Defizit-Bericht 2014 Europa rechnet seine Schulden schön

Die EU-Kommission freut sich - endlich machen die Mitgliedstaaten so wenig neue Schulden wie vereinbart. Doch der Schein trügt.

Printemps-Kaufhaus in Paris: Fast sechs von zehn Euro gibt inzwischen der Staat aus
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Printemps-Kaufhaus in Paris: Fast sechs von zehn Euro gibt inzwischen der Staat aus

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Auf den ersten Blick scheint die Sache klar: Europa ist auf einem guten Weg - und erholt sich vom Doppelschock aus Finanz- und anschließender Eurokrise. Die 28 Staaten der EU machten 2014 im Schnitt 2,9 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung an neuen Schulden. Das geht aus den am Dienstag veröffentlichten Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat hervor.

Damit blieb die EU zum ersten Mal seit 2008 als Ganzes unter der Schwelle von drei Prozent - jener sogenannten Maastricht-Defizitgrenze, auf die sich die Mitgliedstaaten geeinigt haben. Noch 2011 häufte die EU Defizite von durchschnittlich 4,5 Prozent der Wirtschaftsleistung an. Und im weltweiten Vergleich nahm die Neuverschuldung Europas seit 2010 geradezu besorgniserregende Ausmaße an.

Gerade für die Eurozone sehen die aktuellen Zahlen besonders gut aus. Die Mitglieder drückten 2014 ihre Neuverschuldung auf durchschnittlich 2,4 Prozent der Wirtschaftsleistung, gemeinsam blieben sie bereits im zweiten Jahr in Folge unter der Maastricht-Grenze. Selbst die Krisenstaaten Südeuropas nähern sich nach Jahren teils exorbitanter Neuverschuldung deutlich der Marke von drei Prozent an oder treffen sie wie Italien exakt:

(Mit Klick auf die Staaten in der Legende können Sie deren Daten ein- oder ausblenden.)

Auffällig ist, wie stark Griechenland sein Defizit drücken konnte: Von 12,3 auf 3,5 Prozent - zwar immer noch über der Maastricht-Grenze, aber durchaus im Plan. Das Land muss die Drei-Prozent-Regel seitens der EU-Kommission erst 2016 einhalten.

Wie hat Griechenland das geschafft? Aufschluss gibt eine Übersicht über die Entwicklung der Staatsquoten - also des Anteils der Staatsausgaben an der gesamtem Wirtschaftsleistung. Statt 60,1 Prozent wie im Jahr 2013 gab der griechische Staat nur noch 49,3 Prozent der Wirtschaftsleistung aus - in absoluten Zahlen war das ein Rückgang von 109,6 auf 88,4 Milliarden Euro.

Diese Sparleistung scheint beeindruckend - und könnte damit die aktuelle Zuspitzung der griechischen Schuldenkrise erklären: Wer könnte es den Griechen verdenken, dass sie in diesem Januar eine konservative Regierung abwählten, die im vergangenen Jahr die Ausgaben um fast 20 Prozent gekappt hat? Zum Vergleich: Deutschland müsste dafür rund 250 Milliarden Euro einsparen.

Doch der Schein trügt: In Wirklichkeit ist der enorme Rückgang der griechischen Staatsausgaben auf einen Einmaleffekt zurückzuführen, wie die detaillierten Zahlen des griechischen Statistikamts zeigen. Im Jahr 2013 musste die Regierung in Athen die maroden Banken des Landes retten. Die Institute waren ausgerechnet durch den Schuldenschnitt für Griechenland seitens privater Gläubiger im Jahr zuvor in Schieflage geraten. 2013 benötigten sie eine Kapitalspritze von rund 20 Milliarden Euro - Ausgaben, die 2014 nicht noch einmal anfielen.

Bei den anderen Haushaltsposten Griechenlands kann jedoch zumindest im Vergleich zum Jahr 2013 von Sparen keine Rede mehr sein, anders als in den Jahren zuvor, als krass gekürzt wurde. Für Sozialleistungen gab Athen 2014 18,8 statt zuvor 18,5 Prozent der Wirtschaftsleistung aus.

