"Verlorenes Jahrzehnt" Europas ökonomisches Harakiri

Steigende Schulden und eine immer stärkere Abwertung der Währung: Der Eurozone droht dasselbe Schicksal wie der einstigen Wirtschaftssupermacht Japan. Wenn im europäischen Währungsraum nicht sogar alles noch schlimmer kommt.

Börsenkurse in Tokio (Archivbild): Zweieinhalb Jahrzehnte Abstieg
AP/dpa

Börsenkurse in Tokio (Archivbild): Zweieinhalb Jahrzehnte Abstieg

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Die Warnungen klingen dramatisch, und doch verniedlichen sie das wahre Ausmaß der Probleme. Der Eurozone drohe ein "verlorenes Jahrzehnt", wie es Japan durchlitten hat, warnten in den vergangenen Wochen US-Finanzminister Jacob Lew und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. "Japanische Verhältnisse" sieht auch Helmut Posch, Chef der Continentale-Versicherung, heraufziehen, wenn es weiterläuft wie bisher.

Kein Zweifel: Das Japan-Szenario rückt näher. Gerade mussten sich Europas Versicherer einem Stresstest unterziehen, bei dem unterstellt wurde, dass die Zinssätze auf lange Sicht bei Null verharren. Viele Institute sahen dabei nicht gut aus. Die Besitzer von Lebensversicherungspolicen müssen sich auf reale Nullrenditen einstellen.

Tatsächlich lässt sich in Japan beobachten, was passieren wird, wenn Europa seine Dauerkrise weiter verschleppt. Es geht dabei längst nicht nur um eine einzige magere Dekade: Die einstige asiatische Wirtschaftssupermacht liegt bereits seit einem Vierteljahrhundert darnieder, geplagt von Stagnation und Deflation. Und ein Ende des Siechtums ist nicht in Sicht.

Vor genau zwei Jahren trat Premier Shinzo Abe an, die Malaise zu kurieren. Mit beispiellosen staatlichen Geldinfusionen hat er versucht, die Wirtschaft aufzupäppeln. Von echter Dynamik ist allerdings nichts zu sehen. Am kommenden Sonntag will sich Abe in vorgezogenen Wahlen ein Mandat für noch weitergehende Maßnahmen beim Volk holen. Doch die Chancen, dass seine Strategie am Ende substanzielle Erfolge zeitigt, stehen nicht sonderlich gut. Das Beispiel Japan enthält drei Warnungen für Europa.

1. Drohende demografische Krise

Eine Finanzkrise kann nahtlos in eine demografische Krise übergehen. In den späten Achtzigerjahren erlebte Japan Blasen an Börsen und Immobilienmärkten. Nachdem diese geplatzt waren, stiegen die Schulden - und erdrosselten jede wirtschaftliche Dynamik. Banken und Regierungen schoben den Schuldenberg lange vor sich her, statt sich beherzt daranzumachen, die Schulden abzuschreiben - und, wenn nötig, Unternehmen und Banken pleitegehen zu lassen.

In Japan dauerte es von 1990 bis 2005, bis die Schulden der Unternehmen auf halbwegs erträgliche Niveaus gesunken waren, wie der Internationale Währungsfonds vorgerechnet hat. Doch da nützten die hart erarbeiteten finanziellen Spielräume nicht mehr viel: Japan ging nahtlos von der Finanzkrise in den Zustand der Überalterung über. In ein Land mit einer schrumpfenden Bevölkerung allerdings lohnt es sich kaum noch zu investieren. Heute sitzen Japans Unternehmen auf Unmengen von Bargeld und investieren lieber im Ausland.

Das klingt verdächtig nach der Eurozone. Ein wirklicher Schuldenabbau hat bislang nicht stattgefunden, wie die Volkswirte der Commerzbank gerade ermittelt haben. Einzig in Spanien sind gewisse Fortschritte zu beobachten, während in Frankreich die Firmenschulden immer noch weiter steigen. Währenddessen verschlechtert sich laut Projektionen der Uno ab den Zwanzigerjahren des laufenden Jahrhunderts rapide die Alterszusammensetzung der Bevölkerung, vor allem in Deutschland und Italien.

