Evangelische Pensionskasse Wirklich christlich ist das nicht

Anonyme Briefe, private Fahnder, Millionenrisiken: Bei einer evangelischen Pensionskasse in Karlsruhe ging es jahrelang recht unschön zu. Nun dürfte es zu einem Prozess kommen - wegen mutmaßlicher versuchter Erpressung.

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Was soll eine Pensionskasse versprechen, außer dass die Rente sicher ist? Eben das. So tut es auch die Kirchliche Zusatzversorgungskasse Baden (KZVK) mit Slogans wie "Wir sichern Ihre Zukunft!" und "Zuverlässig und zielorientiert". Sie sei "ein Partner, auf den Sie sich verlassen können". Und weil die Kasse zuständig ist für die Zusatzrenten von Angestellten der evangelischen Kirche und der Diakonie in Baden, dürfte man eine Extraportion an Würde und Werten erwarten.

Doch interne Dokumente legen nahe, dass es bei der KZVK zuletzt weder um die Zuverlässigkeit noch um das christliche Menschenbild besonders gut bestellt war. Vielleicht könnte man die Vorgänge der vergangenen Jahre dort sogar als unchristlich bezeichnen. Es geht um anonyme Beschuldigungen, Fahndungsaktionen unter den Angestellten, Verdachtsmomente gegen den Ex-Vorstand, versuchte Erpressung - und viel Geld.

17 Mitarbeiter verwalten bei der KZVK rund 500 Millionen Euro. Davon wurden Millionen aufs Spiel gesetzt. In einem Fall vielleicht sogar durch ein unsauberes Geschäft.

Doch von vorn: Dass etwas nicht stimmte bei ihrer Pensionskasse, muss den Kontrolleuren der Kirche bei der KZVK spätestens im Herbst 2012 aufgefallen sein. Damals tauchten anonyme Briefe auf, die Misswirtschaft im Haus anprangerten. Die Vorwürfe reichten von lächerlich bis gravierend. Aber sie zeugten von intimen Kenntnissen des Innenlebens der Kasse.

So prangerte einer der Briefe an, es sei in den vergangenen Jahren mehrfach der Ehemann einer Putzfrau "mit verschiedenen Malerarbeiten und Handwerkertätigkeiten illegal beschäftigt" worden. Doch die Vorwürfe reichten weiter. Einigen Versicherten seien zu hohe Renten ausgezahlt worden. Es wurde der Vorwurf der Bilanzverschleierung erhoben.

Hausinterne Fahndung per Fingerabdruck

Vor allem fand ein Vorfall Eingang, der es in sich hatte: Es ging um die VERKA, eine weitere Pensionskasse aus dem Orbit der evangelischen Kirchenfinanzen. Sie war durch hohe Steuernachzahlungen in Schwierigkeiten geraten. Die KZVK verzichtete daraufhin auf ausstehende Forderungen in Millionenhöhe. Dadurch sei der KZVK ein "Verlust von mindestens 15-20 Millionen Euro" entstanden, hieß es.

Mindestens zehn anonyme Briefe gingen bis Herbst 2013 bei Kirchenleitung, Vorstand und Stiftungsrat der Pensionskasse ein. Ein vom Stiftungsrat bestelltes Gutachten befand: In manchen Fällen seien tatsächlich zu hohe Renten gezahlt worden.

Allerdings: Eine unrichtige Darstellung der Bilanz könne nicht festgestellt werden. Auch im Zusammenhang mit dem Forderungsverzicht gebe es keine Anzeichen, dass "Sorgfaltspflichten verletzt" worden seien.

Parallel dazu aber suchte die KZVK nach den Urhebern der Briefe. Die Schreiben wurden an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Außerdem fahndete ein privates Sicherheitsunternehmen im Auftrag des Vorstands. Es nahm von allen Mitarbeitern Fingerabdrücke. "Auf freiwilliger Basis", so wurde versichert.

Die Vorgänge hatten Konsequenzen. Mitte 2013 beschlossen die Aufseher der Kirche über die KZVK, sich vom Vorstand zu trennen - wohl auch eine Konsequenz aus der hausinternen Fahndung per Fingerabdruck. Doch das nächste Ungemach stand schon vor der Tür.

Das volle Risiko

Noch vor Amtsantritt ließ sich der neue Mann an der Spitze, Norbert G., zuvor schon Stellvertreter des Vorstands, vom Stiftungsrat eine Alleinvertretungsberechtigung bestätigen.

Bald besiegelte er eine große Investition: Zwei Gesellschaften namens "Beneficium" und "Benedictus" lieh er insgesamt gut 14 Millionen Euro. Als Geschäftsführer der Gesellschaften mit den verheißungsvollen Namen fungierte Arnold M., der von dem Geld zwei Bürogebäude kaufte.