Ein guter Teil der gesunkenen Defizite geht also auf einmalige Effekte zurück. Und es sind eben immer noch Defizite - das heißt, die ohnehin hohen Staatsschulden steigen weiter, sie wachsen nur etwas langsamer als zuvor.

Auffällig: Jene Länder, die mit ihrem Geld nicht auskommen, haben oft auch einen steigenden Anteil des Staates an der gesamten Wirtschaftsleistung. In Frankreich etwa entfallen inzwischen 57,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf den Staat, der 2014 neue Schulden in Höhe von vier Prozent der Wirtschaftsleistung machte.

Auch Großbritannien, das wegen seines Wirtschaftswachstums derzeit eigentlich als Boom-Staat gilt, lebt schlicht über seine Verhältnisse. 5,7 Prozent betrug das Staatsdefizit im vergangenen Jahr. Inzwischen steht das Vereinigte Königreich mit fast 90 Prozent seiner Wirtschaftsleistung in der Kreide, eine mehr als doppelt so hohe Quote wie noch 2007.

Und Deutschland? Die Bundesrepublik scheint eine der wenigen rühmlichen Ausnahmen zu sein: Statt eines Staatsdefizits erwirtschaftete sie einen Überschuss von 0,7 Prozent, und die Staatsquote sinkt, weil die Ausgaben langsamer wachsen als die Wirtschaft.

Doch auch dies ist in Wirklichkeit kein Grund zum Jubeln: Die meisten Ökonomen sind sich einig, dass ausgerechnet Deutschland mehr Geld für Investitionen in die Hand nehmen sollte, um Europas Wirtschaft anzukurbeln.



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insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
chrutchfield 21.04.2015
1. Ob es wohl jemanden gibt, ...
... der an diesen Schuldenabbau glaubt ? Da wird so lange getrickst und manipuliert, bis das Ergebnis das gewünsche Aussehen hat. Die Leidtragenden werden die nächsten Generationen sein. Dann sind die Namen der heutigen 'Grössen' (das sind die Schuldenmacher -incl. Merkel-) längst vergessen, aber die Folgen derer Schuldenorgien bleiben. Arme Jugend, aber eure Elterngeneration wollte das nicht anders.
shodanpc 21.04.2015
2.
Schwein gehabt. :) Ich dachte schon es liegt daran das nun Waffenhandel, Schmuggel und Schattenwirtschaft mit ins BiP gerechnet werden darf, was das Wirtschaftswachstum natürlich ungemein stärkt und den Schuldenquotienten geringer aussehen lässt.
rainer_unsinn 21.04.2015
3.
Europa hat nicht seine Schulden schöngerechnet, sondern über dramatisiert. Das heißt das Defizit der Griechen ist gar nicht so hoch. Lächerliche 3.5 % dieses Jahr Tendenz gleichbleibend? Und dafür dieser ganze Hass, das Gezeter und die Prügel die auf Gr. niedergegangen sind. Nur weil das Land mit einer Einmalzahlung seine Banken gerettet hat? Und oh mein Gott sie haben nach der Sparorgie einen Haushaltsposten um 0.3 erhöht. Das ist mindestens das Ende des Abendlandes. Sorry Herr Diekmann aber ich kann ihnen und ihren Kollege nicht mehr folgen.
Katharina Merowing 21.04.2015
4. Schulden machen, um Schulden zu begleichen
Dass die Schuldenquote künstlich erreicht worden ist schönt nicht, dass neue Schulden durch die EZB gemacht werden. Es werden Schulden aufgekauft in der Hoffnung den Wert dieser Staatsanleihen zu verringern damit die tatsächlichen Schulden durch die Abwertung des Euro ebenfalls fallen. Dass dieses Verfahren zu keiner Ankurbelung der südlichen Konjunkturen führen wird hat man doch eindrucksvoll mit Griechenland und Portugal bewiesen. Japan ist ausserhalb der EU ebenfalls ein Negativ-Beispiel. Stimmts oder habe ich etwas Entscheidenes übersehen? Danke
gewgaw 21.04.2015
5.
Europa rechnet sich seine Schulden schön. Naja, vielleicht helfen uns ja die vielen Flüchtlinge, die SPON tagaus tagein als "ganz toll" propagiert?!
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