2. Staatsschulden können unfassbare Höhen erreichen

Zweieinhalb Jahrzehnte Dauerkrise haben die Verbindlichkeiten der öffentlichen Haushalte Japans auf 230 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) anwachsen lassen. Kein anderes westliches Land ist so hoch verschuldet. Es ist das Erbe einer unbeirrt keynesianischen Wirtschaftspolitik: Seit den Neunzigerjahren hat ein Konjunkturprogramm nach dem anderen allerlei Infrastrukturprojekte finanziert, viele von zweifelhaftem Nutzen. Die Wirtschaft kam trotzdem nicht in Gang: In den Neunzigerjahren betrug das Wachstum im Schnitt ein Prozent pro Jahr, zwischen 2001 und 2014 sogar nur noch 0,8 Prozent.

Die Länder der Eurozone insgesamt haben inzwischen, sieben Jahre nach Beginn der Krise, eine Verschuldung von 108 Prozent des BIP aufgetürmt. Das ist ziemlich genau der Wert, den Japan 1997 auswies, sieben Jahre nach Beginn seiner Krise. Gespenstisch, oder?

Und ebenso wie Japan verfolgt auch die EU eine keynesianische Wirtschaftspolitik. Doch ob das 300-Milliarden-Investitionsprogramm, das EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zur Priorität erhoben hat, unter den Bedingungen hoher privater und öffentlicher Schuldenstände tatsächlich den erwarteten Schub bringt, ist höchst zweifelhaft.

3. Am Ende hilft nur noch Gelddrucken

Steigende Schulden verschlechtern die Bonität von Staaten. Längst hat Japan seinen AAA-Status als Top-Schuldner verloren. Dass das Land sich trotzdem zu Niedrigstzinsen Geld leihen kann, liegt vor allem daran, dass die Notenbank dem Finanzminister zur Seite gesprungen ist und in ganz großem Stil Staatsanleihen aufgekauft hat.

Schon heute besitzt die Bank of Japan ein Viertel der ausstehenden Staatsschulden Japans. Das heißt: Der Staat verschuldet sich bei sich selbst. Die Währung verliert deshalb immer mehr an Wert. Auch wenn die Inflationsraten noch niedrig sind, so ist der Wertverlust gegenüber anderen Währungen drastisch - seit Abes Amtsantritt ist der Yen gegenüber dem Euro um 50 Prozent abgewertet.

Nun schickt sich auch die Europäische Zentralbank an, ihre Bilanz mächtig aufzublähen - und wird wohl kommendes Jahr Anleihen der Euro-Staaten aufkaufen. Erklärtes Ziel: eine Abwertung der Währung.

Fazit

Die Parallelen zwischen Japan und der Eurozone sind bedrückend. Allerdings hat Europa den Vorteil der Offenheit: Japan ist eine vergleichsweise geschlossene Volkswirtschaft. Zuwanderung in großem Stil ist unerwünscht. Man bleibt lieber unter sich und altert vor sich hin. Die EU hingegen ist die größte Handelsmacht der Welt und ein vergleichsweise offener Raum, der nahezu so viele Zuwanderer anzieht wie die USA, wie die OECD vorige Woche berichtete. Das lässt hoffen. Womöglich sind die düsteren demographischen Prognosen noch nicht in Stein gemeißelt.

Solch luftige Zuversicht ist allerdings keine Entschuldigung für heutiges Nichtstun. Der rasche Abbau von privaten und öffentlichen Schulden - durch massenhafte Pleiten und Abschreibungen, weil Sparen allein nicht zum Ziel führt - muss absolute Priorität bekommen. Denn die Euro-Staaten werden in die Pleite trudeln, bevor Schuldenquoten von 230 Prozent des BIP erreicht sind. Einen hemmungslosen Aufkauf von Staatsanleihen à la Japan wird es bei uns wegen verfassungsrechtlicher und politischer Grenzen kaum geben können.

