Ifo-Berechnung Deutschland hat weltweit höchsten Exportüberschuss

Der deutsche Handelsüberschuss wird in der EU kritisch beäugt. Laut Ifo-Institut hat sich das Ungleichgewicht 2014 sogar verschärft. Demnach hat kein anderes Land weltweit einen so hohen Exportüberschuss wie die Bundesrepublik.

Container im Hamburger Hafen: Export übertrifft Import
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Container im Hamburger Hafen: Export übertrifft Import


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München - Eine starke Nachfrage nach deutschen Waren und der gesunkene Ölpreis haben der Bundesrepublik erneut die weltweite Spitzenposition beim Exportüberschuss eingebracht. Laut Berechnung des Ifo-Instituts stieg der Überschuss in der Leistungsbilanz 2014 um rund 30 Milliarden auf knapp 220 Milliarden Euro (285 Milliarden Dollar). In diese Statistik fließen neben dem Warenaustausch auch alle anderen Transfers mit dem Ausland ein - von Dienstleistungen bis zur Entwicklungshilfe.

Den zweitgrößten Überschuss in der Leistungsbilanz weist laut der Ifo-Berechnung China aus (150 Milliarden Dollar), gefolgt vom Ölexporteur Saudi-Arabien (100 Milliarden).

Ifo-Experte Steffen Henzel machte mehrere Faktoren dafür verantwortlich, dass in Deutschland die Differenz zwischen Aus- und Einfuhren erneut gewachsen ist. "Eine Ursache für den Überschuss in der Leistungsbilanz ist die gute Konjunkturlage in wichtigen Abnehmerländern wie den USA und Großbritannien", sagte Henzel. Die Nachfrage nach deutschen Waren habe angezogen. Zudem habe Deutschland wegen des Preisverfalls beim Öl gegen Jahresende deutlich weniger für Ölimporte bezahlen müssen.

Der vom Ifo-Institut errechnete Überschuss entspreche 7,5 Prozent der Wirtschaftsleistung, sagte Henzel. 2015 werde der Überschuss voraussichtlich sogar auf acht Prozent des Bruttoinlandsproduktes steigen. "Angesichts des niedrigen Ölpreises und einer weiter aufwärtsgerichteten Konjunktur in wichtigen Abnehmerländern außerhalb des Euroraums dürfte sich der Leistungsbilanzüberschuss noch erhöhen - auf rund 240 Milliarden Euro", sagte Henzel. Zudem stütze der schwache Euro die Exporte.

Deutschland steht angesichts seiner starken Exportausrichtung immer wieder in der Kritik. Die EU-Kommission stuft Werte von dauerhaft mehr als sechs Prozent im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt als stabilitätsgefährdend ein. Da Deutschland seit Jahren über dieser Grenze liegt, wurde die Bundesregierung im März 2014 von Brüssel gerügt. Gleichzeitig wird ihr empfohlen, mehr zu investieren und so die Nachfrage im Inland zu stärken. Auch das US-Finanzministerium prangerte die Überschüsse wiederholt als Risiko für die weltweite Finanzstabilität an, da Länder mit hohen Überschüssen solchen gegenüber stünden, die ihre Importe über Schulden finanzieren müssten.

Ökonomen sehen die Investitionsschwäche der deutschen Wirtschaft als Kernproblem des Ungleichgewichts.


Zusammengefasst: 2014 gingen deutlich mehr Waren aus Deutschland hinaus, als hierherkamen. Damit hat die Bundesrepublik laut Ifo-Institut den weltweit größten Exportüberschuss.

Das SPIEGEL-ONLINE-Wirtschaftsressort testet für eine Woche den "Zusammengefasst"-Absatz. Kritik, Feedback, Anregungen? Bitte hier.

mmq/Reuters



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insgesamt 137 Beiträge
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Knack5401 02.02.2015
1. Was ist daran so unlogisch?
Mehr Konsum können die Deutschen kaum leisten, hört man doch immer wieder. Wenn wir mit guten Produkten Länder als Absatzmärkte haben, die 4, 6 oder gar 10 x mehr Einwohner haben, ist das Ungleichgewicht doch eine zwangsläufige Folge. Wenn ich schon IFO-Institut lese...
WwdW 02.02.2015
2. wo steckt denn das ganze Geld?
Bei den Menschen ist ja nichts angekommen. Schlummert das auf Firmenkonten, Steuerparadiesen, bei Hedgefonds oder Private Equityfirmen? Also zu sehen ist davon NULL KOMMA NIX
Wassup 02.02.2015
3. Die Rettungspakete sind Ursache des Exportüberschusses
Die Rettungspakete sorgten dafür, das Deutsche weniger Geld haben um im Ausland einzukaufen. Deshalb wurde zu wenig Importiert und zu wenig im Süden Urlaub gemacht. Statt dessen wurde das Geld in die Nehmerländer transferiert, diese haben in Deutschland weiter eingekauft.
itzenflitz 02.02.2015
4.
Dafür ist die EZB mit ihrer "Billig-Geld-Politik" unmittelbar verantwortlich. Und die EZB will weitere EURO-Billionen auf den Markt schmeißen. Ein schwacher EURO wird dann welche Auswirkungen auf unseren Export haben?
Ein_denkender_Querulant 02.02.2015
5. Das deckt Touristenkosten
220 Milliarden sind knapp 3000,-€ im Jahr/Person. Das deckt sich ziemlich genau mit der Summe, die durchschnittlich für Auslandsurlaube ausgegeben werden.
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