Hoher Exportüberschuss Deutschland verletzt EU-Warngrenze

Deutschlands Exportüberschüsse werden zunehmend zum Problem für Europa. Nach Berechnungen des Münchner Ifo-Instituts lagen sie 2012 so hoch, dass sie von der EU-Kommission als Gefahr für die europäische Stabilität eingestuft werden. Für die Zukunft droht sogar ein Strafverfahren.

Container im Hamburger Hafen: Die Überschüsse steigen
DPA

Container im Hamburger Hafen: Die Überschüsse steigen


Berlin - Deutschland hat seinen Exportüberschuss 2012 über die von der EU-Kommission vorgegebene Warnschwelle gesteigert. "In Euro umgerechnet beträgt der deutsche Leistungsbilanzüberschuss 169 Milliarden", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn g der Nachrichtenagentur Reuters. Das entspreche 6,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Die EU-Kommission stuft einen Wert von mehr als sechs Prozent als stabilitätsgefährdend ein. Bei einer längeren Fehlentwicklung droht sie deshalb mit einem Strafverfahren. Für dieses Jahr erwartet das Ifo-Institut sogar einen Anstieg auf 6,6 Prozent.

Viele Experten sehen im deutschen Überschuss eines der großen Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft, die für die Finanz- und Schuldenkrise mitverantwortlich sind. Den Ländern mit solchen Exportwerten stehen welche mit Defiziten gegenüber, die ihre Importe über Schulden finanzieren müssen. Vor allem innerhalb der Europäischen Währungsunion führt dies zu großen Problemen.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Industriestaaten-Organisation OECD fordern daher immer wieder von der Bundesregierung, die Binnennachfrage anzukurbeln, um die Unwucht zu verringern. Auch die EU-Kommission hat ein makröokonomisches Frühwarnsystem etabliert, das auf Ungleichgewichte hinweisen soll.

Deutschlands Exportüberschuss war nach Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise zunächst gesunken, steigt mittlerweile aber wieder kräftig. Von Januar bis Oktober 2012 lag er laut Eurostat bei 157,7 Milliarden Euro. Im vergleichbaren Zeitraum 2011 waren es nur 129 Milliarden Euro.

Im Gesamtjahr 2012 weist nach Ifo-Berechnungen nur Exportweltmeister China einen noch größeren Überschuss als Deutschland aus. Auf Rang drei folgt wegen seiner Ölexporte Saudi-Arabien.

stk/Reuters



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insgesamt 139 Beiträge
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n+1 21.01.2013
1. Ohne die deutsche Exportstärke
könnten die anderen EU-Staaten kaum noch Rohstoffe auf dem Weltmarkt kaufen. "Strafzahlungen" sollten umgehend mit Beitragskürzungen in der doppelten Höhe beantwortet werden. Keine deutsche Regierung kann Exporte verbieten. Weniger deutsche Exporte heißt auch keinesfalls, dass z.B. Frankreich mehr exportiert. Eher umgekehrt. Wenn französische Firmen ihre Rohstoffe teurer einkaufen, dann sind die Endprodukte auf dem Weltmarkt auch teurer. Ein weiteres Beispiel für die umfassende Inkompetenz der Eurokraten.
gog-magog 21.01.2013
2.
Zitat von sysopDPADeutschlands Exportüberschüsse werden zunehmend zum Problem für Europa. Nach Berechnungen des Münchner Ifo-Instituts lagen sie 2012 so hoch, dass sie von der EU-Kommission als Gefahr für die europäische Stabilität eingestuft werden. Für die Zukunft droht sogar ein Strafverfahren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/exportueberschuss-deutschland-verletzt-eu-warngrenze-a-878787.html
Hey cool. Ein Land soll Strafe zahlen, weil die in ihm ansässigen Firmen innerhalb eines freien Marktes zu viele Waren exportieren. Das gleiche Land soll auch dafür zahlen, dass andere Länder nicht genügend exportieren und deshalb pleite gehen. Das nenne ich wahrlich kurios.
Progressor 21.01.2013
3. Schwierig
Handelsungleichgewichte sind ein globales Problem. Das Verhältnis USA - China ist da z.B. noch happiger. Globale Probleme müssen global gelöst werden. Z.B. indem der IWF für jedes Land verbindlich und für einen längeren Zeitraum (etwa ein Jahr) feste Wechselkurse vorgibt. Der Versuch über eine Erhöhung der Geldmenge zu einer Abwertung zu kommen ist gescheitert, wie man am Fall der USA sehen kann. Für das Euroland und Deutschland ist eine Wechselkursanpassung wegen der Gemeinschaftswährung ja nun nicht möglich. Hier könnte man für jedes Land verbindlich einen Mindestlohn so festlegen, dass dieser langfristig zum Ausgleich der Leistungsbilanzen führt. Leichter gesagt als getan: Durch den Fiskalpakt hätte Deutschland kein Wachstumsmodell dann mehr. Überhaupt wäre bei der Prämisse ausgeglichener Leistungsbilanzen für ganz Europa der Fiskalpakt hinfällig. Die Grenze für Leistungsbilanzüberschüsse bei 6 % festzulegen ist ein Witz. Das ist zu hoch.
Hirnblaehung 21.01.2013
4. optional
Kann uns doch egal wen die anderen schulden machen :) Aber ne Lohnerhöhung für die mit unter 1500€ in diesen land wär zu begrüssen !
Dumme Fragen 21.01.2013
5. Gut so!
Ein weiteres Beispiel für die Weitsicht und Kompetenz unserer Verwaltungsleute in Europa! Sie haben die Übersicht, die vielen Lokalpolitikern fehlt. Sie achten darauf, dass es der EU und der Weltwirtschaft insgesamt gut geht. Und für uns bedeutet das: höhere Lohnforderungen in den nächsten Tarifrunden!
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