Europas Zockerbremse Finanz-Lobbyisten rüsten zum Gegenschlag

Hedgefonds-Bremse, Finanzsteuer, Verbot von Leerverkäufen: Europas Anti-Zocker-Kreuzzug erzürnt die Finanzprofis. Die ersten Firmen drohen mit dem Exodus aus Europa - und Lobbyisten klopfen das Regelwerk systematisch nach Schwächen ab, um einzelne Beschränkungen noch zu kippen.

Börsenhändler in Frankfurt: Anti-Zocker-Plan mit gravierenden Mängeln
ddp

Börsenhändler in Frankfurt: Anti-Zocker-Plan mit gravierenden Mängeln

Von und , London


Am Tag nach Europas Anti-Zocker-Rundumschlag formierten sich Londons Finanzprofis zum Gegenangriff. Manche begegneten dem neu verfassten Regelwerk mit Geringschätzung - andere versuchten, mit Schreckensszenarien gegen die geplanten Beschränkungen Stimmung zu machen.

"Wir sind sehr enttäuscht von den Brüsseler Vorschlägen", sagt Andrew Shrimpton, Partner bei der führenden Londoner Hedgefondsberatung Kinetic Partners. Sollten die Regeln tatsächlich umgesetzt werden, würde die Branche massiv schrumpfen.

Gleich mehrere Hiobsbotschaften für die Geldindustrie waren am Dienstag verkündet worden:

  • Die deutsche Bankenaufsicht BaFin verbot bis auf weiteres ungedeckte Leerverkäufe von Staatsanleihen der Euro-Länder - und von ungedeckten Credit Default Swaps (CDS), also Kreditausfallversicherungen ohne reale Grundlage.
  • Die schwarz-gelbe Koalition will eine europaweite Finanzsteuer durchsetzen.
  • Und die EU-Finanzminister stimmten wie der Wirtschaftsausschuss des Europaparlaments für eine schärfere Regulierung von Hedgefonds und Private-Equity-Firmen. Über die Bedenken der britischen Regierung setzten sie sich dabei hinweg.

Vor allem die geplante Hedgefonds-Bremse provoziert in Europas Finanzmekka London Kritik. Man ist verstimmt, weil 80 Prozent der europäischen Hedgefonds in Großbritannien sitzen - und verweist darauf, dass es sich die Deutschen auch verbitten würden, dass Brüssel ihre Autoindustrie schrumpft."

Auch das Verbot ungedeckter Leerverkäufe stieß auf Missbilligung: Es sei ein unüberlegter Reflex der Bundesregierung, sagt Manoj Ladwa von der Internet-Trading-Plattform ETX Capital. "Angela Merkel gießt nur Öl ins Feuer. Die Sorge um den Euro wird noch angeheizt."

"Die Schweiz wartet"

Die Finanzprofis drohten Europa mit möglichen Konsequenzen: Die Hälfte der Hedgefonds in Großbritannien seien Ableger von US-Firmen, sagt Shrimpton. "Es ist wirklich eine angloamerikanische Industrie". Die US-Manager würden sich nun überlegen, ob das Londoner Büro den Preis noch wert sei.

Auch Ladwa behauptet, die Finanzplätze in Frankfurt und London seien gefährdet, wenn die EU zu einseitig reguliere. "Die Schweiz wartet mit offenen Armen", sagt er. Die Gefahr sei real, er kenne Leute, die bereits ihren Unternehmenssitz verlegt hätten.

Die Drohung ist altbekannt. Sie gehört zum Standardrepertoire der Händler und Fondsmanager und ertönt immer dann, wenn höhere Steuern oder schärfere Regelwerke diskutiert werden. Das letzte Mal drohten Londons Finanzprofis im Dezember 2009 mit dem großen Exodus - nachdem Gordon Browns Regierung beschloss, eine 50-Prozent-Sondersteuer auf die Bonus-Pools der Banken zu erheben.

Passiert ist seinerzeit wenig. Die meisten blieben.

Das dürfte daran liegen, dass andere Kriterien bei der Standortentscheidung viel wichtiger sind. Einer Umfrage der Büroimmobilien-Firma Cushman and Wakefield zufolge nennen Fondsmanager die Nähe zu internationalen Flughäfen, die lokale Business-Infrastruktur und Zugang zu gut ausgebildeten Fachkräften als Top-Prioritäten. In all diesen Punkten schlägt die globale Finanzmetropole London Städte wie Genf um Längen.

Zwar eröffnen einige Institute Standorte in der Schweiz und anderen Ländern, doch viele verfahren so wie der Hedgefonds Blue Crest Capital: Der hat kürzlich eine Filiale mit 50 Mitarbeitern in Genf eröffnet, die Zentrale jedoch bleibt mit 300 Mitarbeitern in London.

