluendern-zentralbank-reserven-a-902336.html
Geht etwas schief wird alternativlos gerettet, funktioniert die Zockerei gibts nen saftigen Bonus. Wenn man nur Gewinnen kann warum sollte man sich dann zurückhalten? Konsequenzen für die Zocker gibt es keine. Da kann man ruhig mal die Reserven plündern.
economic-fool 28.05.2013
2. Nicht jede verzinsliche Anlage bedeutet Risiko
Zitat von sysopREUTERSJahrelang horteten Europas Banken Geld bei den Zentralbanken. Nun haben sie damit begonnen, die Reserven aufzulösen - ein Zeichen für neu gewonnene Zuversicht, aber auch für steigendes Risiko. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/europas-banken-pluendern-zentralbank-reserven-a-902336.html
Wenn die Banken ihre niedrigst- bis unverzinslichen Anlagen bei der EZB reduzieren, ist das nicht gleichbedeutend mit dem Eingehen von Risiken. Aber wenn man's gleichsetzt, hat man als Journalist natürlich eine Schlagzeile ... Nervtötend ist auch, dass auf den Rückgang seit letztem Jahr abgehoben wird, obwohl die Einlagen ("minus ein Fünftel") noch immer knapp 300 Mrd. Euro höher waren als 2010 (fast plus 50%"). Wenn Journalisten kurzfristiges Denken und Handeln kritisieren und Nachhaltigkeit fordern, dann sollten sie selbst keine Nachrichten auf kurzfristigen Zahlen aufbauen: Es ist paradox, wenn permanent die Veränderung des DAX zum Vortag vermeldet wird, obwohl von denselben Medien Hochfrequenzhandel kritisiert wird.
RenegadeOtis 28.05.2013
3.
Zitat von frenjesGeht etwas schief wird alternativlos gerettet, funktioniert die Zockerei gibts nen saftigen Bonus. Wenn man nur Gewinnen kann warum sollte man sich dann zurückhalten? Konsequenzen für die Zocker gibt es keine. Da kann man ruhig mal die Reserven plündern.
Reserven plündern? Wenn ich mein Sparbuch auflösen würde (und selbst wenn ich es mit den Krediten bei der gleichen Bank befüllt hätte!) würde ich es mir sehr verbitten, als "Reservenplünderer" bezeichnet zu werden.
rogerthetaxpayer 28.05.2013
4. Wohl
Eher Angst vor NIRP. Kommt ja bekanntlich nach ZIRP....
stak74 28.05.2013
5.
RenegadeOtis.: Ihr Sparbuch ist genau jenes- IHR Sparbuch. Da ist ein Unterschied zwischen geliehenem Geld, wo die Bank Ihr Geldwert abzgl Basel III Richtlinien nimmt und anderen Personen (Firmen oder Personen) verleiht. Aber ich gebe Ihnen recht- Frenjes Ausführung war recht irreführend. Ausser Bashing konnte ich nichts rauslesen.
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