Japan ist auch nach zweieinhalb verlorenen Jahrzehnten immer noch ein ruhiges und stabiles Land. Allen Prognosen zufolge wird Premier Shinzo Abe kommenden Sonntag mit großer Mehrheit wiedergewählt. In Europa hingegen rumort es: In Spanien und Griechenland könnten neue linke Parteien die nächsten Wahlen gewinnen. In Frankreich hat die Rechtspopulistin Marine Le Pen Chancen, die nächste Staatspräsidentin zu werden (wichtigste Programmpunkte: raus aus dem Euro, Grenzen zu für Einwanderer). In Italien sind die wichtigsten Oppositionsparteien inzwischen gegen die Währungsunion.

Japanische Verhältnisse? Gemessen an dem politökonomischen Tsunami, der sich vor Europa auftürmt, klingt das fast wie eine Verheißung.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der kommenden Woche

MONTAG

Brüssel - Strafen für Frankreich? - Die Finanzminister der Eurogruppe beraten über die Haushaltspläne der Mitgliedstaaten. Vor allem von der Pariser Regierung werden Korrekturen gefordert.

Berlin - Probleme ohne Ende - Vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg wird über den Lärmschutz des Flughafens BER verhandelt.

DIENSTAG

Brüssel - Warten auf Wachstum - Die Finanzminister aller EU-Staaten beraten unter anderem darüber, wie man die Investitionen ankurbeln an.

Köln - Hurra, Deutschland! - Der Bundesparteitag der CDU beginnt mit großer Zufriedenheit über die Lage im Land.

MITTWOCH

Hannover - Reisebericht - Die TUI AG veröffentlicht ihren Jahresabschluss und blickt in die Zukunft.

DONNERSTAG

Frankfurt - Flüssige Mittel - Die EZB bietet den Banken langfristige Gelder an, sofern sie damit ihre Kreditvergabe an Unternehmen finanzieren (Targeted Longer-term Refinancing Operation, kurz: TLTRO).

Berlin - Frauenvorteil - Das Bundeskabinetts will die gesetzliche Frauenquote in Aufsichtsräten beschließen.

Berlin - Sichere Häfen - Die Länder-Ministerpräsidenten treffen die Kanzlerin und sprechen über die Flüchtlingspolitik.

Neu Delhi - Auf Partnersuche - Vom Westen geschnitten, sucht der russische Präsidenten Putin Anschluss, diesmal in Indien.

FREITAG

Berlin - Nach Wowi - Sitzung des Aufsichtsrats des Flughafens BER.

Frankfurt - Zähe Verhandlungen - Gespräche der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) mit der Bahn.

Hamburg - Teure Energie - Der Kupferproduzent Aurubis lädt zur Bilanzpressekonferenz in Zeiten von deutscher Energiewende und westöstlichem Ölpreiskampf.

SONNTAG

Tokio - Abenomics an der Urne - Unterhauswahl in Japan: Premier Shinzo Abe sucht Unterstützung für sein Wirtschaftsprogramm.