Lobbyisten suchen nach Schwächen

Zu einem Umzug dürfte es auch diesmal allenfalls in geringem Umfang kommen - dafür zu einem umso heftigeren Schlagabtausch zwischen Finanzlobbyisten und der EU. Die beiden Entwürfe des Europaparlaments und des EU-Finanzministerrats zur Regulierung der Hedgefonds sind noch nicht das letzte Wort - in den kommenden Wochen werden die Londoner versuchen, so viele Beschränkungen wie möglich noch zu kippen.

Vor allem der Entwurf des Europaparlaments, der deutlich schärfer ist als der des Ministerrats, erntet Kritik. Man merke, dass bei den Finanzministern die Profis am Werk gewesen seien, während die Europaparlamentarier weniger von der Materie verstünden, finden Londoner Finanzinsider.

Beide Entwürfe enthielten Vorschläge, die "nicht umsetzbar" seien, sagt Andrew Baker, Chef der Alternative Investment Management Association (AIMA). Dazu zählt etwa die Idee eines EU-Fonds-Passes. Der unterwirft außereuropäische Fondsmanager strikten EU-Regeln, weist die Kontrolle dieser Vorschriften aber ausländischen Aufsichtsbehörden wie etwa der amerikanischen SEC zu. Da diese sich voraussichtlich weigern würden, nach EU-Recht zu arbeiten, würden US-Fonds vom europäischen Markt ausgeschlossen, so die Bedenken des Lobbyverbandes.

Auch die Begrenzung der Investments, die europäische Fondsmanager künftig tätigen dürfen, schmeckt der Branche gar nicht. Das drücke die Gewinne und gehe letztlich zu Lasten der europäischen Anleger, warnt die AIMA.

Beide Passagen hofft die AIMA in den anstehenden Verhandlungen zwischen EU-Rat, Kommission und Europaparlament noch kippen zu können. Sie setzt darauf, dass die Mitgliedsstaaten sich gegenüber dem Parlament durchsetzen. Der Entwurf des Parlaments sei "unverhältnismäßig bis hin zu bestrafend", er sehe eine Sonderbehandlung der Hedgefonds und Private-Equity-Firmen innerhalb des Finanzsektors vor. Der Vorschlag der Finanzminister hingegen sei "sehr viel realistischer".

Experten sehen eklatante Webfehler

Tatsächlich kritisieren nicht nur Lobbyisten die neu aufgelegten Finanzregeln - sondern auch unabhängige Experten. "Der Schritt hin zu einer Regulierung der Hedgefonds ist zwar sinnvoll", sagte Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim. Entscheidender Webfehler des Regelwerks sei aber, dass die Hedgefonds-Manager ihre Anlagestrategie offenlegen müssten. "Das ist, als würde man Coca Cola zwingen sein Geheimrezept zu veröffentlichen". Innovationen würden auf diese Weise regelrecht abgewürgt.

Thomas Heidorn von der Frankfurter School of Finance and Management zweifelt sogar die ganze Stoßrichtung des Regelwerks an. Tatsächlich wisse niemand, wie viele ungedeckte Leerverkäufe bei den Kreditausfallversicherungen auf Euro-Staatsanleihen (CDS) überhaupt abgeschlossen worden seien, sagte er. Nach bislang vorliegenden Daten waren es jedenfalls nicht auffällig viele.

Der für Finanzdienstleistungen zuständige EU-Kommissar hält das beschlossene Regelwerk sogar für potentiell gefährlich. "Das Thema ist extrem komplex", sagte Michel Barnier dem "Handelsblatt". Politische Fehler könnten äußerst ernste Konsequenzen haben.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 185 Beiträge
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Seite 1
_meinemeinung 19.05.2010
1. Prima
Ende einer Heuschreckenplage....
LaraBerlin, 19.05.2010
2. Ich kann es nicht fassen
endlich passiert mal was Vernünftiges! Den Zockern das Handwerk legen, wird der Volkswirtschaft Nutzen bringen, auch wenn Spekulanten sich jetzt beschweren.
misterhp 19.05.2010
3. Nau und....
Volkswirtschaftlich sind solche Kriegsfonds sowieso nicht notwendig. Es ging auch vorher ohne.
Justin Case 19.05.2010
4. ...
Die Finanzprofis sind erzürnt. Also alles richtig gemacht. UNd jetzt noch europaweit eiheitlich strikte Regeln. Deutschland kann auch ruhig noch weitergehen. Jedes % BIP dass von Hedgefonds oder Investmentbanken aufgeblasen ist, kann mir gestohlen bleiben.Werden halt ein paar Geldgeier arbeitlos oder ziehen in die USA ab. Besser gehts doch gar nicht.
realredfox, 19.05.2010
5. Wär doch gut wenn die abhauen.
Dann wüsste man nämlich wer genau eigentlich für den größten Schaden verantwortlich ist und den Hals immer noch net voll bekommt. Auf diese Firmen/Personen könnte sich dann die Strafverfolgung konzentrieren. *träum*
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