Die Umstände des Geschäfts allerdings waren erstaunlich: Zwar war der Kredit mit den beiden Häusern besichert, doch sollte er nicht über die Laufzeit von 15 Jahren getilgt werden, sondern erst am Ende. Es bestanden weder eine Instandhaltungspflicht noch Berichtspflichten, und es gab kein Wertgutachten zu den Immobilien.

Der Stiftungsrat beauftragte Gutachter, die ein eindeutiges Urteil fällten: Die Struktur der Verträge berge "signifikante Nachteile für die KZVK", sie entspreche "in keinster Weise banküblichen Standards". Die kirchliche Kasse trage "das volle Risiko" bei einer nicht angemessenen Rendite.

Die Aufseher horchten auf und zerstritten sich mit dem Vorstand Norbert G., der sich zunächst krank meldete und dann kündigte. "Selbst bei Eintritt des Best-Case-Szenarios" könne keiner der beiden Kreditnehmer eine vollständige Rückzahlung gewährleisten, so ein weiteres Gutachten.

"Wir haben umgehend und angemessen reagiert"

Die Prüfer fürchteten sogar, Ex-Vorstand Norbert G. und sein Geschäftspartner Arnold M. könnten gemeinsame Sache gemacht haben, um die Kirchenkasse über den Tisch zu ziehen. "Im Rahmen unserer Prüfung verdichteten sich die Anzeichen auf ein kollusives Zusammenwirken", schrieben sie.

Als Indiz dafür werteten sie ein Dokument, das sich auf dem Dienst-Laptop von Norbert G. fand. In einer E-Mail an einen Notar erwähnt er einen Treuhandvertrag zwischen M. und sich selbst. Ein angehängter Vertragsentwurf skizziert ein zweifelhaftes Geschäftsmodell: M. sollte die Gesellschaften in seinem Auftrag führen, die Profite daraus aber hätten offenbar G. zugestanden.

Der einstige Vorstand wollte sich auf Anfrage nicht zu den Vorgängen äußern. Arnold M. teilte mit, solche "Andeutungen nicht ansatzweise nachvollziehen" zu können.

Der Stiftungsrat der KZVK aber sah das anders und erstattete Strafanzeige gegen den ehemaligen Vorstand. Urs Keller, Leiter der Diakonie Baden und Stiftungsratsvorsitzender der KZVK, sagt: "Wir haben umgehend und angemessen reagiert."

Zu einem Verfahren wegen des Verdachts auf Untreue gegen G. kam es allerdings nicht: Bislang sei der Kasse kein Schaden entstanden, befand die Staatsanwaltschaft Karlsruhe. Daher gebe es auch keinen Grund zu ermitteln. Dass ein Gutachten Verluste für die Kasse prognostiziert, reichte nicht aus.

Der KZVK-Vorstand schweigt bisher

Allerdings leiteten die Karlsruher Ermittler ein Verfahren gegen G. aus anderen Gründen ein. In einer E-Mail soll er sinngemäß geäußert haben, die Millionenverluste aus Forderungsverzichten gegen die andere kirchliche Kasse VERKA nicht öffentlich zu machen, solange er bei den Immobilienkrediten fair behandelt werde.

Offenbar hatte er brisantes Material - den Tonmitschnitt eines Gesprächs, in dem diese Verluste auf rund 40 Millionen Euro beziffert werden. Also noch viel mehr, als in den anonymen Briefen gemutmaßt wurde.

G. erhielt wegen dieser Aktion einen Strafbefehl wegen der Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes und versuchter Erpressung. Er hat dagegen Einspruch erhoben. Damit dürften die Vorgänge alsbald in öffentlicher Hauptverhandlung erörtert werden.

Vielleicht wird der Vorstand der KZVK dann auch sagen, auf wie viele Millionen er zugunsten der VERKA verzichtet hat. Bislang schweigt er sich dazu aus.

Stiftungsratschef Keller will die skandalgeplagte KZVK ohnehin mit einer anderen kirchlichen Versorgungskasse fusionieren. Ihm sei schon relativ bald klar gewesen, dass es einer strategischen Neuausrichtung bedürfe, sagt er. "Auf Dauer" sei "eine so kleine Organisation wie die KZVK" gestiegenen Anforderungen in dem Geschäft nicht gewachsen.

Für eine ganze Menge Ärger aber reichte es allemal.


Zusammengefasst : Bei der Kirchlichen Zusatzversorgungskasse Baden (KZVK) ging es jahrelang drunter und drüber. 2012 tauchten anonyme Briefe auf, die Misswirtschaft anprangerten. Bei der Suche nach dem Urheber nahm ein privates Sicherheitsunternehmen Fingerabdrücke von allen Mitarbeitern. Außerdem soll ein Vorstand versucht haben, die KZVK zu erpressen. Er muss sich nun wohl vor Gericht verantworten.

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