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Smarty- 07.12.2014
1. Der Witz des Tages...
"Und ebenso wie Japan verfolgt auch die EU eine keynesianische Wirtschaftspolitik." Das ist ja wohl mal grober Unfug. Alle EU Länder sparen sich gerade prozyklisch in die nächste Krise hinein. Junkers 315 Mrd. Programm ist das Papier nicht wert, auf dem es steht, denn es ist eine reine Luftnummer mit einem angenommenem Hebel von 6-7. "Wahre" 315 Mrd wären ein guter Versuch, aus der Nachfragekrise zu kommen.
G-Punkt 07.12.2014
2. Schwarzes Loch
Echt jetzt? Dann müsste Europa dringend die Bevölkerung anderer Staaten aufsaugen, um wirtschaftlich interessant zu bleiben. So wie ein Schwarzes Loch. Und was dann?
forsell 07.12.2014
3. Werter Herr Müller...
Zitat von Smarty-"Und ebenso wie Japan verfolgt auch die EU eine keynesianische Wirtschaftspolitik." Das ist ja wohl mal grober Unfug. Alle EU Länder sparen sich gerade prozyklisch in die nächste Krise hinein. Junkers 315 Mrd. Programm ist das Papier nicht wert, auf dem es steht, denn es ist eine reine Luftnummer mit einem angenommenem Hebel von 6-7. "Wahre" 315 Mrd wären ein guter Versuch, aus der Nachfragekrise zu kommen.
Das "Konjunkturprogramm" ist doch schon längst als Junkers PR-Gag bester Sorte enttarnt worden: "Wie viel Geld nimm die EU denn nun eigentlich bei ihrem „großen Investitionsprogramm“ in die Hand? Die Antwort ist ernüchternd – die EU nimmt keinen einzigen Cent in die Hand. Was die EU-Kommission vorgestellt hat ist bei näherer Betrachtung vielmehr ein Garantiefonds in Höhe von 21 Mrd. Euro. Davon stammen 16 Mrd. Euro aus anderen EU-Investitionsprogrammen (linke Tasche, rechte Tasche) aus dem laufenden Haushalt und die restlichen fünf Milliarden werden als Kredit über die Europäische Investmentbank EIB geschöpft. Diese fünf Milliarden sind also die einzige Komponente, die tatsächlich als zusätzliches Geld für Investitionen bereitgestellt wird – und das auch noch gestreckt über drei Jahre, also 1,7 Mrd. Euro pro Jahr. Wie kommt Jean Claude Juncker dann aber auf 315 Mrd. Euro? Ganz einfach. Die EU-Kommission will mit den 21 Mrd. Euro risikoreiche Kredite von privaten Unternehmen für Infrastrukturprojekte in Höhe von 60 Mrd. Euro absichern. Und nun hat die PR-Abteilung der EU-Kommission die vollkommen willkürliche – und komplett unrealistische – Rechnung aufgestellt, dass Investitionen in Höhe von 60 Mrd. Euro über Zweitrundeneffekte zu Investitionen in Höhe von „mindestens“ 315 Mrd. Euro führen sollen. Diese Zahl ist also durch nichts gedeckt, während die „Berechnung“ jeglicher empirischer Basis widerspricht. Mit der gleichen „Logik“ hätte die EU-Kommission auch die Zahl von 100 Mrd. Euro, 200 Mrd. Euro oder gar einer Billion Euro in den Ring werfen können." http://www.nachdenkseiten.de/?p=24097#more-24097
yasmina1403 07.12.2014
4. Beispiel nehmen?
Vulkanologen wissen, offenbar im Gegenteil zur Wirschaftlern, dass man mit ständigen negativen Prognosen eigentlich nur eins erreicht: die Leute hören nach ein paar Anläufen einfach weg... Die Wirtschaft läuft gut? Achtung, die Rezession lauert hinter der nächsten Ecke! Die Arbeitnehmer wollen auch von den Gewinnen profitieren? Achtung bei gestiegenen Lohnkosten bricht die Wirtschaft zusammen! Und natürlich wird sie jeden Tag gefährdet wahlweise durch Überschuldung oder durch den Schuldenabbau... Der mündige Bürger hat längt verstanden: mit der Wirtschaft ist es wie mit der Landwirtschaft: egal was geschieht, es passt nie, es gibt immer entweder zu viele oder zu wenig Gurken, Hauptsache man kommt an die Subventionen. Und abzüglich derer hat sich der Staat und die Öffentlichkeit rauszuhalten, freies Spiel der Kräfte und so... Insofern: Es wird sowieso schlimmer kommen. Viel schlimmer. In jedem Fall...
chagall1985 07.12.2014
5. Das Problem ist doch die Wissenschaft
Kein Modell bringt auch nur annährend richtige Ergebnisse oder vorhersagen hervor. Da kann man genausogut zum Wahrsager auf dem Weihnachtsmarkt gehen. Was wir brauchen ist ein ausschwitzen der Finanzeskapaden (hat Japan auch Nie gemacht) eine Strärkung der Binnennachfrage und eine massive Anhebung der Zinsen. (mindestens 2,5% Leitzins). Dann haben wir die Chance in 5 Jahren eine halbwegs stabile Wirtschaft mit gesundem Wachstum zu bekommen. Die nächsten 5 Jahre werden aber hart! Was wir machen ist darüber nachzudenken Minuszinsen einzuführen und die Binnennachfrage nachhaltig zu zerstören. Die nächste Krise steht vor der Tür. Vielleicht sind wir danach schlauer! Ich glaube nicht dran......
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